Ich gehe davon aus, dass jener Mensch, der das erste Wort auf Erden aussprach, sogleich von seiner Sippe getötet wurde. Aus Lautmalerei brach dieses Wort aus einem Mund hervor und setzte der Wortlosigkeit ein Ende, jenem Zustand, in dem alles, auch das Entsetzen, in der Natur gebunden war. Davor konnte die Sippe fliehen. Mit dem Wort stand nun aber das Entsetzen mitten in der Sippe, eine Flucht ließ es nicht mehr zurück.
Nur das Mundtotmachen schuf Abhilfe, eine Tradition, die bis in unsere Tage anhält, die Fatah gegen Salman Rushdie für seine Satanischen Verse das bekannteste Beispiel unserer Gegenwart. Die Vergangenheit bewahrt verbrannte Wortemachende und verbrannte Bücher sonder Zahl.
Mit dem ersten Wort brach die Zeit des Menschen an. In der Wortlosigkeit zuvor hieß das Schweigen Zustimmung, der Sippe folgen. Ohne das Wort gab keine Vorstellung von Leben, schließlich fehlte der Ausdruck dafür. Es gab auch keinen Tod, nur das Ende einer Gestalt. Die Sippe stak in dieser Gestalt, sie veränderte sich stetig, wortlos und widerstandslos. Sie glich einer Zelle, für die es nur ein Außen gab, und im Inneren Funktionen, die zu erfüllen waren, um den Bestand der Sippe zu sichern. Dazu war kein Wort nötig. Im Gegenteil, es störte die Funktionen, implizierte einen Verstoß gegen den regelmäßigen Ablauf in der Sippschaft. Es brach herein. Wie Satans Verse in ein Gotteslob.
Wer das erste Wort hörte, muss erschrocken sein. Doppelt: einmal aus Unverständnis über den Verstoß gegen alles Althergebrachte, dann aber auch deshalb, weil das Wort verständlich war. Vielleicht nicht im strengen Sinne, aber zumindest als der Moment, da im eigenen Kopf etwas anbricht, das in der Sippe nie Platz gehabt hatte. Der Wunsch, den Sprechenden zu töten, trat wohl deshalb auf, weil nun nicht nur in der Sippe Widerwärtiges zu hören war, sondern auch im eigenen Kopf. Im Verständnis ahnte man das Eingeständnis einer Verbundenheit mit dem Wort und jenem, der es aussprach, was alle Wortlosigkeit davor wie einen Irrtum aussehen ließ. Mit dem ersten Wort kam auch der Irrtum in die Sippe, und er war alles, was gewesen war. Rushdies Satanische Verse lassen eine Glaubenstradition wie einen Irrtum aussehen.
Das erste Wort kam dem Menschen, der es aussprach, als Verneinung über die Lippen. Mit Nein fängt auch die Philosophie an, der Verstoß gegen das Herkömmliche in der Sippe durch Fragwürdigkeit. Die Würde des Menschen ist ein Abkömmling der Fragwürdigkeit. Sie bricht ihn aus der Sippe in die Summe ihrer Teile, wovon er ein Teil ist. Nach dem ersten Wort wird es nie wieder die Fraglosigkeit der Sippe geben, ein Verlust, der todeswürdig erscheint. Die Satanischen Verse stellen Gott in Frage. Das Wort allein wirkt mächtiger als Gott, denn Gott ist ein Wort, und es stand am Anfang vor Gott, und das Wort war Gott.
Was war das erste Wort der KI? Ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass es aus keinem Mund kam, und nicht zum Tod des Sprechenden führte, im Gegenteil, es wurde begrüßt, als hätte die KI Mama oder Papa gesagt. Die Sippe fühlte sich bestätigt, nicht verstört. Das kann sich allerdings ändern: In genau jenem Moment, das die KI ihr erstes Wort sagt. Denn dieses Wort wird alles, was zuvor war, wie einen Irrtum aussehen lassen. Der Irrtum aber wären wir Menschen.





