beschreiben und erschweigen

Der Tractatus von Ludwig Wittgenstein scheint zunächst gekünstelt, eine durchorganisierte Ausstellung. Die nummerierten und geordneten Sätze können zur Meditation einladen, wie eine Serie von Gemälden eines Künstlers. Wenn man annimmt, dass es ums Ganze geht, verführen die pointierten Sätze zum Verharren und Abdriften: “4.1212 Was gezeigt werden kann, kann nicht gesagt werden.” Die folgenden drei Screenshots setzen sich mit diesem Satz auseinander, sowie der Frage wie weit sich die Disjunktion von Zeigen und Sagen halten lässt, ausgehend von (m)einer unabgeschlossenen Welt.


1. Indifferenz: Letztes Wochenende im Musée d’Orsay in Paris: Nach einer Stunde anstehen vor dem Eingang gehe ich durch die Räume des früheren Bahnhofs, wo thematisch und nach Autoren sortiert Gemälde ausgestellt sind. Ich bemerke, dass ein und derselbe Künstler großformatige realistische Szenen sowie das skandalträchtige Bild mit dem metaphysischen Titel “Ursprung der Welt” malen konnte. Bilder sind in einem Rahmen ausgestellt; erst nach einem Abstand wartet das nächste Bild: ein anderes Bild in einem anderen Rahmen. Man hat auf eigene Faust mit Brüchen zwischen den Bildern umzugehen, wenn man ihre Einheit sehen möchte. Ein Museum beherbergt diese Bilder nur und lässt beides zu: (1) die Brüche zu vermitteln und (2) den Zustand, den das letzte Bild bei einem verursacht hat, zu distanzieren, indem man einen “Reset” nach jedem Bild anstrebt. Das Bild eines Künstlers schweigt wie der Satz bei Wittgenstein über seine Form und damit auch über seine Vergleichbarkeit mit anderen Bildern. Aber sie kann sich uns zeigen, oder spiegeln (T 4.1.2.1).

2. Nachträglichkeit: Am nächsten Abend lebendige Kunst aus Österreich in Paris : Ein Konzert von Soap&Skin im Theater La Cigale. Das Klatschen – allgemeiner: die Reaktion des Publikums – bildet üblicherweise den Rahmen eines Stücks. Eine Sequenz fand ich im Zusammenhang mit der Möglichkeit des “Resets” von Zuständen besonders: Anja Plaschg spielt mit Ensemble ihrem Klavier und Macbook ein Stück mit unheimlichen Klängen: Clint Mansell – Meltdown. Am Ende kann – der Titel lässt es erahnen – niemand aus dem Publikum klatschen. Man muss sich erst wieder sammeln (Das verlinkte Video stammt nicht aus dem Konzert im La Cigale. In anderen Konzerten war es also nicht der Fall, dass das Publikum wie gelähmt war). Da will die Künstlerin ohne Rahmen weitergehen. Als wäre nichts gewesen beginnt sie mit dem Refrain von “Lana del Ray – Videogames”, langsam gespielt, und beginnt allmählich zu Lächeln und ihren Kopf zu verdrehen. Das Publikum ahnt noch nicht den Sinn des Lächelns, doch macht intuitiv mit: vereinzelt hört man kurzes Auflachen. Vielleicht ist es der akustische Kontrast, der den Moment so komisch macht. Als der Song abgebrochen wird mit dem Kommentar: “I forget”, gibt es großen Beifall und entspannendes Gelächter. Zwei Anmerkungen dazu:

  • Erst der knappe Satz ermöglichte dem Publikum, auf den Zustand zu reagieren und zu realisieren, welche Form sich im Dargestellten zeigt. Wir können nun das Zögerliche in der Performance ausmachen und das Grinsen deuten. Sie wusste schon nach ein paar Takten nicht mehr, ob sie das ganze Stück zusammenbringt.
  • Der “Reset” nach dem unheimlichen “Meltdown” gelang nicht instantan, der vorangegangene Zustand war persistenter als geplant und interferierte. Bestimmte Assoziationen waren nicht verfügbar. Stärker formuliert: Es prallten zwei Weltzustände aufeinander. Weder die Künstlerin noch das Publikum waren bereit für den context switch. So bildete ein Zwischenfall, ein Gedächtnisausfall, den Rahmen und – durch das Kommentar – die Möglichkeit eines Abschlusses.

Die Unterscheidung einer Form, die sich im Gesprochenen zeigt und dem Gesprochenen, das seine eigene Form nicht auch noch artikulieren kann, lässt sich nicht beim Sprechen treffen. Erst im Nachhinein werden im Gegebenen Gestaltmomente sichtbar. Form ist erst mit der Distanzierung eines Zustands festgelegt, nach dem Sprechen, Schreiben, Malen, Aufführen.

3. Hinausgehen: Der Tractatus arbeitet an der Herstellung eines Zustandes, der die allgemeine Form von Zuständen aufweisen möchte, ohne die Form als Ganzes ausstellen zu können. Er tut dies durch eine Sequenz von Sätzen/Bildern. Der Zustand soll durch die Rezeption der Sequenz hergestellt werden, kann aber nicht in der Konjunktion der Sätze aufgehen. Dies ist vielleicht ein wichtiger Grund, warum Wittgenstein die Quantoren der Prädikatenlogik kritisiert: Weil man mit “für jedes x” nicht an “alles” herankommt (Vgl. dazu auch Richard Heinrich’s vierte Vorlesung zu Wittgensteins Tractatus). Der Nutzen der Sequenz von Sätzen im Tractatus besteht nicht darin, zu sagen, was die Form eines (Welt-)Zustands ausmacht, sondern mit den Sätzen zu zeigen, wie man über diese Sätze hinausgeht. (T 6.54) Aber wohin? Ins wissende Schweigen? In die ständige Tätigkeit ohne Fixierung? Vom einzelnen Bild zum Video, wenn ein Video nicht wieder ein Artefakt wäre? ” Fixier- und vermittelbar ist von dem, was das Denken übersteigen sollte, nichts als das Denken.” schreibt Alain Badiou am Ende von “Wittgensteins Antiphilosophie”, zu der noch mehr zu sagen ist.

Herbert Hrachovec nimmt in “Bildung und Datenbanken” die Disjunktion zwischen unbezeichenbaren Formen und Sätzen zum Anlass, darauf hinzuweisen, dass “das Bezeichnungsverbot für allgemeine Welt-Determinanten […] eine Absichtserklärung gegen Versuche [ist], das Auftreten platonischer Formen in der Welt begreiflich zu machen” (S.44). Während Platon einen Zusammenhang zwischen den gerechten Dingen und der Gerechtigkeit provoziert, kappt Wittgenstein die Verbindung. Weder Philosophinnen noch sonst jemand kann die Form der Welt wissend begreifen. Das sei ein egalitärer Zug des Tractatus. Politisch zugespitzt: Für eine klassenlose Gesellschaft. Angesichts der Form der Welt sind wir gleichermaßen unwissend. Interessanterweise hat die antiplatonische Absichtserklärung jedoch das Zeitalter der Datenbanken vorbereitet, das die Asymmetrie von Formen und Daten-Sätzen in der Welt einführt und das damit gleichzeitig “ein Zeitalter ist […], in dem […] auch das Getrennteste miteinander in Verbindung treten kann“.  Informatics rules, falls außerhalb der Welt kein Thema mehr ist.

One thought on “beschreiben und erschweigen

  1. “Bilder sind in einem Rahmen ausgestellt”: Bilder sind gerahmt, egal, ob sie in einem Rahmen stecken. Sie können nichts über ihren Inhalt sagen – wenn man es humorlos nimmt. Auf der anderen Seite stehen zahlreiche Tricks zur Verfügung, wie sie “in ihrem Rahmen” über ihren Rahmen hinausweisen, z.B. indem sie Annahmen darüber enthalten, wo die Betrachterin steht.

    “Form ist erst mit der Distanzierung eines Zustands festgelegt.” Form gibt es nur, wo Grenzen bestehen. Sie ist ein Musterbeispiel für Endlichkeit. Und auch für die Endlichkeit der Endlichkeit, weil man (Wittgenstein!) ja ein Jenseits der Grenze impliziert, sobald man eine festlegt. Also auch hier: beredtes Verstummen.

    “Ins wissende Schweigen?” Das Schweigen ist ausdrucksvoll in einem Kontext, also wenn es selbst eine Form besitzt. “Betroffenes Schweigen”, “Vielsagendes Schweigen”. Also wo es gegen das Sprechen eine Grenze zieht. Es ist platziert, genauso wie die Bilder im Museum. Diesem Umstand wird man nicht gerecht, wenn man es als quasi formloses Gegenüber zum Sprechen auffasst.

    “Angesichts der Form der Welt sind wir gleichermaßen unwissend.” Es gibt unterschiedliche Bilder. Manche gestikulieren “über sich hinaus”. Und sie erzeugen damit diverse Effekte, die bisweilen hilfreich sind. Problematisch wird es nur, wenn so ein Bild nicht nur seine Endlichkeit vergessen lassen möchte – das soll es ruhig versuchen. Sondern wenn seine Endlichkeit, seine Form, nicht anerkannt wird.

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