{"id":652,"date":"2010-02-22T15:52:46","date_gmt":"2010-02-22T14:52:46","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=652"},"modified":"2010-02-22T15:52:46","modified_gmt":"2010-02-22T14:52:46","slug":"apologie-des-handels","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=652","title":{"rendered":"Apologie des Handels"},"content":{"rendered":"<p>Wer Goethe liest, der setzt sich gezwungenerma\u00dfen mit kontingenten Lebenszielen auseinander. Bei besonders argen F\u00e4llen setzt Goethe aber noch eins drauf und verleiht auch den scheinbar unerw\u00fcnschten Ansichten einen Antrieb zur Formgebung, zur bildenden Vereinigung von &#8220;Form und Sache&#8221;, der diese sogar neben der k\u00fcnstlerischen Formgebung immernoch gut wegkommen l\u00e4sst. <\/p>\n<p>Gleich am Anfang der Lehrjahre gibt es eine kleine Auseinandersetzung zwischen Wilhelm und seinem Freund Werner: die &#8220;Apologie des Handels&#8221;. Es ist in gewissem Sinn ein Glanzst\u00fcck der Irritation, wie Werner seinem Freund die Welt des Kaufmanns schmackhaft machen will.<\/p>\n<blockquote><p>Leider siehst du nicht, mein Freund, wie Form und Sache hier nur eins ist, eins ohne das andere nicht bestehen k\u00f6nnte. Ordnung und Klarheit vermehrt die Lust zu sparen und zu erwerben. Ein Mensch, der \u00fcbel haush\u00e4lt, befindet sich in der Dunkelheit sehr wohl; er mag die Posten nicht gerne zusammenrechnen, die er schuldig ist. Dagegen kann einem guten Wirte nichts angenehmer sein, als sich alle Tage die Summe seines wachsenden Gl\u00fcckes zu ziehen. Selbst ein Unfall, wenn er ihn verdrie\u00dflich \u00fcberrascht, erschreckt ihn nicht; denn er wei\u00df sogleich, was f\u00fcr erworbene Vorteile er auf die andere Waagschale zu legen hat. Ich bin \u00fcberzeugt, mein lieber Freund, wenn du nur einmal einen rechten Geschmack an unsern Gesch\u00e4ften finden k\u00f6nntest, so w\u00fcrdest du dich \u00fcberzeugen, da\u00df manche F\u00e4higkeiten des Geistes auch dabei ihr freies Spiel haben k\u00f6nnen.<br \/>\n[&#8230;]<br \/>\nGlaube mir, es fehlt dir nur der Anblick einer gro\u00dfen T\u00e4tigkeit, um dich auf immer zu dem Unsern zu machen; und wenn du zur\u00fcckkommst, wirst du dich gern zu denen gesellen, die durch alle Arten von Spedition und Spekulation einen Teil des Geldes und Wohlbefindens, das in der Welt seinen notwendigen Kreislauf f\u00fchrt, an sich zu rei\u00dfen wissen. Wirf einen Blick auf die nat\u00fcrlichen und k\u00fcnstlichen Produkte aller Weltteile, betrachte, wie sie wechselsweise zur Notdurft geworden sind! Welch eine angenehme, geistreiche Sorgfalt ist es, alles, was in dem Augenblicke am meisten gesucht wird und doch bald fehlt, bald schwer zu haben ist, zu kennen, jedem, was er verlangt, leicht und schnell zu verschaffen, sich vorsichtig in Vorrat zu setzen und den Vorteil jedes Augenblickes dieser gro\u00dfen Zirkulation zu genie\u00dfen! Dies ist, d\u00fcnkt mich, was jedem, der Kopf hat, eine gro\u00dfe Freude machen wird.<br \/>\n[&#8230;]<br \/>\nBesuche nur erst ein paar gro\u00dfe Handelsst\u00e4dte, ein paar H\u00e4fen, und du wirst gewi\u00df mit fortgerissen werden. Wenn du siehst, wie viele Menschen besch\u00e4ftiget sind; wenn du siehst, wo so manches herkommt, wo es hingeht, so wirst du es gewi\u00df auch mit Vergn\u00fcgen durch deine H\u00e4nde gehen sehen. Die geringste Ware siehst du im Zusammenhange mit dem ganzen Handel, und eben darum h\u00e4ltst du nichts f\u00fcr gering, weil alles die Zirkulation vermehrt, von welcher dein Leben seine Nahrung zieht.<br \/>\n[&#8230;]<br \/>\nEs haben die Gro\u00dfen dieser Welt sich der Erde bem\u00e4chtiget, sie leben in Herrlichkeit und \u00dcberflu\u00df. Der kleinste Raum unsers Weltteils ist schon in Besitz genommen, jeder Besitz befestigt, \u00c4mter und andere b\u00fcrgerliche Gesch\u00e4fte tragen wenig ein; wo gibt es nun noch einen rechtm\u00e4\u00dfigeren Erwerb, eine billigere Eroberung als den Handel? Haben die F\u00fcrsten dieser Welt die Fl\u00fcsse, die Wege, die H\u00e4fen in ihrer Gewalt und nehmen von dem, was durch- und vorbeigeht, einen starken Gewinn: sollen wir nicht mit Freuden die Gelegenheit ergreifen und durch unsere T\u00e4tigkeit auch Zoll von jenen Artikeln nehmen, die teils das Bed\u00fcrfnis, teils der \u00dcbermut den Menschen unentbehrlich gemacht hat? Und ich kann dir versichern, wenn du nur deine dichterische Einbildungskraft anwenden wolltest, so k\u00f6nntest du meine G\u00f6ttin als eine un\u00fcberwindliche Siegerin der deinigen k\u00fchn entgegenstellen. Sie f\u00fchrt freilich lieber den \u00d6lzweig als das Schwert; Dolch und Ketten kennt sie gar nicht: aber Kronen teilet sie auch ihren Lieblingen aus, die, es sei ohne Verachtung jener gesagt, von echtem, aus der Quelle gesch\u00f6pftem Golde und von Perlen gl\u00e4nzen, die sie aus der Tiefe des Meeres durch ihre immer gesch\u00e4ftigen Diener geholt hat.<\/p><\/blockquote>\n<p>Beeindruckt zeigte sich auch schon Schiller in einem Brief an Goethe (Jena, 9. Dezember 1794):<\/p>\n<blockquote><p>Die Apologie des Handels ist herrlich und in einem gro\u00dfen Sinn. Aber da\u00df Sie neben dieser die Neigung des Haupthelden noch mit einem gewissen Ruhm behaupten konnten, ist gewi\u00df keiner der geringsten Siege, welche die Form \u00fcber die Materie errang.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer Goethe liest, der setzt sich gezwungenerma\u00dfen mit kontingenten Lebenszielen auseinander. Bei besonders argen F\u00e4llen setzt Goethe aber noch eins drauf und verleiht auch den scheinbar unerw\u00fcnschten Ansichten einen Antrieb zur Formgebung, zur bildenden Vereinigung von &#8220;Form und Sache&#8221;, der diese sogar neben der k\u00fcnstlerischen Formgebung immernoch gut wegkommen l\u00e4sst. 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