{"id":933,"date":"2011-05-19T23:31:34","date_gmt":"2011-05-19T23:31:34","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=933"},"modified":"2018-11-20T08:37:30","modified_gmt":"2018-11-20T08:37:30","slug":"transparent-und-undurchsichtig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=933","title":{"rendered":"Vorstellen und Verstecken"},"content":{"rendered":"<p>Letzte Woche war ich in der Andr\u00e1ssy Universit\u00e4t im Herzen Budapests, um von den Studierendenprotesten im Herbst\/Winter 2009 zu sprechen. \u00a0<a href=\"http:\/\/www.andrassyuni.eu\/_userfiles\/file\/donauinstitut\/programm_bologna_workshop_11_05_11.pdf\">Thema des Workshops <\/a>war die Entwicklung eines europ\u00e4ischen Hochschulraums. Einleitend sprach eine deutsche Botschafterin \u00fcber die Wichtigkeit, ein gemeinsames Netzwerk von Hochschulen in Europa aufzubauen. Dann gab\u00a0S\u00f6ren Iseib aus dem deutschen Institut f\u00fcr Hochschulforschung <a href=\"http:\/\/www.andrassyuni.eu\/_userfiles\/file\/donauinstitut\/herausforderungen_europaischer_hochschulraum_isleib.pdf\">einen historischen Abriss \u00fcber den Diskurs<\/a>, ein solches Netzwerk aufzubauen und nannte gegenw\u00e4rtige Herausforderungen.\u00a0Schon nach dem Ende des zweiten Weltkriegs lassen sich Harmonisierungsbestrebungen von Hochschulausbildung finden, worauf nach und nach Beschleunigungsphasen und ein gewisser Anpassungsdruck entstanden, die in den Bologna-Erkl\u00e4rungen ab 1998 m\u00fcndeten. Der Vortrag machte mir au\u00dferdem \u00c4hnlichkeiten mit der #unibrennt-Bewegung klarer: Es gab keine zentrale <em>politische<\/em> Steuerung des Netzwerks und man kann eher ein Nebeneinander als ein gemeinsames Miteinander bemerken. Wohl aber gab und gibt es funktionierendes Organisationsmanagement, \u00d6ffentlichkeitsarbeit und Berichtswesen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/CloudComputing.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-935\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/CloudComputing-300x208.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"208\" \/><\/a><\/p>\n<p>Daran schloss sich mein Vortrag <a href=\"http:\/\/www.unet.univie.ac.at\/~a0600112\/php\/Joomla\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=68:verwerfung-emulation-und-bemaechtigung-globaler-netzwerke-bildungsproteste-in-oesterreich&amp;catid=38:middoc&amp;Itemid=67\">&#8220;Verwerfung, Emulation und Bem\u00e4chtigung globaler Netzwerke. Bildungsprotest in \u00d6sterreich&#8221;<\/a> an. Im <a href=\"http:\/\/www.unet.univie.ac.at\/~a0600112\/php\/Joomla\/attachments\/068_Vortrag_Verwerfung_und_Bem%C3%A4chtigung_FINAL.pdf\">Manuskript<\/a> ist mir vorhin ein Fl\u00fcchtigkeitsfehler aufgefallen, der gar nicht so unpassend ist: <em>Studien<\/em>protest. So\u00a0gesehen eignet sich der Protest als Studienobjekt (das <a href=\"http:\/\/unibrenntbuch.wordpress.com\/zur-idee-des-buches\/\">#unibrennt-Buchprojekt<\/a> hat das bereits w\u00e4hrend der Proteste praktiziert) um etwas \u00fcber gegenw\u00e4rtige Hochschulpolitik zu lernen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Jede Kritikerin der Proteste wird zugeben: Was in der #unibrennt-Bewegung geklappt hat war ein Bild von brennenden Unis zu vermitteln. Die <a href=\"http:\/\/medienimpulse.erz.univie.ac.at\/articles\/view\/298.pdf\">Medienkampagne<\/a>, der Aufbau eines internationalen Netzwerks (das noch immer aktiv ist), der Beschluss von Ma\u00dfnahmen, waren effektiv und effizient. Man bem\u00fchte sich mit der Protestzeitung &#8220;\u00fcber.morgen&#8221;, regelm\u00e4\u00dfigen Familien-F\u00fchrungen durchs besetzte Audimax und poppigen Flash-Mobs um <a href=\"http:\/\/austria.indymedia.org\/node\/19938\">&#8220;ein sauberes Bild nach au\u00dfen&#8221;<\/a>.<\/p>\n<p>Als Autor von Blog-Postings, als jemand der zu Hause oder von wo immer Livestreams und Twitter-Nachrichten konsumiert und sich zeitweise sympathisiert hat, ist jedoch Selbstkritik angebracht: Durch Links, Tweets und Likes wurde das Netzwerk vergr\u00f6\u00dfert und aktualisiert. Das ist zentral f\u00fcr das\u00a0<em>\u00dcberleben<\/em> von Protesten. Doch\u00a0Energie, die man ins Weitertragen der (&#8220;frohen&#8221;) Botschaft eines brennenden Hochschulraums gesteckt hat, fehlt irgendwann bei den L\u00f6scharbeiten, oder &#8211; wenn man die Anspr\u00fcche niedriger setzt &#8211; bei der Verst\u00e4ndigung mit den L\u00f6scharbeiterinnen.<\/p>\n<p>Nun kann man sagen, dass Medien nicht daf\u00fcr verantwortlich sind, die Lage zu verbessern. Und eine Protestbewegung ist auch ein Medium, wie ein Beteiligter der <a href=\"http:\/\/unibrennt.at\/?p=13866&amp;lang=de\">Arbeitsgruppe Doku<\/a> in einem Kommentar appellierte: <a href=\"http:\/\/austria.indymedia.org\/node\/19938#comment-26526\">&#8220;Don&#8217;t hate the media, be the media.&#8221;<\/a> Doch irgendwo muss nicht eine Darstellung sondern eine Diskussion, eine Konfrontation mit dem status quo vollzogen werden und wo sonst als lokal an den Unis? Die Vorstellung von #unibrennt war autonomer zu sein als fr\u00fchere Proteste, basisn\u00e4her als die \u00d6sterreichische Hochsch\u00fclerschaft und unabh\u00e4ngig von kommerziellen Massenmedien. #unibrennt hat zu erstaunlich erfolgreicher\u00a0\u00d6ffentlichkeitsarbeit, Organisationsentwicklung und modernem Wissensmanagement gef\u00fchrt. Zu den Projektzielen von #unibrennt siehe die\u00a0<a href=\"http:\/\/www.kellerabteil.org\/2010\/04\/sozi-1610-the-ubiquitous-unibrennt-cloud\/#more-1218\">lesenswerte Projektbeschreibung <\/a> f\u00fcr die Ars Electronica: &#8220;the ubiquitous #unibrennt\u00a0cloud&#8221;. Man hat daf\u00fcr einen Ehrenpreis in der Kategorie &#8216;digital communities&#8217; erhalten. \u00a0Form und Selbstverst\u00e4ndnis der Proteste haben aber versteckt,\u00a0dass der Bereich des Politischen eine zus\u00e4tzliche Qualit\u00e4t hat: Es gibt irreduzible Abh\u00e4ngigkeiten. Proteste schwingen sich von Abh\u00e4ngigkeiten auf mit dem Ziel, sie angenehmer zu gestalten.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, welche Vorstellung ich oder auch andere hatten, als wir #unibrennt als Ort des Nachdenkens \u00fcber Bildung bezeichnet haben oder als die M\u00f6glichkeit unsere Angelegenheiten zum Thema Bildung zu verhandeln. Auf die Frage &#8220;Wo brennt&#8217;s denn?&#8221; haben wir geantwortet: &#8220;\u00dcberall! Hier ist unsere Karte.&#8221; (siehe etwa <a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=577\">meine Beitr\u00e4ge<\/a>, die aus der 1. Person Plural geschrieben wurden).<\/p>\n<p>Eines der Lernfelder, mit dem ich zur Diskussion einleitete, war, dass an der Universit\u00e4t Wien eine lebendige Entscheidungs- und Streitkultur auf der mittleren Ebene gefehlt hat &#8211; und noch fehlt. Das wurde von Andrea Braidt und Herbert Hrachovec schon bei einer <a href=\"http:\/\/audiothek.philo.at\/index.php?id=5&amp;showuid=2773&amp;no_cache=1&amp;flash=1\">Radiosendung<\/a> diskutiert, und ich habe damals spontan reagiert, dass das im Organisationsplan der Universit\u00e4t abgesichert sein muss, sonst hat es keine Bedeutung. Das war zu kurz gegriffen. Denn es stellt sich die Frage, wie etwas Bedeutung <em>erh\u00e4lt. <\/em>Personen, die sich &#8211; z.B. im Rahmen eines (abklingenden) Protests &#8211; engagieren, h\u00e4tten das korrektive Zeug dazu, lokal etwas zu \u00e4ndern. Geschehen ist das durch #unibrennt (noch) nicht. Zumindest an der Universit\u00e4t Wien. An der Universit\u00e4t Graz, wie aus dem <a href=\"http:\/\/www.andrassyuni.eu\/_userfiles\/file\/donauinstitut\/umsetzung_universitat_graz_ressler.pdf\">Vortrag von Regina Ressler<\/a> und im Gespr\u00e4ch herauskam, offenbar schon. (\u00dcberhaupt scheinen in Graz so manche Bologna-Widerst\u00e4nde durch Workload-Erhebungen und Curriculums-Evaluierungen behebbar zu sein &#8211; was in der Zusammenfassung des Workshops mit dem Hinweis auf \u00fcberdimensioniertes Berichtwesen im Hochschulbereich relativiert wurde.)<\/p>\n<p>&#8220;Von oben&#8221; &#8211; der Bologna-Ministerkonferenz 2010 &#8211; sind die Proteste als Zeichen f\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.ond.vlaanderen.be\/hogeronderwijs\/bologna\/2010_conference\/documents\/Budapest-Vienna_Declaration.pdf\">fehlerhafte Implementierung und schlechte Erkl\u00e4rung der Bologna-Ziele<\/a> gesehen worden. Vom anderen &#8220;oben&#8221; &#8211; dem Rektorat &#8211; hat man mangelnde Finanzierung und die Situation in Massenuniversit\u00e4ten hinzugef\u00fcgt.\u00a0Wie man &#8220;unten&#8221; bei so einer Einstellung auf Missst\u00e4nde anders reagieren kann als mit Protest, wei\u00df ich nicht.<\/p>\n<p>Zum Abschluss ein weiteres \u00fcberschaubareres Beispiel:<\/p>\n<p>Die <a href=\"http:\/\/www.esu-online.org\/news\/article\/6063\/102\/\">ESU<\/a> (die European Students Union) ist einer der wahrgenommenen Stakeholder im Bologna-Prozess. Diese veranstaltet offenbar regelm\u00e4\u00dfig eine Ma\u00dfnahhme, um breitere Beteiligung im Prozess zu erzielen: Der <a href=\"http:\/\/www.ehea.info\/article-details.aspx?ArticleId=130\">European Student Summit<\/a>,\u00a0vergangenes Jahr sogar in Wien mit dem relevanten Thema &#8220;Bologna and Lisbon: mutually exclusive or sides of the same coin?&#8221;. Bezeichnend ist erstens, dass der <a href=\"http:\/\/www.esib.org\/documents\/publications\/ESU_BAFL_publication.pdf\">10-Jahres-Bericht der ESU<\/a> schon vor der Veranstaltung fertiggestellt und dort nur noch <em>vor-<\/em>gestellt wurde. Gut, das kann man als Input sehen, um m\u00f6glichst realit\u00e4tsnahe Diskussionen zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Zweitens wurde der Event kaum von der \u00f6sterreichischen Hochsch\u00fclerInnenschaft propagiert. Ich habe nachtr\u00e4glich nichts au\u00dfer ein <a href=\"http:\/\/www.oeh.ac.at\/fileadmin\/user_upload\/pdf\/BV-Protokolle_und_Beilagen\/2009-2011\/2009-10-9-prot.1.o.WS.pdf\">Protokoll<\/a> gefunden, nach dem die Organisation des Events der \u00d6H etwa 70.000\u20ac kostet.\u00a0Man kann argumentieren, dass man intern ausreichend Fachpersonal hat, um sich Einladungen an Studierende zu ersparen, denn es geh\u00f6rt zum Service oder zur Verantwortung der gew\u00e4hlten Repr\u00e4sentantinnen, dabei zu sein.<\/p>\n<p>Dann aber verwundert mich drittens, dass man weder deutschsprachige noch englischsprachige &#8220;Nachbereitungen&#8221; findet, in Form von Berichten, Kritiken oder Konsequenzen. War der Gipfel ohne Pointe?<\/p>\n<p>Gew\u00f6hnlichen Studierenden bleiben die Interaktionen zwischen high-level und low-level durchsichtig, so dass sie gar nicht auffallen. Transparenz in diesem Sinne &#8211; so praktisch sie f\u00fcr Dienstleistungen ist &#8211; scheint mir im Politischen problematisch. \u00a0Man kann das noch an zwei anderen Beispielen zeigen:\u00a0(1) Eine Studentin sieht die Universit\u00e4t und die eigenen Bed\u00fcrfnisse, die sich <em>automagisch<\/em> verbinden &#8211; oder nicht. (2)\u00a0Akteure des Bologna-Prozesses sehen die Bologna-Ma\u00dfnahmen und einzelne Hochschulen die konform gehen &#8211; oder nicht. Die Komplexit\u00e4t dazwischen ist uninteressant und soll ausgeblendet werden. Diese Verwendung von Transparenz bedeutet eine Verschaltung derart, dass nur die verstehbaren, gew\u00fcnschten Aspekte gezeigt und die anderen versteckt werden, mit dem Argument, dass es uns die Sicht verstellt auf das was wir wirklich wollen. Es gl\u00e4ttet Unsicherheiten und Entwicklungen, an denen man andocken k\u00f6nnte (Zur <a href=\"http:\/\/www.andrassyuni.eu\/_userfiles\/file\/donauinstitut\/moe_staaten_teichmann.pdf\">Darstellung der Hochschulentwicklung in Mittel- und Osteurop\u00e4ischen Staaten<\/a> trug \u00fcbrigens Christine Teichmann mit einer instruktiven Analyse bei).<\/p>\n<p>Damit \u00fcberlagern sich die Ebenen: Transparenz im mehrschneidigen Sinn von Vorstellen und Verstecken ist ein wichtiges Kennzeichen einer &#8220;Cloud&#8221; und vermutlich dasjenige, das ihren Erfolg geebnet hat:<\/p>\n<blockquote><p><strong><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Cloud_Computing\">Cloud Computing<\/a><\/strong> bzw.\u00a0Rechnerwolke umschreibt den Ansatz, abstrahierte IT-Infrastrukturen (z.\u00a0B. Rechenkapazit\u00e4t, Datenspeicher, Netzwerkkapazit\u00e4ten oder auch fertige\u00a0Software) dynamisch an den Bedarf angepasst \u00fcber ein Netzwerk zur Verf\u00fcgung zu stellen. Aus Nutzersicht scheint die zur Verf\u00fcgung gestellte abstrahierte IT-Infrastruktur fern und undurchsichtig, wie in einer \u201eWolke\u201c verh\u00fcllt, zu geschehen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Man m\u00f6ge sich erinnern an: the ubiquitous #unibrennt cloud, vielleicht schon n\u00e4chste Woche?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letzte Woche war ich in der Andr\u00e1ssy Universit\u00e4t im Herzen Budapests, um von den Studierendenprotesten im Herbst\/Winter 2009 zu sprechen. \u00a0Thema des Workshops war die Entwicklung eines europ\u00e4ischen Hochschulraums. Einleitend sprach eine deutsche Botschafterin \u00fcber die Wichtigkeit, ein gemeinsames Netzwerk von Hochschulen in Europa aufzubauen. 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