Tag: stil

Kein leeres Blatt

Vor 2 Wochen wurde ich auf Facebook nominiert. Eine Art virale Kampagne. Die Anleitung lautete in etwa:

  • Nimm ein leeres Blatt Papier.
  • Schreibe eines deiner Talente auf das Papier.
  • Poste in Facebook/Twitter ein Selfie, auf dem du mit dem Blatt zu sehen bist.
  • Nominiere drei Freunde.

Hier bitte, mit einer kleinen Verschiebung:

Verspielte_Ernsthaftigkeit
Kein leeres Blatt
ein gerastertes, palimpsestartiges Gebilde
eine Schicht verblasst
Neues schreibt sich in das Bestehende ein
manchmal von unserem Willen gestaltet

Im Rücken die Bücher
so zeige ich euch Text auf einem Tablet
man photographiert nicht gegen das Licht
darum bleibt der Bildschirm schwarz
Eine App modifiziert einige Pixel
und hinterlässt eine Signatur im Bild
ohne mich zu fragen

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Sowohl als auch

In diesem Blog gab es bereits ein paar Artikeln zu Alain Badiou. In der Zeitschrift Critical Inquiry wurde in der Sommerausgabe 2011 eine kritische Analyse von Alain Badious Werk “Sein und Ereignis” geliefert. Die Autoren – die Gebrüder Nirenberg (Ricardo und David) – konzentrierten sich auf den mathematischen, konzeptuellen Bereich des Werks. Ist ihre Diagnose adäquat, hätte das negative Konsequenzen für die Glaubwürdigkeit des Projekts von “Sein und Ereignis”, in dem ein zentraler Eckpfeiler – Mengentheorie als Ontologie – ins Wanken gerät. Zuletzt wurde in derselben Zeitschrift auch eine Replik zur Kritik veröffentlicht, eingeleitet von Badiou und verfasst von zwei seiner “australischen Freunde” – Bartlett und Clemens: “Neither Nor”. Die Nirenberg-Brüder haben außerdem auf die Replik geantwortet.

Nachdem ich im Sommer die Nirenberg-Kritik gelesen habe, war mein Eindruck, dass sie zwar heikle Punkte erwähnten, dass einige der Einwände sich aber klären lassen, indem man Badious Verständnis von Ontologie ernst nimmt. Bei den anderen Punkten war ich interessiert, wie sich ein Philosoph der Gegenwart dieser Kritik stellen würde. Ich hatte also große Erwartungen an die Antwort von Badiou und dem Badiou-Freundeskreis.

“Aber was für eine Enttäuschung!” um es mit Badious eigenen Worten aus der Replik zu sagen. Mein erster Eindruck: Das ist unter dem Niveau einer wissenschaftlichen Diskussion. Ein destruktives Herumzanken. Personen wird mangelnde Kompetenz, Dummheit oder ideologische Voreingenommenheit unterstellt. Ich war enttäuscht von der harschen, unfreundlichen und proto-aggressiven Antwort, die an die Nirenberg-Kritik gerichtet war. So reagiert man also in der Badiou-Szene auf Versuche, (dunkle) Stellen in “Sein und Ereignis” skeptisch zu analysieren und in Frage zu stellen?

Nun, nachdem der erste Schock über den Stil etwas abgeklungen ist, ein Versuch, dieses Bündel von Kritiken und Repliken zu lesen und nennenswerte Punkte hervorheben. Immerhin geht es ja um ein interessantes, riskantes Thema,  ein zeitgemäßes Verständnis von Ontologie, von Wahrheit, Politik und Mathematik. Ziemlich viel… ich beginne in diesem Artikel mit dem kleinsten Text, Badious Einleitung von “Neither Nor”.

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natürlich künstlich

Die Idee stammt von Harald Staun in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Franz Josef Jung, der vorletzte deutsche Bundesminister für Verteidigung, hatte deutliche Defizite bei der Imagepflege. Wenn man Fotos seiner Afghanistanbesuche mit jenen seines Nachfolgers, Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg vergleicht, zeigt sich ein eklatanter Unterschied. Es ist nicht nur die offensichtlich höhere Fitness und schickere Frisur des jüngeren Ministers. Wer bitte hat erlaubt, dass F.J. Jung beim Autogrammschreiben von hinten aufgenommen wird? Und sie Szene mit zwei salutierenden Uniformträgern und dem verkniffen zur Seite gewandten Zivilisten darf die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit nicht durchgehen lassen.

Dagegen lassen sich die Fotos Guttenbergs tout de suite als Wahlkampfplakate verwenden. Berichterstattung?

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The Good, the Bad and the Ugly

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It is interesting that sophisticated philosophers sometimes turn into veritable snobs when it comes to talk about their fellow scholars. There is a market for those “masters of Excellence” intent to demonstrate their superiority by dividing the world into the Good and the Bad. Luciano Floridi is a case in point.

He gave a carefully argued talk at the Kirchberg Symposium this August. His opinions on some of the other presentations are published in a blog entry. He proves himself to be a truely digital (on or off) guy.

“So far, the worst two (but I cannot imagine anything could beat them) are the following.”

There is an attempt at irony when Floridi announces that he will comment “on the sin not the sinner”. We can be more specific here. One of his “worst” talks came from Newton Garver. I actually made radio program based on it. Here are Lucidi’s complaints:

The other talk at the bottom of the list was on silence and grammar in Wittgenstein. There wasn’t anything as bad as the arrogant nonsense and incompetence I illustrated above, the problem was another. It was a long sermon. No thesis stated, no problem tackled, no question answered, no reasoning, no ifs&thens, no nothing. It was not wrong because it was not right either. Goody-goody, probably deeply felt by the speaker and I would say rather convincing in leading the audience. It really made you conclude with an “Amen” at the end of it. But I kept quiet, and I did not leave either; I behaved properly and just made a mental note never to read or listen to this person again. Unlikely, but just in case.

Well, let us not quarrel with tastes and proper behavior, just stick to the facts, which, surprisingly, Lucidi gets completely wrong. As the above audio file (and the audio of the ensuing discussion) clearly show, Newton Garver was proposing at least one controversial thesis which was picked up by several members of the audience less oblivious to the presentation than Mr. I-am-Right.

Wittgenstein, according to Newton Garver, abandoned any attempt to search for truth, proposing “perspicuous representation” instead. (“There are no theses in philosophy.”) This does, indeed, go against the grain of a certain practice of (analytic) philosophy. But it is remarkable that its proponent is not able to even notice the challenge. Especially as Garver’s claim (on behalf of Wittgenstein) was put into question by several contributors during discussion.

E.g., one point I made was that for a presentation to be perspicuous – rather than confusing – a standard has to be presupposed. This is a normative construct that only works within a framework of contestable propositions. So it seems that one cannot escape from reliance on truth by simply abrogating “the quest for truth”.

There is a deep issue involved here, pitting Heidegger and the later Wittgenstein against Oxford-style research (but include Ernst Tugendhat). Unfortunately an occasion to take up this issue was missed.

Am Pranger

Beim Durchblättern des Guardian Weekly war der erste, eher unterbewusste, Eindruck: was ist das für ein Bild von hinten? Nicht attraktiv. Interessant, dass diese visuelle Auffassung vor der Verarbeitung der riesigen Buchstaben stattfand.

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Es braucht einige Zwischenschritte, um zu entdecken, dass die Pointe dieses Fotos gerade darin liegt, das Gesicht nicht zu zeigen. Ein schönes Beispiel dafür, wie aufmerksam man sein muss, um jene Gesten zu erfassen, die darin bestehen, dass das Naheliegende vermieden wird.

vom: ein Teil von, von einem

Eine kleine Beobachtung vom Wochenende, betreffend die Sprache des Konsumangebotes.

Bekannt sind “ein Schnitzel vom Schwein”, “ein Filet vom Schneebergbeef”. Das sind Fleischstücke, herausgeschnitten aus einem größeren Brocken. Aber was lese ich im Zimmerprospekt?

Unsere Winzerzimmer sind gemütlich mit Vollholzmöbeln vom steirischen Tischler eingerichtet.

Das hieße in alter Sprache “von einem steirischen Tischler eingerichtet”. Das klingt nicht so gut, es gibt in diesem Zimmer leider keinen Marken-Eigennamen. “Wurst vom Schirnhofer” ist einigermaßen normal. So wird also der anonyme Steirertischler hinter der Redewendung versteckt, die in Anwendung auf totes Fleisch ihre Berechtigung hat.