{"id":76,"date":"2004-07-22T19:38:35","date_gmt":"2004-07-22T17:38:35","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/wordpress\/?p=76"},"modified":"2004-07-22T19:38:35","modified_gmt":"2004-07-22T17:38:35","slug":"eindrucksvoll-und-inhaltsleer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=76","title":{"rendered":"eindrucksvoll und inhaltsleer"},"content":{"rendered":"<p>Zum Rektoratspapier &#8220;Prinzipien der Entwicklungsplanung der Universit\u00e4t Wien&#8221; vom 15.7.2004<\/p>\n<p>Die Universit\u00e4tsleitung hat am 15. Juli 2004 Prinzipien ver\u00f6ffentlicht, nach denen sich die Entwicklungsplanung bis zum Jahr 2010 richten soll. Sie l\u00e4dt alle Angeh\u00f6rigen der Universit\u00e4t Wien zur aktiven Beteiligung ein. Im Unterschied zur Vorgangsweise beim Organisationsplan ist f\u00fcr die Diskussion der Leitlinien ausreichend Zeit vorgesehen. Es folgen einige Bemerkungen zur Pr\u00e4ambel des Prinzipien-Papiers.<\/p>\n<p>Das Rektorat nennt zwei Herausforderungen, denen sich die Universit\u00e4t Wien zu stellen hat, n\u00e4mlich die Entstehung eines europ\u00e4ischen Bildungs- und Forschungsraums und die Zuspitzung des Wettbewerbs um knappe Ressourcen. Damit sind wichtige Punkte notiert. Die Diagnose sollte allerdings erweitert werden. Angef\u00fchrt sind bloss die Schwierigkeiten im forschungs-\u00f6konomischen Markt. Es fehlen Hinweise auf die problematische Doppelrolle der Universit\u00e4t zwischen einer Institution zur Bewahrung und F\u00f6rderung selbstgesteuerter Wissenschaft und einer Organisation im Konkurrenzkampf.<\/p>\n<p>Die Herausforderungen der Wissensgesellschaft, der weiterhin aktuelle gesellschaftliche Auftrag des terti\u00e4ren Bildungsbereiches und seine Funktion als Motor der Chancengleichheit werden nicht erw\u00e4hnt. Eine Aufgabe f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre ist sicherlich, die bis vor kurzem praktizierte Arbeits- und Selbstorganisation in die Strukturen des UG 2002 zu \u00fcberf\u00fchren. Wie sich im letzten Jahr gezeigt hat, ist das kein triviales Anliegen. Es geh\u00f6rt zu den Vorhaben, denen die Universit\u00e4tsleitung besondere Aufmerksamkeit zu widmen hat.<\/p>\n<p>Die Pr\u00e4ambel trennt nicht deutlich zwischen der Diagnose der Herausforderungen an die Universit\u00e4t und den normativen Zielvorgaben, die zu ihrer Bew\u00e4ltigung dienen sollen. Entsprechend der Verk\u00fcrzung auf den Konkurrenzkampf werden einfach Superlative eingefordert. Es geht darum &#8220;zu den besten Universit\u00e4ten Europas&#8221; zu geh\u00f6ren und &#8220;h\u00f6chste wissenschaftliche Leistungen in Forschung und Lehre zu erbringen&#8221;. Worin bestehen wissenschaftliche Leistungen in der Lehre? Davon abgesehen sind diese Forderungen ebenso eindrucksvoll wie inhaltsleer. Die im Papier formulierte Aussicht, an der Beginn des 20. Jahrhunderts zur\u00fcckzukehren, als die Universit\u00e4t Wien ma\u00dfgeblich f\u00fcr Zentraleuropa war, passt eher zur fin-de-sixE8cle Nostalgie, als zur Motivation im 21. Jahrhundert.<\/p>\n<p>Begr\u00fcssenswert ist die Thematisierung einiger voraussehbarer Konfliktpotenziale. Die Fortf\u00fchrung des status quo kann nicht ausreichen; in Zukunft sind Entscheidungen zur Profilierung zu treffen, die auch langj\u00e4hrigen Besitzstand in Frage stellen. Die Ausf\u00fchrungen des Rektorates enthalten allerdings eine begriffliche Unsch\u00e4rfe und einen verborgenen Widerspruch. Erstens bedeutet H\u00f6chstleistung keineswegs Innovation. Erfolge innerhalb der Paradigmen der normalen Wissenschaft verb\u00fcrgen keine Neuigkeit; oft ist das Gegenteil der Fall. Umgekehrt kann dieser &#8220;Altbestand&#8221; wissenschaftlich au\u00dferordentlich erfolgreich sein. Die simple Gegen\u00fcberstellung der Pr\u00e4ambel wird diesen komplizierten Verh\u00e4ltnissen nicht gerecht.<\/p>\n<p>Zweitens kann es nicht bei der wohlmeinenden Versicherung bleiben, die Mitarbeiterinnen (m\/w) und Studierenden w\u00fcrden &#8220;durch ihre Vielf\u00e4ltigkeit, ihre Kreativit\u00e4t und Innovativit\u00e4t den Erfolg der Universit\u00e4t Wien bestimmen&#8221;. Einen Absatz zuvor wird ausgef\u00fchrt, dass diese Personen eben nicht gleich vielf\u00e4ltig, kreativ und innovativ sind. Daher sei eine umfassende Qualit\u00e4tssicherung n\u00f6tig. Es gibt ein zweifelhaftes Bild, im selben Atemzug Selektionskriterien anzuk\u00fcndigen und sch\u00f6ne Worte f\u00fcr s\u00e4mtliche Angeh\u00f6rige der Universit\u00e4t zu finden. Insbesondere fehlen Anhaltspunkte daf\u00fcr, wie die Universit\u00e4tsleitung deren UG 2002-bedingtes Motivationsdefizit zu beheben plant.<\/p>\n<p>Der Entwurf des Rektorates enth\u00e4lt die Forderung nach einer Eliteuniversit\u00e4t, ohne das Wort zu nennen und ohne sich auf daraus resultierende Konsequenzen festlegen zu wollen. So ist etwa das mehrfach beschworene Ideal einer &#8220;universitas magistrorum et scholarium&#8221; unter den gegebenen Umst\u00e4nden illusorisch. Die nominelle Wiederkehr des Humboldt-Prinzips unter den Vorzeichen des internationalen Konkurrenzverh\u00e4ltnisses am Bildungssektor bietet an der gegenw\u00e4rtig \u00fcberdurchschnittlich gro\u00dfen Universit\u00e4t Wien keine \u00fcberzeugende Perspektive f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Rektoratspapier &#8220;Prinzipien der Entwicklungsplanung der Universit\u00e4t Wien&#8221; vom 15.7.2004 Die Universit\u00e4tsleitung hat am 15. 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