Namen, Leerstelle, Treue

Zur Linken, in einer Fotografie von etwa 1935, das “Haus zur goldenen Waage” in der Frankfurter Innenstadt. Namen knüpfen oft an handgreifliche Details an. In diesem Fall an den Laden des Gewürzhändlers Abraham von Hameln. Namen müssen eingespielt sein, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Sie konservieren den Bezug zu Sachen und Vorgängen, die immer wieder gebraucht und angesprochen werden.

Wie soll man den Trümmerhaufen nennen, den das rechte Foto (1944) zeigt? Wegräumen! Der Träger des Namens ist einem Bombardement zum Opfer gefallen. Der Vorfall hat die Welt überwältigt, in der Geschäftsadressen funktionierten. Ein Umbruch ist eingetreten, etwas Neues möglich und nötig geworden. Es hat Zeit gebraucht. 2017 war die Außenseite des nachfolgenden Gebäudes fertiggestellt.

Wie soll man diese Rekonstruktion nennen? Die Antwort ist natürlich “Haus zur goldenen Waage”. Natürlich, aber nicht selbstverständlich. Eine eingespielte Welt ist bodenlos geworden; die Entwicklung hat an die leere Stelle eine Wiederbelebung der ehemaligen Form gesetzt. Kein Stein ist am anderen geblieben — und alle Steine tragen das gleiche Haus. Der Name überbrückt den Ausfall. Es ist zu fragen, in welcher Hinsicht und mit welchem Recht das neue Gebäude den Bauplatz und den Namen des zur Ruine gewordenen Vorgängers einnimmt.

Unsentimental ist es die Frage, wie, angesichts der Tatsache, dass sie nicht mehr besteht, an die ehemalige Welt angeknüpft wird. Persönlich und politische aufgeladen geht es um Treue. Das Bestehende ist versunken, wozu steht man jetzt? Zur Vergangenheit oder zur Existenz im Verlust? Die Fassade demonstriert eine Antwort: die Leerstelle soll nicht sein. Was gewesen ist, soll in neuem Glanz erstehen. Der Triumph der Rekonstruktion bedeutet auch einen Sieg über die Zerstörung. Und das Haus wird zum Museum.1)Dieser Beitrag ist von einer Bemerkung Andreas Kirchners inspiriert: “Badiou trennt scharf zwischen Altem und Zerstörung und Neuem, doch kann man das wirklich in dieser reinen Form tun? Die Unterstützung des Neuen sollte mitbedenken, was man verliert … Badiou meint, dass die kommende Situation alles präsentiert was die aktuelle Situation präsentiert, aber er verschweigt dass das was die Alte Ordnung “selbst” während der Transformation zerstört hat, unwiederbringlich verloren ist.” (persönliche Mitteilung)

Der Schmerz am glänzenden Äußeren (es gibt ihn!) ist ein Kollateralschaden des Verlustes, den das frische Bauwerk besiegelt. In hochgestochenem philosophischen Jargon “des Verlustes des Verlustes” oder auch “ein Verständnis des Seins als pure Anwesenheit”. Beschwörungen der dunklen Seite im Licht des Wiederaufbaus. Es gibt auch andere Möglichkeiten, mit dem Thema umzugehen.

Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Berliner Kurfürstendamm reicht in frühere Zeiten zurück und verweist noch heute auf ein Gotteshaus, das diesen Namen trägt. Am Namen ist es nicht erkennbar, aber das Bezeichnete erinnert daran, was 1944 geschehen ist. Es überspringt das Bombardement nicht, sondern präsentiert es ebenso, wie den Entschluss, es nicht dabei zu belassen. Diese Architektur (Egon Eiermann) ist, im Jargon, “nicht seinsvergessen”. Treue ist, in dieser Erscheinungsform, nicht das Festklammern an einer Ausprägung des Lebens, sondern das Verfolgen ihrer Spur in der Mühle der Zeit.

In diesen Überlegungen ist das welterschütternde Ereignis negativ konnotiert. Sie unterscheiden sich in dieser Hinsicht vom Revolutionspathos, das Badiou leitet. Doch eine Lehre kann aus den beiden Beispielen des Wiederaufbaus auch für die wohlgemute Version gezogen werden. Der glatte Neuanfang, die Beseitigung des Schutthaufens, führt in eine prekäre Situation. Was kann gebaut werden, wenn es keineswegs mit Altem befrachtet sein soll? Das Fehlen der Anknüpfungspunkte öffnet das Tor zur Überidentifikation des Alles-wie-es-einmal-war. Die konservierte Ruine als Teil der neuen Gedächtniskirche blockiert diesen Weg. Das heißt auch: Hütet Euch vor der Euphorie der Leere.2)Um diese Problematik drehen sich auch die Kommentare zum vorhergehenden Beitrag. Es ist schwer zu sagen, was nachkommt.

Anmerkungen   [ + ]

zubin

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