{"id":481,"date":"2009-05-10T22:57:04","date_gmt":"2009-05-10T21:57:04","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=481"},"modified":"2009-05-10T22:57:04","modified_gmt":"2009-05-10T21:57:04","slug":"strukturelle-gewalt-anti-heteronormativitat-aber-woruber-sprechen-wir-eigentlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=481","title":{"rendered":"strukturelle Gewalt, Anti-Heteronormativit\u00e4t &#8211; aber wor\u00fcber sprechen wir eigentlich?"},"content":{"rendered":"<p>Was mich zu Beginn des Studiums abgeschreckt hat, Kontakt mit der Studienvertretung der Informatik aufzunehmen, war der Ruf der radikal links-politischen Einstellung.\u00a0 Ich habe aber beschlossen &#8211; 3 Jahre sp\u00e4ter &#8211; den Ruf zu ignorieren, den Leuten\u00a0 zuzuh\u00f6ren und Fragen zu stellen. Im Rahmen eines von der \/bin &#8211; der Basisgruppe f\u00fcr Informatik &#8211; veranstalteten <a href=\"http:\/\/wiki.stv-informatik.at\/Seminar_2009-1\">Seminar<\/a>s hatte ich 3 Tage die Gelegenheit, in Diskussionen einen Crash-Kurs in die Grunds\u00e4tze der \/bin, in Basisdemokratie und geschlechtergerechte Sprache zu bekommen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-482\" title=\"violent_talk_445905\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2009\/05\/violent_talk_445905.jpg\" alt=\"violent_talk_445905\" width=\"195\" height=\"195\" \/><\/p>\n<p>Nach diesen Tagen intensiver Diskussionen und gemeinsamen Zusammenlebens muss ich sagen: Der Ruf ist nicht ganz unberechtigt, aber man muss es differenzierter sehen: Viele Diskussionspunkte finde ich bis zu einer gewissen Grenze berechtigt. Im Folgenden ein paar Reflexionen zu einem bestimmten Punkt:<!--more--><\/p>\n<p>Das Seminar war von zwei Kommunikations-Beraterinnen moderiert, da man beim letzten unmoderierten Seminar offenbar schlechte Erfahrungen gemacht hat. Die Moderation war recht professionell &#8211; die Gruppendynamik f\u00fchrte nicht zu offensiven Feindseligkeiten. Aber mein Eindruck: So richtig zufrieden war am Ende niemand, obwohl man sich auf personeller Ebene sicher n\u00e4her gekommen ist.<\/p>\n<p>Ein Punkt, worauf in der \/bin u.A. Wert gelegt wird: Man soll beim Sprechen darauf achten, patriarchale Strukturen nicht zu aktualisieren. Man soll diesbez\u00fcglich <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Strukturelle_Gewalt\">strukturelle Gewalt<\/a> vermeiden. Bis zu einem gewissen Grade kann ich das verstehen und auch unterst\u00fctzen. Wenn jedoch 3 Tage lang \u00fcber den Modus des Sprechens und den Grunds\u00e4tzen des Handelns gesprochen wird, dann f\u00fchrt das zu struktureller Gewalt in einem anderen Sinne &#8211; Es werden n\u00e4mlich Strukturen aktualisiert, in denen ausschlie\u00dflich auf einer Metaebene diskutiert werden darf; d.h. wo man ausschlie\u00dflich \u00fcber die Art und Weise des Sprechens diskutiert.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Metakommunikatives_Axiom\">Metakommunikation<\/a> hat aus meiner Sicht ihre Berechtigung, wenn Komplikationen auftauchen, die auf der Sachebene nicht mehr gekl\u00e4rt werden k\u00f6nnen. Sobald die Missverst\u00e4ndnisse zu gro\u00df\u00a0werden, sollte man von den Sachthemen absehen und \u00fcberlegen, was in der Diskussion schief gelaufen ist bzw. was gut gegangen ist und worauf man\u00a0in Zukunft achten sollte, wenn man \u00fcber etwas diskutiert.<\/p>\n<p>Wenn ich rede, spielen mind. zwei Aspekte in je unterschiedlichem Grad mit:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>a.)<\/strong> <strong>Beziehungsebene<\/strong>: Ich m\u00f6chte mich mitteilen (Wenn ich spreche, verr\u00e4t das etwas \u00fcber mich, meine Person, meine Einstellungen, meine Sympathien, meinen Character)<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li><strong>b.)<\/strong> <strong>Sachebene<\/strong>: Ich m\u00f6chte ETWAS mitteilen (Man redet \u00fcber ein Faktum, oder eine Eigenschaft eines Faktums, oder einen Zusammenhang, oder eine Definition, etc. Es geht darum, Information mitzuteilen und sei es auch so etwas wie: Ich bin frustriert.)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Auf der Metaebene beschreibt man ungef\u00e4hr, bei welcher Diskussionsteilnehmerin welcher Aspekt st\u00e4rker hervortrat, wo es Missverst\u00e4ndnisse gab, in denen Sach- und Beziehungsebene verwechselt wurden, etc. Nat\u00fcrlich kann man selbst wieder \u00fcber die Metadiskussion reden, was jedoch irgendwann m\u00fc\u00dfig wird. Vor allem, wenn die Teilnehmerinnen auch Sachprobleme ansprechen wollen. Von diesen Sachthemen, die mit ein Grund waren, warum man zu sprechen begonnen hat, wird in Metadiskursen stark abstrahiert. Zum Sachthema wird der Diskurs an sich, dessen Strukturen und Zusammenh\u00e4nge ich auch sehr wichtig finde.<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte mir trotz aller personeller und weltanschaulicher Differenzen, die innerhalb der Seminarteilnehmerinnen zum Vorschein gekommen sind oder sich schon l\u00e4nger angebahnt haben, etwas mehr Raum f\u00fcr einfache Diskussionen zum Thema Hochschulpolitik und Studienrichtungsvertretung gew\u00fcnscht. Man h\u00e4tte es versuchen k\u00f6nnen. Es w\u00e4re eine Chance gewesen, die Aufmerksamkeit von obigen Differenzen auf sachliche Gemeinsamkeiten zu lenken und zu \u00fcberlegen, wo die \/bin hin will und wer sich wo in welchem Ausma\u00df einbringen kann. Es hilft den Personen ungemein, wenn sie \u00fcber Dinge reden k\u00f6nnen, die es nicht voraussetzen, dass man spezielle Literatur gelesen hat oder spezielle Fertigkeiten hat &#8211; relativ gesehen auf Wissen, Erwartungen, F\u00e4higkeiten der Gruppenmitglieder.<\/p>\n<p>Es war irgendwie entt\u00e4uschend, dass man zu wenig versucht hat, durch breite relativ voraussetzungsfreie Themen das Kennenlernen zu f\u00f6rdern. Stattdessen wurden Diskussionen gef\u00fchrt, wo nur wenige mitreden konnten, weil sie einfach zu wenig davon gewusst haben (z.B. weil sie noch nicht viele Erfahrungen mit der \/bin haben oder weil sie sich mit Gender-Studies noch nicht besch\u00e4ftigt haben).<br \/>\nTrotz obiger Entt\u00e4uschung war es ein bereicherndes und geselliges Wochenende. Gesellschaftsspiele, viel Konversation, neue Lebensstrategien kennenlernen.<\/p>\n<p>Trotzdem: Um mich einer Gruppe zugeh\u00f6rig zu f\u00fchlen, ist mir wichtig, dass ich dort meine Ideen einbringen diskutieren und verwirklichen kann. Mir ist wichtig, dass &#8211; wenn die Gruppe Funktionen mit Verantwortung auf sich nimmt, wie z.B. die Vertretung von Studierenden, dass Entscheidungen und Informationen so transparent wie m\u00f6glich gemacht werden und dass alle, die vertreten werden, die M\u00f6glichkeit haben, Kritik zu \u00fcben und Vorschl\u00e4ge zu machen.<\/p>\n<p>Weiters m\u00f6chte ich in meiner Art zu sprechen und denken nicht g\u00e4nzlich den Kontakt und die gemeinsame Basis zu den Menschen verlieren, die sich nicht so sehr in Metadiskursen aufhalten. (<em>Jemensch<\/em> anstatt <em>Jemand<\/em> ; <em>Rechnerin<\/em> anstatt <em>Rechner<\/em> ; <em>mensc<\/em>h statt <em>man<\/em> ; &#8230; das ist fast schon eine eigene Sprache. Dadurch, dass man sie spricht, baut man &#8211; ganz gleich, wie gut die Absichten sind, eine Differenz zwischen\u00a0 QueerStudies-Wissenden und &#8220;Mainstream&#8221;-Unwissenden auf, was mich ein bisschen \u00e4ngstigt und was ich so nicht unterst\u00fctzen kann).<\/p>\n<p>Au\u00dferdem m\u00f6chte ich nicht zu denken aufh\u00f6ren, sobald ich in einer Gruppe t\u00e4tig bin. Im konkreten Fall: ich bin \u00fcberzeugt, dass man der strukturbildenden Eigenschaft der Sprache nicht entkommen kann. Selbst wenn man immanente Strukturen in der Alltagssprache der Gesellschaft aufdecken kann, wird man nicht verhindern k\u00f6nnen, in seinem Sprechen (und Handeln) Strukturen aufzubauen, die andere wiederum entlarven k\u00f6nnen. Strukturen m\u00fcssen nicht zwangsl\u00e4ufig in jedem konkreten Fall unterdr\u00fcckend sein, sondern geben einem auch Halt und Orientierung f\u00fcr Sprechen und Handeln. Man kann nicht \u00fcber die Sprache hinaus&#8230; wenn man redet. Je mehr man es versucht, desto gef\u00e4hrlicher wird es, weil die Abstraktion immer h\u00f6her wird und man gar nicht mehr wei\u00df, wor\u00fcber man eigentlich etwas sagt. Folgendes Verfahren ist mir zu wenig:<\/p>\n<p>1. Wir diskutieren. Thema ist die Art und Weise, wie wir sprechen und handeln.<\/p>\n<p>2. Wir haben festgelegt, wie wir sprechen und handeln durch die Menge X an Regeln.<\/p>\n<p>3. Wir diskutieren. Thema ist 1. Die Art und Weise ergibt sich durch X.<\/p>\n<p>Und so fort ad infinitum. Schrecklich. Gibt es nicht andere Themen, in der sich die Menge X bew\u00e4hren oder Fehl gehen kann? Welche Projekte sind zu starten? Welche Aufgaben zu erledigen? Wof\u00fcr wird Geld ausgegeben?\u00a0 Wie sieht die Informationsverteilung aus?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was mich zu Beginn des Studiums abgeschreckt hat, Kontakt mit der Studienvertretung der Informatik aufzunehmen, war der Ruf der radikal links-politischen Einstellung.\u00a0 Ich habe aber beschlossen &#8211; 3 Jahre sp\u00e4ter &#8211; den Ruf zu ignorieren, den Leuten\u00a0 zuzuh\u00f6ren und Fragen zu stellen. 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