Sisyphus und Münchhausen

Donnerstag nachmittags, am Weg in die Lehrveranstaltung, Rückseite des Neuen Institutsgebäudes. Dort führen drei breite Doppel-Glastüren in den geräumigen Vorraum und rechts, an der Ecke zur Ebendorferstraße, eine Einzeltür zu einem Korridor. An den Türstock gelehnt liest ein hochgewachsener Student, in der sommerlich warmen Herbstsonne, ein Taschenbuch.

Ja, es war Albert Camus’ “Der Mythos des Sisyphus”, der Titel klar zu lesen. Aber ins Auge stach mir das Design. Jahrzehnte ist es her, dass ich eben dieses rororo Bändchen selbst studierte. Die Aufmachung wurde seither mehrfach verändert, doch das Exemplar in der Hand des Kollegen war die 1. Auflage bei Rowohlt Taschenbuch, 1959. Aus einer Zeit, als griechische Vasenzeichnungen noch nicht Gift für Verkaufszahlen bedeuteten. Und als die Reihe “rowohlts deutsche enzyklopädie” noch vorgab, aus vielfältig internationalen Studien (u.a. Hans Sedlmayer, Mircea Eliade, Ortega y Gasset, Johan Huizinga) eine Sammlung mit enzyklopädischem Anspruch zusammenzustellen.

Im Seminar über “Heimat” hatte ich das berühmte Ernst Bloch Zitat vom Ende des “Prinzip Hoffnung” kommentiert:

“Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.” 

Heimat “scheint allen in die Kindheit” und ist noch niemals erreicht worden. Ein eigentümliches Konstrukt. Das klingt nach Münchhausen-Kunststück. Und doch kann man auch anders denken. Der Ausgriff ins Unerreichte stabilisiert. Wie ein Sprung in der Luft steht, obwohl der Boden nachgibt und das Ziel nicht in Sicht.

So korrespondiert plötzlich Blochs Hoffnung mit der Aufforderung Albert Camus’: “Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“1 Jedoch: der Gipfel ist niemals zu erklimmen; der Kampf ist letztlich aussichtslos; wie auch Blochs Heimat unerreichbar!

Ein gläubige Gegenfrage wäre: “Woher weißt Du das?”. Oder die Reaktion lautet: “So what? Es muss nicht immer alles passen.” 2

  1. “La lutte elle-même vers les sommets suffit à remplir un cœur d’homme. Il faut imaginer Sisyphe heureux.”
  2. Bilderherkunft und Videoessay
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zubin

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