Gelbe Friedensstörung. Und warum? Jacques Rancière spekuliert.

Das Phänomen ist schon vor 10 Jahren bemerkt worden: unibrennt. Und Occupy Wallstreet deutet in dieselbe Richtung. Protestbewegungen in Europa und den USA verlaufen spontan und anti-hierachisch, an politischen Parteien, Gewerkschaften und Interessensvertretungen vorbei. Die “Gilets jaunes” sind ein aktuelles, unübersehbares Beispiel. J. Rancière beschreibt die Unmöglichkeit, sie bekannten sozialen Bewegungen zuzuordnen.

Ces gens qui ne sont pas les intellectuels, qui ne sont pas les ouvriers d’usines, qui ne sont pas les catégories sociales qui normalement protestent, ils ne sont même pas un groupe social. 1)http://blogs.mediapart.fr/guillemin-rodary/blog/200119/jacques-ranciere-sur-les-gilets-jaunes

Rancière spricht von einem “Nebel” von Menschen, “qui sont sensés être toujours d’accord, les gens qui suivent toujours”. Und plötzlich folgen sie nicht mehr! Die eingespielte politische Zeitordnung wird unterbrochen

et je crois qu’on est dans une forme d’interruption où les gens qui normalement suivent, sont à l’heure, tout d’un coup ne sont plus à l’heure officielle.

Grund genug, zu fragen, wie es dazu kommt. Nicht, wie man dieser Unordnung beikommen könnte, sondern was sie über die herrschende Ordnung der Dinge und ihre gängigen Erläuterungen sagt.

s’interroger non sur les raisons qui permettent de mettre de l’ordre dans ce désordre mais plutôt sur ce que ce désordre nous dit sur l’ordre dominant des choses et sur l’ordre des explications qui normalement l’accompagne.2)http://zinc.mondediplo.net/messages/118262

Linke Theoretikerinnen (m/w) sind häufig auf der Suche nach neuen Widerstandsnestern gegen die “neoliberale Weltordnung”. Hier sind sie mit einer schwierigen Frage konfrontiert. Diese Protestbewegung organisiert sich spontan, quasi aus dem politischen Nullzustand. Niemand ist befugt, für sie zu sprechen. Soll man eine “schweigenden Mehrheit” diagnostizieren? Oder “ein Volk”, das sich gegen repräsentative und administrative Eliten wendet? Rancière bleibt in den zitierten Beiträgen vorsichtig. Dennoch ist seine Sympathie mit Demonstranten, die das Wort ergreifen, um eine neue “scène de parole” zu schaffen, nicht zu übersehen. Doch er stellt eine Frage nicht. Wie ist es eigentlich zu dieser Störung gekommen? Es war nicht einfach Macrons Plan, die Dieselsteuer zu erhöhen.

Kurz zusammengefasst gab es zwei Auslöser. Priscillia Ludosky hatte im Mai 2018 eine Petition gegen die Erhöhung des Dieselpreises veröffentlicht. Im Oktober berichtete Sie auf Facebook, ein Lokalsender hätte ihr ein Interview versprochen, wenn die Petition 1.500 Unterschriften erreicht. Einen Tag später hatte sie die Zahl beisammen. Eine Regionalzeitung erwähnte die Sendung, der Bericht wurde auf Facebook geteilt, die Zahlen explodierten. Zwei Tage später posten Eric Drouet und Bruno Lefevre ein “Facebook Event”: “Blocage National Contre La Hausse Du Carburant”. Es war der Aufruf zur ersten landesweiten Protestaktion. Drouets Videobeiträge auf Youtube befördern und dokumentieren die weiteren Entwicklungen. BuzzFeed schreibt:

The Yellow Vests movement — named for the protesters’ brightly colored safety vests — is a beast born almost entirely from Facebook.3)Ein Absatz des Beitrags fasst die Abläufe detaillierter zusammen: “So, in less than two weeks, what you end up with is this: A Change.org petition with fewer than 1,500 subscribers gets talked about on a local radio station. The radio appearance is written up by a local news site. The article is shared to a local Facebook page. Thanks to an algorithm change that is now emphasizing local discussion, the article dominates the conversation in a small town. Two men from the same suburb then turn the petition into a Facebook event. A duplicate petition goes viral within the local Facebook groups. Then a daily newspaper writes up the original petition. This second article about the petition also goes viral. So does the original petition. And then the rest of French media follows.”

Jacques Rancière betont die Unterbrechung des Zeitregimes. Er bezieht sich vermutlich auf die Muster von Kabinettsitzungen, Pressekonferenzen, TV-Nachrichten und Wahlkämpfen, aus denen das herkömmliche politische Leben besteht. Fair enough, aber der Grund für die Störung ist alles andere als nebulös. Zwei weltbeherrschende US-amerikanische Unternehmen stellen die Mittel zur Verfügung, mit deren Hilfe sieben Tage die Woche 24 Stunden lang Beschwerden und Beschimpfungen ausgetauscht werden können. Sie erzeugen die Probleme nicht, doch sie bieten Algorithmen zu jener Mobilisierung, deren Charakter den Philosophen beschäftigt.

Ausgerechnet jene Instanzen, die sich zunehmend als Bedrohung des zivilen Umgangs mit gesellschaftlichen Konflikten erweisen, haben entscheidenden Anteil an dieser “Volksbewegung”. Nach einer Umfrage der Fondation Jean-Jaurès vertreten 59% der Teilnehmer an gilet jaunes-Demonstrationen die “théorie du grand remplacement”4)Hier der betreffende Absatz: “Le questionnaire de l’enquête et la taille de l’échantillon ont permis d’affiner l’analyse en distinguant, parmi les personnes se définissant comme « gilets jaunes », les individus qui constituent ce que l’on pourrait qualifier le noyau actif (et qui sont les personnes déclarant avoir participé à une ou des manifestations ou à des actions de blocage ou d’occupation de ronds-points), des « sympathisants » qui ont seulement mis en évidence leur gilet jaune dans leur véhicule. Cette segmentation du groupe des « gilets jaunes » fait apparaître une inclination complotiste encore plus affirmée de la part des membres du noyau dur. Parmi ceux-ci, 59 % adhèrent à la théorie du grand remplacement (contre 40 % parmi les sympathisants[3]), 50 % à celle de l’existence d’un complot sioniste à l’échelle mondiale (contre 40 %) et 36 % à celle des chemtrails (contre 25 %).”, hierzulande bekannt als “Bevölkerungsaustausch”.

Philosophen, die diese Zusammenhänge nicht berücksichtigen, gleichen Passanten, die sich am Valentinstag darüber wundern, warum so viele Leute Blumen kaufen.

Anmerkungen   [ + ]

zubin

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