Tag: analyse

Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst…

Es gibt einen Unterschied zwischen Bricolage – als Tätigkeit von Individuen, sich in einem einschränkenden System unerwartete Möglichkeiten freizuspielen, und Bricolage – als einem System, das sich totale Freiheit auf die Fahnen schreibt.

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Anders gesagt: Was bedeutet freispielen in einem Zeitalter, wo leichtgewichtige Aggregation und Entfesselung zum System wurden? Der vorliegende Artikel stellt keine Antwort dar. Wir sehen uns ein Beispiel von Bricolage an, 40 Jahre früher, das trotz (oder wegen) einer ehrfürchtigen Verwendung des Vorgefundenen, stabilisierte Erwartungen durchkreuzt.

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Rechnen und Denken

Können Computer denken?

Ein im Jahr 1950 von Alan Turing entwickelter Test versucht diese Frage durch ein spezielles Setting zu normieren: Es gibt 3 Spieler A, B und C. Spielerin C ist ein Mensch und muss auf Basis eines Frage- und Antwortspiels über einen limitierten Kanal herausfinden, wer Mensch und was Computer ist. Kann C das nicht, muss sie davon ausgehen, dass auch Computer denken können (oder vorsichtig formuliert: C stellt fest, dass sie beim Output von denkenden Wesen und von Computern über diesen Kanal keinen feststellbaren qualitativen Unterschied erkennen kann).

Würde C ausschließlich die Meldungen zu ihrem Geburtstag auf Facebook einem Turing-Test unterziehen, könnte sie sie zu dem Schluss gelangen, dass ein Großteil ihrer “Freunde” sich wie einfallslose Maschinen verhalten, jedoch mehr Rechtschreibfehler machen.

Der Streit ist vorprogrammiert, wenn es um die Unterscheidung von Simulation und echtem, menschlichen Verhalten geht. Als ob wir ignorierten, dass die Tricks der Simulation von unserem eigenen Wunsch ausgehen, uns selbst zu überraschen, zu täuschen oder zu entlasten. Die zum Leben erwachte, verselbständigte Maschine ist von uns selbst angetrieben.

Zum 100. Geburtstag von Alan Turing schiebe ich den Turing-Test zur Seite. Zum Vorschein kommen die Turing-Maschine und die Frage nach der Relevanz in Informatikforschung und Softwareverwendung.Read More

Die Anwesenheit der Abwesenheit

Es gibt eine, im Moment sehr populäre, Koch- und Esskultur. Weniger verbreitet ist die Fastenkultur, obwohl auch dafür Expertinnenkurse angeboten werden. Ähnlich steht es mit “sein” und “nein”. Ontologien sind beliebt, aber die Aufmerksamkeit auf die Subtilitäten der Verneinung ist gering. Vor einiger Zeit hörte ich im Radio:

Denken Sie an die fehlenden Kinderbetreuungseinrichtungen, die wir haben.

Ein Kindergarten ist halbwegs gut definiert. Er läßt sich errichten und besuchen. Dagegen ist schwer zu sagen, was speziell fehlt, solange niemand auf die Idee eines Kindergartens gekommen ist. Die Lösung liegt auf der Hand, sobald man über den Begriff verfügt: eben ein Kindergarten. Kein Kindergarten lautet die Beschwerde. Das Problem damit ist ebenfalls offenbar: um so präzis zu sein, braucht man die Bestimmtheit des Kindergartens.

Die Beschwerde hängt an der Vorgabe des Gegenstands, dessen Fehlen die Wortmeldung gilt. Und schnell wird daraus ein “Gegenstand”, den jemand “hat”, obwohl es ihn nicht gibt.

Jon Stewart spielt den Umstand in seiner “Daily Show” vom 13.12. an einem politischen Beispiel durch. Ein Familienverband in Florida protestierte, weil ein öffentlicher Sender den Alltag von Muslims nicht als terroristisch dargestellt hat.

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Der Mehrwert der Negation

In einer kurzen E-Mail-Korrespondenz hat mich der Hochschullehrer Ludwig Neidhart auf meine Bachelorarbeiten über Gödels ontologischen Beweis angesprochen und mir einen Ausschnitt seiner Dissertation (“Unendlichkeit im Schnittpunkt von Mathematik und Theologie” ) geschickt, in der er sich mit diesem Beweis auseinandersetzt. Dort wurde im Beweisgang auf den interessanten Fall der “vollständigen Negation” hingewiesen. Diese Negation führt nicht bloß von einer Seite eines Gegensatzes  zur anderen, sondern stellt zusätzlich die Grundlage des Gegensatzes auf der konzeptionellen Ebene in Frage.

Die vollständige Negation von E: “Das Zimmer ist klein” wäre G: “Das Zimmer ist groß oder der Kategorie der Größe enthoben”. Man könnte sich fragen, ob diese Art der Negation noch formal ist, wäre dann aber mit formalen Ontologien konfrontiert, die so etwas – eingeschränkt! – möglich machen, sobald man bewusst Hierarchien von Eigenschaften/Kategorien bildet.

Von mir kam eine andere Überlegung: Der Beweis fordert, dass die doppelte vollständige Negation – d.h. die Negation von G wieder zurück zu E führt. Wie kann man auf G eine vollständige Negation anwenden?

Klassisch:  Eine Formel “A v B” negiert ergibt:  NOT(A) ^ NOT(B). Im Beispiel wäre die (nun aber nicht vollständige?)Negation von G : “Das Zimmer ist klein UND der Kategorie der Größe nicht enthoben”. Für mich ist das ein von E verschiedener Satz, selbst wenn er immer denselben Wahrheitswert hat wie E.

OK, aber sind diese Sätze nicht äquivalent? Das kommt darauf an, was das bedeutet, von gleichem Wert zu sein. Vom Ergebnis her betrachtet, sind sie vermutlich äquivalent (und vermutlich zählt genau das bei einem logischen Beweis). Doch wenn mir jemand die Frage stellt: “Ist das Zimmer klein?” oder “Ist das Zimmer klein und hat es überhaupt eine Größe?” dann werde ich in der ersten Frage aufgefordert, anzugeben, ob das Zimmer wirklich klein ist im Gegensatz zu Groß.  Das ist alles. Im zweiten Fall werde ich jedoch explizit darauf angesprochen, ob die Zuschreibung einer Größe für dieses Zimmer überhaupt Sinn macht. Diese Frage würde andere Eigenschaften implizieren, etwa: Es ist (k)ein imaginäres Zimmer.

Diese Irritation wurde produziert durch die vollständige Negation von E, wo wir kurzzeitig vom Streitthema ausgestiegen sind, ob das Zimmer groß oder klein ist. Wir haben die mehr konzeptionelle Frage angehängt: Hat das Zimmer überhaupt eine Größe? Gehört es zur Klasse jener Zimmer, die eine Größe haben? Seit diesem Zeitpunkt führen wir im Satz die Reflektion des Gegensatzes mit uns, die ohne Kontext so klingt, als ob das Zimmer eine Einbildung wäre. Das kommt zustande, weil man mit dieser Frage eine Eigenschaft, die man gewöhnlicherweise mit einem Zimmer verbindet (das es eine Größe hat), in Zweifel zieht (denn wenn man dazusagen muss, dass es klein ist UND eine Größe hat, dann dürfte das vorher nicht klar gewesen sein).

Versuchen wir eine andere Eigenschaft. E sei: “Das Zimmer ist böse.” Dann ist G: “Das Zimmer ist gut oder gar nicht moralisch beurteilbar.” Die Negation von G ohne Anwendung der de Morgan-Regeln: “Es ist nicht der Fall, dass das Zimmer gut ist oder gar nicht moralisch beurteilbar.”  Schon bei G entsteht ein Mehrwert,  der nicht unmittelbar zurück zu E führt, und den wir bei der Negation von G mitschleppen. Zurück zu E zu kommen erfordert einen Reduktionsschritt, in der man sich explizit entscheidet, das konzeptionelle Thema nicht mehr anzusprechen. Die Formulierung wird also ärmer, selbst wenn man sagt, dass der zweite Term analytisch aus dem ersten folgt.

http://www.austrianrecipes.net/2009/06/liptauer-cheese-liptauer-kaese.html