{"id":517,"date":"2009-07-04T13:33:05","date_gmt":"2009-07-04T12:33:05","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=517"},"modified":"2009-07-04T13:33:05","modified_gmt":"2009-07-04T12:33:05","slug":"der-elfenbeinturm-und-seine-turen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=517","title":{"rendered":"Der Elfenbeinturm und seine T\u00fcren"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><em><strong>Wo k\u00e4men wir hin, wenn Schuster ihre Schuhe nicht f\u00fcr die Allgemeinheit, sondern nur f\u00fcr Schuster anfertigen w\u00fcrden?<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/zeus.zeit.de\/bilder\/2004\/43\/chancen\/uni-galerie\/elfenbeinturm_400.gif\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Elfenbeinturm\" src=\"http:\/\/zeus.zeit.de\/bilder\/2004\/43\/chancen\/uni-galerie\/elfenbeinturm_400.gif\" alt=\"\" width=\"226\" height=\"253\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<p style=\"text-align: left;\">Diese Frage stellt Roland Reichenbach am <a href=\"http:\/\/www.dieuniversitaet-online.at\/beitraege\/news\/dies-facultatis-der-fakultaet-fuer-philosophie-und-bildungswissenschaft\/10.html\">dies facultatis<\/a> der Fakult\u00e4t f\u00fcr Philosophie und Bildungswissenschaft, nach der Antrittsvorlesung von Frau Violetta Waibel, und vergleicht sie (die Schuster) mit den Philosophen, die ihre Arbeiten nur f\u00fcr Fachkolleginnen schreiben.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nEinerseits ist die Frage berechtigt: Gerade Philosophie m\u00f6chte etwas f\u00fcr alle relevante denken\/schreiben\/sprechen.<\/p>\n<p>Andererseits (um die Metapher zu recyclen) ist die T\u00e4tigkeit, etwas vornehmlich f\u00fcr seine Fachkollegen zu schreiben, verst\u00e4ndlich: Schuster tauschen unter sich neue Produktionstechniken oder praktische Tipps aus, die f\u00fcr die Benutzer von Schuhen nicht so interessant sind. Es macht keinen Sinn, jeden Benutzer vor dem Kauf oder vor dem Benutzen der Schuhe akribisch zu erkl\u00e4ren, wieso sich dieses Fu\u00dfbett exakt in die anatomische Fu\u00dfform einpasst (vom Thema des geistigen Eigentums ganz zu schweigen).<\/p>\n<p>Diese Metapher verwendet das Bild eines Produkts, das einmal produziert und danach direkt verwendet wird. Es ist fragw\u00fcrdig, ob das Endprodukt des Philosophierens tats\u00e4chlich das ist, was verwendet werden kann. Tendenziell w\u00fcrde ich sagen, es ist mehr der Weg, der sich im Laufe einer Denkbewegung bahnt, als das &#8220;Endprodukt&#8221;. Von der Fragw\u00fcrdigkeit und scheinbaren Widerspr\u00fcchlichkeit unserer Erlebnisse geht es hinein in einen M\u00f6glichkeitsraum, in dem wir durch das Durchspielen von Szenarios unter verschiedenen Perspektiven zu einem anderen kognitiven Setting kommen. Diese andere Perspektive auf unsere Erlebnisse als eine Menge von Lehrs\u00e4tzen vorzulegen ist gerade beim philosophieren unzureichend (auch wenn das manchmal genau so gehandhabt wird) und methodisch nicht zielf\u00fchrend. Perspektiven werden nicht durch das Nachbeten des Wortlauts, sondern durch eine Denkbewegung verst\u00e4ndlich &#8211; erst dann beeinflussen sie unsere Handlungsm\u00f6glichkeiten und damit unseren Alltag.<\/p>\n<p>Diese Vermittlung zwischen leichter Konsumierbarkeit und &#8216;technical terms&#8217; ist nicht nur in der Philosophie, sondern in den Wissenschaften generell interessant. Es ist leicht festzustellen, dass unser Alltag von wissenschaftlichen\/technischen Erkenntnisen umgeben und gest\u00fctzt ist: Daten schwirren unsichtbar durch die Luft &#8211; WLAN\/Mobilfunk; Wikipedia hilft uns bei einer Wissensl\u00fccke auf die Spr\u00fcnge; Zuckerkranke werden automatisch bei lebensbedrohlichen Blutzuckerschwankungen alarmiert; neueste quantenmechanische Erkenntnisse werden bald neue kryptografische Verfahren erm\u00f6glichen; usw. Hierbei ist die Gefahr einer Wissenkluft recht gro\u00df: Die wenigen Fachleute (die auch nur auf einem ganz speziellen Gebiet kompetent sind und auf anderen Gebieten genauso unwissend) stehen den vielen Benutzern gegen\u00fcber, die aus vielf\u00e4ltigen Gr\u00fcnden die wissenschaftlichen \u00dcberlegungen hinter diesen Produkten nicht mehr nachvollziehen (wollen und\/oder k\u00f6nnen).<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen uns nicht (immer) mit Details einzelner Fachrichtungen aufhalten. Gerade als Benutzerin kann es aber sinnvoll sein, aus dem jeweils eigenen Blickwinkel Gesamtperspektiven und Tendenzen von Fachrichtungen zu verstehen und mit ihnen zu experimentieren; die Produkte auseinandernehmen und etwas herumschrauben. Hierbei sind nicht nur &#8220;Benutzerinnen&#8221; in ihrer Verantwortung; die &#8220;Fachleute&#8221; sollen daf\u00fcr Sorge tragen, ihre Erkenntnisse aus einer distanzierteren Perspektive allgemein verst\u00e4ndlich zu erkl\u00e4ren und an die \u00d6ffentlichkeit zu bringen. Das kostet \u00dcberwindung: von Feinheiten zu abstrahieren und zu einem Blickwinkel zu kommen, der einerseits wichtige Z\u00fcge und Entscheidungen aus seiner Arbeit\/dem Fachbereich darstellt, andererseits allgemein verst\u00e4ndlich ist. Solche Darstellungen haben ein bisschen etwas von Rechtfertigung oder Bekenntnis, zumindest von R\u00fcckbindung.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">So lassen sich &#8220;Endprodukte&#8221; leichter aufl\u00f6sen und an aktuelle Gegebenheiten anpassen. In der Informatik w\u00fcrden sofort die Stichworte Wartbarkeit \/ Modularisierung \/ Change-Requests \/ hohe Kopplung \/ geringe Koh\u00e4sion \/ Komplexit\u00e4tsreduktion etc. fallen &#8211; man stellt sich schon bei der Entwicklung der Systeme darauf ein, dass an ihnen stark herumgebastelt wird ( daran k\u00f6nnen auch Closed Source Projekte wie Windows nicht vorbei). In der Informatik ist der Umgang mit Komplexit\u00e4t leichter als in der Philosophie, aber schwerer als in der Geb\u00e4udearchitektur, was tlw. am unterschiedlich stark vorhandenen Produktcharakter und dessen Sichtbarkeit liegt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wo k\u00e4men wir hin, wenn Schuster ihre Schuhe nicht f\u00fcr die Allgemeinheit, sondern nur f\u00fcr Schuster anfertigen w\u00fcrden? Diese Frage stellt Roland Reichenbach am dies facultatis der Fakult\u00e4t f\u00fcr Philosophie und Bildungswissenschaft, nach der Antrittsvorlesung von Frau Violetta Waibel, und vergleicht sie (die Schuster) mit den Philosophen, die ihre Arbeiten nur f\u00fcr Fachkolleginnen schreiben.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-517","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-philosophie-klassisch"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/517","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=517"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/517\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=517"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=517"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=517"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}