{"id":693,"date":"2010-06-11T23:54:02","date_gmt":"2010-06-11T22:54:02","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=693"},"modified":"2010-06-11T23:54:02","modified_gmt":"2010-06-11T22:54:02","slug":"festgefahren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=693","title":{"rendered":"Festgefahren"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8220;Eine m\u00e4nnerfreie Gesellschaft ist m\u00f6glich&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Das lese ich auf einem Plakat der \u00d6sterreichischen Hochsch\u00fclerschaft. W\u00e4hrend einer von Studierenden selbst organisierten Lehrveranstaltung &#8220;Informatik und Geschlecht&#8221; haben wir dar\u00fcber diskutiert. Wenn Sprechen Wirklichkeit schafft, praktiziert der Slogan nicht, was er &#8211; nach einer kurzen \u00dcberlegung &#8211; fordert.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"gs\" src=\"http:\/\/www.uni-regensburg.de\/Fakultaeten\/phil_Fak_II\/Gender_Studies\/bilder\/logo.jpg\" alt=\"\" width=\"216\" height=\"152\" \/><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<ul>\n<li>Angenommen, eine Person ist zu Zeitpunkt x entweder ein Mann oder eine Frau.<\/li>\n<li>Es ist entsprechend dem Slogan m\u00f6glich (und da er ein Plakat ziert, offenbar gefordert), dass zu einem Zeitpunkt y niemand mehr ein Mann ist. Ist demnach jede Person eine Frau?<\/li>\n<li>Es wurde konstatiert: Nein. Die Unterscheidung Mann\/Frau greift nicht mehr, denn wovon soll eine Frau unterschieden werden, wenn es keine M\u00e4nner mehr gibt. Der Slogan soll zum Ausdruck bringen, dass die Unterscheidung Mann\/Frau in der Gesellschaft nicht mehr relevant sein darf.<\/li>\n<li>Angenommen, es ist w\u00fcnschenswert, dass die bin\u00e4re Unterscheidung Mann\/Frau in der Gesellschaft irrelevant werden soll: Wenn die Menge der M\u00e4nner leer ist, bleibt noch immer die Kategorie Mann \u00fcbrig, \u00fcber die man (so wie im Slogan) reden\u00a0 und die weiterhin wirksam bleiben kann als Aggregation bestimmter Eigenschaften (rational, stark, initiativ, &#8230;) &#8211; und das, obwohl niemand mehr von sich behauptet, er\/sie\/es (?) <em>sei<\/em> ein Mann.<\/li>\n<li>Und selbst, wenn die Kategorien sich aufl\u00f6sen w\u00fcrden: Wie tr\u00e4gt der Slogan dazu bei, diese abzubauen?<\/li>\n<\/ul>\n<p>Es gibt mitunter irritierende und provozierende Slogans.\u00a0 Letztere rufen vorhande Standpunkte in Erinnerung, anstatt sie zu st\u00f6ren.<\/p>\n<p>Die &#8220;Wissenden&#8221; m\u00f6gen den Slogan verstehen als Forderung, die Unterscheidung Mann\/Frau zu hinterfragen und sich beklagen, dass sich nichts \u00e4ndert. Wiedermal Typisch! Die &#8220;Unwissenden&#8221; verstehen den Slogan z.B. als Wunschvorstellung, die Gesellschaft von M\u00e4nnern zu reinigen und die Alleinherrschaft der Frauen auszurufen. Widermal Typisch!<\/p>\n<p>Ein wenig Irritierender dagegen etwas, was Dirk Baecker in einem Artikel \u00fcber den &#8220;glass ceiling effect&#8221; in einer Fu\u00dfnote schreibt. Zun\u00e4chst der Satz, der den Kontext bildet:<\/p>\n<blockquote><p>Die Frau widerspricht ganz eindeutig, obwohl niemand wei\u00df warum<span style=\"color: green;\"><strong>(*)<\/strong><\/span>, den mehrdeutigen Erwartungen an die Spitze einer Hierarchie.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und nun die Fu\u00dfnote:<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"color: green;\"><strong>(*)<\/strong><\/span> &#8220;Goffmaan (1977, S.326ff) vermutet, da\u00df die Gesellschaft in genau der Hinsicht sexistisch ist, da\u00df sie in dem Moment, in dem sie auf eine weibliche Identit\u00e4t zurechnet, diese Identit\u00e4t mit Verwundbarkeit konnotiert. <span style=\"color: maroon;\">Nur deswegen &#8220;helfen&#8221; M\u00e4nner<strong><span style=\"text-decoration: underline;\">n<\/span><\/strong> Frauen<\/span>; Die Hilfe ist die zivilisierte Form der Bedrohung mit physischer Gewalt; wer hilft, stellt seine St\u00e4rke unter Beweis; die Frau bedankt sich.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Der markierte Satz wird zwar kein Slogan sein k\u00f6nnen, da seine Subtilit\u00e4t mehr an einen Grammatikfehler erinnert. Aber wenn man den Satz ein wenig gelesen hat, fragt man sich vielleicht: Wer hilft jetzt wem? \ud83d\ude09 <a href=\"http:\/\/geschlechter.diebin.at\/index.php\/Systemtheorie_XOR_GenderTrouble%3F\">Mehr zu Systemtheorie und Geschlechterforschung hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Eine m\u00e4nnerfreie Gesellschaft ist m\u00f6glich&#8221; Das lese ich auf einem Plakat der \u00d6sterreichischen Hochsch\u00fclerschaft. W\u00e4hrend einer von Studierenden selbst organisierten Lehrveranstaltung &#8220;Informatik und Geschlecht&#8221; haben wir dar\u00fcber diskutiert. 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