“sondern”. Eine Bagatelle zu Wittgenstein

Es geht um eine zentrale methodologische Bemerkung Wittgensteins und ein nebensächliches Komma. Um die vielschichtige Arbeit an seinem Nachlass und eine amüsante Unschärfe, die sich dabei ergeben hat. Um hohe kulturelle Bedeutsamkeit und eine Frage der Beistrichregeln. Zusammengefasst um das ungleiche Verhältnis zwischen einer Edition als UNESCO Weltkulturerbe und einer anregenden textkritischen Kleinigkeit.

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Die Mühen der Geschichtsdeutung. Politisch und Religiös.

“Allegories of Judaism and Christianity”. Bronze sculpture. St Joseph’s University, Philadephia. Image Credits: Calimeronte, Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International
Vor etwa einem Jahr habe ich hier über Ecclesia und Synagoga geschrieben: das Figurenpaar, das die jüdische Synagoge und die christliche Kirche personifiziert. Das Bild, das ich damals verwendete, stellte die Überlegenheit von Ecclesia gegenüber Synagoga dar. Es offenbarte eine überhebliche Geste. In der obigen Skulptur von 2015, sitzen die beiden Damen gleich berechtigt und gleich befähigt. Die Skulptur wurde zum 50-jährigen Jubiläums des zweiten Vatikanischen Konzils errichtet. Im Oktober 1965 wurde – nach mehreren Revisionen – die Deklaration “Nostra aetate” (dt.: “In unserer Zeit”) verabschiedet, die die Einstellung der katholischen Kirche zum Judentum radikal veränderte, und die Überheblichkeit weitgehend hinter sich ließ. Auch das erste apostolische Schreiben von Papst Franziskus im Jahr 2013 zeigt das Bemühen um ein freundschaftliches Verhältnis mit dem Judentum, und weist auf die antisemitische Vergangenheit der katholischen Kirche hin. Mittlerweile sind beide Institutionen “alt”, und die christliche Leseart der jüdischen Schriften ist etabliert, neben der jüdischen. So können beide nebeneinander sitzen.

Diese Maturität ist im Russland-Ukraine-NATO-Konflikt noch zu vermissen. Russland (1) wirft der NATO vor, entgegen früherer Versprechungen, zu weit nach Osten vorzudringen, und (2) behauptet, dass die Ukraine kein eigenständiger Staat wäre. (3) Die NATO andererseits verweigert, auf russische sicherheitspolitische Bedenken einzugehen. Ein gefährlicher Deadlock. [1]
Es folgen zwei Gedanken dazu. Der erste hat politischen Bezug und weist auf eine kleine Auslassung in der Geschichtsdarstellung in einem “Die Zeit”-Artikel hin. Angesichts der russischen militärischen Intervention mag dies kleinlich wirken. Es reicht jedoch nicht, den russischen Machthabern ein irrationales Vorgehen vorzuwerfen, ohne zumindest den Versuch zu machen, das Verhalten in historische Zusammenhänge zu bringen. Dort angekommen, wird es immer noch ein fataler Sprung sein, der zur Entscheidung einer militärischen Intervention führt. Aber zumindest wird man sich die Fähigkeit zu einem zukünftigen Dialog erhalten. Verstehen heißt nicht Akzeptieren. [2]
Der zweite Gedanke: Die systematischen Überlegungen des Jesuiten Henri de Lubac haben – neben anderen französischen Katholiken in dieser Zeit – die katholische Kirche zu einem vertieften Verständnis der jüdischen Spiritualität geführt. Das kann hier nur angedeutet werden. [3] Für mich ist es ein Hinweis darauf, dass die religiösen Traditionen Schätze und Konflikte aufbewahren, die auch in “säkularen” Zeiten wertvoll und lehrreich sind. Hier meine ich vor allem den Umgang mit überliefertem Text, der am fruchtbarsten ausfällt, wenn man ihn sowohl historisch-kritisch als auch inspiriert von gegenwärtigen Problemen liest:

“Je reicher und kraftvoller der religiöse Gehalt eines Textes ist, um so leichter wird er durch eine allzu rasche oder allzu beschränkte Art, darin nach einem “geistigen” Sinn zu fahnden, seiner Kraft und Schönheit beraubt. Hier zeigt sich, daß beide, die kritische und die allegorische Methode, wo sie auf ihrer Ausschließlichkeit bestehen, nur ertötend wirken. Es gilt daher, gegen eine übertriebene oder allzu unmittelbare Anwendung der geistigen Deutung aufzutreten, im Namen des religiösen Wertes, der im Buchstaben und in den Situationen des Alten Bundes enthalten ist.” (S. 35) [4]


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demokratisch, praktisch, gut

wortgewaltig

Der “Mitbegründer, Herausgeber und Chefredakteur der Wiener Wochenzeitung Falter” schreibt wöchentlich drastisch formulierte Kommentare. In der Nummer 46/12 S.5 gelten sie der Medienpolitik der Regierung. Das Vorhaben des Kanzlers “versinkt in der Kissenlandschaft seiner sonoren Artikulation” und sollte besser “nehammerisch gebellt oder sobotkinesisch gekläfft” werden. Der Adressat der Botschaft ist ein ” Volk von autoritären Charakteren, die es gewohnt sind, gsunde Watschn auszuteilen und einzustecken”. “Vertrottelung und Korrumpierung durch Digitalisierung” breitet sich aus; es reicht nicht, dagegen “autoritär zu blaffen, jeder würde bald einen Seuchentoten kennen”. Soweit der dunkle Hintergrund, vor dem sich die helle Aussicht abzeichnen könnte. Nur leider: “Egal, wie die Akteure heißen: sie verstehen es nicht, das Informationsspiel demokratisch zu spielen.”

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Umrav Singh. M. Phil.(Lib.& Inf.Sc.), M.Lib.I.Sc, B.Com.

Researching for a paper on OAI-PMH, a protocol supporting the exchange of bibliographic metadata between digital repositories and harvesters, I hit on a piece describing and assessing a number of harvesting tools. Its author was a student of — according to its website — “one of the prime Central Universities in India“: DAVV (Devi Ahilya Vishwavidyalaya):

Funny, because I had found another paper on this issue shortly before:

and those papers do not just share their title.

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Quarantäne, einst und jetzt

Ein starkes Argument gegen die stellenweise einschneidenden administrativen Maßnahmen zur Kontrolle der CoVID19 Pandemie ist die Kritik an ihrer leitenden Prämisse: Es geht darum, Leben zu schützen. Dieser Anspruch, so wird eingewandt, schadet mehr, als er nützt . Er ermöglicht zudem staatlichen Autoritäten, abgesehen vom Notfall willkürlich in den Alltag der Bürgerinnen einzugreifen. Dazu sind zwei Bemerkungen am Platz. (1) Die genannte Maxime ist eine direkte Folge massen-medial unterlegter Demokratie. Diese erzwingt ein solches Vorgehen. Wie sollte stattdessen eine konsensfähige Grundregel aussehen? Gesetzt also, dass diesem Prinzip nur schwer auszuweichen ist, stellt sich (2) die Frage, was an dieser Vorgabe eigentlich so anstößig ist?

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Agamben, Adam & Eva

Ein unübertrefflicher Souverän verfügt eine weltberühmte Ausnahme. An Ausnahmen hängt, wie G. Agamben ausführt, das vorausgesetzte Regelsystem insgesamt..

Dann gebot Gott, der Herr, dem Menschen: Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn sobald du davon isst, wirst du sterben. (Gen 2, 16f)

Gott erweist sich als Herr der Welt, indem er einen Sonderfall festlegt, dessen Missachtung alle geltenden Erlaubnisse tilgt. Adam und Eva werden vertrieben, weil sie dieses Ausnahme-Recht des Souveräns übertreten.

(Adam) antwortete: Ich habe dich im Garten kommen hören; da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin, und versteckte mich. (Gen. 3, 10)

Jenseits des Paradieses bleibt das nackte Leben. Adam und Eva gibt es weiterhin als Geschöpfe Gottes, doch ohne Anteil mehr an ihm. Ihre Existenz ist ein Restzustand: abgetrennt vom Souverän, unter dessen Gebot sie jedoch noch immer stehen.

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Agamben: Ausnahmen, Ausrasten

Agamben lehnt es, wie im vorigen Beitrag gezeigt, ab, im Umgang mit der Pandemie zwischen Notstand und Ausnahmezustand zu unterscheiden. In Homo sacer hat er differenzierter darüber geschrieben, was eine Ausnahme charakterisiert. Es handelt sich auf den ersten Blick darum, ein Vorkommnis einer Regel zu entziehen. Der Lebensmittelhandel ist z.B. vom Lockdown ausgenommen. Diese Sonderregelung hat jedoch, näher betrachtet, einen zusätzlichen Aspekt. Sie ist Teil der Gesetzgebung und sichert sie gegen unstatthafte Verallgemeinerung. Ihr Kern wird gefestigt, indem sie Ausnahmen gewährt. Die Gültigkeit der Ordnung wird aufgehoben …

… indem zugelassen wird, dass sich die Ordnung von der Ausnahme zurückzieht, sie verlässt.[ref]Giorgio Agamben: Homo sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben. Frankfurt am Main 2002, S.28[/ref]

Niemand kann sich, im Beispiel, auf Hunger ausreden, wenn er das Ausgangsverbot übertritt. Durch Null darf, ein anderes Beispiel, nicht dividiert werden, damit der systematische Zusammenhang zwischen Division und Multiplikation nicht verlorengeht. Ein wichtiger Punkt, blumig ausgedrückt:

Es ist nicht die Ausnahme, die sich der Regel entzieht, es ist die Regel, die, indem sie sich aufhebt, der Ausnahme stattgibt (a.a.O.)

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Agamben: Ausnahmezustand prinzipiell

Giorgio Agamben schreibt in seinem Blog am 15. Juli 2020 über Notstand und Ausnahmezustand. Er bezieht sich auf den Artikel eines ungenannten Juristen “einer regierungstreuen Zeitung”, der in der Diskussion über die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zwischen Notstand und Ausnahmezustand unterscheidet. Der eine wird ausgerufen, um eine aktuellen Gefahr abzuwehren, und zielt darauf ab, die vorangegangene Normalität wiederherzustellen. Der andere bedient sich der Gefahr, um die Verhältnisse zugunsten oftmals demokratiefeindlicher Akteure umzugestalten.

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“Im Anfang”

Ecclesia und Synagoga beim Gekreuzigten
Ecclesia und Synagoga

Der Beginn des Johannesevangeliums (der heute, 03.01.2021, im römisch-katholischen Ritus gelesen wird) verrät den Beginn des Buchs Genesis der hebräischen Bibel, im dreifachen Sinn von (1) eine Gruppe im Stich lassen, (2) ein Geheimnis verraten, und (3) zur Verwendung an jemand anderen übergeben (paradidomi):

“Im Anfang (bereschit)
schuf Gott
Himmel und Erde”

(Gen 1,1)

“Im Anfang (en arche)
war das Wort (ho logos)”

(Joh 1,1)
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Nicht zu schweigen ist Verrat

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Ludwig Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus legt genau fest, wie sinnvolle Sätze auszusehen haben. Am Ende führt das zum bekannten deadlock: Man kann Sätze über Sätze nicht gleichzeitig verbieten und das Verbot in Sätze fassen. Viel ist über diese Dialektik geschrieben worden. Eine Bemerkung Pierre Hadots in einer Publikation aus 1959 eröffnet eine ungewohnte, überraschende Perspektive. Sie passt gut zu den Gedanken der vorigen Einträge in diesem Blog. Wittgenstein kann sich im Prinzip keine Scheinaussagen über das Verhältnis von Sätzen zur Welt erlauben. Doch er bricht seine eigenen Vorschriften. Er übertritt das Gebot, auf dem sein Buch aufgebaut ist.

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