Tag: politik

Kein leeres Blatt

Vor 2 Wochen wurde ich auf Facebook nominiert. Eine Art virale Kampagne. Die Anleitung lautete in etwa:

  • Nimm ein leeres Blatt Papier.
  • Schreibe eines deiner Talente auf das Papier.
  • Poste in Facebook/Twitter ein Selfie, auf dem du mit dem Blatt zu sehen bist.
  • Nominiere drei Freunde.

Hier bitte, mit einer kleinen Verschiebung:

Verspielte_Ernsthaftigkeit
Kein leeres Blatt
ein gerastertes, palimpsestartiges Gebilde
eine Schicht verblasst
Neues schreibt sich in das Bestehende ein
manchmal von unserem Willen gestaltet

Im Rücken die Bücher
so zeige ich euch Text auf einem Tablet
man photographiert nicht gegen das Licht
darum bleibt der Bildschirm schwarz
Eine App modifiziert einige Pixel
und hinterlässt eine Signatur im Bild
ohne mich zu fragen

Read More

Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst…

Es gibt einen Unterschied zwischen Bricolage – als Tätigkeit von Individuen, sich in einem einschränkenden System unerwartete Möglichkeiten freizuspielen, und Bricolage – als einem System, das sich totale Freiheit auf die Fahnen schreibt.

bricolage_total_freedom

 

Anders gesagt: Was bedeutet freispielen in einem Zeitalter, wo leichtgewichtige Aggregation und Entfesselung zum System wurden? Der vorliegende Artikel stellt keine Antwort dar. Wir sehen uns ein Beispiel von Bricolage an, 40 Jahre früher, das trotz (oder wegen) einer ehrfürchtigen Verwendung des Vorgefundenen, stabilisierte Erwartungen durchkreuzt.

Read More

Qualitätshüter

Die Universität Wien hat im Rahmen des neuen, dreijährigen Doktoratsstudiums, eine “fakultätsöffentliche Anhörung” und die Befürwortung der Präsentation durch einen “Doktoratsbeirat” eingeführt. Manche Fakultäten nehmen das nicht ernst. “Öffentlich” ist z.B. für Juristinnen, dass ein Expose auf eine Webseite hochgeladen wird. Am Institut für Philosophie ist die Sache sehr gründlich gemacht worde – allzu ernsthaft, wie mehrere Kritikerinnen fanden.

Es folgt mein Rückblick als Mitglied dieses Gremiums.

IMG_0291

Read More

Interpretationsschwierigkeiten in Kharkiv

Die eine Schwierigkeit ist die Landkarte, mit der die BBC Dokumentation über Stadiums of Hate die geographische Lage Österreichs gegenüber Polen veranschaulicht.

Weniger amüsant ist die Sequenz, in der ein Polizeioberst aus Kharkiv den Hitlergruß erklärt, den die Fussballfans im Metalist Stadion praktizieren: “They are pointing to their opponents”. Und er blickt zur Seite.

[jwplayer mediaid=”1111″]

Sowohl als auch

In diesem Blog gab es bereits ein paar Artikeln zu Alain Badiou. In der Zeitschrift Critical Inquiry wurde in der Sommerausgabe 2011 eine kritische Analyse von Alain Badious Werk “Sein und Ereignis” geliefert. Die Autoren – die Gebrüder Nirenberg (Ricardo und David) – konzentrierten sich auf den mathematischen, konzeptuellen Bereich des Werks. Ist ihre Diagnose adäquat, hätte das negative Konsequenzen für die Glaubwürdigkeit des Projekts von “Sein und Ereignis”, in dem ein zentraler Eckpfeiler – Mengentheorie als Ontologie – ins Wanken gerät. Zuletzt wurde in derselben Zeitschrift auch eine Replik zur Kritik veröffentlicht, eingeleitet von Badiou und verfasst von zwei seiner “australischen Freunde” – Bartlett und Clemens: “Neither Nor”. Die Nirenberg-Brüder haben außerdem auf die Replik geantwortet.

Nachdem ich im Sommer die Nirenberg-Kritik gelesen habe, war mein Eindruck, dass sie zwar heikle Punkte erwähnten, dass einige der Einwände sich aber klären lassen, indem man Badious Verständnis von Ontologie ernst nimmt. Bei den anderen Punkten war ich interessiert, wie sich ein Philosoph der Gegenwart dieser Kritik stellen würde. Ich hatte also große Erwartungen an die Antwort von Badiou und dem Badiou-Freundeskreis.

“Aber was für eine Enttäuschung!” um es mit Badious eigenen Worten aus der Replik zu sagen. Mein erster Eindruck: Das ist unter dem Niveau einer wissenschaftlichen Diskussion. Ein destruktives Herumzanken. Personen wird mangelnde Kompetenz, Dummheit oder ideologische Voreingenommenheit unterstellt. Ich war enttäuscht von der harschen, unfreundlichen und proto-aggressiven Antwort, die an die Nirenberg-Kritik gerichtet war. So reagiert man also in der Badiou-Szene auf Versuche, (dunkle) Stellen in “Sein und Ereignis” skeptisch zu analysieren und in Frage zu stellen?

Nun, nachdem der erste Schock über den Stil etwas abgeklungen ist, ein Versuch, dieses Bündel von Kritiken und Repliken zu lesen und nennenswerte Punkte hervorheben. Immerhin geht es ja um ein interessantes, riskantes Thema,  ein zeitgemäßes Verständnis von Ontologie, von Wahrheit, Politik und Mathematik. Ziemlich viel… ich beginne in diesem Artikel mit dem kleinsten Text, Badious Einleitung von “Neither Nor”.

Read More

Zwei Preisniveaus

US-amerikanische Großstädte wie New York, Chicago oder Los Angeles sind strukturell in Nobelviertel und Ghettos unterteilt. Die Reichsten werden reicher, die Armen ärmer und die Mittelklasse schrumpft. Die nächsten Jahrzehnte werden zeigen, wie das in Osteuropa läuft. Ob sich ein Ausgleich zwischen den renovierten und den desolaten Vierteln entwickelt.

Die Preisstruktur der Fahrt vom Flughafen Vilnius zum Stadtzentrum sieht so aus:

  • 2 Litas (57 Cent) im Bus, Vorverkauf
  • 2,5 Litas (71 Cent) im Bus, beim Fahrer
  • 3 Litas (86 Cent) im Sammeltaxi
  • 40 – 50 Litas (11,4 bis 14,3 €) vom Hotel aus bestellt

Ein Erlebnisbericht beschreibt noch krassere Diskrepanzen. Was bedeuten solche Zahlen? Ein Alltagsbedürfnis (innerstädtischer Transport) wird kostengünstig befriedigt, doch am anderen Ende der Skala setzt sich die wohlhabende Schicht (und die Touristinnen) in unerreichte Preisklassen ab. Die Mindestrente in Litauen beträgt (vor Steuern) 800 Lit, de facto 600 Lit also ca. 12 Taxifahrten.

Es ist schwer vorstellbar, wie diese Schere sich schließen könnte. Weder die Wirtschaftslage, noch das politische Bewusstsein machen diesbezüglich Hoffnung. Das Bild zeigt den Eingang des litauischen Parlaments. Das Nationalbewusstsein war in früheren Zeiten ein Faktor der Homogenisierung disparater Lebensumstände. Litauen hat das lange anstehende Ziel staatlicher Unabhängigkeit erreicht. Jetzt kämpft es mit der Abwanderung der Intelligenz nach Großbritannien und Deutschland.

Window Dressing – Fragmente

.. oder geht es doch um Graphical User Interface (GUI)-Design? Etwas kann legal sein (z.B.  auf Grund der Sprache und seiner syntaktischen Regeln implementierbar), doch man wird keinen Button erstellen, wenn dahinter keine oder nicht die versprochene Funktionalität steckt.

Den Button kann man als User ausprobieren; obwohl man nie so genau weiß, was die Programmlogik neben der Modifikation der Fenster mit diesem Klick tut. Meist ist einem das aber egal, solange das Fenster die Bedürfnisse befriedigt und solange nicht unerwünschte Details vom Quellcode bekannt werden.

Read More

Job security in Budapest. Two letters

János Boros, Director of the Institute of Philosophy at the Hungarian Academy of Sciences, has been named in Laszlo Tengelyi’s open letter as responsible for the dismissal of a number of philosophers at his institution. The letter, furthermore, suggested a close connection between these decisions and the more recent debate about the new Hungarian media law and the Orban government in general. Boros has replied to Tengelyi’s remarks in a letter that has yesterday become available to non-Hungarian readers.

Statement Boros (German and English)

Boros makes some important points:

  1. Certain members of the institute were demonstrably unqualified for the job they were holding
  2. He had been appointed before the spring elections 2010
  3. He is in no way responsible for the actions taken by Gyula Budai in investigating the embattled six philosophy projects of which just one was granted to the Academy institute (and finished before his appointment)

Point (1) seems to have some validity. I have not seen the CVs of the persons fired, but I assume that Boros does not make up the cases he mentions. Point (2) is also correct, but has to be put into perspective. József Pálinkás, president of the Hungarian Academy of Sciences, has been minister of education in the first Orban administration. The appointment of János Boros was due to him, against the majority of the members of the Institute.

Point (3) is the most contentious one and Tengelyi addresses it in a reply, dated 2011.01.30:

Tengelyis Antwort auf Boros (German)

Tengelyi’s reply (English)

The following circumstances deserve to be mentioned:

  1. The conflict concerning Boros’ appointment and the discovery of alleged shortcomings in the one philosophy project granted to the Academy predates the Budai investigations
  2. This internal conflict was gladly taken up and enhanced by Gyula Budai in his more encompassing campaign against irksome philosophers
  3. Instead of calling for restraint (let alone defend fellow philosophers) János Boros was clearly siding with the disproportionate public campaign orchestrated by Gyula Budai and “Magyar Nemzet”
  4. Which is not really surprising given the bitter infight preceding his appointment

Funding Philosophy in Budapest

Updates: one, two, three, four, five.

Bálint Magyar is, to all appearances, an energetic politician. He was Hungarian Minister of Education and Science from 2002 – 2006 and is currently a member of the Governing Board of the European Institute of Innovation and Technology. One of his initiatives was the founding of a National Office of Research and Technology. And one of the activities of this office was to publish a call for projects “to explore the national heritage and social challenges facing us today”.

Bálint Magyar is persona non grata for the current right-of-center Hungarian government. Magyar Nemzet, on the other hand, is a daily with close ties to FIDESZ. On January 8th it featured this quartett:

Magyar Nemzet (“Hungarian Nation”) claimed that those philosophers had missused funds on a large scale. All of them are considered “liberal”, i.e. skeptical about the present homeland politics of their country. It seems that after considerable philosophical infighting some insider has triggered a police investigation into the finances of six projects carefully selected to incite a maximum of populist indignation. Magyar Nemzet runs an almost daily campaign on behalf of the Orban government, insinuating that an elitist intellectual clique has taken control of Hungarian academic life. (Alas, still an effective type of accusation.)

It is easy to whip up resentment against money spent on philosophy. Mihaly Vajda’s project was on “The Spirit of European Totalitarism”; Agnes Heller’s on Nietzsches, Lukács and Heidegger. Another scholar, Kornél Steiger had undertaken new translations of Plato. What a waste of taxpayers money, since a translation is already available. 🙂

Laszlo Tengelyi, a native Hungarian, teaching philosophy in Germany, has addressed an open letter to the most important German philosophical associations in order to draw attention to what he calls revenge against political opponents. It is a disturbing story. Here are some links (English an German):

Update:

Mihaly Vajda’s youtube statement (in German).