{"id":595,"date":"2009-11-26T12:57:03","date_gmt":"2009-11-26T11:57:03","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=595"},"modified":"2009-11-26T12:57:03","modified_gmt":"2009-11-26T11:57:03","slug":"badiou-die-wahrheit-als-ereignis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=595","title":{"rendered":"Badiou. Die Wahrheit als Ereignis"},"content":{"rendered":"<p>Habe heute in der Vorlesung &#8220;Das Subjekt nach dem &#8216;Tod des Subjekts'&#8221; eine Hinf\u00fchrung zu den Termen Situation, Ereignis, Ereignisst\u00e4tte, Wahrheit in Badious Philosophie (&#8220;Das Sein und das Ereignis&#8221; und andere Werke) erlebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/badiou.jpg\" alt=\"\" width=\"142\" height=\"309\" \/><\/p>\n<p>Dadurch kann man vielleicht (aktuelle) politische oder wissenschaftliche Vorg\u00e4nge auf andere Weise sehen. Das folgende als potentieller Impuls. <!--more--><\/p>\n<blockquote><p>Wenn man akzeptiert, dass die Mathematik das Denken des Seins als Sein ist, das zu seinem eigenen Denken kommt, wenn Existenzentscheidungen, die eine Orientierung vorschreibt, im Spiel sind, welches ist dann das eigene Feld der Philosophie? (Badiou: Kurze Abhandlung \u00fcber eine Ontologie des \u00dcbergangs. Wien: 2002,S.55)<\/p><\/blockquote>\n<p>Mathematik wird also dadurch charakterisiert, dass es sich um den Versuch handelt, alles mit den Mitteln von Mengen und Elementen zu beschreiben. Dabei werden Einheiten (er nennt sie &#8220;Situationen&#8221;) konstruiert, die aus Elementen bestehen, wobei die Elemente selbst so eine Art von Einheit sind, und man bis zum Unendlichen gehen k\u00f6nnte; Badiou scheint jedoch &#8211; soweit ich das in der Vorlesung mitbekommen habe &#8211; zu sagen, dass es ein Ende gibt, n\u00e4mlich die leere Menge, von der die Einheiten gebildet werden. (Dass das mit der Mengenlehre kompatibel ist, w\u00fcrde ich bestreiten)<\/p>\n<p>Diesen Vorgang der Konstruktion von Einheiten nennt er &#8220;Z\u00e4hlung-als-Eins&#8221;, da die Einheit nicht wirklich da ist, sondern als Einheit genommen wird. \u00dcber etwas \u00e4hnliches habe ich im Zusammenhang mit Platon schonmal <a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=503\">hier<\/a> nachgedacht.<\/p>\n<p>Badiou meint, dass Philosohpie die Gleichung &#8220;Ontologie = Mathematik&#8221; aussprechen und legitimieren muss\u00a0 und sich daraus die Frage ergibt, was sich der ontologischen Bestimmung entzieht. &#8220;Die Frage nach dem, was nicht das Sein als Sein ist. [&#8230;] Diesen Punkt habe ich das Ereignis (\u00e9v\u00e9nement) genannt.&#8221; (Badiou: Kurze Abhandlung \u00fcber eine Ontologie des \u00dcbergangs. Wien: 2002,S.56f)<\/p>\n<p>Er kommt dann zu einem &#8211; sagen wir interessanten &#8211; Begriff der Wahrheit: &#8220;[&#8230;]wenn ein Ereignis stattgefunden hat [und ein Ereignis ist eine St\u00f6rung der Ordnung der Einheit] und wenn die Wahrheit darin besteht, es zu bekennen und ihm dann treu zu bleiben, dann folgen daraus zwei Konsequenzen.&#8221;<\/p>\n<ul>\n<li>&#8220;Wenn, einmal, die Wahrheit ereignishaft ist oder der Ordnung dessen angeh\u00f6rt, was geschieht, dann ist sie singul\u00e4r. Sie ist weder struktural noch axiomatisch noch legal. Keine vorhandene Allgemeinheit kann von ihr Rechenschaft geben oder das Subjekt, das sich auf sie beruft, strukturieren. Es kann also kein Gesetz der Wahrheit geben.&#8221;<\/li>\n<li>&#8220;Da, weiter, die Wahrheit sich ausgehend von einem Bekenntnis, von essentiell subjektivem Charakter einschreibt, wird sie von keiner bereits konstituierten Teilmenge gest\u00fctzt, verleiht nichts Kommunit\u00e4res oder historisch Etabliertes ihrem Prozess eine Substanz. Die Wahrheit ist im Hinblick auf alle kommunit\u00e4ren Teilmengen diagonal; sie autorisiert sich durch keine Identit\u00e4t, und (dieser Punkt ist offenkundig der delikateste) sie konstituiert auch keine. Sie ist allen angeboten oder f\u00fcr jeden bestimmt, ohne dass irgend eine vorausgesetzte Zugeh\u00f6rigkeit dieses Angebot oder diese Bestimmung einschr\u00e4nken k\u00f6nnte. [&#8230;] Es ist eine Wahrheit als singul\u00e4re Universalit\u00e4t.&#8221; (Badiou: Paulus. Die Begr\u00fcndung des Universalismus, M\u00fcnchen: 2002, S.28f)<\/li>\n<\/ul>\n<p>&#8220;Die Wahrheit ist ganz und gar subjektiv (sie geh\u00f6rt der Ordnung des Bekenntnisses an, das eine das Ereignis betreffende \u00dcberzeugung ausdr\u00fcckt).&#8221;<\/p>\n<p>Ich lasse die Erl\u00e4uterung seines Wahrheitsbegriffs mal so stehen und wende mich dem zu, was Badiou die Subjektwerdung nennt. Er unterscheidet zwischen drei Typen der Subjektwerdung, die alle in einer bestimmten Stellung zum Ereignis stehen, ohne dem sie &#8211; so Badiou &#8211; kein Subjekt sein k\u00f6nnten: Das treue, das reaktion\u00e4re und das obskure Subjekt.<\/p>\n<ul>\n<li>Er nennt jene, die als Stellvertreter des Ereignisses auftreten und sich nicht davon abbringen lassen, die <strong>treuen Subjekte<\/strong>. Sie benennen das Ereignis (d.i. eine sprachliche Inntervention), sie lassen sich nicht einfach so davon abbringen, dass dieses Ereignis stattgefunden hat und dadurch wird &#8211; wenn es ein Ereignis war &#8211; die herrschende Ordnung ver\u00e4ndert (und es ward niemals wieder, wie es vorher war, man wird im Rahmen dieser Situation dazu Stellung beziehen m\u00fcssen).<\/li>\n<li>Dann spricht er vom <strong>reaktiven Subjekt<\/strong>, das zwar &#8220;die Wirksamkeit des Ereignisses [leugnet], da es behauptet, dass die fr\u00fchere Welt als solche andauern kann und muss&#8221; &#8211; diese Leugnung aber f\u00fchrt zu einer &#8220;un\u00fcberwindbaren Distanz zwischen sich selbst und der neuen politischen Gegenwart&#8221; und dadurch macht sie am st\u00e4rksten deutlich, DASS da etwas passiert ist. Dieses Subjekt &#8220;h\u00e4lt den Schein der Kontinuit\u00e4t durch die Ausbildung einer neuen Distanz zur Gegenwart des Wahren aufrecht.&#8221; (Badiou: Zweites Manifest f\u00fcr die Philosophie. Wien: 2009, S.87f)<\/li>\n<li>Der Vollst\u00e4ndigkeit wegen noch der dritte Typ: &#8220;Das <strong>obskure Subjekt<\/strong> will den Tod des neuen K\u00f6rpers [&#8230;] Um der Pr\u00e4senz der neuen Gegenwart ein Ende zu bereiten, muss die vollst\u00e4ndige Zerst\u00f6rung des Wahrheitsk\u00f6rpers vergegenw\u00e4rtigt werden\u00a0 und daher das treue Subjekt als Ausrichtung des neuen K\u00f6rpers in all seinen Formen liquidiert werden. [&#8230;] Daf\u00fcr muss der K\u00f6rper [&#8230;] wesenhaft und nicht ereignishaft sein: eine Rasse, eine Kultur, eine Nation oder ein Gott. [&#8230;] Das obskure Subjekt macht das gegenw\u00e4rtig, was &#8211; seiner Meinung nach &#8211; schon immer da war.&#8221; Badiou bringt das im Kontext mit dem Faschismus und des Nazi-Regimes, und charakterisiert den K\u00f6rper dieses Subjekts als fiktiv: &#8220;Da der K\u00f6rper des obskuren Subjektes im Unterschied zum Wahrheitsk\u00f6prer, der die Folgen der Wirklichkeit des Ereignisses entfaltet, fiktiv ist, bezieht er seine scheinbare Gegenwart nur aus der Zerst\u00f6rung seines Gegensppielers. Die arische Ewigkeit existiert nur f\u00fcr die Zeit der Vernichtung der Juden (was erkl\u00e4rt, dass sich die Nazis darum bis zur letzten Sekunde ihrer Existenz bem\u00fchen).&#8221; (Badiou: Zweites Manifest f\u00fcr die Philosophie. Wien: 2009, S.88-90)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Zum Abschluss noch einmal zum Wahrheitsbegriff:<\/p>\n<blockquote><p>Im Grunde ist eine Wahrheit die materielle Spur des ereignishaften Zusatzes in der Situation. Sie ist also ein immanenter Bruch. &#8220;Immanent&#8221;, weil eine Wahrheit in der situation auftritt (fr. proc\u00e8de) und nirgendwo sonst. Es gibt keinen Himmel der Wahrheiten. &#8220;Bruch&#8221;, weil das, was das Auftreten der Wahrheit &#8211; das Ereignis &#8211; m\u00f6glich macht, weder in den Gewohnheiten der Situation lag, noch sich durch die etablierten Kenntnisse denken lie\u00df. (Badiou: Ethik. Versuch \u00fcber das Bewusstsein des B\u00f6sen, Wien:2003, S.63f.)<\/p><\/blockquote>\n<p>Wahrheit hat also etwas mit Spr\u00fcngen zu tun. Bei Bateson ist das auch im Informationsbegriff angedeutet: Information ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht. Nicht jede \u00c4nderung eines Bits macht f\u00fcr jemanden in jeder Situation einen Unterschied.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Habe heute in der Vorlesung &#8220;Das Subjekt nach dem &#8216;Tod des Subjekts&#8217;&#8221; eine Hinf\u00fchrung zu den Termen Situation, Ereignis, Ereignisst\u00e4tte, Wahrheit in Badious Philosophie (&#8220;Das Sein und das Ereignis&#8221; und andere Werke) erlebt. Dadurch kann man vielleicht (aktuelle) politische oder wissenschaftliche Vorg\u00e4nge auf andere Weise sehen. 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