{"id":577,"date":"2009-11-05T12:35:07","date_gmt":"2009-11-05T11:35:07","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=577"},"modified":"2009-11-05T12:35:07","modified_gmt":"2009-11-05T11:35:07","slug":"warum-wir-im-protest-studieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=577","title":{"rendered":"Warum wir im Protest studieren."},"content":{"rendered":"<p><em>Warum studierst du?<\/em><\/p>\n<p>Es gibt unterschiedliche Antworten, die man als Studierender darauf geben kann. Die meisten schlie\u00dfen sich nicht gegenseitig aus; oft muss man aber <em>f\u00fcr sich selbst<\/em> Priorit\u00e4ten setzen, da man nur begrenzte Zeit zur Verf\u00fcgung hat.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/12750_1269596697100_1145320535_851903_6948009_n.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-582\" title=\"12750_1269596697100_1145320535_851903_6948009_n\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/12750_1269596697100_1145320535_851903_6948009_n.jpg\" alt=\"12750_1269596697100_1145320535_851903_6948009_n\" \/><\/a><\/p>\n<p>Mit den Protesten haben wir uns Zeit genommen, \u00fcber Form und Bedingungen nachzudenken, unter denen wir studieren und studieren wollen &#8211; und stetig ergeben sich neue Aspekte. Es folgen ein paar Gedanken dar\u00fcber, welche Debatte man dadurch induzieren k\u00f6nnte und in welcher Form sie sich bereits jetzt abzeichnet. Daraus ergibt sich, warum dieser Protest keine Blockade sondern ein integraler Teil des Studiums ist.\u00a0 (= Gedanken zum <a href=\"http:\/\/unibrennt.eduvent.at\/eduvents\">bundesweiten Aktionstag<\/a> und eine Replik auf <a href=\"http:\/\/www.facebook.com\/pages\/Studieren-statt-Blockieren\/161298391957\">&#8220;Studieren statt Blockieren&#8221;<\/a>)<!--more--><\/p>\n<p>Also. Warum studieren? Einige m\u00f6gliche Antworten:<\/p>\n<ul>\n<li>Um mir F\u00e4higkeiten anzulernen, mit denen ich im Leben etwas anfangen kann.<\/li>\n<li>Um im Arbeitsmarkt mit einer konkurrenzf\u00e4higen Ausgangsposition zu gl\u00e4nzen und mit einem hohen Grundlohn zu starten.<\/li>\n<li>Um mich selbst\u00e4ndig zu machen. Ich bekomme jene Kenntnisse, die mir helfen, meine Ideen umzusetzen und am freien Markt zu bestehen.<\/li>\n<li>Um einen \u00dcberblick \u00fcber Methoden, Grundlagen, Anwendungsm\u00f6glichkeiten von bestimmten Disziplinen zu bekommen, der mir die Welt &amp; Gesellschaft, in der wir leben besser zu verstehen hilft.<\/li>\n<li>Um eine wissenschaftliche Laufbahn (in einer Uni oder einem anderen Forschungszentrum) anzutreten und den Wissensstand der Disziplin(en) zu erweitern.<\/li>\n<li>Um mich selbst und mein Umfeld besser zu verstehen. Dadurch vergr\u00f6\u00dfert sich mein Handlungsspielraum und die Anzahl der M\u00f6glichkeiten, mir selbst und anderen zu helfen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ich kann einigen dieser (und anderer Gr\u00fcnde) etwas abgewinnen, m\u00f6chte sie aber nicht bewerten, da ich auf etwas anderes hinausm\u00f6chte.<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte jetzt gerne eine gemeinsame Sicht der nationalen und europ\u00e4ischen Bildungspolitik dargestellt, habe dann aber recherchiert und ein Papier vom Europ\u00e4ischen Rat gefunden: <a href=\"http:\/\/www.ph-ludwigsburg.de\/fileadmin\/subsites\/9q-euff-t-01\/Dokumente\/bildungspol_12_02_01.pdf\">\u00dcber die konkreten und k\u00fcnftigen Ziele der Systeme der allgemeinen und beruflichen Bildung<\/a> (2001), in dem folgende allgemeine Ziele, die die Gesellschaft von Bildung fordert, festgehalten werden:<\/p>\n<ul>\n<li>die Entwicklung des Einzelnen, damit dieser seine Anlagen voll entfalten und ein erf\u00fclltes Leben f\u00fchren kann,<\/li>\n<li>die Entwicklung der Gesellschaft, insbesondere durch F\u00f6rderung der Demokratie, Verringerung der Ungleichheiten zwischen Einzelnen und zwischen Gruppen sowie F\u00f6rderung der kulturellen Vielfalt,<\/li>\n<li>die Entwicklung der Wirtschaft, indem sichergestellt wird, dass die F\u00e4higkeiten der Arbeitskr\u00e4fte der wirtschaftlichen und technologischen Entwicklung entsprechen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Auf dieser allgemeinen Ebene decken sich die ersten beiden Ziele mit den Forderungen der Protestbewegung, nur im dritten Ziel scheint es in der Protestbewegung einen Dreh zu geben; es wird (zurecht) betont, dass sich die Universit\u00e4t nicht von \u00f6konomischer Logik vereinnahmen lassen soll, wobei sie sehr wohl einen wertvollen Beitrag f\u00fcr die Wirtschaft liefert (qualifizierte Personen, neue Ans\u00e4tze) und mit ihr zusammenarbeiten kann.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/40893042.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-583\" title=\"40893042\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/40893042.jpg\" alt=\"40893042\" width=\"261\" height=\"194\" \/><\/a><\/p>\n<p>Seitdem wir Studierenden die <a href=\"http:\/\/www.unsereuni.at\">\u00f6ffentliche Aufmerksamkeit<\/a> auf uns gezogen haben, stellt die Universit\u00e4tsleitung sich <a href=\"http:\/\/public.univie.ac.at\/index.php?id=6576&amp;no_cache=1&amp;tx_ttnews[tt_news]=13181&amp;tx_ttnews[backPid]=6088&amp;cHash=0361f53e46\">auf unsere Seite<\/a>, solange es sich um die abstrakte Forderung &#8220;mehr Geld&#8221; handelt. Das l\u00e4uft alles in einer \u00f6konomischen Logik ab. Nicht vergessen werden darf jedoch die wichtige Tatsache, dass die Qualit\u00e4t der Lehre und die Art und Weise des Studierens (und Forschens) in prominenten F\u00e4llen als untragbar empfunden wird. Geld ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung, diese Unzul\u00e4nglichkeiten zu beheben.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich freuen wir uns auf Solidarisierungen, doch wenn sich die Solidarisierung ausschlie\u00dflich um die Forderung &#8220;Ausfinanzierung der Unis&#8221; dreht, bleibt der <em>Kern des Unmuts<\/em> unber\u00fchrt. Und dieser Kern ist f\u00fcr mich, dass es einen gesellschaftlichen, international gef\u00fchrten Diskurs dar\u00fcber braucht, was wir unter Bildung verstehen wollen, <em>in einer Gesellschaft, dessen Komplexit\u00e4t dazu f\u00fchrt, dass wir nicht \u00fcberall Expertinnen sein k\u00f6nnen<\/em>. Was folgt aus diesem Erfordernis, dass man als Expertin auch im eigenen Fachbereich vor Probleme gesto\u00dfen ist, die so vielschichtig sind, dass sie auch Kenntnisse anderer Disziplinen oder g\u00e4nzlich neue Perspektiven erfordern?<\/p>\n<p>Kooperation und Teamwork! Ein wesentlicher Kern des Studiums soll sich genau darum drehen: Komplexe Situationen in Zusammenarbeit zu bew\u00e4ltigen, unterschiedlichste Sichtweisen und Ansatzpunkte kennenlernen, diese zu pr\u00fcfen und hinsichtlich ihrer Auswirkungen und Nebeneffekten zu bewerten. Welche Universit\u00e4tsstruktur wird diesen Anforderungen gerecht? Das Schlimmste, was einer Universit\u00e4t passieren kann ist, dass die Studierenden soweit eingeschr\u00e4nkt werden, dass die Komplexit\u00e4t ohne Mitbestimmung der Studierenden auf lineare Abl\u00e4ufe heruntergebrochen wird, in der man diese Erfahrungen nicht mehr machen kann. Doch auch die Lehrenden brauchen Gestaltungsm\u00f6glichkeiten in Forschung und Lehre.<\/p>\n<p>Chaos und Komplexit\u00e4t sind jedoch zwei unterschiedliche Dinge und darum halte ich es f\u00fcr sinnvoll, dass Studienpl\u00e4ne durchaus mit Kommentaren und Empfehlungen angereichert werden (z.B. was die Reihenfolge betrifft). Das d\u00fcrfen jedoch erstens keine Zwangsma\u00dfnahmen sein und zweitens reicht es nicht, diese Empfehlungen\u00a0 nur durch die Lehrenden erarbeiten zu lassen. Jede Studentin soll hierbei mitreden k\u00f6nnen, auch wenn sie noch keine Expertin in diesem Fach\u00a0 ist. Ebenso verh\u00e4lt es sich bei den Erweiterungscurricula, die ich f\u00fcr eine gute Idee halte, jedoch sollten Studierende selbst Modulkonstellationen vorschlagen k\u00f6nnen (\u00e4hnlich wie ganze Individuelle Studien beantragt werden k\u00f6nnen &#8211; nur mit weniger b\u00fcrokratischem Aufwand). Die technischen M\u00f6glichkeiten sind gegeben, um eine solche Mitbestimmung in relativ niedrigem Administrationsaufwand und Platzbedarf umzusetzen und trotzdem die Kosten im Blick zu behalten. Eine Konsequenz k\u00f6nnte sein, dass Studierende sich untereinander koordinieren m\u00fcssen, welche Erweiterungscurricula sie vorschlagen, da aus wissenschaftlichen Gr\u00fcnden nur argumentierte Vorschl\u00e4ge und aus Kostengr\u00fcnden nur jene mit einer Mindestzahl an Interessenten akzeptiert werden k\u00f6nnen. Und bei Grundlagen-Lehrveranstaltungen kann man mit Audio-\/Video Streams sowie Diskussionsforen oder Wikis<a href=\"http:\/\/unibrennt.eduvent.at\/eduvents\/334\"> den \u00fcberf\u00fcllten H\u00f6rs\u00e4len vorbeugen<\/a>. <a href=\"http:\/\/phsblog.at\/das-geheime-netzwerk-der-studierenden\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-584\" title=\"127869-09-pmx\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/127869-09-pmx.jpg\" alt=\"127869-09-pmx\" width=\"174\" height=\"232\" \/><\/a><\/p>\n<p>Da die Frage: &#8220;Was wird k\u00fcnftig in einer Disziplin wichtig sein?&#8221; nicht ausschlie\u00dflich von Expertinnen beantwortbar ist, sollte auch die Entwicklung der Studienpl\u00e4ne unter massiver Einbindung der Studierenden stattfinden. Wir sind nicht mehr in der Situation, in der wenige (Genies) die ultimativen L\u00f6sungen ausarbeiten und diese dann Top-Down appliziert werden, falls es jemals solche Gesellschaften gab.<\/p>\n<p>Wir &#8211; und die Organisation unserer Protestbewegung gibt vielleicht eine kleine Vorahnung davon &#8211; sind in der Situation von gleichgestellten Peers, die durch ihre jeweilige Sicht und ihr Engagement gemeinsam an den Problemen arbeiten.<\/p>\n<p>Erst im Rahmen dieser Debatte haben wir uns Zeit und Umst\u00e4nde geschaffen, um uns \u00fcber Strukturen zu unterhalten, die daraus folgen. Und das ist ein wichtiger Teil des Studiums. Deswegen haben die Proteste nicht den Charakter einer Blockade, sondern den einer <em>Bef\u00f6rderung des Studiums<\/em>.<\/p>\n<p>Darauf aufbauend kann man als europ\u00e4ische Gemeinschaft Detailfragen um die akademischen Grade Bachelor und Master diskutieren, anstatt sie Top-Down durchzusetzen. Die Debatte, die wir f\u00fchren werden, ist eine gro\u00dfe Gelegenheit f\u00fcr die europ\u00e4ische Bev\u00f6lkerung, zusammenzuwachsen und gemeinsam &#8211; mit internationalen Kooperationen &#8211; zu \u00fcberlegen, wie wir in einer Wissensgesellschaft leben wollen. Dies geht \u00fcber die Frage nach Bildung hinaus gestaltet sich so,\u00a0 dass Vertreterinnen mehr eine assistierend-\/vermittelnde anstatt einer zentralen Rolle spielen. Denn es geht zun\u00e4chst nicht um Ausverhandlungen und Interessenskonflikte sondern um Orientierung und Verst\u00e4ndigung.<\/p>\n<p>Die Zukunft ist selbst f\u00fcr Expertinnen ungewiss und darum eine Sache der Allgemeinheit.<\/p>\n<div id=\"_mcePaste\" style=\"overflow: hidden; position: absolute; left: -10000px; top: 647px; width: 1px; height: 1px;\">leichterer Zugang zu den Systemen der allgemeinen und beruflichen Bildung f\u00fcr alle,<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum studierst du? Es gibt unterschiedliche Antworten, die man als Studierender darauf geben kann. Die meisten schlie\u00dfen sich nicht gegenseitig aus; oft muss man aber f\u00fcr sich selbst Priorit\u00e4ten setzen, da man nur begrenzte Zeit zur Verf\u00fcgung hat. Mit den Protesten haben wir uns Zeit genommen, \u00fcber Form und Bedingungen nachzudenken, unter denen wir studieren<a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=577\">Read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[27,35,41,191],"class_list":["post-577","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hochschulpolitik","tag-audimax","tag-basisdemokratie","tag-bildung","tag-vernetzung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/577","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=577"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/577\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=577"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=577"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=577"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}