{"id":883,"date":"2011-03-05T02:32:27","date_gmt":"2011-03-05T02:32:27","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=883"},"modified":"2018-11-20T08:41:59","modified_gmt":"2018-11-20T08:41:59","slug":"ernuchterung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=883","title":{"rendered":"Ern\u00fcchterung"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Ich denke, was man an der Uni lernen kann ist, sich mit weniger zufrieden zu geben, aber nicht weil man zu wenig ambitioniert w\u00e4re sondern weil man schmerzlich feststellt, dass Wissen nicht jene Art von Erf\u00fcllung, nicht die sinnstiftende Vereinigung mit dem Weltganzen herstellt, nach der der Wissensdurst verlangt. Man muss sich darauf einlassen, kleinteilige Untersuchungen durchzuf\u00fchren.<\/p><\/blockquote>\n<p>So ging es mir als ich <a href=\"http:\/\/www.informatik.tuwien.ac.at\/dekanat\/Muster-Beispiel-gutesAbstract.pdf\">dieses Muster-Abstract<\/a> als Vorbild f\u00fcr die<a href=\"http:\/\/www.informatik.tuwien.ac.at\/dekanat\/formulare.html\"> verpflichtende Anmeldung<\/a> zu einer Diplomarbeit las.<\/p>\n<p>Eine \u00e4hnliche Befindlichkeit k\u00f6nnte sich\u00a0<a href=\"http:\/\/www.informatik.tuwien.ac.at\/aktuelles\/416\">seit diesem Semester schon zu Beginn des Informatik-Studiums<\/a> an der TU Wien einstellen, wenn zwei Professoren vor der Studienanw\u00e4rterin sitzen um sie \u00fcber ihre vermutlich unrealistischen Vorstellungen zum Informatik-Studium aufzukl\u00e4ren.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/speck-informatik.ch\/blog\/?tag=zukunftsinvestition\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/speck-informatik.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/559px-Gartner_Hype_Zyklus-300x200.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" \/><\/a><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ern\u00fcchterungen sind einerseits eine wertvolle Erfahrung. Die Produktwerbung einer Kaffeemaschine verschweigt die Ern\u00fcchterung die sich einstellt wenn man realisiert, dass eine w\u00f6chentliche Wartung n\u00f6tig ist sondern erz\u00e4hlt eine angenehme Geschichte zu ihrem Produkt, um die Profanit\u00e4t ihres &#8220;Gestells&#8221; zu \u00fcbermalen.<\/p>\n<p>Wissenschaft dagegen kl\u00e4rt uns auf, mit harten Fakten. Unabh\u00e4ngig davon ob wir es wissen wollen. Wirklich? Ideen, Paradigmen, Ans\u00e4tze, Verfahren haben auch einen Kontext, eine Geschichte und eine Oberfl\u00e4che. Es ist bekannt, dass von den meisten wissenschaftlichen Artikeln nur das Abstract, die Zusammenfassung und die Referenzen gelesen werden. Es wird daher zur Kunst, in vier S\u00e4tzen die Forschung von einem halben Jahr zusammenzufassen und so das Interesse zu wecken, um zum Lesen des ganzen Artikels zu verleiten und\/oder um Blickwinkel zu kanonisieren.<\/p>\n<p>Man darf ja nicht verschweigen, dass Studierende und Wissenschaftlerinnen genauso Menschen sind, die wolkige Visionen rezipieren (m\u00f6chten) und <a href=\"http:\/\/audiothek.philo.at\/index.php?id=4&amp;entrypage=9&amp;search_q=worte%20waren&amp;no_cache=1&amp;tx_relecture_pi1[pointer]=0&amp;tx_relecture_pi1[showUid]=2866\">wer wei\u00df was sie verf\u00fchrt<\/a>, eine Erkl\u00e4rung als einfach oder ad\u00e4quat zu beurteilen.<\/p>\n<p>Wie immer das mit unseren W\u00fcnschen sein mag. \u00a0Ich vermute, man muss zwei Ern\u00fcchterungen unterscheiden um zu sehen, dass meine Reaktion auf das Muster-Abstract ein bisschen was von beiden enth\u00e4lt:<\/p>\n<ul>\n<li>Die eine ist zu verstehen, dass zu einer Diplomarbeit neben Ideen und Motivationen jedenfalls Detailarbeit dazugeh\u00f6rt. Vergleichen, \u00dcberpr\u00fcfen, Ausprobieren. Das kann schonmal eingangs gesetzte Erwartungen und Visionen entt\u00e4uschen. Das ist nicht traurig, sondern die einzige Hoffnung von wissenschaftlicher Arbeit: Dass sich durch dieses Prozedere etwas Ungeahntes herausstellt. Aus dem Grund ist es aus Sicht der Intuition zwar unglaublich, aber argumentierbar.<\/li>\n<li>Die andere ist eine mehr pers\u00f6nliche Entt\u00e4uschung dar\u00fcber, dass sich seine Erwartungen nicht erf\u00fcllen, dass also Anstrengungen in diese Richtung nichts bringen. Es ist wie wenn dir jemand bei einer Wanderung auf einen Berg von oben entgegenkommt und dich fragt, warum du dir das antust: Oben w\u00e4re es kalt und nebelig. Damit m\u00f6chte ich sagen: Obwohl pers\u00f6nliche R\u00fcckmeldungen zur Studienwahl wichtig sein k\u00f6nnen: Man muss aufpassen, wie man diese Eingangsgespr\u00e4che f\u00fcr Erstsemestrige abh\u00e4lt, da diese Erfahrungs-Asymmetrie ausgenutzt werden kann. Hoffentlich ist der Zweck nicht, die Zahl der Studierenden zu reduzieren, indem man jene Visionen zerst\u00f6rt, die nicht ins Leitbild passen.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich denke, was man an der Uni lernen kann ist, sich mit weniger zufrieden zu geben, aber nicht weil man zu wenig ambitioniert w\u00e4re sondern weil man schmerzlich feststellt, dass Wissen nicht jene Art von Erf\u00fcllung, nicht die sinnstiftende Vereinigung mit dem Weltganzen herstellt, nach der der Wissensdurst verlangt. 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