
In einem Podcast vom Juli dieses Jahres: Über ein postmodernes Chamäleon haben Birgit Langenberger und ich einen Blick auf die politische Situation in den Vereinigten Staaten geworfen, der den nach meiner Kenntnis weitaus besten Beitrag dazu ausgeklammert. Er war zu gut, um kurz erwähnt zu werden. Fintan O’Toole veröffentlichte im New York Review of Books seit längerem stilistisch und politisch mitreißende Analysen; für seine derzeit aktuelle verdient er einen Sonderpreis: Gulliver’s Warning. Er beginnt mit zwei Episoden aus Johnatan Swifts Gullivers Reisen: dessen Aufenthalt bei den Lilliputanern und in Brobdingnag, bei Zwergen und bei Riesen.
George Berkeley, ein mit Swift befreundeter Philosoph, hatte bemerkt, dass klein und groß relational zu verstehen sind. Sie hängen daran, womit man etwas vergleicht. Swifts Gulliver entdeckt, dass sein menschliches Normalmaß aus der fremden Perspektive übergroß oder aber winzig erscheint. Er durchschaut, so stellt O’Toole es dar, dass der Kolonialismus, der sich zur Zeit Swifts auszubreiten begann, so tut, als gäbe es prädestinierte Herren und Sklaven:
One belongs either to the greates nation on earth or to the wretches of the earth. Greatness thus depends on there being a wretched of the earth. It is a condition entirely dependent on the continued existence of its opposite.
Die politische Entwicklung hat sich tendenziell in Richtung demokratischer Verhältnisse bewegt. In ihnen gelten, was das Wahlrecht und die prinzipiellen Bedingungen der Selbstverwirklichung angeht, ausgeglichene Bedingungen. O’Toole zitiert Bürgerrechtsbewegungen, Gewerkschaften, Feminismus, und LGBTQ. Das Schlüsselwort in dieser, durchaus nach dem Erfolgsprinzip organisierten, Gesellschaftsform ist “besser”, nicht “groß oder klein”. Und hier beginnt die Sache problematisch zu werden. Der ökonomische Fortschritt nach dem 2. Weltkrieg ein länger anhaltendes “Wirtschaftswunder” ermöglicht: die Bevölkerung konnte ihren Lebensstandard mehrklich steigern und gleichzeitig die Privilegien der Oberschicht akzeptieren. Ein Beispiel aus Österreich: Das flächendeckende Gesundheitssystem koexistiert mit Ausnahmebedingungen für Patienten der “Sonderklasse”.
Dieser Zustand ist aus dem Gleichgewicht geraten. O’Toole greift zwecks Analyse der gegenwärtigen Situation auf Gulliver zurück. In dem Maß, in dem die sozialen Pole auseinanderdriften, wird die Gefahr eines neuen Elends ausgerufen und drastische Mittel zur Wiederherstellung “ursprünglicher” Größe angeboten. Ein sogenanntes “social web” trägt ein Übriges dazu bei, die Schaltzentrale solcher Versuche von den traditionellen Medien in Kurznachrichten-Dienste zu verlagern .
The great leader casts the people imaginatively down into the pit of abjection so that he (and only he) can lift them up into hyperinflated greatness. He does so because he has nothing to offer in between: no betterment, no dignity, no equality.
Ein Mittel zur Mobilisierung der abgewerteten Wählerschaft ist die Beschwörung, sie würde in den Augen der Weltöffentlichkeit lächerlich dastehen. Das erzeugt Selbstmitleid, mit dem Ärger und Ressentiment einhergehen. Weiße privilegierte Männer fühlen sich durch den Aufstieg farbiger Frauen erniedrigt und “schlagen zurück”. 2023 erklärte Donald Trump “for those who have been wronged and betrayed I am your retribution.”
This contemporary sublime politics turns up the dial on greatness but produces self-pity and terror.
Die Propaganda für die alte Größe der Vereinigten Staaten, sagt Fintan O’Toole, erzeugt Frustration und Gefühle des Verrats. Ohne ausgleichende Kräfte erzeugt sie ein Klima der Gewalt.









