{"id":922,"date":"2011-05-13T12:53:48","date_gmt":"2011-05-13T12:53:48","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=922"},"modified":"2018-11-20T08:38:06","modified_gmt":"2018-11-20T08:38:06","slug":"der-phantomhafte-rest","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=922","title":{"rendered":"Der phantomhafte Rest"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/uml-notation-fuer-zwei-schichten-architektur-dot-jede-schicht-wird-als-paket-interpretiert-dot.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-923\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/uml-notation-fuer-zwei-schichten-architektur-dot-jede-schicht-wird-als-paket-interpretiert-dot-300x186.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"186\" \/><\/a><\/p>\n<p>In der vierten Meditation von &#8220;Sein und Ereignis&#8221; erkl\u00e4rt Badiou, wie herk\u00f6mmliche Situationen ablaufen und dass alles gez\u00e4hlt und strukturiert wird. Was nicht gez\u00e4hlt wird, ist nicht fassbar. <em>Alles<\/em> muss unter eine strukturierte Einheit gez\u00e4hlt werden. Wenn er dann sagt, dass dies, was man bei den herk\u00f6mmlichen Situationen findet, genau die Umkehrung seiner Ausgangsthesen (z.B. das Eins ist nicht) ist, macht er f\u00fcr seine Situation einen Unterschied. Es ist ein Grenzfall, quasi eine Diagonalisierung (wenn wir schon bei Cantor sind), um zu zeigen, dass die Blickrichtung \u00fcblicher Situationen so strukturiert ist, dass das, worum es geht, nicht gefasst werden kann: die Mannigfaltigkeit. Sie ist deswegen wichtig, weil alle Situationen mit ihr umgehen, sich ihrer &#8211; jedoch inad\u00e4quat &#8211; zu bem\u00e4chtigen suchen. Das was sie tun ist zwar g\u00fcltig, aber nicht wahr, denn sie ber\u00fccksichtigen ihre eigenen Umst\u00e4nde nicht.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Im Anschluss erkl\u00e4rt er, warum der Unterschied wichtig ist und kommt auf ein dialektisches Argument Hegel&#8217;scher Art, wenn ich es wagen darf, das bei meiner bescheidenen Kenntnis dieses Philosophen zu sagen:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;[1] Wenn in der Immanenz einer Situation die Inkonsistenz nicht bewahrheitet wird, so bleibt trotzdem die Tatsache bestehen, dass die Z\u00e4hlung-als-Eins &#8211; weil sie eine Operation ist &#8211; anzeigt, dass das Eins ein Resultat \u00a0ist. \u00a0[2] Damit das Eins jedoch resultiert, muss es &#8220;etwas&#8221; in der Vielheit geben, das nicht absolut mit dem Resultat zusammenf\u00e4llt. [3] Zwar kann kein Voranstehendes der Vielheit zur Pr\u00e4sentation kommen, da diese immer schon strukturiert ist, so dass es nur das Eins oder die konsistente Vielheit gibt. [4] Aber <strong>dieses &#8220;Es gibt&#8221; hinterl\u00e4sst den Rest, dass das Gesetz, in dem es entfaltet wird, als Operation erkennbar bleibt.<\/strong>&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich kann es von Gotthard G\u00fcnther her verstehen, der auf einen Reflexionsrest bei All-Aussagen hinweist.<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Wir sagen also kurz und b\u00fcndig: alles Wirkliche entspringt aus jener Einheit des absoluten, in sich selbst ruhenden Seins. Aber mit diesem Ausspruch verstricken wir uns in eine unl\u00f6sbare Schwierigkeit. Denn wann auch \u201eAlles\u201c als Manifestation und Resultat dieser Einheit verstanden werden kann, so ist zumindest ein Datum unseres philosophischen Bewusstseins davon ausgenommen, n\u00e4mlich der Satz, in dem wir die metaphysische Identit\u00e4t von Denken und Sein konstatieren. Dies ist alles andere als ein dialektischer Trick. Wir haben hier nur in philosophischer Sprache einen Grundsatz der formalen Logik ausgesprochen, der allen Logikern, die mit dem symbolischen Kalk\u00fcl vertraut sind, seit langem gel\u00e4ufig ist. Dieser Grundsatz bezieht sich auf den All-Operator der logischen Qualifikation. Er besagt, dass jede All-Aussage sich aus dem, was sie aussagt, selber ausschlie\u00dft. Sie geh\u00f6rt einem h\u00f6heren logischen Typus an als ihr eigener Aussageinhalt. D.h.\u00a0<strong>in der Aussage: Denken und Sein sind metaphysisch identisch, bleibt ein Reflexionsrest bestehen, der jeder eindeutigen Abbildung auf das Sein unbedingt widersteht.<\/strong> Anders ausgedr\u00fcckt, die klassische Identit\u00e4tsthese von der endg\u00fcltigen metaphysischen Koinzidenz von Denken und Sein kann selber in diese Koinzidenz nicht eingeschlossen werden. Der erweiterte Funktionenkalk\u00fcl der symbolischen Logik gibt die genauen Bedingungen an, unter denen sich dieser Reflexionsrest der Abbildung auf das Sein entzieht.<strong>&#8221; <\/strong>(Gotthard G\u00fcnther, Idee und Grundriss einer nicht-aristotelischen Logik)<\/p><\/blockquote>\n<p>Also gar nicht un\u00e4hnlich, wenn man davon absieht dass der eine die Mengenlehre als Vorbild zu einer Ontologie sieht, der andere eine noch nicht formalisierte aber bei Hegel angelegte neue Logik aufstellen will, die endlich Philosophie als Wissenschaft erm\u00f6glicht. F\u00fcr Badiou und G\u00fcnther ist dieser &#8220;phantomhafte Rest&#8221; (Badiou), die Erfahrung, dass das Vorliegende in der Luft h\u00e4ngt,\u00a0Anlass, die eigenen Thesen zu best\u00e4tigen. Bei Badiou ist das zun\u00e4chst: Das Eins ist nicht und es gibt Nichts . Und bei G\u00fcnther die Notwendigkeit einer Stellenwertlogik, die das &#8220;Du&#8221; neben Subjekt und Objekt mit ins Kalk\u00fcl zu nehmen versucht.<\/p>\n<p>Badiou hegt jedoch nicht die Hoffnung, dieses Phantom durch eine ausgefeilte Struktur auf die B\u00fchne zu bringen. Man kann es nur benennen und dadurch eine Unterscheidung machen zwischen dem was sich je zeigt (das Resultat der Z\u00e4hlung-als-eins) und dem was sich aufgrund des Sich-Zeigens nicht zeigen kann, obwohl es daf\u00fcr notwendig ist.<\/p>\n<p>L\u00e4uft das schon wieder auf ein Zwei-Schichtenmodell hinaus? Sein und Situation? Oder findet man seine Berufung darin, das &#8220;Umherwandern des Nichts&#8221; jeweils zu bemerken? Und ist das schon das Umfeld f\u00fcr ein Ereignis? Es bleibt spannend.<\/p>\n<p>Zum Abschluss noch ein Impuls aus dem Bereich heutiger Web-Applikationen, der mir in dem Zusammenhang interessant erscheint: Gegeben sei eine beliebige Web-Anwendung, die \u00fcber Eingabefelder mit einer Datenbank &#8220;vern\u00e4ht&#8221; ist. \u00dcber Eingabefelder lassen sich &#8211; teilweise von der Anwendung nicht intendierte &#8211; Anfragen an die Datenbank stellen. Blind SQL injection nennt sich das Verfahren eines Angreifers auf eine Datenbank, der durch die Begleitumst\u00e4nde der Antwort Schl\u00fcsse auf Inhalt und Struktur der Datenbanken zieht, obwohl der Inhalt der R\u00fcckmeldungen nicht deskriptiv ist und also keine explizite Antwort auf die Anfrage beinhaltet. Wie kommt man daher zur Information? Zum Beispiel weisen l\u00e4ngere bzw. k\u00fcrzere Antwortzeiten auf bejahende oder verneinende Antworten hin (<a href=\"http:\/\/www.slideshare.net\/chemai64\/timebased-blind-sql-injection-using-heavy-queries\">time based blind sql injection<\/a>). Der <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/security\/meldung\/MySQL-Site-angeblich-gehackt-via-SQL-Injection-1216091.html\">j\u00fcngste Fall einer solchen Attacke<\/a> fand auf die Website eines bekannten <em>Herstellers<\/em> von Datenbanken statt. Ich konnte sowas im Rahmen einer Security-Lehrveranstaltung an der Technischen Universit\u00e4t selbst ausprobieren und muss sagen: Es macht Spa\u00df. \ud83d\ude42 Man bekommt das Gef\u00fchl, etwas herausfinden zu k\u00f6nnen, was sonst im Verborgenen bliebe. Und das mit ganz handfesten Anfragen, das hei\u00dft in einer herk\u00f6mmlichen Situation, in der man \u00fcber die \u00fcblichen Kan\u00e4le einer Web-Anwendung l\u00e4uft. Jedoch geht es einem nicht um die Funktionalit\u00e4ten der Anwendung, sondern um die darunterliegende Struktur, die das Erf\u00fcllen von User-Bed\u00fcrfnissen im Rahmen einer Anwendung erm\u00f6glicht. Was einem nicht zur Verf\u00fcgung steht sind explizit aufgeschriebene Antworten, daf\u00fcr aber unterschiedliche Antwortmodi, die man bemerken und dementsprechend (weitere) Anfragen formulieren kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der vierten Meditation von &#8220;Sein und Ereignis&#8221; erkl\u00e4rt Badiou, wie herk\u00f6mmliche Situationen ablaufen und dass alles gez\u00e4hlt und strukturiert wird. Was nicht gez\u00e4hlt wird, ist nicht fassbar. Alles muss unter eine strukturierte Einheit gez\u00e4hlt werden. 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