“Alternative Fakten” und Bruno Latour

trumpobama

Es wurde behauptet, dass es sich bei Donald Trumps Inaugurationsfeier um die größte Feier dieser Art gehandelt hat. Dagegen spricht das Foto, das zeigt, dass Obamas Publikum bei der Inaugurationsfeier wesentlich zahlreicher war als Trumps Publikum. Wie steht es nun um die Fakten? In diesem Eintrag soll der Versuch gemacht werden, diese Frage mit Bruno Latour, speziell seiner Ansicht zur “Kritik”, zu beantworten.


Sean Spicer, der Pressesprecher des White House hat kurz nach Trumps Inaugurationsfeier behauptet: “This was the largest audience ever to witness an inauguration, period, both in person and around the globe.” Nun kann man die Anzahl der Zuschauerinnen vor Ort messen, indem man Aufnahmen aus der Vogelperspektive vergleicht, die bei den Inaugurationsfeiern jeweils von Trump und von Obama gemacht wurden und sieht, dass Obamas Publikum wesentlich größer ist. Die “alternativen Fakten” besagen etwas anderes, nämlich dass es nicht so sehr darum gehe, was gesehen, sondern was emotional empfunden werde. “Die Welt besteht aus mehr als nur objekiven Fakten!” Gerade im Zuge einer Inaugurationsfeier sei es doch gewiss zulässig, dass man es nicht so genau nimmt, sondern sich treiben lässt vom Gefühl. Die Inaugurtionstorte, um die Argumentation an weiteren Beispielen zu illustrieren, ist ja auch zum überwiegenden Teil aus Styropor gewesen und man kann trotzdem “Torte” dazu sagen, ebenso wie man nicht so taktlos sein sollte, seinen Kindern in der Mall zu sagen, dass unter dem Bart des Weihnachtsmannes vielleicht eine prekäre Existenz steckt, wenn diese sich so sehr über Santa freuen. Auf dieser Grundlage kann der Spieß dann umgedreht werden, etwa indem man dem fragenden Reporter vorwirft, dass er die “wahren Fakten” nicht sieht.

Es ist durchaus denkbar, dass der Journalist entgegnet: “Aber, Fakten sind doch Fakten! Wir können nur über eine Form von Fakten sprechen und die sind nicht vereinbar mit Diskussionen; Tatsachen verhindern jede Diskussion im Vorhinein und wo diskutiert werden kann, handelt es sich (noch) nicht um Tatsachen.” Doch dieser aufklärerisch-kritischen Haltung des Reporters sei, so meint Bruno Latour, die Luft ausgegangen.

Die kritische Haltung der Wissenschaften, die lange Zeit dafür kämpften, (z. B. religiöse) Vorstellungen zu entkräften, stellt der Autor folgendermaßen dar:

“Wenn der naive Gläubige sich an seine Objekte klammert und behauptet, es seien seine Götter, seine Poese, seine Lieblingsobjekte, die ihn zum Handeln veranlaßten, dann kann man aus all diesen Bindungen Fetische machen und den Gläubigen demütigen, indem man zeigt, daß es sich um nichts handelt als um seine eigene Projektion, die Sie und nur Sie sehen können. Sobald aber der naive Gläubige etwas Mut zum Glauben an seine eigene Wichtigkeit, an seine eigene projektive Kapazität hat, verpasst Sie ihm einen weiteren Aufwärtshaken und demütigen ihn erneut, diesmal, indem Sie zeigen, daß sein ganzes Verhalten, was immer er denkt, durch die Tätigkeit mächtiger, ihm unbekannter Kausalitäten determiniert ist, die allein Sie der niemals ruhende Kritiker, sehen können.” (Latour 2007 38ff)

Der Tonfall, in dem diese Beschreibung vorgenommen wird, ist streng und polemisch. Naturwissenschaftler/innen würden sich wohl in dieser Darstellung ihrer Tätigkeit nicht wiederfinden und würden vielleicht annehmen, dass hier ein Dekonstruktivist am Werke ist, der die “zwei Kulturen” mehr auseinandertreiben als zusammenbringen will. Und doch, so wissen Latours Leser, setzt der Franzose sich genau umgekehrt sehr für einen Austausch besonders zwischen Naturwissenschaft (das Themengebiet, mit dem er sich am Anfang seiner Karriere vorwiegend beschäftigte) und den Sozialwissenschaften (der Bereich, den er in seinen späteren Werken immer mehr zu seinem Hauptanliegen gemacht hat) unter dem die beiden überspannenden Bereich der Politik (den Worten des Autors nach versteht er sich eher als politischer Philosoph als als Metaphysiker (Latour et al. 2011 30)) ein. Was soll also dieser polemische Tonfall? Vielmehr als das Anliegen des Autors, sich gegen diejenigen zu richten, die Fetische und Tatsachen streng getrennt sehen wollen, ist für die Wortwahl der genannten Textstelle die Überzeugung verantwortlich, dass die Methode der Kritik “über unklar gezogene Grenzen geschmuggelt wurde und der falschen Partei in die Hände geriet” (Latour 2007 16). Latours angriffige Beschreibung richtet sich also nicht gegen die Naturwissenschaften, sondern gegen diejenigen, die sich die Strategie der Kritik zu eigen gemacht haben, womit nicht nur die rationalen Wissenschaftsvorstellungen, sondern auch diejenigen gemeint sind, die durch diese kiritsiert werden. Die Grenze zwischen Natur- und Sozialwissenschaften wird hier um neunzig Grad gedreht und die neue Grenze verläuft zwischen denen, die noch (affirmativ oder negierend) auf Tatsachen pochen und denen, die diese, der Meinung des Autors nach, überkommene Strategie (zugunsten einer politischen Perspektive) verwerfen.

Als Beispiel gibt Latour die Strategie der Klimawandelskeptiker. Welche Mittel diese zur Verfügung haben, um eine solch kuriose Drehung notwendig zu machen, bringt der Begriff “brownlash” (vgl. Ehrlich et al. 1996) zutage. Dabei handelt es sich kurz gesagt um eine Strategie, durch den Hinweis auf die Konstruiertheit von Fakten möglichst lange Kontroversen geöffnet zu halten, deren Schließung zu ungewollten (etwa ökonomieschädigenden) Konsequenzen führt. Latour schließt aus dieser Umkehrung:

“Die Gefahr läge dann nicht mehr in einem exzessiven Vertrauen auf ideologische Argumente, die sich als Tatsachen ausgeben – Argumente der Art, wie wir sie so wirksam zu bekämpfen gelernt haben – sondern in einem exzessiven Mißtrauen in solide Tatsachen, die man als ideologische Vorurteile ausgibt.” (Latour 2007 10)

Umgemünzt auf die Trump-Affäre: Müssen Reporterinnen, die gewohnt sind, Fakten hinter Fiktionen aufzudecken, nun umgekehrt ihre eigene Unbefangenheit, ihre gute Intention, ihre Objektivität beweisen, um ihr investigatives Anliegen schlagend machen zu können, ähnlich wie Wissenschaftlerinnen, die es gewohnt waren, (z. B. religiöse) Vorstellungen niederzureißen, indem sie überprüfbare Tatsachen entdeckten, sich nunmehr dafür rechtfertigen müssen, worin überhaupt ihre Autorität in Sachen Fakten besteht, weil diese von ihnen nicht entdeckt wurden, sondern vielmehr als konstruiert, regulativ und notwendigerweise unvollständig gelten?

Für Latour resultiert aus dieser Frage die Notwendigkeit, früher brauchbare Konzepte der Kritik zu prüfen und diejenigen Strategien zu ersetzen, die von “demselben Entlarvungs-Impetus aufgezehrt worden waren”, mit dessen Hilfe die wissenschaftliche Kritik operiert. Im Speziellen meint Latour hier die Strategie, Tatsachen als ahistorisch, universell gültig und apolitisch anzusehen, wogegen er vorbringt, dass Tatsachen (matters of fact) im Endeffekt immer eine “Wiedergabe” von Dingen von Belang (mattters of concern) sind (Latour 2007 21). Der Vorschlag ist also, die Sachlage umzudrehen und sich selbst und damit dem Gegner ins Lee zu bringen, indem die Ansprüche der Wissenschaft ins Politische verlagert werden, dem Gegner die Grundlage für seine Kritik zu nehmen, indem man ihn auf dieselbe Basis stellt, auf der man selbst steht.

Für die Wissenschaft würde das die Notwendigkeit bedeuten, “über das Objekt von Wissenschaft und Technologie, den Gegenstand, zu sprechen, als ob er die reichen und komplizierten Qualitäten des vielgerühmten Dings [bei Heidegger] hätte” (Latour 2007 25ff). Bezogen auf die Klimawandeldebatte verspricht sich Latour, dass die eben beschriebene Strategie dazu führen werde, dass sich Tatsachen stabilisieren, solange bis “die Black Box der Wissenschaft verschlossen [bleibt]” (Latour 2007 44) und aufgrund einer “gewissen Solidarität” (ebd. 45) gegen die Kritik der Gegner gewappnet sei, was eine im Rahmen der Science and Technology Studies durchaus vertretbare These darstellt. Für die Politik schlägt Latour vor, dass die von ihm gewünschte Strategie dazu führe, den Gegner “das Leben schwerer” zu machen, indem sie dazu gezwungen werden, “ihre Argumentation bis zum bitteren Ende zu entfalten” (Latour 2005 27).

Der Vorschlag Latours, die Wissenschaft zu schwächen, um sie zu stärken, wirkt bedenklich und ebenso der Vorschlag, bloß die Argumentation hinreichend zu artikulieren (womit bei Latour nicht nur Rhetorik gemeint ist, sondern das Einbringen von Dingen von Belang). Es läuft auf Fakten hinaus, die einerseits sehr sensiblel für die Vernetzungen sind, dafür aber blind für ideologische, etwa moralische, Überzeugungen: Bestünde die Möglichkeit, alle durch Technologien gewährleisteten Möglichkeiten zur Teilnahme an Trumps Inauguration, in welcher Form der Konsumption von Informationen darüber auch immer, aufzusummieren, stellte sich vielleicht wirklich heraus, dass es die größte (medienwirksamste, meistverfolgte, am meisten mit Aufmerksamkeit versehene) Inaugurationsfeier aller Zeiten war; ob gewisse Ideologien eine solche Zusage für unvertretbar und gefährlich ansehen oder nicht. Andererseits sind diese Fakten wohlwollend gegenüber Ideologien und dadurch gefährdet, ihre eigene Fakzitität zu verlieren, wenn es – bezogen auf den Anspruch Latours, den Gegenstand im Sinne von Heideggers Dings (und dem damit verbundenen Geviert) zu sehen – in die Faktenlage mitaufgenommen werden muss, wenn der ehemalige US-Präsident G. W. Bush bei der Trauerfeier anlässlich des Absturzes des Columbia-Shuttles sagt:

“´Die Besatzung des Columbia-Shuttle kehrte nicht heil zur Erde zurück; aber wir können beten, daß sie alle heil nach Hause gekommen snd.´ Als ob kein Shuttle jemals bloß in den Weltraum, sondern immer auch in den Himmel flöge.” (Latour 2007 29)

Auch wenn diejengien, die sich mit dem Tathergang des Absturzes beschäftigen, schwertun werden, diese Aspekte in ihre Arbeit mit einzubeziehen. Latour spicht in einem neueren sehr kurzen Text über Trump und die durch ihn entstehenden “two bubbles of unrealism” (Latour 2016 2), die als Beispiel für diese Strategie der Widerspiegelung dienen können: eine Grenzen auflösende und gleichzeitig erzeugende und eine, die Grenzen hochzieht, die nicht mehr helfen können.

Wohin führt aber der Vorschlag Latours? Die Trump-Debatte, die oben angesprochen wurde, betreffend wissen wir bisher nur, dass eine Art Spiegelung der Strategien stattfindet: Die Trumpgegner werfen den Trumpanhängern vor, bloßen Fetischismus zu betreiben und lassen den Hammer von Fakten niedersausen. Die Trumpanhänger werfen den Trumpgegnern Vorurteile der Medien (die Trump fetischisieren) gegen ihren legitim gewählten Präsidenten vor und bringen “alternative Fakten” vor, die als netzwerkartige oder politisch-idealistische auftreten können und dafür sorgen, dass sich die Sozietät, im Sinne des Vorschlags von Latour, stabilisiert.

Um dagegen vorzugehen empfiehlt Latour: “Der Kritiker ist nicht derjenige, der entlarvt, sondern der, der versammelt.” (Latour 2007 55) Um die Bildung der beiden Blasen zu vermeiden, müssen ihre Inhalte sich vermengen. Das ist prinzipiell eine wohlgemeinte Lösung, aber es bleibt ein schales Gefühl im Mund zurück, wenn man das geagt hat. Es ist das eine, anzuerkennen, dass nicht-wissenschaftliche Faktoren, etwa ökonomische, an der Produktion von Fakten beteiligt sind (dagegen hätte selbst Alan Sokal, einer der größten Kritiker Latours, nichts), aber es ist etwas ganz anderes, diese Faktoren als Grundlage für die Produktion dieser Fakten mit einzubeziehen und zwar in einem solchen Maße, dass die dabei produzierten Tatsachen immer wieder auf ihre Rolle als Dinge von Belang zurückgeworfen werden können (wohlgemerkt bei Latour nicht durch soziale, sondern durch sozio-technische Konstruktionen), also ihre universelle Aussagekraft verlieren. Ganz ähnlich ist es das eine, gewisse Vorstellungen (etwa, dass die Columbia-Besatzung in den Himmel gekommen ist) in die in der politischen Öffentlichkeit stattfindenden Verhandlungen um Sachverhalte mit einzubeziehen, aber etwas ganz anderes, diese zur Grundlage von politischen Entscheidungen zu machen. In beiden Fällen werden die Kontroversen und Verwirrungen nur vermehrt, anstatt vermindert.

Der Latourleser weiß, dass dem Autor diese Konsequenz wohlbekannt ist. Trotzdem kann diese Stärkung-durch-Schwächung-Strategie als ein Haupmotiv Latours gesehen werden. Es ist allerdings bedenklich, dass die Strategie, die darin besteht, eine generelle Vermischtheit zu attestieren und damit die Positionen austauschbar zu machen, um daraufhin zu behaupten, dass es genügt, alle vorgebrachten Artikulationen zu versammeln, damit sich Fakten (die der reinen Faktizität entwischen, weil sie immer wieder zu Dingen von Belang werden können) ergeben, die überzeugen, egal von welcher Position aus man sie betrachtet, denn dann lässt sich die von Latour eher ermutigend gemeinte Frage gegen den Autor selbst richten: “Warum können wir nie dieselbe Härte, denselben soliden Realismus erkennen, wenn wir die offenkundig gewebeartigen, ´dinghaften´ Qualitäten der matters of concern zutage fördern?” (Latour 2007 35) Ja, warum können wir es nicht, auch wenn wir es versuchen?

Es scheint, als seien diejenigen, die sich vornehmen zu entscheiden, ob es sich bei Trumps Inaugurationsfeier um die größte – im netzwerkartigen oder ideologischen Sinn –  Feier dieser Art handelte, wenn sie Latours vorgeschlagene Strategie verwenden, bei der Beantwortung der Frage immer wieder darauf verwiesen, neue Dinge von Belang in Betracht zu ziehen, bevor sie die Antwort geben können. Das bedeutet nicht unbedingt, dass sich jede/r im Sinne eines “anything goes” denken kann, was sie/er will. Aber es bedeutet, dass Kontroversen länger offen gehalten werden können als nötig, was genau der Strategie entspricht, gegen die Latour sich einsetzen will. Und auch wenn Latour davon spricht,  es sei notwendig zu verhindern, dass “gefährlich Extremisten sich auf eben dieses Argument der sozialen Konstruiertheit berufen, um mühsam gewonnene Beweise, die unser Leben retten könnten [Hvhg. bg], zu vernichten” (Latour 2007 11), er sozusagen einen Schutzmechanismus fordert, ist schwer ersichtlich, wie diese geforderten Beweise überhaupt gewonnen werden konnten.

Einerseits scheint der “diplomatische” Weg, den Latour vorschlägt, gangbar, denn er steht für Entschleunigung, Vermischung und eine überraschend erfrischende Überzeugung, dass es einen Ausweg aus den Krisen der Gesellschaft gibt. Andererseits stellt der Autor der Entschleunigung einen “Instant-Revisionismus” (Latour 2007 13) zur Seite und belädt sie mit der unüberschaubaren Fülle der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, oder “Zeit des Gleichzeitigen” (Latour 2005 74), wie der Autor es ausdrückt, ermöglicht durch die Auswechselbarkeit der kritischen Positionen in der Vermischung die künstliche Offenhaltung von Kontroversen und lässt diejenigen, die nach dem Ausweg suchen, immer einen Schritt zur Seite gehen anstatt nach vorne.

Jede/r Leser/in muss nun selbst entscheiden, ob diese Hoffnung, die Latour verspricht, in Pandoras Büchse war, um die Krisen abzumildern, oder ob sie sich zu recht und als Teil des Problems darin befand. Dem am Anfang angesprochenen Journalisten, der fragt, was denn nun mit den Fakten sei, würde die eben vorgenommene Antwort, die hier im Sinne Latours zu geben versucht wurde, wohl nicht befriedigt zurücklassen. Und was ist mit dem “brownlash”? Wie werden mit Latour Tatsachen gewonnen, die stabil genug sind, um den Abrisswerkzeugen der Gegner standzuhalten? Nachdem die Konstruiertheit der Fakten angenommen wird, hat Latours Ansatz den Vorteil, dass sich darum bemüht wird, gut konstruierte Fakten zu produzieren, die tatsächlich stabil wirken. Allerdings kommen die konstruierten Fakten niemals an die ultimative Stabilität heran, die Tatsachen nun einmal inhärent sein muss, damit sie Kontroversen (zumindest partiell) schließen können, um daraufhin Initiativen in die Wege zu leiten, die nicht bei ihrer Implementierung stecken bleiben.

Abschließend: Und doch bleibt der Gedanke lebendig, dass sich die Welt immer mehr dem angleichen könnte, was Latour über sie sagt. Auch wenn seine Ansätze (etwa seine Meinung zu wissenschaftlicher Kritik, die wohl nur wenige der damit Vorgestellten wirklich teilen wollen) Widerwillen erzeugen, kann es sein, dass sich die Umstände immer mehr ins Raster dieser Ansätze verschieben, wovon die Präsidentschaft Trumps, über die man, aber auch für und gegen die man gleichermaßen mit Latour in gewissem Sinne sprechen kann, zu zeugen scheint. Denn durch die Spiegelung der Positionen, die Latour beschreibt, lässt sich dessen Vorgehen besser nachvollziehen und verstehen als mit den “alten” kritischen Ansätzen (natürlich nicht, weil Latour ein Befürworter Trumps wäre, er sieht ihn kritisch (Latour 2016), aber eben seinem eigenen Konzept der Kritik gemäß). Auch wenn also fraglich ist, ob Latour eine Lösung anbieten kann, ist doch gewiss, dass sein Ansatz eine Strategie darstellt, die zumindest daran interessiert ist, alte Bunker abzuklopfen und wo nötig, der Kritik neuere Werkzeuge zur Verfügung zu stellen, als die, die mittlerweile ihre Wirkungskraft verloren haben, weil sie sich gegenseitig zu zerlegen scheinen, ohne dass, zumindest der Meinung des Verfassers dieses Eintrags nach, ein Sieg der Rationalität in Kürze zu erwarten wäre.

 

Ehrlich, Paul R./Ehrlich, Anne H. (1998) – Betrayal of Science and Reason: How Anti-Environment Rhetoric Threatens Our Future; Island Press; Waschington

Latour, Bruno (2007) – Elend der Kritik: Vom Krieg um Fakten zu Dingen von Belang; Übers.: Heinz Jatho; diaphanse; Zürich/Berlin

Latour, Bruno (2016) – “How not to be too mistaken about Trump?”; in: Le Monde, 12-13 November; http://www.bruno-latour.fr/sites/default/files/downloads/LEMONDE-12-11-16-GB_1.pdf (letzter Zugriff: 28. 01. 117)

Latour, Bruno (2005) – Von der Realpolitik zur Dingpolitik: Wie man Dinge öffentlich macht; Übers.: Gustov Roßler; Merve; Berlin

Latour, Bruno/Harman, Graham/Erdélyi, Peter (2011) – The Prince and the Wolf: Latour and Harman at the LSE; Zero Books; Winchester/Washington

 

 

bernd

4 thoughts on ““Alternative Fakten” und Bruno Latour

  1. Wie biegsam ist der Begriff “Tatsache”? Nehmen wir als einfacheres Beispiel den Richtungsbegriff “links”. Dann möchte man sagen, dass an einer rechtwinkeligen Straßenkreuzung ein Auto entweder von links oder von rechts kommt. In einem Gerichtsverfahren (von Belang) kann darüber nicht diskutiert werden. Also: Es ist eine Tatsache, dass der Fahrer A den Vorrang hatte.

    So geht es jedenfalls aus den Unterlagen zur Führerscheinprüfung hervor. Es gibt freilich auch einen Kreisverkehr. Da ist es eine Tatsache, dass das von links kommende Fahrzeug Vorrang hat, doch das ist kein Problem. Es handelt sich nur um ein anderes Regelsystem. Allerdings sieht man an dem Beispiel, dass die Unerschütterlichkeit von Tatsachen indexikalisch an Umstände gebunden sein kann.

    Ein nächster Schritt ist “links” im politischen Richtungsstreit. Ich muss nicht ausführen, dass man hier schnell den Boden der Eindeutigkeit verliert. Diese Verwendung des Prädikates ist nicht an den einfachen Vorgaben zu messen. Entsprechend “weich” sind die Kriterien, nach denen man die Qualifikation sachgerecht vornehmen kann. “Das ist eine linke Position” kann man nicht ähnlich kategorisch behaupten, wie die “Tatsache”, dass der von links kommende Fahrer Nachrang hat.

    Wittgenstein würde sagen: im 2.Fall handelt es sich um eine grammatische Aussage. Wir verstehen nicht, was wir sagen, wenn wir diese Behauptung nicht anerkennen. Sie gehört zu den Spielregeln.

    Das führt darauf, dass “Tatsache” einen empirischen und einen apriorischen Sinn haben kann. Was sich in unserer Umwelt ergibt, könnte auch anders (gewesen) sein. Andererseits kann sich etwas nur ergeben, wenn bestimmte – sollen wir Tatsachen sagen – festgehalten werden.

    Latour liebt Fabeln. Der Kommentar stellt ihm Sprachphilosophie zur Seite.

  2. Ein Weg von (dem späten) Wittgenstein zu Latour führt über die Ethnomethodologie. Michael Lynch, zusammen mit Autoren wie H. Garfinkel und H. Sacks einer der Hauptvertreter der Ethnomethodologie, sieht einen wichtigen Bezug zu Wittgenstein in dem Anspruch, nicht die Objektivität zu unterminieren (wie das Sozialkonstriktivisten wie Bloor vorgeworfen wird), sondern zu zeigen, wie Wissen objektiv sein kann, ohne dass behauptet wird, dass diese Objektivität ihm zugrunde liegen würde (vgl. Lynch in: Pickering 1992 228).

    Als Beispiel kann man an den Ausdruck “Hier!” denken. “Hier!” kann alles mögliche bedeuten und es reicht nicht, eine räumliche und zeitliche Konnotation zu geben (empirisch). Nichtsdestotrotz hat der Ausdruck eine stabile Anwendung in Konventionen (apriorisch). Garfinkel und Sacks (1970) beschäftigten sich mit der damit verbundenen Indexikalität und erweitern diese über die Analyse von spezifischen Klassen von Wörtern hinaus. Das heißt dass:

    “1. the work of doing accountably rational activities can be accomplished, and recognizably so, by participants in the activity without need for formulating this fact, and 2. that there is no room in the world to definitely propose formulations of activities, identifications, and contexts.[…] The formulation of a rule must itself be used in a certain manner, as a canon of correct use.” (Lynch in: Pickering 1992 235)

    Oder mit Garfinkel: “Formulations themselves are used as ´indexical expressions´, and in so using them, members routinely find that ´doing formulating´ is itself a source of ´complaints, faults, troubles and recommended remedies, essentially.” (Garfinkel/Sacks 1970 353). Hier kann eine “Konversationsanalyse” greifen.

    “The question of what one who is doing formulating is doing – which is a member´s question – is not solved by members obey consulting what the formulation proposes, but by engaging in pracitces that make up the essentiality contexted character of the action of formulation.” (Lynch in: Pickering 1992 237)

    Nicht als Aussagen im Rahmen von Wahrheitsdefinitionen, sondern als pragmatische Bewegungen in einer zeitlichen Anordnung von Handlungen. Zwei Hauptfragen werden gestellt:

    “1. How do ordinary activities exhibit regularity, order, standardization and particular cohort ondependence (i. e. ´rationality´) in advance of any formulation? 2. How, in any instance, do members see formulating as part of their activities?” (Lynch in: Pockering 1992 238)

    Es gibt keine prominente Position, von der aus alle Sachverhalte einer sozialen Struktur beobachtet werden könnten, “instead the best that can be done is to closely study the particular sites of particular inquiry where participants´ actions elucidate the grand themes (e. g., of rationality, agency, structure, and meaning) as part of the day´s work.” (Lynch in: Pickering 1992 238)

    Diese Herangehensweise wird auf die wissenschaftliche Erkenntnisproduktion angewendet.

    Zum “ethnomethodological horror” kommt es, wenn indexikalische Ausdrücke als von ihrer Bedeutung (in der Anwendung) unabhängige tokens verwendet werden. Mit Wittgenstein könnte man sagen, dass dann die Sprache “feiert” (PU §38). Dies lässt sich vermeiden, indem statt einer explanatorischen eine performativ-deskriptive Herangehensweise gewählt wird. Eine solche Herangehensweise kann zuerst die “weichen” und daraufhin die “härteren” Kriterien der Verwendung eines Ausdrucks (etwa: “links”, wie sie im Kommentar beschrieben wurden) zugänglich machen, ähnlich wie sie die Produktion von (Arte)Fakten in Laboren zugänglich macht. “There is no meaning waiting to be attached to it, and there is no discrete step to be taken fom sign to practice. Rather the sign already embedded in a practice, and meaning arises through the very placement of the sign in accordance with the grammar of the practice.” (Lynch in: Pickering 1992 289)

    Latours Herangehensweise an die Arbeit des “Laboranthropologen” ist der eben vorgestellten Herangehensweise ähnlich:

    “They have to therefore pretend not to understand and concentrate only on what they see with their own eyes in the laboratory. All in all, the task is to understand science and scientists´ activities by direct observation and without any presumptions as to what constitutes and explains scientific activity.” (Kuukkanen 2009 166)

    Fakten entstehen auf diese Art folgendermaßen bei Latour:

    “At the lowest level, ´fact´ has actually the status of an ´artefact´. Facts on this level are typically speculative statements or comprise connectures by individual scientists, and appear at the end on paper or in private discussions. Type 2 statements contain modalities that draw attention to the generality of available evidence in favour of or against the statements. Type 3 statements include specific references to the evidence for the statements. Modality has been removed from statements of type 4, but they contain references. Finally, statements of type 5 are ´facts´, because they are devoid of modalities and qualifications: they are straightforward statements of the state of affairs. What scientists trying to do, according to Latour, is to get their colleagues to drop the modalities from statements that they originated, which is to say that they try to make a statement more of a fact, and consequently, less of an artefact.” (Kuukkanen 2009 167; vgl.auch: Latour/Woolgar 1979 91ff)

    Am Ende steht eine Tatsache, eine black box, die für die Verwendung für andere verfügbar wird; der Realität wurde etwas hinzugefügt.

    Latour richtet sich, wie Wittgenstein, gegen die (realistische) Auffassung, Fakten seien von Menschen unabhängig und dienen zur Bestimmung der Richtigkeit und Falschheit von Aussagen. Der Autor richtet sich aber (, über Wittgenstein hinausgehend(?)) gegen eine sozialkonstruktivistische (relativistische) Auslegung seiner Position. Nicht nur menschliche Aspekte der Hervorbringung von Fakten sind seiner Meinung nach einzubeziehen, sondern auch nicht-menschliche. Latour ist der Meinung, dass über die Objektivität einer Tatsache nur innerhalb der Konvention eines Kollektivs entschieden werden kann, das bei Latour nicht nur sprachbegabte menschliche Wesen, sondern auch nicht-menschliche Aspekte umfasst. Dabei sprechen die nicht-menschlichen Entitäten nicht für sich selbst, sondern werden zum Sprechen gebracht; wobei sie auf ihre eigene Art Widerstand leisten, der in Sozietäten, die nur als aus Menschen bestehend angenommen werden, nicht in die Überlegungen einbezogen wird. Im Eintrag oben wurde von einer “gangbaren Methode für die Science and Technology Studies” gesprochen; die bis hier vorgelegten Bemerkungen weisen Latour als Vertreter der Ethnomethodologie aus und können als Erläuterungen für die oben aufgestellte Behauptung gesehen werden.

    Es ist mir wichtig festzuhalten, dass meine Kritik sich nicht gegen die analytische Methode, die Wittgensteins und Latours Ansprüchen und Denkweisen gleichermaßen zu charakterisieren scheint, richtet. Die Analyse, zum Beispiel der Produktion wissenschaftlicher Tatsachen, scheint als solche auf jeden Fall reizvoll zu sein, weil damit die Möglichkeit besteht zu gewährleisten, wie diese Tätigkeit “greift” und nicht “leer läuft” (siehe Wittgensteins “Friktionskupplung”; MS 115, 1). Und doch gibt es Vorbehalte in Bezug auf Latour (Wittgenstein zu kritisieren steht mir nicht zu, weil ich sein Werk nur oberflächlich kenne), die ich vorbringen möchte: Zum einen stellt sich die Frage, wie nützlich die (anthropologische) Vorgehensweise für Sachverhalte außerhalb der Wissenschaften ist und zum anderen stellt sich die Frage, ob Latours Nominalismus, sein Instantiismus, sein Aktualismus Probleme für seine Theorie verursachen,. besonders wenn es um die Definition der “Kollektive” geht.

    1. Latour macht keinen Hehl daraus, dass die “Laboranthropologin” keine Ahnung davon haben muss, was die von ihr beobachteten Wissenschaftlerinnen eigentlich tun. Latours Beobachterin geistert wie eine Hülle herum, ständig nur beobachtend und tritt einen Schritt zur Seite, wenn im Labor etwas unternommen wird. Kuukkanen wirft Latour vor, dass eine solche Herangehensweise nichts über das Glücken und Missglücken einer wissenschaftlichen Handlung sagen kann, weil es der Beobachterin nicht Erfolg und Misserfolg geht, sondern nur um die Vergrößerung oder Verkleinerung der einbezogenen Netzwerke. (Kuukkanen 2009 177) Problematisch daran sieht Kuukkanen:

    “First, one needs to give some account of why some networks extend while others fail. Second, if one attributes an explanatory role symmetrically to all kinds of actants to explain the asymmetrical state of networks, then one has to be ready to consider that role more specifically, including of what can be said of the properties and causal powers of the entities postulated.” (Kuukkanen 2009 179)

    Latour bietet in dem Text An Inquriy into Modes of Existence, der ein paar Jahre nach dem Text Kuukkanens erschienen ist, eine Antwort auf diese Frage: Das Glücken und Missglücken kann nur beobachtet werden, indem der “Modus der Existenz” der Wissenschaft mit einem anderen Modus (etwa den der Politik, Moral, Ökonomie, usw.) “überkreuzt” wird. Aus den durch diese Inbezugsetzung hervorgehenden Kontroversen ergebe sich ein Indikator für die Beurteilung der Ergebnisse. Man könnte sagen, dass diese Strategie im Bereich der Wissenschaft noch sinnvoll ist, aber sobald man den Bereich der Wissenschaft verlässt, entsteht der Eindruck sich, dass hier Kontroversen durch Hinzuziehung weiterer Kontroversen gelöst werden sollen – es wird abermals ein Schritt zur Seite gegangen. Mein Einwand ist, dass, zum Beispiel in Bezug auf Trump, das Hinzuziehen zusätzlicher Kontroversen weniger hilft als der Strategie Trumps eher zuspielt. Es mag in Ordnung sein, in Sachen Wissenschaft vor dem als Hülle vor dem “Fliegenglas” zu stehen, aber in Bezug auf Krisen, wie sie sich im Moment durch Trump ergeben, liegt ein gewisser Zynismus darin, bloß zu beschreiben. Noch dazu, weil Trump sich die Strategie der Lösung von Kontroversen durch das Einbringen weiterer Kontroversen zunutze macht, um diese eben nicht zu lösen (siehe: “brownlash”). Im Bereich der Wissenschaften selbst wird diese “Verneblungstaktik” Trumps nicht funktionieren, weil darin peinlich darauf geachtet wird, dass alle Schritte, alle Aspekte (so weit möglich), der gesamte Forschungsverlauf möglichst vereinfacht und reduziert (retrospektiv) nachverfolgbar gemacht wird (was sicher nicht vollkommen gewährleistet werden kann, aber trotzdem verlässlicher scheint als die “Aufzeichnungen”, die in anderen Bereichen vorgenommen werden). Je mehr diese “Blase” der Wissenschaft allerdings mit nicht-wissenschaftliche Belange gemischt wird, desto mehr verschwindet die Klarheit, um die sich Wissenschaftlerinnen so bemühen. Latour ebnet diesen Unterscheid zwischen dem Politischen und den Wissenschaften ein wenn er sagt, dass Diskussionen im Bereich der Wissenschaften und Diskussionen zum Beispiel im Alltag nicht grundsätzlich verschieden sind, nur “genauer und strenger”. Der Vergleich zwischen wissenschaftlichen Herangehensweisen und Trumps Ansichten zu “Tatsachen” zeigt aber, dass ein Unterschied notwendig scheint; etwa dass es essentiell für die Wissenschaften ist, (sich darauf einigermaßen verlassen zu können) Regeln “blind” (PU 219) zu folgen, um nicht in einen Regress das Aufstellens von Regeln zur Erklärung von Regeln zu geraten (was mit Latour möglich zu werden scheint); im politischen Bereich, scheint auch eine gewisse “Blindheit” (etwa um der Verneblungsstrategie Trumps zu entgehen) notwendig zu sein, aber diese scheint mir eben nicht mit der “Blindheit” der Regelbefolgung der Wissenschaften vergleichbar. Die “Blase” der Wissenschaften stellt so eine Art Schutzmechanismus dar, der aufgegeben wird, sobald politische, moralische, ökonomische, usw. Aspekte einbezogen werden, die, das zeigt Trump, das Vertrauen nicht in wissenschaftliche Ergebnisse, sondern in die Institution Wissenschaft überhaupt unterminieren. Denn dann ergibt sich eben das Problem, dass Kontroversen länger aufrecht erhalten werden können als nötig.

    2. Daniel Falb charakterisiert Latours als Aktualist, indem er zwei Aspkete der Konzeption der “Kollektive” des Autors hervorhebt:

    “Kollektivitäten sind Choreographien oder Ordnungen der Wiederholung von Interaktionen und Replikationen. In diesem Sinne sind sie Prozessobjekte. Sie existieren irreduzibel in der Dauer ihrer Performanz und fallen mit dieser Performanz exakt zusammen […], die aber getragen wird von Prozessoren (Potentialitäten, Möglichkeitsräumen) und erfahrungsgemäß kontrahiert, per Kontraktion in die Gegenwart eines Beobachters eingebracht werden kann [siehe: die “Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen” = Aktualismus; bg].” (Falb 2015 373)

    und weiters:

    “Die Begriffe des Milieus oder Kontexts (bzw. “Rahmens”) sind hingegen so zu verstehen, dass sie zu erfassen suchen, in welcher Weise einzelnen Akteuren die Wiederholungsordnung bzw. das Netzwerk wiederholter Interaktion erscheint, die sie selbst mitkonstruieren und das ihre ´innere Umwelt´ im Sinne Durkheims [“Das ´innere soziale Milieu´ einer Gesellschaft ist ihre ´innere Umwelt´; seine ´Konstitution´ bezeichent die Art und Weise, wie die gesellschaftsbildenden Elemente gemäß der Form ihrer Assoziation einander Umwelt sind.” (Falb 2015 362; Einf.: bg)] ausmacht. […] Insgesamt lässt sich feststellen, dass Kollektivitäten Prozessobjekte sind, und dass Prozessobjekte Realobjekte sind, deren Existenz aber keine aktuelle ist, in keiner Aktualität aufgeht. Ihre Anerkennung als Realobjekte erfordert somit die Dissoziation von Existenz und Aktualität.” (Falb 2015 374)

    Latour geht es aber eben darum, Prozesse in Kollektiven so darzustellen, dass die Kontinuität in diesen Prozessen niemals verloren geht. Latour bemüht sich darum, Prozesse, also per se nicht-aktualistische Sachverhalte, aktualistisch zu fassen. Aber, so Falb, “indem diese Objekte Prozessobjekte sind, ist man gezwungen, von der Aktualität in die Dauer zu ´springen´, in der allein sie als Realobjekte existieren. Diesen Sprung verweigert Latour.” (Falb 2015 376) Zum Beispiel indem er ablehnt, dass sich individuelle Akteure in einer Sozietät befinden, die eben unabhängig ist von den sie konstituierenden Performativitäten. Es ist berechtigt darauf zu insistieren, dass es in keinnem Moment so etwas wie “die Gesellschaft” gibt, aber nur, weil “Gesellschaft” einen Prozess darstellt, der sich eben nicht instantiistisch darstellen lässt. (Eine Frage, die ich mir zu beantworten nicht zutraue ist, ob das “Apriorische” Wittgensteins, wie es im Kommentar beschrieben wurde, Prozesse integrieren kann, weil die “Konventionen”, auch wenn sie wohl eindeutig einen “flüchtigeren” Charakter haben als der Ausdruck “Gesellschaft” (was Latours Anliegen entspricht), aber doch die Prozessualität besser “festhalten” können.)

    Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass Latour seine Behauptung, es gäbe nichts Apriorisches, darauf stützt, dass zugrundeliegende Ordnungen ins Nichts verpuffen, wenn es zu Komplikationen, Unfällen, Unterbrechungen von Abläufen, usw. kommt, denn damit sagt er nur, dass kein Prozessobjekt existiert, wenn der Prozess unterbochen wird und schließt daraus, der Meinung Falbs nach, fälschlicherweise, dass es das Apriorische gar nicht gegen kann. Das Argument lautet dann schlichtweg, dass es das Apriorische (als Prozessobjekt) nicht gibt, wenn das Apriorische durch Komplikationen, die Dauer durch eine Unterbrechung, ausgesetzt wird. Man kann nicht darüber reden, wenn es sich zeigt, denn dann existiert es nicht mehr, sondern nur, wenn es sich nicht zeigt, denn dann weiß man, dass es da sein muss.

    Die Trivialität des nur-untersuchen-Könnens-was-man-eh-schon-weiß ist, so möchte ich behaupten, ganz im Sinne Latours (und auch Wittgensteins?) und dass dieses Vorgehen nirgends hin führt, ist für den im Labor herumgeisternden Latour wenig relevant. Ganz anders schaut es dagegen, und das zeigt das Vorgehen Trumps, in der Politik aus, denn da gilt es als schlechter Stil, wenn man die Verantwortung für Konsequenzen von sich und auf die Umstände, die es zu untersuchen gilt, schiebt, indem man zur Seite geht, oder wenn man Behauptungen, die Konsequenzen zeitigen können, mit einer ebenso lapidaren Geste abtut. Die “Blindheit”, mit der, nach Wittgensteins Meinung, das Regelbefolgen verbunden ist, gibt es bei Latour nicht und deswegen gibt es bei Latour auch kein Prozessobjekt, das diese “Blindheit” erst in die Existenz bringt. Auf der einen Seite will Latour alte Bunker abklopfen, auf der anderen Seite entgeht dem Autor, dass man gewisse Bunker “übersehen” muss, um zum Beispiel das Vertrauen in die Institution der Wissenschaft selbst nicht zu verlieren. Latour spricht in An Inquriy into Modes of Existence, genauso wie in dem oben im Beitrag zum Elend der Kritik von der Notwendigkeit, das Vertrauen in gewisse Institutionen und Tatsachen aufrecht zu erhalten/wieder zu gewinnen, aber es bleibt meiner Meinung nach fraglich, ob die Herangehensweise des Autors dafür geeignet ist.

    Literatur:

    Falb, Daniel (2015) – Kollektivitäten, Population und Netzwerk als Figurationen der Vielheit (Kultur und Kollektiv); Transcript; Bielefeld

    Garfinkel, Harold/Sacks, Harvey (1970) – On Formal Structures of Practical Actions; in: McKinney, J. D./Tirylakian, E. A. [Hrsg.] – Theoretical Sociology; Appleton Century Crofts; New York

    Kuukkanen, Jouni-Matti (2009) – Demystification of early Latour; in: Francois, K/Löwe, B./Müller, T./Van Kerkhove, B. [Hrsg.] – Foundations of the Formal Sciences VII: Bringing together Philosophy and Sociology of Science; Instituut voor Wijsbegeerte; Universiteit Leiden

    Latour, B./Woolgar, S. (1979) – Laboratory Life: The Construction of Scientific Facts; Princeton University Press; Princeton

    Pickering, Andrew (1992) – Science as Practice and Culture; Universit yof Chicago Press; Chicago

    1. “das Apriorische als Prozessobjekt”

      Zwei unterschiedliche Fragestellungen “bewerben” sich um diese Formulierung.

      1. “a priori” ist eine Zeitbestimmung und zwar die Entrückung eines Umstands aus der Zeit der diskursiven Betrachtung. Von dieser Betrachtung her gesehen ist die Formulierung ein Oxymoron.
      2. Dagegen steht, dass auch als “a priori” gekennzeichnete Umstände geworden sind. Das ist die historisch-ethnologisch-relativistische Kontextualisierung der fixen Vorannahmen.

      Für die Position (1) ist die Formulierung “Prozessobjekt” ein kluger Schachzug, um die Vorteile beider Seiten des Konflikts zu genießen. Es ist bequem, von etwas reden zu können, das – je nach Bedarf – eine Konstante und eine Variable ist. Wir tun das ständig, wenn wir von Entwicklungen sprechen. Es ist ein und dasselbe Fußballspiel, in dem es 0:1 und 6:1 steht. Heikel wird es, wenn ein Streit darüber entsteht, ob ein Tor in der 96.Minute noch zum Match gehört. Die Momente vor und nach dem Spiel unterscheiden sich davon, ob der Ball die Torlinie überschritten hat oder nicht. Ein Kriterium dafür, dass Kontroversen sich zu lange hinziehen, könnte man a priori nennen. (Und natürlich kann man bei Bedarf “endlos diskutieren”.)

      1. Legen wir die Problemstellung des Handwerkers bei Aristoteles auf die eben vorgestellte Sportsituation um. Wenn die Spieler in der Halbzeitpause in die Kabine gehen, sind sie dann noch Spieler? Aristoteles würde sagen: ja, weil sie das Potential besitzen, Spieler zu sein. Für Latour (der mit Aristoteles darin übereinstimmt, dass es nur Einzelwesen gibt) gibt es kein Potential, denn bei ihm ist alles aktual (womit Latour den Aristotelischen Ansatz extrem radikalisiert). Das bedeutet aber nicht, dass Latour die Frage nach dem Spielerhaftigkeit des Spielers verneinen muss. Latour beantwortet die Frage, indem er auf die Aspekte hinweist, die den Spieler zu einem Spieler machen, also die relevanten Aspekte der Institutionen, die ihm dieses Prädikat verleihen. Diese Institutionen existieren nicht in potentiam, sondern müssen immer gegenwärtig und im Bedarfsfall referenzierbar sein, weil ansonsten die Zuschreibung: “Spieler” verlorengeht.

        Am augenscheinlichsten gehören zu diesen Aspekten der Fußball, eine anerkannte Vereinigung, die dafür, dass es sich um ein Fußballspel handelt, bürgt und ein Regelsystem vorschreibt, die Finanzierung, die das Fußballspielen erst möglich macht, usw.. Bei jedem einzelnen Punkt lässt sich das eben Beschriebene mit Latour wiederholen: ist ein Fußball ein solcher, auch wenn niemand damit spielt? Ist die FIFA eine Institution, auch wenn niemand sich für Fußball interessiert und der Sport dementsprechend nicht betrieben wird? usw. Aristoteles würde auch diese Fragen bejahen. Latour würde das auch sagen, aber aus den genannten Gründen in einer Form, mit der Aristoteles wohl nicht zufriedengestellt wäre. Es liegt an der Phantasie und der investigativen Neugier der Fragestellerin, welche Aspekte noch angeführt werden, um die Spielerhaftigkeit, das Wesen des Fußball, usw. zu belegen (denn ohne diese Aspekte gibt es für Latour keinen Spieler und auch keinen Fußball).

        Latour behauptet zwar, dass jede Dissenterin irgendwann aufgeben muss, wenn eine Tatsache hält/festgehalten werden kann, aber er erklärt diesen “Salto” nicht, sondern versucht so lange es geht in der Prozessperspektive zu bleiben, bis es an einem von dem Autoren nicht näher identifizierten, nur schwer nachvollziehbaren Wunderpunkt plötzlich zu “Objektivität” kommen soll. – Dies mag, wie oben bereits angedeutet, für den wissenschaftlichen Bereich in Ordnung sein, denn dort erlaubt es die mehr oder weniger rigide Institutionalisierung (die man sicher kritisieren könnte, die aber trotz aller Kritikwürdigkeit immer noch verlässlicher scheint, als nichtwissenschaftliche Instituionen), eine “Blindheit” zuzulassen, die jede immersehenwollende Dissenterin allein wegen dieses Wunsches aus dem Bereich der Wissenschaftlichkeit ausschließen kann (Ein Physiker, der immer wieder bei den Grundlagen und Anfänge hängenbleibt, ohne jemals etwas einfach vorauszusetzen, wird wohl innerhalb der Disziplin seltsam beäugt werden). Das soll natürlich nicht heißen, dass eine umfassende Blindheit, eine rigide Orthodoxie, notwendig wäre, aber es braucht eben die “Inseln im Meer der Vernetzungen”, die Latour selbst fordert, aber im Endeffekt mittels seines Ansatzes niemals “betreten” kann.

        In dem Text Das Parlament der Dinge versucht Latour, das grenzenlose Netz zu begrenzen, indem er auf die “Kollektive” zu sprechen kommt, denen, der Meinung des Franzosen nach, Inklusions- und Exklusionsmechanismen inhärent sind. Doch es ist schwer zu erkennen, wie es zu diesen Differenzierungen, die das “Kollektiv” eben mit sich bringt, kommen soll, wenn diese Differenzierungsaspekte wiederum durch Vernetzungen erklärt werden sollen. In der Politik, die in Das Parlament der Dinge beschrieben wird, werden unvermittelt Aspekte ohne weitere Erläuterung vorausgesetzt, darunter äußerst konventionelle wie ein “Parlament”, ein “Oberhaus”, ein “Unterhaus” usw. Würde man diese Aspekte wiederum erneut mit Latour zu fassen versuchen, ginge das nur dem Ansatz der Verfolgung der sie konstitutierenden Netzwerke entsprechend, würde also die Tätigkeit, die der Autor ihnen als etablierte zuschreibt, unterwandern und die Arbeit der Kollektivbildung, wie der Franzose sie vorschlägt, nicht nur erschweren, sondern verunmöglichen. – Latour bietet eine Scheinlösung für den unendlichen Regress des Netzwerkbildens an, der an die pragmatische Lösung des Zenonpradoxons erinnert: Achilleus überholt die Schildkröte einfach. Damit ist das Problem aber nicht gelöst, sondern nur beiseite geschoben.

        Ein apriorisch gedachtes Werden ist ebenso wenig ein Selbstwiderspruch wie ein apriorisch gedachtes Sein; die Spannung entsteht erst durch das Zusammenfügen von Werden und Sein und es ist notwendig beides zu denken und es ist wohl auch notwendig, beides in Spannung zueinander zu halten (es ist bequem sich auf ein “Mal-so-mal-so” hinauszureden; eine andere Perspektive ist, dass es recht fordernd scheint, sich der Spannung auszusetzen, ohne diese in eine Richtung hin aufzulösen). Latour und Aristoteles versuchen die Aufrechterhaltung der Spannung auf verschiedene Arten zu gewährleisten. Während Aristoteles jedoch hier einen Ansatz zu bieten hat, bleibt Latours Ansatz, entgegen der eigenen Beteuerungen des Autors, doch immer dem Prozess verschrieben, ohne den “blinden Punkt” zu erreichen, an dem ein Objekt sich in einem Prozess befindet, nichtsdestotrotz aber ein (tatsächliches) Objekt ist und bleibt.

        Den Unterschied, den ich zwischen Wissenschaft und Politik hervorheben möchte, besteht darin, dass, auch wenn beidem eine gewisse “Blindheit” inhärent sein muss, damit überhaupt die Bedingung der Möglichkeit der Institutionalisierung von Wissenschaft oder Politik gegeben ist, die eine “Blindheit” sich von der anderen unterscheidet. Und dass Latour diesen Unterschied nicht sieht, weil es bei ihm gar keine “Blindheit” gibt, denn “Blindheit” ist zwar das Gegenteil von genauem Hinschauen (das scheint das Credo von Latour zu sein), aber im gleichen Moment ist das Ausschließen dessen, worauf man nicht schauen muss, auch Bedingung für die Konzentration des Blickes auf bestimmte Aspekte.

        In diesem Sinne war es auch gemeint, als in der Antwort auf den Kommentar die Frage gestellt wurde, ob Wittgensteins “Konventionen” innerhalb eines begrenzten Kollektivs (pragmatistisch ausgelegt und über sprachliche Verwendungen hinausgehend, so wie es die Ethnomethodologen – und Latour – der Anregung Wittgensteins, seine eigenen Ansätze nicht “blind” zu verfolgen, nach umgesetzt haben) – die “weicher” sind als “Gesellschaft” (als Externes, über die einzelnen Vernetzungen Hinausgehendes), aber doch “härter” als “Netzwerk” oder “Kollektiv” bei Latour – einen Ersatz für ein “Potential” bieten können, das in der Aristotelischen Form bei Latour nicht zu haben ist.

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