{"id":938,"date":"2011-06-08T00:39:16","date_gmt":"2011-06-08T00:39:16","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=938"},"modified":"2018-11-20T08:37:03","modified_gmt":"2018-11-20T08:37:03","slug":"das-schlusselwort-void-prolog","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=938","title":{"rendered":"Das Schl\u00fcsselwort Void &#8211; Prolog"},"content":{"rendered":"<p>\ufeff\ufeff\ufeff\ufeff\ufeffDie idealen Sprachen sind mancherorts zu einem komplexen Geflecht von Grammatiken, Konventionen und Spezifikationen geworden. Versionierungen von Befehlss\u00e4tzen sowie Normen zur Repr\u00e4sentation von Zahlen sind nur zwei Beispiele. Man kann die (teils disruptive) Evolution von Architekturen nachvollziehen, die parallel verwendet und weiterentwickelt werden. Diese wurzelwerkartige Vielfalt ist eine Folge der Verwendung wohldefinierter Strukturen f\u00fcr bestimmte Zwecke. Damit kommen die idealen Sprachen wie ein Bumerang zur\u00fcck zum Alltag und werden selbst zum Objekt f\u00fcr Betrachtungen und Experimente. Anders gesagt findet man Situationen &#8211; informatische Situationen &#8211; wo sich Begriffssysteme realisieren, mit dessen Hilfe man Abl\u00e4ufe nicht nur strukturieren sondern konkret ausf\u00fchren kann.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/image002.gif\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-946\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/image002-300x282.gif\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"282\" \/><\/a><\/p>\n<p>Doch welchen Blickwinkel kann man noch einnehmen bei der Betrachtung der Inkarnationen idealer Sprache? Wieder den der idealen Sprachen wo es darum geht die Konzepte auf einheitliche Abstraktionsniveaus und verst\u00e4ndliche Zusammenh\u00e4nge zu bringen? Den der Alltagszwecke, in der die Ad\u00e4quatheit von den Effekten abh\u00e4ngt, die die Verwendung der Sprache auf das Einsatzgebiet wirft?\u00a0 In dieser Spannung von Wissenschaft, Pragmatik und Performance steht die Informatik, zun\u00e4chst und zumeist. Zumindest das Folgende ist zu bemerken:\u00a0 Programmiersprachen, so wie unsere Alltagssprache, sind nicht nur vorhandenes Werk sondern ebenso <em>work in progress <\/em>und nicht immer durchschaubar. Sie erm\u00f6glichen Abspaltungen, Dialekte, neue Verwendungsweisen; disruptiv oder allm\u00e4hlich. Und wichtig: Was man mit ihnen macht, strukturiert zunehmend den Alltag.<\/p>\n<p>Ontologie ist weniger kompromissbereit. Sie m\u00f6chte den kurzfristigen Alltagszwecken und damit den volatilen Strukturen widerstehen und die Frage stellen: Was strukturiert &#8216;das alles&#8217;? Vorsicht ist geboten, denn man kann sich &#8211; beim Absehen von als partikul\u00e4r eingestuften Tatsachen und im Versuch, robust zu sein gegen einzelne Impulse &#8211; unwillk\u00fcrlich in Spekulationen verlieren, d.h. Vermutungen anstellen, wie &#8216;das alles&#8217; sein <em>k\u00f6nnte<\/em>, die sich jedoch nicht mehr so einfach in Verbindung bringen lassen mit dem, was tats\u00e4chlich und im Einzelnen passiert. Die Folgen formuliert ein Pop-Song: <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=C87sqLlbEDY\">&#8220;I wish I could see myself in anything,<\/a> <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=3l29cTBAAGY\"> now it seems <strong><em>nothing<\/em><\/strong> is everything.&#8221;<\/a> (<a href=\"http:\/\/www.lyricsmania.com\/hear_me_out_lyrics_lowe.html\">Lyrics<\/a>)<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Und so versucht man es methodisch abgesichert &#8211; und was kann dabei ein besseres Vorbild sein als die Mathematik? Man denkt &#8211; wenn man entsprechend ausgebildet wurde &#8211; an Kant und seine Frage: Wie ist Metaphysik als Wissenschaft m\u00f6glich? In seiner sogenannten &#8216;vorkritischen&#8217; Phase findet sich jedoch ein Zweifel, dass man mit der Nachahmung des Mathematikers schon den wichtigsten Schritt getan h\u00e4tte:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Die Methodensucht, die Nachahmung des Mathematikers, der auf einer  wohlgeb\u00e4hnten Stra\u00dfe sicher fortschreitet, auf dem schl\u00fcpfrigen Boden  der Metaphysik hat eine Menge [..] Fehltritte veranla\u00dft, die man  best\u00e4ndig vor Augen sieht, und doch ist wenig Hoffnung, da\u00df man dadurch  gewarnet, und behutsamer zu sein lernen werde. Diese Methode ist es  allein, kraft welcher ich einige Aufkl\u00e4rungen hoffe, die ich vergeblich  bei andern gesucht habe; denn was die schmeichelhafte Vorstellung  anlangt, die man sich macht, da\u00df man durch gr\u00f6\u00dfere Scharfsinnigkeit es  besser als andre treffen werde, so versteht man wohl, da\u00df jederzeit alle  so geredet haben, die uns aus einem fremden Irrtum in den ihrigen haben  ziehen wollen. (Kant, 1763, <em>Der einzig m\u00f6gliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseyns Gottes<\/em>)<\/p><\/blockquote>\n<p>Wenn mich jemand fragt: &#8220;Was meinst du, was strukturiert unsere Welt?&#8221; dann w\u00fcrden mir, das wurde schon deutlich, als erstes die Auswirkungen der Informatik auf unser Zusammenleben einfallen. Man k\u00f6nnte einwenden, dass das ein besonderes Interesse von mir ist und dem w\u00fcrde ich zustimmen. Doch gleichzeitig vermute ich, dass man ohne die Ber\u00fccksichtigung von Erfahrungen, die man beim Benutzen und Entwickeln von Software macht, heute nicht Ontologie betreiben kann, wenn Ontologie sich darum bem\u00fcht, \u00a0allgemeine Strukturierungen unserer Welt sichtbar und verst\u00e4ndlich zu machen. Beobachtungen der Informatik k\u00f6nnen hilfreich sein beim Aktualisieren von ontologischen Problemstellungen. Da es sich bei der Informatik um ein lebendiges Themenfeld handelt, dem Personen im Alltag ausgesetzt sind und von dessen Ausgestaltung nicht unwichtige Teile unseres beruflichen und privaten Lebens abh\u00e4ngen, werden die Antworten anders ausfallen, zumindest in neuen Formulierungen.<\/p>\n<p>Vielleicht kann man auf \u00e4hnliche Weise die Relevanz der Mengentheorie f\u00fcr Ontologie argumentieren. Man kann au\u00dferdem Zusammenh\u00e4nge zwischen Mengentheorie und Informatik finden und herstellen. Insofern lese ich &#8220;Sein und Ereignis&#8221; von Alain Badiou bisher mit Interesse. Abwechselnd werden mengentheoretische sowie durch Re-Lekt\u00fcre traditioneller ontologischer Texte angeregte \u00dcberlegungen pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>Die sechste Meditation ist dem Thema der Leere gewidmet. Durch Lekt\u00fcre von Aristoteles soll eine Abgrenzung zu experimentellen T\u00e4tigkeiten \u00fcber das Vakuum erreicht werden. Was Physik f\u00fcr die ontologische Situation ist, wei\u00df Aristoteles. Dann aber wendet sich Badiou von Aristoteles ab und m\u00f6chte zeigen, dass die Leere die Vern\u00e4hung einer Situation mit &#8216;ihrem&#8217; Sein ist, ein unlokalisierbarer (unsituierter) Punkt. Sie ist zwar Widersinn (Unort), aber sie ist als ontologisches Konzept nicht zu ignorieren, da sie allein zeigt dass das\u00a0<em>was<\/em> sich pr\u00e4sentiert in der Situation als \u00dcberschuss herumirrt.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/badiou.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-944\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/badiou-278x300.jpg\" alt=\"\" width=\"278\" height=\"300\" \/><\/a><\/p>\n<p>Es klingt ein wenig subversiv und ich habe eine Sympathie daf\u00fcr. Aber was das in Situationen bedeutet: &#8220;Das was sich pr\u00e4sentiert, irrt als \u00dcberschuss umher&#8221; &#8211; das bleibt noch offen. Es geht ja letzlich um Situationen, die wir erleben, in dessen Rahmen wir unsere Freiheit und Beschr\u00e4nktheit erfahren, in denen wir handeln und hinnehmen, in denen wir sprechen, schreiben, zuh\u00f6ren, lesen, arbeiten. Man muss vorsichtig sein, worauf man sich einl\u00e4sst, wenn man Wendungen, die gut klingen, akzeptiert. Zumindest wenn man sie akzeptiert als Grundlagen aller Situationen.<\/p>\n<p>Das sechs Meditationen umfassende erste Kapitel von &#8220;Sein und Ereignis&#8221; kann ich zun\u00e4chst als Philosophie der Mengenlehre lesen. Das ist Badiou zu wenig. Das ganze Werk erhebt den Anspruch, ein Begriffssystem zu entwickeln, mit der man die Zeit, in der wir leben, verstehen kann und das eine gewisse Orientierung gibt bei dem, was uns heute alles begegnet.<\/p>\n<p>Wenn aber die Gegenwart irgend einen Wert hat f\u00fcr eine ontologische Situation, dessen Pr\u00e4sentation sich jeweils sachgem\u00e4\u00df aktualisiert &#8211; im Anschluss und im Unterschied zur Tradition &#8211; m\u00f6chte ich das, was mir begegnet mit dem vergleichen, was man in dem Werk lesen und diskutieren kann (eine Beschreibung von Situationen und ihre \u00dcbersch\u00fcsse). Manchmmal helfen allt\u00e4gliche Beobachtungen, um Verwechslungen zwischen Idealvorstellungen einer Welt und dem, was sich tats\u00e4chlich abspielt, zu finden. Gerade auf dem gef\u00e4hrlichem Terrain der Ontologie ist das von gro\u00dfer Bedeutung. Ich bin durchaus daf\u00fcr, die Anwendbarkeit der Mengentheorie auf die Welt zu pr\u00fcfen und sehe ein, dass man sich nicht immer mit Partikularit\u00e4ten besch\u00e4ftigen kann, wenn man universale Anspr\u00fcche hat. Testf\u00e4lle k\u00f6nnen aber nicht schaden.<\/p>\n<p>Im kommenden Blog-Eintrag werde ich mich mit Verwendungsweisen des Schl\u00fcsselworts Void in der Informatik auseinander setzen: Der Datentyp Void, der Void Pointer und der NULL-Wert in Datenbanken. F\u00fcr mich dient es zum besseren Verst\u00e4ndnis dessen, wo und wie die Themenstellung der Leere gegenw\u00e4rtig auftritt. Vielleicht wird mir dabei klarer, wie man die Einf\u00fchrung dieses Terms in &#8216;Sein und Ereignis&#8217;, die sich an Aristoteles Physik einerseits und dem Leermengenaxiom andererseits anschlie\u00dft, verstehen kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\ufeff\ufeff\ufeff\ufeff\ufeffDie idealen Sprachen sind mancherorts zu einem komplexen Geflecht von Grammatiken, Konventionen und Spezifikationen geworden. Versionierungen von Befehlss\u00e4tzen sowie Normen zur Repr\u00e4sentation von Zahlen sind nur zwei Beispiele. Man kann die (teils disruptive) Evolution von Architekturen nachvollziehen, die parallel verwendet und weiterentwickelt werden. 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