Wunsch nach Anerkennung

somerset

Eine Vorlesung bringt es mit sich, dass Studierende mit zunächst neutralen Gesichtern vor einem sitzen und darauf warten, was ihnen gesagt wird. Als Vortragender muss ich eine Sache darlegen, aber das ist nicht alles.

Es handelt sich auch um Szenen mit “attraktiver Dynamik”, speziell auch mit der von Andreas Kirchner angesprochenen Bedürftigkeit. Sie besteht auf beiden Seiten: die Hörerinnen möchten gerne etwas wissen und sie möchten es so erfahren, dass sie “etwas damit anfangen können”. Dass es sie informiert, unterhält, auf neue Gedanken bringt. Und der Vortragende möchte sein Thema verständlich machen, anerkannt werden, Interesse und Sympathie wecken.

Die Größe des Auditorium macht natürlich etwas aus. Die Dimension des Wiener Hörsaals 3D, zehn bis siebzig Studierende, ist ein gutes Experimentierfeld für die Verführung zwischen “Fremdbedarfsdeckung” und “Eigenbedarf”. Ein Blick in den Saal, aus der Position des Vortragenden, ist nicht neutral. Sehr rasch kristallisieren sich Figuren heraus, die ihn quasi verführen wollen bzw. die er zu verführen trachtet. Das beginnt mit der Art, wie jemand sitzt (oder lümmelt) und ist im Gesichtsausdruck manifest.

Unglaublich desinteressierte Kommilitoninnen oder Kommilitonen bevölkern die Hörsäle, zumindest wenn man die Nagelmaneküre, die schläfrige Absenz oder das Tuscheln mit dem Freund als Indikator nehmen kann. Umgekehrt gibt es – im Wortsinn – Teilnehmerinnen an der Vorlesung. Mit ihnen baut sich das Spiel der Verführung auf. Sie reagieren nicht einfach dadurch, dass sie mitschreiben. Sie zeigen auch, dass sie eine Pointe verstanden haben und genießen. Im Vorlesungsbetrieb können sich kleine Epiphanien ergeben, in denen eine “Materie” vor aller Augen in eine Inspiration verwandelt wird. Das ist der Verführungsversuch durch die Vortragende.

Also gut, ein Beispiel. Vergangenen Freitag erläuterte ich in einer Diskussion des Empirismus den Unterschied zwischen den sensorischen Einflüssen, welchen Menschen ausgesetzt sind, und ihrer sprachlichen Fassung. Der Schnittpunkt ist im Wiener Kreis “Beobachtungssätze” genannt worden. Sie sind eine Art Relais zwischen der Wahrnehmung und der Behauptung. Das wollte ich illustrieren und sagte “Es ist so, wie wenn jetzt eine Kollegin aufsteht und den Raum verläßt. Wir alle sehen das und ich sage ‘Jetzt sind wir eine weniger’.”

Sofort wurde mir klar, dass ich eine Selbstverständlichkeit und einen Unsinn gesagt hatte. Das Beispiel eignet sich gut dazu, unsere Intuition “sinnlicher Gewissheit” zu demonstrieren. Jede sieht die Person in Bewegung, niemand kann Zweifel daran anmelden, dass sich etwas zugetragen hat. Aber der Satz, den ich damit assoziierte, ist auf geradezu pathetische Weise kein Beobachtungssatz. Er zeigt sehr schön, wie unsere Beobachtungen untrennbar mit Theorien verbunden sind. Was ausgezeichnet dazu passte, was ich im Kontext des Quine’schen Holismus sowieso sagen wollte.

Kann jemand mit so etwas verführen? Es ist wie eine Drehung beim Eiskunstlauf, die beinahe danebengeht und mit extra Gusto aufgefangen wird. Also eher eine Show, als eine Verführung. Ein kleiner, aber entscheidender Unterschied.
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