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Unendliche Mengen. Teil 2: Limesordinalzahlen. Oder: Frauen?

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“It is a fact, that there is no limit point. If there is no limit point, there is something infinite, virtually. But we will never be in the point without limit. If we continue the repetition, we are always in the finite, we don’t encounter the limit of the absence of limit. The absence of limit is only the possibility to do the succession once more. But this ‘once more’ is only the ‘without limit’ and not the positive presentation of something infinite.” Alain Badiou – Infinity and Set Theory – Repetition and Succession (2011)

Wir haben in der letzten Episode anhand von Javascript gesehen, dass das Zählen zwar prinzipiell weitergehen kann, jedoch praktisch, um nicht in der Endlosschleife hängen zu bleiben, ein Ende finden muss – bis auf Weiteres.

Die Regel, die das Weiterzählen vorschreibt, ist kein Gesetz das uns einschränkt, sondern ein Hilfsmittel, mit dem wir beliebig viele gleichartige Zahlen erzeugen können. Was heißt gleichartig? Der Modus Operandi der Erzeugung dieser Zahlen bleibt stets gleich: +1, +1, +1, … Damit reihen  sich die Zahlen in eine Ordnung ein und sind gleichzeitig Schöpfungen, dessen Eigenschaften und Ähnlichkeiten man untersuchen kann. x ist eine gerade Zahl, x ist eine Primzahl, usw.

Die Mengentheorie nimmt die Regel des Weiterzählens zur Kenntnis, setzt sie aber an einer Stelle aus. Man kann fragen: Gibt es eine Zahl, die dieser Regel entkommt, d.h. eine Zahl, die sich nicht durch die Anwendung der Regel begründet, die von 0 beginnend einen Nachfolger produziert? Was wenn wir uns entscheiden, die Existenz dieser Zahl anzunehmen? Dann können wir -woanders- weiterzählen. Was ist passiert? Hilft uns das weiter?

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Girls with Guns

Am 8. März sah ich einen Film aus dem Genre “Rape & Revenge”: A Gun For Jennifer. Eine junge Frau wird von einer Gruppe von Rächerinnen aus den Fängen zweier Vergewaltiger gerettet, mit einer Waffe ausgestattet und in die extreme Gruppe aufgenommen. Ein Strip-Club dient als Basis, von dem aus die Gruppe potenzielle Vergewaltiger ausfindig macht, kastriert und tötet. Eine schwarze Polizistin ermittelt gegen sie, doch hat ebenfalls die Männer in ihrem Polizeirevier satt. Selbstjustiz à la Batman im Gotham City für Gender-Angelegenheiten. Nach dem Film bin ich so klug wie zuvor. Vielleicht hilft Literatur…

Bei der Darstellung von Überschreitung und versuchter Vergeltung begibt man sich auf vermintes Terrain. Mit dieser Erkenntnis beendet Julia Reifenberger ihre Jogging-Tour durch die Filme des Rape-and-Revenge Genres in dem kleinen Buch “Girls with Guns: Rape & Revenge Movies: Radikalfeministische Ermächtigungsfantasien?” (Bertz + Fischer 2013)

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Tonträgerin

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Pál Maléter war ein ungarischer Oberst, der während des Aufstands 1956 Verteidigungsminister wurde. Die russischen Interventionstruppen haben ihn verhaftet und 1958 hingerichtet. Ich erwähnte ihn in einem Gespräch mit einer ungarischen Bekannten und dabei unterlief mir eine sprachliche Peinlichkeit.

Zwei Umgangsweisen mit diesem Namen sind unproblematisch. Einerseits kann man ihn unreflektiert so aussprechen, als wäre es ein deutscher Name. Man sagt “Budapest”, obwohl die Ungarn “Budapescht” sagen, also “Pal Maleter”. Oder man richtet sich nach der Originalsprache: “Moleter Pal”. In meinem “politisch korrekten” Fehlversuch waren die beiden Vokale vertauscht “Maleter Pol”. Ein missglückter Ansatz, dem Fremden entgegenzukommen.

An diesen Fehlversuch war ich erinnert, als ich soeben in einem Text den folgenden Satz las:

Denn erstens befinden sich die kulturellen Artefakte auf dem Weg von der feststofflichen Form, die über die Jahrhunderte hinweg ihre Existenz- und Erscheinungsweise war (als Buch, als Tonträgerin oder als bildkünstlerisches Werk), in die digitale Abstraktion (als Datenformat).

Das ist, als würde ich in einem Geschäft für Haushaltswaren eine Konservenöffnerin oder eine Mixerin kaufen wollen. Der Versuch, gendergerecht zu formulieren, ist gründlich fehlgeschlagen. Ein amüsanter, oder auch ärgerlicher, Fall der Überanpassung.

Man kann ihn am Beispiel “Hosenträgerin” gut analysieren. Frauen in Hosen sind Hosenträgerinnen. Aber sie tragen, wenn sie ihre Beinkleider über die Schultern fixieren, keine Hosenträgerinnen.

Wie fair ist unsere Sprache eingerichtet! Der Löffel, die Gabel und das Messer.

aneinander, vorbei

Zu Max Biundo hatte ich im vorhergehenden Beitrag geschrieben: “Den Auftritt kann ich nur transluzent nennen. Durch das gesammelte Wissen von Betrug und Täuschung mittels Klischees hindurch strahlt eine Unverfrorenheit welche, noch ein starkes Wort, mesmerisiert.” Das war ein Beispiel aus der Unterhaltungsmusik. Hier ist eines aus der “hohen Literatur”.

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Adalbert Stifters “Witiko” spielt im Mittelalter. Ein schlichter Reiter macht sich auf den Weg zu seinem Glück. Die textkritische Ausgabe des Werkes ist in Innsbruck erarbeitet worden. Ziemlich am Anfang steigt Witiko im Böhmerwald auf den Dreisesselstein. Auf einer Wiese unterwegs trifft er zwei jodelnde Mädchen. Eines läuft, als sie ihn sieht, davon, das zweite bittet er zu bleiben.

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Festgefahren

“Eine männerfreie Gesellschaft ist möglich”

Das lese ich auf einem Plakat der Österreichischen Hochschülerschaft. Während einer von Studierenden selbst organisierten Lehrveranstaltung “Informatik und Geschlecht” haben wir darüber diskutiert. Wenn Sprechen Wirklichkeit schafft, praktiziert der Slogan nicht, was er – nach einer kurzen Überlegung – fordert.

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