Gespräch zu Ende? Nein, danke.

Die Automatik dieses Blogs deaktiviert die Kommentarfunktion nach einigen Tagen, auch für die Autorin. Dies ist unabhängig vom Datum des letzten Kommentars.  Es liegt mir nahe, dieses Ende nicht zu akzeptieren. Also antworte ich auf das Kommentar des letzten Artikels, und den automatischen Redeverbot, in dieser Form.

Erkenntnis aus dem letzten Absatz: Es gibt Zustände, für die es nicht genügt, den Rest dem Schweigen zu überlassen. Wenn Schweigen formiert und in eine Struktur mit Bildern verwoben ist, dann gibt es Um- und Zustände, die eine Übersetzung in Bilder anstreben. Bei mir provoziert vor allem souverän eingesetztes, ausgestelltes Schweigen genau das. Die Grenze zwischen Reden und Schweigen ist überwindbar. Auch dann ist nicht alles am Bildschirm.

In dem Kontext besteht eine Spannung nicht zwischen Sprechen und Schweigen, sondern zwischen Zuständen und Ausgestelltem. Zustände produzieren Formen und Endliches, mit denen sie sich manchmal identifizieren. Zustände können außerdem, auch wenn sie ebenfalls endlich sind, über ihre Produktionen hinausstreben. Produkte ohne Zustände streben nicht, sie stehen da.

Wozu das Hinausstreben der Zustände, bis hin sogar zum Anpeilen eines unmöglichen Ziels? Was in der Dynamik nach einem hohen Ziel nebenbei abbröckelt, und was der Zustand im Prozess kaum als wichtig anerkennt, kann später, an anderer Stelle, verwendet werden – und Folgen haben. Wenn ein Zustand zu Ende geht, ohne am Ziel angekommen zu sein (z.B. Anja Plaschg’s Fragment), sind die Spuren, die er auf dem Weg hinterlässt, nicht weniger wert. Und: Die Nebenprodukte und ihre Formen kommen vielleicht eher an die wabernden Zustände und deren Umstände heran als die zielgerichteten Ausstellungen.

3 thoughts on “Gespräch zu Ende? Nein, danke.

  1. Schweigen ist vielfältiger, muss ich nachbessern:

    Ich kann schweigen, um etwas zu verschweigen.
    Ich kann schweigen, um etwas zu bewahren.
    Ich kann schweigen, um etwas zu demonstrieren.
    Ich kann schweigen, um nichts Unpassendes zu sagen.
    Ich kann schweigen, wenn ich nicht mehr weiter weiß.
    Ich kann schweigen, wenn ich irritiert bin.
    Ich kann schweigen, wenn ich denke, es ist alles gesagt.
    Usw.

    Bei dieser Vielfalt an Verwendungsweisen ist es naiv zu glauben, schweigen könnte eindeutiger als reden sein. In den obigen Fällen ist Schweigen zu meiner Verfügung. Ich kann aus denselben Gründen reden. Das ist bis zu einem gewissen Grad willkürlich. Dass es willkürlich ist ändert sich – und hier befindet sich der Traktatus von Wittgenstein – wenn ich an die Grenzen des Sagbaren komme. Wenn ich über die Welt nicht etwas sagen _kann_, muss ich dann schweigen? Nein, ich muss nur nichts sagen. Sobald ich dann aber die Grenzen kenne, muss ich nicht nur nichts sagen, sondern _kann_ schweigen, d.h. auf diesen Abgrund in der Form von Schweigen hinweisen. Nur regt Schweigen die Phantasie an, so wie Barrieren zum überwinden einladen. Oder ist schweigen ansteckend, so wie lachen oder gähnen? Nein, man wird zumeist reden, um jemanden zum Schweigen zu bringen (und umgekehrt).

    ——————–

    Bei Facebook schwirren gerade Zustandsmeldungen herum, die folgendermaßen beginnen: “In response to the new Facebook guidelines I hereby declare that my copyright is attached to all of my personal details, illustrations, comics, paintings, crafts, professional photos and videos, etc.”

    Konkurrierend dazu gibt es Zustandsmeldungen, die darauf hinweisen, dass es nichts bringt, dies extra zu sagen ( plus einer Analyse, in welche Fallen diese Meldung tappt, und warum sie nur so aussieht wie ein gesetzlich bindendes Statement ):
    “That Facebook Copyright Thing Is Meaningless and You Should Stop Sharing It”

    Das Sympathische am Konkurrenzkommentar ist: Wenn man unter ein Gesetz fällt, muss man das nicht notwendigerweise extra dazusagen (und damit das Risiko eingehen, einen Blödsinn zu sagen). Andererseits geht es mir zu weit, diese Postings “meaningless” zu nennen und den Leuten zu verbieten so zu reden. Denn die virale Zustandsmeldung zeigt ja etwas: die Vergessenheit :-), die Unklarheit darüber, dass und ob man unter (solche) Gesetze fällt und worum es bei diesen im Einzelnen geht.

    (Vgl. auch Traktatus “6.53 Die richtige Methode der Philosophie wäre eigentlich die: Nichts zu sagen, als was sich sagen lässt […] und dann immer, wenn ein anderer etwas Metaphysisches sagen wollte, ihm nachzuweisen, dass er gewissen Zeichen in seinen Sätzen keine Bedeutung gegeben hat. Diese Methode wäre für den anderen unbefriedigend – er hätte nicht das Gefühl, dass wir ihn Philosophie lehrten – aber sie wäre die einzig streng richtige. “)

    Schweigen mag für die Schweigende elegant, clever und oft auch sachgerecht sein, praktisch und entgegenkommend für den Zuhörenden ist es nicht immer, obwohl und weil es die Phantasie anregt – oder frustriert, wenn man es verordnet. An einer Sprechzimmer-Tür hängt folgende Weisheit: Silence is the perfect logic unless someone asks you a question.

  2. Noch ein Update:
    Man könnte meinen die Automatik spielt verrückt, ist indeterministisch: Die Kommentarfunktion für den vorherigen Beitrag ist wieder verfügbar. 🙂

    Es wird also witzig, wenn sich der Weltzustand schlagartig ändert und mit ihm die Grenzen des Sagbaren. Eine Produktion, die vormals noch zutreffend war, läuft aus; zurück bleibt eine leere Hülle, die man manchmal wiederbeleben kann. Doch man steigt nicht zweimal in denselben Fluss.

    Anders gesagt: Eine Produktion P ist geprägt von einem Komplex K1, bestehend aus dem aktuellen Zustand Z1(K1) und ihren “zugänglichen” Nachbarn Z2(K1), Z3(K1),… (so ähnlich wie bei der Modallogik). Einem Zustand außerhalb von K1 ist diese Produktion P fremd.

    Grenzen und Gesetze eines Spiels von innerhalb zu erschließen, ist keine einmalige Angelegenheit, angenommen es gibt eine unerschöpfliche Quelle von Überraschungen. Das ist schon eine Spielregel.

  3. “Die Grenze zwischen Reden und Schweigen ist überwindbar.” Diese beiden Begriffe sind auf den ersten Blick als Gegensätze definiert und darauf beruft man sich auch öfters. “Ich sage nichts.” Und dann “verrät man sich” durch eine Geste. Wittgenstein hat das Verhältnis am Ende des Tractatus überdramatisiert. Die Vielfalt des Schweigens (im Selbstkommentar) wäre eine Antwort des späteren Ludwig an den früheren.

    “Zustände und Ausgestelltes”, “Zustand im Prozess”. Dieses Verständnis von “Zustand” kommt, so vermute ich, aus der Informatik. Gemeint ist doch eher (um es anspruchsvoll auszudrücken) eine – möglicherweise überraschungsreiche – Entelechie.

    “Nichts sagen” versus “Schweigen”. Ein wirklich guter Hinweis. So wie “verstummen” die beiden Bedeutungen hat, dass eine Rede nicht weiter fortgeführt und dass sie zu einem Ende gebracht wird. Bei aller Flexibilisierung des Wittgensteinschen entweder/oder ist allerdings auch zuzugeben: unser Leben wird ab einem Zeitpunkt nicht mehr fortgeführt werden. Wir “werden es nicht aufgeben”.

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