{"id":381,"date":"2008-10-07T22:32:59","date_gmt":"2008-10-07T20:32:59","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=381"},"modified":"2008-10-07T22:32:59","modified_gmt":"2008-10-07T20:32:59","slug":"seiltanz-zwischen-informatik-und-philosophie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=381","title":{"rendered":"Seiltanz zwischen Informatik und Philosophie"},"content":{"rendered":"<p>Ja, ein neues Uni-Jahr hat begonnen. Und wieder einmal \u00fcberlege ich mir, welche Seile man zwischen den Kl\u00fcften aufspannen kann, die zwischen Philosophie, Informatik und Alltag\/Domain mehr oder weniger vorhanden sind. Es hat sich etwas ergeben, was schon in manchen Semestern zuvor (aber weniger drastisch) passiert ist: Auf erstaunliche Weise \u00fcberschneiden sich einige der Lehrveranstaltungen thematisch. In diesem Semester passiert das so, dass die Themenbereiche der LV&#8217;s zwar heterogen sind, jedoch die einzelnen Schnittstellen eine Kette bilden, die sich sozusagen zu einem Gesamten zusammenf\u00fcgen. Dieses Semester ist f\u00fcr meine Vorstellungen vor allem deshalb interessant, weil durch die Kompetenzerweiterungsf\u00e4cher des Informatikstudiums die Reflexion \u00fcber die Informatik zum Thema gemacht wird, was das Spannen von Seilen zwischen Informatik und Philosophie etwas erleichtert.<\/p>\n<p>Um genauer zu zeigen, was ich damit meine, werde ich einige f\u00fcr das Thema relevante Lehrveranstaltungen <a href=\"http:\/\/vowi.fsinf.at\/wiki\/Benutzer:Andyka\/AKAdemia#WS_08.2F09_.28Semester_5.29_Under_Construction\">aus meinem Semesterplan<\/a> herausgreifen und ein paar dieser Verkettungen beschreiben. Zur Vereinfachung f\u00fchre ich folgende Abk\u00fcrzungen ein:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>OSP<\/strong> (Open Source Philosophie)<\/li>\n<li><strong>SGG<\/strong> (Sozial&amp;Geisteswissenschaftliche Grundlagen)<\/li>\n<li><strong>PPS<\/strong> (Projekt: Platos Staat interaktiv)<\/li>\n<li><strong>EK<\/strong> (Evolution der Kooperation)<\/li>\n<li><strong>TP<\/strong> (Theoretische Philosophie)<\/li>\n<li><strong>GA<\/strong> (Geschichte der Philosophie &#8211; Antike)<\/li>\n<li><strong>IuR<\/strong> (Informatik und Recht)<\/li>\n<li><strong>IuG<\/strong> (Informatik und Gesellschaft)<\/li>\n<li><strong>OPT<\/strong> (Optimierung und Simulation)<\/li>\n<li><strong>GPI <\/strong>(Great Principles of Information Technology)<\/li>\n<li><strong>POS<\/strong> (Wider die Aufl\u00f6sung aller Wahrheit &#8211; Geschichte und Bedeutung des Post-Strukturalismus f\u00fcr ein zeitgem\u00e4\u00dfes Denken)<\/li>\n<li><strong>XXX<\/strong> (Informatik-Lehrveranstaltungen vergangener Semester, die bestimmte Technologien zum Thema hatten)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ich habe versucht, bei dem folgenden <a href=\"http:\/\/www.imn.htwk-leipzig.de\/~weicker\/pmwiki\/pmwiki.php\/Main\/Komponentendiagramm\">Komponentendiagramm<\/a> die Syntax der Symbole weitgehend dem UML-Standard entnommen, soweit es sinnvoll war. Vor allem bei den Interfaces (die Kreise mit den Linien dran, sogenannte Lollypop-Notation). Trotzdem sollte man das Diagramm nicht nach den strengen formalen Regeln, wie sie UML vorschreibt, lesen. Die Zusammenh\u00e4nge sind au\u00dferdem nicht vollst\u00e4ndig.<\/p>\n<figure style=\"width: 470px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.unet.univie.ac.at\/~a0600112\/MindTheGap.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Mind the Gap!\" src=\"http:\/\/www.unet.univie.ac.at\/~a0600112\/MindTheGap.png\" alt=\"Mind the Gap!\" width=\"470\" height=\"160\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-caption-text\">Mind the Gap! (click to enlarge)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Zur Erl\u00e4uterung: Sehen wir uns zun\u00e4chst einmal die LVs der Disziplinen isoliert voneinander an.<\/p>\n<p><strong>Philosophie:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Innerhalb der Philosophie bildet TP den allgemeinen Rahmen, der helfen kann, spezielle Wege in einen gr\u00f6\u00dferen Rahmen einzuorden.\n<ul>\n<li>Update: Durch eine Verschiebung der Vorlesungszeiten kann ich TP leider nicht absolvieren. Der allgemeine Rahmen sollte aber zumindest durch mein Vorkenntnis gegeben sein)<\/li>\n<li>Update2: TP-Streams gibt es auch in der Philosophischen Audiothek, was f\u00fcr mich die optimalste L\u00f6sung ist. Das freut mich.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>GA ist vor allem zur Erg\u00e4nzung von PPS und OSP wichtig und umgekehrt k\u00f6nnen Detailerkenntnisse von PPS und OSP zu GA flie\u00dfen.<\/li>\n<li>PPS liefert, da es sich um ein Projekt handelt, das aller Voraussicht von der Kooperation mit anderen LV-Teilnehmern lebt, weitere Erfahrungen mit Kooperation, die in EK zur Falsifizierung der dort behandelten Theorien dienen kann.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Vermittlung (interdisziplin\u00e4r):<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Bei den Vermittlungs-Lehrveranstaltungen bilden OSP, IuG und SGG die Basis. Diese drei speisen alle mehr oder weniger von rechtlichen \u00dcberlegungen (vor allem was Datenschutz und geistiges Eigentum) betrifft, was in IuR Thema sein soll.<\/li>\n<li>Update: PPS sollte in unmittelbarer N\u00e4he zu den Vermittlungs-Lehrveranstaltungen gesehen werden.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Allgemeine Informatik:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Die ordnende Komponente, die den Anspruch hat, die Technologien von OPT sowie diverser anderer LVs aus vergangenen Informatik-LVs (XXX) invarianteren Prinzipien zuzuordnen, ist GPI. Als ich heute die Einf\u00fchrungseinheit h\u00f6rte, hat mich dieser Anspruch positiv \u00fcberrascht (vgl. weiter unten).<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Medizininformatik:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Ich habe die einzelnen LVs nicht mehr extra herausgehoben (man k\u00f6nnte hier noch viele spannende Verbindungslinien finden, doch der \u00dcberschaubarkeit zuliebe lass ich das mal). Wichtig ist, dass man hier in den Anwendungsbereich (Dom\u00e4ne) der Informatik kommt. Im Prinzip kann man diese Dom\u00e4ne als gesellschaftlichen Bereich fassen, in dem bestimmte T\u00e4tigkeiten ausgef\u00fchrt werden. Ein Pflegeheim zum Beispiel. Wie kann die Informatik in den Alltag eines Pflegeheims eingreifen? Welche Anforderungen hat sie, welche Probleme gibt es bereits beim Einsatz von IT-Technologien in Pflegeheimen? Hier w\u00e4ren rechtliche Fragen sicher auch bedeutsam, doch in Rahmen von IuR wird das voraussichtlich nicht thematisiert.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Seile spannen:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Die Philosophie holt sich bei PPS, das ist sicher bemerkenswert, Technologien direkt aus der Informatik, denn das Projekt wird mit einer Art Programmiersprache (auch wenn sie der nat\u00fcrlichen Sprache nahe kommt) realisiert.<\/li>\n<li>OSP wird vielleicht duch Reflexionen \u00fcber die in der Gesellschaft integrierte IT-Technologie etwas erfrischend Neues zum Selbstverst\u00e4ndnis der Philosophie zu sagen haben (Stichworte: Kooperation, Demokratie), was vielleicht sogar in Kontrast zur antiken Philosophie steht.<\/li>\n<li>Alle Kern-Vermittlungs-LVs reflektieren auf bestimmte Weise \u00fcber die Prinzipien der Informatik oder die Einbettung der Informatik in allt\u00e4gliche soziale T\u00e4tigkeiten (Pflegeheime, politische Bet\u00e4tigung, Selbstdarstellung,&#8230;).<\/li>\n<\/ul>\n<p>Alles in allem ist, wie ich finde, das Ensemble der Lehrveranstaltungen in diesem Semester zu einem gro\u00dfen Teil gelungen. Es sieht zumindest auf den ersten Blick so aus, als ob das m\u00f6glich w\u00e4re, was ich mir seit Beginn des Studiums w\u00fcnsche: Einen konkreten Bogen zu spannen zwischen verschiedenen Denkans\u00e4tzen, vornehmlichen denen der Informatik und der Philosophie. Die vor Ideen strotzende Philosophie wird \u00fcber Vermittlungsstufen, die sich auf aktuelle gesellschaftliche Str\u00f6mungen, sowie antiken Vorstellungen beziehen, durch die formalen Prinzipien der Informatik geschleust, um die Ideen von Jahrtausenden f\u00fcr die Probleme des Alltags (im Krankenhaus, im Forschungsbetrieb, im Freizeitbereich, &#8230;) zu \u00fcbersetzen und vielleicht nutzbar zu machen. Dieser eigentlich Umweg von Philosophie zu den allt\u00e4glichen Gegebenheiten unseres Lebens \u00fcber die Informatik d\u00fcrfte f\u00fcr Alltag, als auch f\u00fcr Philosophie und Informatik fruchtbar sein, neue Perspektiven aber auch Warnungen er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Vielleicht t\u00e4usche ich mich auch, und das Ganze sieht in einem Diagramm viel \u00fcbersichtlicher aus, als es dann, wenn man sich mit den Themen besch\u00e4ftigt, tats\u00e4chlich ist und man verliert sich in Detailfragen der ein oder anderen Disziplin, ohne dass man f\u00e4hig w\u00e4re, ein Seil zu spannen, dass irgendwie fruchtbar w\u00e4re.<\/p>\n<p><strong>GPI: Der Weg aus der Ingenieurswissenschaft<\/strong><\/p>\n<p>Wie oben angek\u00fcndigt, noch eine kleine Reflexion \u00fcber die erste GPI-VO-Einheit:<\/p>\n<p>Es hat sich ergeben, dass in diesem Semester in der Informatik selbst Tendenzen zu erkennen sind, die das Spannen eines Seils zwischen ihr und der Philosophie erleichtern. In GPI wird versucht, l\u00e4ngerlebige Prinzipien, die hinter den schnell sich abwechselnden Technologien auftreten, zu identifizieren. Dies erm\u00f6glicht es, GPI als ein ideales Interface f\u00fcr die Vermittlungsstufen\u00a0 zur Philosophie\u00a0 anzusehen, das die anderen in der Informatik verwendeten Technologien auf ein allgemeineres Niveau hebt. Nat\u00fcrlich hei\u00dft das nicht, dass dies schon alles w\u00e4re, was zur Informatik zu sagen w\u00e4re, gerade wenn es um die Einbettung der Technologien in die sozialen, allt\u00e4glichen T\u00e4tigkeiten geht, sind Philosophie, Soziologie und Kognitionswissenschaften gefragt, nachzudenken.<\/p>\n<p>Worauf ich mich beziehen wollte war, dass es sich nicht nur so verh\u00e4lt, dass die Philosophie sich der Informatik annimmt, um sie auf den rechten Pfad zu leiten, sondern dass umgekehrt die Informatik ihren Ruf, Ingenieurswissenschaft zu sein, aufgrund der steigenden Komplexit\u00e4t aufzugeben hat, und ihre vielf\u00e4ltigen heterogenen Technologien, die sich schnell abl\u00f6sen, daraufhin zu untersuchen, ob es best\u00e4ndigere, weitgehend invariante Prinzipien gibt, die zwar nicht ganz so hart wie die der Naturwissenschaften auftreten k\u00f6nnen, dem Informatiker jedoch stark helfen, sich in einem Wald von Technologien zurechtzufinden.<\/p>\n<p>Und eine weitere interessante Frage stellt sich: Welche Grenzen ergeben sich, wenn man denjenigen oder dasjenige ber\u00fccksichtigt, der oder das die Technologien benutzt? Welche Folgen hat ein Umgang mit einer Klasse von Technologien (die durch ein oder mehrere Prinzipien konstitutiert wird) f\u00fcr den allt\u00e4glichen &#8220;User&#8221;? Wie ver\u00e4ndert sie das Leben des &#8220;Users&#8221; oder die Aktionsm\u00f6glichkeiten des &#8220;Bots&#8221;?<\/p>\n<p><em>Ein Seiltanz ist gef\u00e4hrlich und gewagt &#8211; man fliegt vielleicht auf die Nase oder bricht sich das Genick. Irgendwann aber ist man vielleicht soweit und stellt sich nicht mehr so unbeholfen an, wenn man auf die andere Seite geht. Dann kann man mit dem Br\u00fcckenbau beginnen&#8230;<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ja, ein neues Uni-Jahr hat begonnen. Und wieder einmal \u00fcberlege ich mir, welche Seile man zwischen den Kl\u00fcften aufspannen kann, die zwischen Philosophie, Informatik und Alltag\/Domain mehr oder weniger vorhanden sind. 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