Tag: ästhetisch

I came in like a wrecking ball

Die Überschreitung einer Grenze von einem Staat zum anderen ist in Europa eine reguläre Aktivität. Man kann als Europäerin ohne Reisepass von Wien nach Zürich fliegen, solange man nicht zu viel Wasser mitnimmt.

Bei Flügen ab 2013 wieder Flüssigkeiten im Handgepäck erlaubt

Das Hoheitsgebiet eines Landes, seine Souveränität, transformiert sich. Ein Staat ist nun eine Organisation unter vielen, die zugestimmt hat, sich an Spielregeln zu halten (durch bilaterale Abkommen, durch Verträge der Europäischen Union) und dessen Einwohnerinnen vielfältige Ziele verfolgen.

Die Homogenisierung der internationalen Rechtslage erodiert nationale Grenzen und schafft andere. Da eine Person nach Überfliegen der Staatsgrenze vergleichbaren Gesetzen unterliegt, ist die Feststellung ihrer Identität an Staatsgrenzen weniger wichtig.

Die Konsistenz des (multi)kulturellen Staates muss bei steigender Mobilität anders erreicht werden. Verhaltensanalyse und konformes Verhalten (im Rahmen zulässiger Abweichungen) sind wichtiger denn je, wenn man Individuen in der Welt nicht stabil zu Gruppen mit fixen Merkmalen zählen kann.

Die just in time Gruppenzuweisung erstickt die Tendenzen der Zugewiesenen. Grenzüberschreitungen können zwar überall und jederzeit auftreten, doch Staaten und Organisationen möchten darum- unter bestimmten Bedingungen – überall nachsehen und erschaffen für praktisch jede Abweichung ihre Cluster. Die technischen Errungenschaften helfen dabei (Scanner am Flughafen, extensive Datenanalyse bei elektronischer Kommunikation). Was manchmal zu vertiginösen und allergischen Reaktionen führt.

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aneinander, vorbei

Zu Max Biundo hatte ich im vorhergehenden Beitrag geschrieben: “Den Auftritt kann ich nur transluzent nennen. Durch das gesammelte Wissen von Betrug und Täuschung mittels Klischees hindurch strahlt eine Unverfrorenheit welche, noch ein starkes Wort, mesmerisiert.” Das war ein Beispiel aus der Unterhaltungsmusik. Hier ist eines aus der “hohen Literatur”.

dreisessel-g

Adalbert Stifters “Witiko” spielt im Mittelalter. Ein schlichter Reiter macht sich auf den Weg zu seinem Glück. Die textkritische Ausgabe des Werkes ist in Innsbruck erarbeitet worden. Ziemlich am Anfang steigt Witiko im Böhmerwald auf den Dreisesselstein. Auf einer Wiese unterwegs trifft er zwei jodelnde Mädchen. Eines läuft, als sie ihn sieht, davon, das zweite bittet er zu bleiben.

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Max Biundo

In einem Projektseminar des vergangenen Semesters ging es um philosophische Podcasts. An Ende sollten die Studierenden selbst welche produzieren. Eine dabei vorgeschlagene Tonspur enthielt eine Reihe von Fragen an die Philosophie. Ich versah sie mit einem Videogewand:

 

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Die Herkunft der Bestandteile dieser Collage ist auf Podcasts Philosophie Wien dokumentiert. Sie stellt einen Zusammenhang zwischen den maßlosen Fragen des Studierenden und der unermesslichen Sehnsucht her, Antworten auf sie zu erhalten. Die Richtung ist: früher war es schön. Dafür steht Freddy Quinns “Heimweh”. Beim Suchen stieß ich auf Max Biundo. Ein kurzer Text läßt prekäre Verhältnisse erkennen. Die Aufnahme vom März 2010 ist von sanfter Gewalt.

 

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natürlich künstlich

Die Idee stammt von Harald Staun in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Franz Josef Jung, der vorletzte deutsche Bundesminister für Verteidigung, hatte deutliche Defizite bei der Imagepflege. Wenn man Fotos seiner Afghanistanbesuche mit jenen seines Nachfolgers, Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg vergleicht, zeigt sich ein eklatanter Unterschied. Es ist nicht nur die offensichtlich höhere Fitness und schickere Frisur des jüngeren Ministers. Wer bitte hat erlaubt, dass F.J. Jung beim Autogrammschreiben von hinten aufgenommen wird? Und sie Szene mit zwei salutierenden Uniformträgern und dem verkniffen zur Seite gewandten Zivilisten darf die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit nicht durchgehen lassen.

Dagegen lassen sich die Fotos Guttenbergs tout de suite als Wahlkampfplakate verwenden. Berichterstattung?

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Summe des Lebens

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Ich schreibe über Bildung. Ein Bespiel für ihren Verfall habe ich schon mehrfach verwendet: “Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein” – die DM-Werbung in Abwandlung eines Goethe-Zitates aus dem “Osterspaziergang”. Ein zweites Beispiel in dieselbe Richtung setzt beim Beginn der “Marienbader Elegien” an:

Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt
gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide.

Mir war in Erinnerung, dass Karl Kraus eine Abwandlung davon gegen die Mediengesellschaft seiner Tage gerichtet hatte. Die Recherche am Internet brachte es heraus. Die Zeile steht in der Fackel vom 13. Oktober 1908. So kann man es gut zitieren.

Plötzlich die Idee: ich habe doch – vor vielen Jahren – eine Anzahl originaler “Fackeln” bei einem Trödler entdeckt. Vielleicht ist die dabei? Und tatsächlich, von hunderten, ist diese eine Nummer in meiner Bibliothek. Ich lege sie auf den Scheibtisch, streichle das runzelige Papier, schlage die Seite auf.

leiden-sagen

Karl Kraus vollführt einen doppelten Karateschlag mit geben/nehmen und dem Wechsel der Wortstellung. Was für ein brillianter Zug. Die vergilbte Broschüre in der Hand, der satirische Orgasmus, nahe am Glück.

felt da nicht etwas?

philosophenstiege2

Die Druckausgabe des Entwicklungsplan 2009 ist seit Kurzem erhältlich. Am Web hier zugänglich.

130 Seiten Hochglanzpapier. Nein, jetzt kommt keine Beschwerde über die Kosten. Ich erkenne an, dass eine Institution wie die Universität Wien repräsentative Selbstdarstellungen benötigt. Interessant ist allerdings, wie sie sich darstellt.

Inklusive Titelseite enthält das Druckwerk 11 große Abbildungen. Zwei Mal das Foyer, 3 Mal die Arkaden, eine Totale der Philosophenstiege. Es ist gelungen, in keinem einzigen dieser Bilder eine Person zu zeigen. Die Universität ist menschenleer. Die einzige menschliche Gestalt begegnet im letzten Foto, flankiert von Schal und Füßen einer zweiten Frau, die eine Säule verdeckt.

Zu Beginn des Semesters, in dem sich abzeichnet, dass hier 80.000 Studierende eingetragen werden, erfüllt sich der Wunsch nach viel Platz im feierlichen Ambiente.

Einschränkung. Zufällig besuchte ich diesen Samstag den “Tag der seelischen Gesundheit” im Rathaus und sah den Folder des “wiener krankenanstalten verbunds”:

Psychische erkrankt. Gut betreut in Wiens Spitälern

Auch die Wiener Psychiatrie kommt in der Selbstdarstellung ohne Menschen aus. Auf gezählten neun Sitzgelegenheiten sitzen genau null Menschen. Dafür Architektur und Blumen. Es handelt sich vermutlich um Trenddesign.

Ich kenne mich zu wenig aus. Die Schrift ist zart, das Layout elegant, die Farben dezent. Hier arbeitet man in einer glänzenden Umgebung. Der Kaiser hätte seine Freude gehabt.

psychisch2

ein Jahr später

EIne Protokollnotiz darüber, warum die Wikipedia Erfolg hat und wie sich die Zeiten – eben durch diesen Erfolg – ändern.

Für einen Artikel, den ich gerade schreibe, brauchte ich Informationen zu Goethes berühmtem Gartenhaus im Park an der Ilm. Es wurde 1999, als Weimar europäische Kulturhauptstadt war, kopiert. Die Wikipedia gibt an, dass die Kopie 2001 in Bad Salza neu aufgestellt wurde.

Dort allerdings, und an der Adresse des 2. Gartenhauses ist zu lesen, dass es ein Jahr später war.

Nichts einfacher, als die Jahreszahl zu ändern.

Mittlerweile heißt es allerdings “bitte warten”, bis jemand die Änderung überprüft hat.

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Bahnhof verstehen

Am Wochenende diskutierte die “Gruppe Phänomenologie” und Gäste in Otterthal politische und ästhetische Aspekte der Philosophie Jaques Ranciéres. Ein Thema war seine Charakterisierung des Systems “Kunst”. Wie scharf ist es von anderen Wahrnehmungsweisen und Praktiken abgegrenzt?

Als Beispiel brachte ich das folgende Video. Nach Ranciére ist die Kunst dafür zuständig, Aufteilungen des Sinnlichen zu re-organisieren. Zusammenhänge, die im Alltagsverlauf verborgen bleiben, werden durch Interventionen im Wahrnehmungsfeld sichtbar. Wie man hier sieht, verschwimmen die Grenzen.

Flachgang?

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Peter Harlander, Robert Buchschwenter, h.h. Foto: P. Harlander

Gestern fand in Linz im Rahmen von 80+1 ein Expertengespräch zu Identität im Internet, speziell im Hinblick auf “Second Life” statt. Heute stoße ich zufällig auf eine Äußerung Jaques Rancières zu diesem Thema:

Jacques Ranciére. Aesthetics Against Incarnation: An Interview by Anne Marie Oliver. Critical Inquiry 35 (2008) Die Frage: “What about virtual reality?”

Virtual reality and all those video games that create a virtual reality are a form, one form among others. You have multimedia reality; you have virtual reality; you have the creation of imaginary worlds — Second Life and so forth.

It’s a kind of substitute, of course, for resurrection and the other world, but, in this case, we are in the field of social imagination rather than the field of art. … It is not the case that every reality has become virtual, for solid things still exist, and it is not true that everything melts into air – no, they don’t melt into air.

Das – und noch mehr Oberflächlichkeiten – in einem renommierten Journal! Und zur Plattheit paßt die Auferstehung. Die Versicherung, dass es sich um soziale Imagination handelt und sich nicht alles in Luft auflöst. Wir sind in unserem Gespräch auch an diesen Punkt gekommen, aber so flach ist das nicht geblieben. Das kommt davon, wenn man etwas analysiert, dessen Hintergründe man nicht untersucht hat, in diesem Fall die Logik der Interaktivität.

fehlende Bilder

Abadia de Fontenay
Image via Wikipedia

Die ehemalige Zisterzienserabtei Fontenay ist die zweitgrößte Touristenattraktion Burgunds. Sie liegt, wie bei den Zisterziensern üblich, in einem separaten Tal, in schöner Einsamkeit, an einem kleinen Flüsschen. Ein perfekter Rasen begrüßt die Besucher. In einem großen Nutzgebäude befindet sich ein riesiger, wassergetriebener Schmiedehammer, der durch ein EU-Projekt unter Beteiligung mehrerer technischer Schulen rekonstruiert wurde.

Die Sehenswürdigkeit des Bauwerks hat selbst eine Geschichte. Was derzeit mit 3 Sternen ausgestattet in allen Reiseführens figuriert, war Ende des 19. Jahrhunderts eine Industrieruine. Die Französische Revolution beendete den Klosterbetrieb. Und dann:

Vente de Fontenay par les révolutionnaires. L’Abbaye est transformée en papeterie par le premier acheteur, M. Hugot.

Logisch: Zur Papierproduktion brauchte man große Gebäude und fließendes Wasser.

Zahlreich sind die Bilder, die man im Netz, bereitgestellt durch Fremdenverkehrsagenturen und Urlaubsknipserinnen, von der Abtei sieht. Kein einziges Bild zeigt die ehemalige Papierfabrik. (Im Bookshop kann man eines finden.) Auch die illustrierte Geschichte der Abtei läßt diesen Zustand aus.

An der Rückseite des Bilderüberschusses, der sich im Internet beobachten läßt, vermehren sich auch die Lücken, die in keiner Urlaubsreise geschlossen werden können.

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