Agamben: Ausnahmen, Ausrasten

Agamben lehnt es, wie im vorigen Beitrag gezeigt, ab, im Umgang mit der Pandemie zwischen Notstand und Ausnahmezustand zu unterscheiden. In Homo sacer hat er differenzierter darüber geschrieben, was eine Ausnahme charakterisiert. Es handelt sich auf den ersten Blick darum, ein Vorkommnis einer Regel zu entziehen. Der Lebensmittelhandel ist z.B. vom Lockdown ausgenommen. Diese Sonderregelung hat jedoch, näher betrachtet, einen zusätzlichen Aspekt. Sie ist Teil der Gesetzgebung und sichert sie gegen unstatthafte Verallgemeinerung. Ihr Kern wird gefestigt, indem sie Ausnahmen gewährt. Die Gültigkeit der Ordnung wird aufgehoben …

… indem zugelassen wird, dass sich die Ordnung von der Ausnahme zurückzieht, sie verlässt.[ref]Giorgio Agamben: Homo sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben. Frankfurt am Main 2002, S.28[/ref]

Niemand kann sich, im Beispiel, auf Hunger ausreden, wenn er das Ausgangsverbot übertritt. Durch Null darf, ein anderes Beispiel, nicht dividiert werden, damit der systematische Zusammenhang zwischen Division und Multiplikation nicht verlorengeht. Ein wichtiger Punkt, blumig ausgedrückt:

Es ist nicht die Ausnahme, die sich der Regel entzieht, es ist die Regel, die, indem sie sich aufhebt, der Ausnahme stattgibt (a.a.O.)

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Agamben: Ausnahmezustand prinzipiell

Giorgio Agamben schreibt in seinem Blog am 15. Juli 2020 über Notstand und Ausnahmezustand. Er bezieht sich auf den Artikel eines ungenannten Juristen “einer regierungstreuen Zeitung”, der in der Diskussion über die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zwischen Notstand und Ausnahmezustand unterscheidet. Der eine wird ausgerufen, um eine aktuellen Gefahr abzuwehren, und zielt darauf ab, die vorangegangene Normalität wiederherzustellen. Der andere bedient sich der Gefahr, um die Verhältnisse zugunsten oftmals demokratiefeindlicher Akteure umzugestalten.

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Nicht zu schweigen ist Verrat

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Ludwig Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus legt genau fest, wie sinnvolle Sätze auszusehen haben. Am Ende führt das zum bekannten deadlock: Man kann Sätze über Sätze nicht gleichzeitig verbieten und das Verbot in Sätze fassen. Viel ist über diese Dialektik geschrieben worden. Eine Bemerkung Pierre Hadots in einer Publikation aus 1959 eröffnet eine ungewohnte, überraschende Perspektive. Sie passt gut zu den Gedanken der vorigen Einträge in diesem Blog. Wittgenstein kann sich im Prinzip keine Scheinaussagen über das Verhältnis von Sätzen zur Welt erlauben. Doch er bricht seine eigenen Vorschriften. Er übertritt das Gebot, auf dem sein Buch aufgebaut ist.

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Regelbruch im Spielverlauf

Andreas Kirchner hat eine Passage aus Alain Badious “Sein und Ereignis” hervorgehoben, die das Missverständnis korrigiert, dessen “Ereignis” träte unversehens, gänzlich ohne Vorläufer, in die Welt. Es ist, so muss man berücksichtigen, durch vorangegangene Ereignisse präfiguriert. Eine rekursive Struktur ist anzunehmen: Ereignisse setzen Ereignisse voraus. Das passt überraschend gut zu meinem Hinweis auf Befreiung in Louis Reimers Kierkegaard-Interpretation. Um sich aus einem Ungemach befreien zu können, bedarf es eines “Lichtblicks”, der dessen dunkle Totalität durchbricht.

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Eine Erleuchtung über Erlösung

Momente, in denen philosophische Gedanken mich überraschend treffen, sind selten. Unlängst, in einer Recherche über Wiederholung, ist es passiert. Es ging um eine Spannung zwischen Alain Badiou und Michel de Certeau, die Andreas Kirchner in seiner Masterarbeit herausarbeitet. Das epochale “Ereignis” des ersteren tritt ohne Reminiszenzen auf, der Jesuit de Certeau greift in prekärer Solidarität mit dem heilsgeschichtlichen Erlösungsgeschehen auf all seine Etappen zurück. Ein Beitrag von Louis Reimer von 1960 [1. “Die Wiederholung als Problem der Erlösung bei Kierkegaard” https://tidsskrift.dk/kierkegaardiana/article/download/31465/28926 ] wirkte wie ein Paukenschlag. Befreiung bedeutet für ihn unausweichlich: dem unterdrückten Zustand ist einer vorhergegangen, in dem Freiheit verlorenging. Nur so konnte sein Zwang erfahren und überwunden werden.

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Sisyphus und Münchhausen

Donnerstag nachmittags, am Weg in die Lehrveranstaltung, Rückseite des Neuen Institutsgebäudes. Dort führen drei breite Doppel-Glastüren in den geräumigen Vorraum und rechts, an der Ecke zur Ebendorferstraße, eine Einzeltür zu einem Korridor. An den Türstock gelehnt liest ein hochgewachsener Student, in der sommerlich warmen Herbstsonne, ein Taschenbuch.

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Gelbe Friedensstörung. Und warum? Jacques Rancière spekuliert.

Das Phänomen ist schon vor 10 Jahren bemerkt worden: unibrennt. Und Occupy Wallstreet deutet in dieselbe Richtung. Protestbewegungen in Europa und den USA verlaufen spontan und anti-hierachisch, an politischen Parteien, Gewerkschaften und Interessensvertretungen vorbei. Die “Gilets jaunes” sind ein aktuelles, unübersehbares Beispiel. J. Rancière beschreibt die Unmöglichkeit, sie bekannten sozialen Bewegungen zuzuordnen. Read more

Namen, Leerstelle, Treue

Zur Linken, in einer Fotografie von etwa 1935, das “Haus zur goldenen Waage” in der Frankfurter Innenstadt. Namen knüpfen oft an handgreifliche Details an. In diesem Fall an den Laden des Gewürzhändlers Abraham von Hameln. Namen müssen eingespielt sein, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Sie konservieren den Bezug zu Sachen und Vorgängen, die immer wieder gebraucht und angesprochen werden.

Wie soll man den Trümmerhaufen nennen, den das rechte Foto (1944) zeigt? Wegräumen! Der Träger des Namens ist einem Bombardement zum Opfer gefallen. Der Vorfall hat die Welt überwältigt, in der Geschäftsadressen funktionierten. Ein Umbruch ist eingetreten, etwas Neues möglich und nötig geworden. Es hat Zeit gebraucht. 2017 war die Außenseite des nachfolgenden Gebäudes fertiggestellt.

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Sicut erat in principio

Der vorherige Beitrag von Andreas Kirchner behandelt die Rolle von Philosophen in mittelfristiger Zukunft. Im vorliegenden Text geht es philosophisch um die Rolle der Vorzukunft. Zwei Orientierungsversuche.

Werbung ist heute, Lobpreis war gestern. Wenn man von Peter Handke absieht, ist das Wort praktisch aus unserem Wortschatz verschwunden. Im religiösen Leben spielt es noch eine gewisse Rolle. Dort nennen die Fachleute “Ehre sei dem Vater, dem Sohn und dem heiligen Geiste” eine doxologische Formel, vom Griechischen “doxa” für Ehre. Es gibt nach wie vor Ehrungen, Ehrenmitgliedschaften und verehrte Festgäste, doch die verehrungsvolle Anrufung der Dreifaltigkeit gehört nicht zum Repertoire der Konsumgesellschaft.

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