{"id":643,"date":"2010-01-30T20:22:39","date_gmt":"2010-01-30T19:22:39","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=643"},"modified":"2010-01-30T20:22:39","modified_gmt":"2010-01-30T19:22:39","slug":"ritter-oder-greenhorn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=643","title":{"rendered":"Ritter oder Greenhorn"},"content":{"rendered":"<p>Theorien \u00fcber die Entstehung des europ\u00e4ischen Adels im Mittelalter haben schon seit Jahrhunderten einen gr\u00f6\u00dferen Interessentenkreis als die \u00fcberschaubar wirkende Zunft der Medi\u00e4visten. Nicht zuletzt Marx und Engels lieb\u00e4ugelten mit einer\u00a0 urgesellschaftlichen Freiheit und Gleichheit, die erst durch das Auftreten des Benefizialwesens fragmentiert wurde. Dem Lehen entspr\u00e4che hier der erste Abglanz protokapitalistischen Grundbesitzes.<\/p>\n<p>Keine Frage, klare Fronten haben ihren Reiz, und doch kann eine seri\u00f6se Forschung wohl kein gutes Haar an solchen allzu einpr\u00e4gsamen Geschichtssynthesen lassen. Besonders attraktiv werden derartige Projektionen an Punkten, die einen materialen &#8211; um nicht zu sagen &#8220;materialistischen&#8221; &#8211; Halt bieten. Da kann schon einmal ein Pferd, das seinen Reiter im wahrsten Sinne des Wortes &#8220;\u00fcber&#8221; den K\u00f6pfen des Fu\u00dfvolks thronen l\u00e4sst, zum Medium der Herrschaft werden. Derart fasst zumindest die \u00e4ltere Gemeinfreienlehre, wie sie auf Justus M\u00f6ser (1768) zur\u00fcck geht, den \u00dcbergang zwischen fr\u00fchmittelalterlicher Gleichheit und adeliger Herrschaft. Die Feudalisierung sei direkt mit dem Auftreten der ersten Panzerreiter zu verbinden. Also erst mit der fr\u00e4nkischen Heeresreform, die den berittenen K\u00e4mpfer vom b\u00e4uerlichen Fu\u00dfsoldaten differenzierte, sei eine Art Milit\u00e4radel installiert worden, der den Ausgangspunkt f\u00fcr alle weiteren Adelskonzepte geboten habe.<\/p>\n<p>Abgesehen vom Verlangen nach klarer Datierbarkeit zeigt sich hier eben der Versuch, eine Koh\u00e4renz zwischen geistiger Ver\u00e4nderung und materiellen oder medialen Innovationen anzusetzen, die noch der geringsten Anerkennung problematischer Quellenlagen hohnlacht.<br \/>\nDass man auch aus der Position n\u00fcchternster Zur\u00fcckhaltung durch solche Theorien unterhalten werden kann, ist hoffentlich nur ein Hinweis darauf, dass der Mensch einfach zur Monokausalit\u00e4t neigt und geschlossene Erkl\u00e4rungsmodelle bevorzugt, denen man sich mit Gl\u00fcck doch nur des reinen Am\u00fcsements wegen n\u00e4hert.<br \/>\nWas die Pferde betrifft, so l\u00e4sst sich dann doch vielleicht mit Karl May sagen: &#8220;Maultiere sind gen\u00fcgsamer als Pferde, haben einen viel sicherern Tritt und schwindeln nicht vor Abgr\u00fcnden.&#8221; Diese Erkenntnis entspringt zwar einem anderen &#8220;Territorium&#8221;, zeugt aber zumindest davon, dass Herrschaft &#8211; auch im R\u00fcckblick &#8211; oft blo\u00df das Hirngespinst eines &#8220;Greenhorns&#8221; ist, das seinen Blick auf stattliche Schimmel beschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/Maultier_grau1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-644\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/Maultier_grau1-211x300.jpg\" alt=\"\" width=\"211\" height=\"300\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Theorien \u00fcber die Entstehung des europ\u00e4ischen Adels im Mittelalter haben schon seit Jahrhunderten einen gr\u00f6\u00dferen Interessentenkreis als die \u00fcberschaubar wirkende Zunft der Medi\u00e4visten. Nicht zuletzt Marx und Engels lieb\u00e4ugelten mit einer\u00a0 urgesellschaftlichen Freiheit und Gleichheit, die erst durch das Auftreten des Benefizialwesens fragmentiert wurde. Dem Lehen entspr\u00e4che hier der erste Abglanz protokapitalistischen Grundbesitzes. Keine Frage,<a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=643\">Read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"class_list":["post-643","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ne"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/643","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=643"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/643\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=643"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=643"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=643"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}