Quarantäne, einst und jetzt

Ein starkes Argument gegen die stellenweise einschneidenden administrativen Maßnahmen zur Kontrolle der CoVID19 Pandemie ist die Kritik an ihrer leitenden Prämisse: Es geht darum, Leben zu schützen. Dieser Anspruch, so wird eingewandt, schadet mehr, als er nützt . Er ermöglicht zudem staatlichen Autoritäten, abgesehen vom Notfall willkürlich in den Alltag der Bürgerinnen einzugreifen. Dazu sind zwei Bemerkungen am Platz. (1) Die genannte Maxime ist eine direkte Folge massen-medial unterlegter Demokratie. Diese erzwingt ein solches Vorgehen. Wie sollte stattdessen eine konsensfähige Grundregel aussehen? Gesetzt also, dass diesem Prinzip nur schwer auszuweichen ist, stellt sich (2) die Frage, was an dieser Vorgabe eigentlich so anstößig ist?

Leben schützen

Die gegenwärtige Pandemie unterscheidet sich von Epidemien der vergangenen Jahrzehnte in wichtigen Punkten. Die Ansteckung ist nicht auf vorhersehbare Risikogruppen beschränkt, Symptome sind erst verhältnismäßig spät (oder gar nicht) zu bemerken und es fehlt jede direkte Medikation. Kurz gesagt: sie stellte anfangs ein unkalkulierbares Risiko für die Gesamtbevölkerung aller Nationen dar und verlangte politische Antworten. Im Umfeld liberaler Rechtsstaaten waren — unter Krisendruck — Mittel und Wege zu finden, zwischen bestehenden Institutionen und zahlreiche Interessensvertretungen einen belastbaren Konsens über Notmaßnahmen herzustellen. Mir fehlt die Phantasie, vorzustellen, wie Wissenschaft, Medizin, Gewerkschaften, Wirtschaft, Bildungseinrichtungen, Kulturschaffende, föderale Instanzen, Gastronomie und Kirchen sich in kurzer Zeit auf einen Rahmenplan hätten einigen können. Priorität für den Schutz des Lebens ist eine plausible Devise. Sie lässt die Frage offen, welche Maßnahmen im Einzelnen dazu erforderlich sind, doch genau das ist ihre Attraktivität. Diese Programmüberschrift schließt niemanden aus.

Publizistisch wurde aufmerksam verfolgt, ob und wann sich in den einberufenen Entscheidungsgremien interne Spannungen ergaben. Das Aufspüren und Aufblasen solcher Diskrepanzen ist ein bekanntes (und legitimes) Geschäft des Journalismus. Doch es ist nicht zu sehen, inwiefern intern gespaltene Beratungs- und Planungsgruppen in strategischen Schlüsselfragen zu Regelungen kommen können, denen ein Land zu folgen hat. Der Anhaltspunkt “Leben schützen” war wohl das wirksamste Mittel, das ungewöhnlich dirigistische Eingreifen des Staates begreiflich zu machen. Es geht hier nicht darum, inwiefern die betreffenden Maßnahmen im Einzelnen klug und/oder sachgerecht gewählt waren, bloß um den Wahlspruch, unter den sie gestellt wurden. Der Blick auf eine andere Quarantäne kann das Dilemma beleuchten. Die folgende historische Vignette illustriert, wie die europäische Gesellschaft ehemals mit Lebensbedrohungen durch Masseninfektion umging. Sie stammt aus einer Zeit unbefragter Autoritätsstrukturen und sinnstiftenden Glaubens. In dieser Hinsicht also aus einem Gegenbild der heutigen Situation.

“Separatio Leprosorum”

Die “Biomacht” des Mittelalters übten kirchliche Instanzen aus. Eine Studie über das Leben von Leprakranken im schweizerischen Kanton Waadt[ref]Piera Borradori: Mourir au Monde. Les lépreux dans le Pays de Vaud XIIIe – XVIIe siècle[/ref] beschreibt das Vorgehen:

Bis etwa zum fünfzehnten Jahrhundert war die Verwaltung des Eigentums der Leprakranken, die Leitung der Einrichtungen, die sie beherbergen, und die Befugnis, über die Isolierung der Leprakranken zu entscheiden, kirchlichen Stellen anvertraut.. … In Colovray konnte die Gemeindeverwaltung der Stadt Nyon über die Internierung von Leprakranken entscheiden, aber ein Beamte konnte eingreifen und die endgültige Entscheidungen treffen. Er war die Aufsichts- und Berufungsinstanz für alle Lepraprobleme der Diözese. Ihm meldete man die Verdachtsfälle von Lepra, er war derjenige, der Leprakranke vor sein Tribunal lud und Ärzte zum Krankenbesuch einteilte. Schließlich war es immer er, der das Urteil über den Ausschlusses aus der Gesellschaft fällte, und die Bestrafung widerspenstiger Aussätziger, die Exkommunikation, verfügte. Die Leprosaria von Lausanne werden von den Pfarrern von St-Laurent und Vidy verwaltet . Was die Aussätzigen betrifft, so standen sie unter der direkten Gerichtsbarkeit des Bischof, der es an den Pfarrer von Vidy delegierte. (S.21)

Rund um diese gesundheitspolitischen Maßnahmen hatte sich seit dem 7. Jahrhundert ein spezielles Ritual herausgebildet. Es war ein suggestiv bedeutungsgeladener, schreckerregender Vorgang. Aussätzige wurden vor ein offenes Grab geführt und einer Begräbniszeremonie unterworfen, der [ref]separatio leprosorum[/ref]. Der Priester verkündete: “Tot der Welt, wiedergeboren in Gott”[ref]”sis mortuus mondo, vivens iterum Deo”[/ref] und designierte die Kranken damit als lebend-tote Zwischenwesen. Ihr Leiden versinnbildlichte Tod und Auferstehung Jesu Christi.[ref]”I will argue that the leprous body was an intermediary to the body of Christ in the minds of late medieval viewers. They could utilize this accessible body as a tool to cultivate a closer relationship with Christ. I will explore imagery of Christ and lepers created in England, Flanders, France, Germany, and Italy from 1300 through 1500 to demonstrate my argument. I will compare representations of the Flagellation of Christ and Christ as the Man of Sorrows to images of Christ healing lepers in order to show that the leprous body could be understood as a substitute for the body of the Crucified.” Jenna Ogden: The Leprous Christ and the Christ-like Leper: The Leprous Body as an Intermediary to the Body of Christ in late Medieval Art and Society.[/ref] “An Ostern dürfen Leprakranke für ein paar Tage aus dem Grab kommen, wie Christus selbst.”[ref] Histoire de la médicine IX ] Histoire de la Lèpre[/ref]

Zwischen den Zeiten

Abgesehen vom wissenschaftgläubigen Überlegenheitsgefühl: Schaudern, Ironie und ein Quentchen Bewunderung. Nostalgie ist nicht am Platz. so wenig wie Verachtung. Die harte Gegenüberstellung der beiden Strategien zur Seuchenbewältigung zielt, trotz ihrer exotischen Unverhältnismässigkeit, auf einen unspektakulären Punkt. Viele Kritikerinnen der Devise “Zu allererst Leben retten” sprechen sich für Augenmaß im politischen Handeln, für die Priorität individueller Verantwortung, und allgemein für “das gute Leben” aus. Verlangt wird häufig auch ein gelassenes Verhältnis zum Tod. Woher die Einigung unter diesen Maximen kommen könnte, bleibt unbestimmt. Zahlreiche Optionen stehen im Widerspruch zueinander[ref]Besinnlichkeit und Berufserfolg (ein gutes Buch/ein gutes Geschäft), Bescheidenheit und Ehrgeiz (gute Gesundheit/eine gute Nachrede), Verlässlichkeit und Glücksgriff (eine gute Grundlage/eine gute Partie.)[/ref] Aus deren Agglomeration folgt keine nationale Gesundheitspolitik. Unsere Verfassung macht deren Leitlinien vom abstrakten “Wählerwillen” abhängig; seinen möglichst mehrheitsfähigen Vorgaben versuchen Politikerinnen zu entsprechen. Dass sie damit die öffentliche Meinung gespalten haben, ist eine bittere Lehre aus der Pandemie. Hier ein kleiner Trost: Es hätte besser laufen können, aber früher war es nicht besser. Die Phantasie, früher wären “noch” ausgewogene Mittel zum gesellschaftlichen Umgang mit Tod und Verderben zur Verfügung gestanden, ist ein Phantasma.

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