Vereinfachung?

Freitag. Zur Feier des Tages sehe ich mir eine Vorlesung von Slavoj Žižek an: “The Buddhist Ethic and the Spirit of Global Capitalism“, gehalten 2012 an der European Graduate School in Saas-Fee. Darin sind spannende Bemerkungen zu Buddhismus und Kognitivismus zu finden. Danach hatte ich die Tendenz, das Video genauer zu analysieren und zu annotieren, jedoch nicht das Video in Text zu übertragen (das Transkript ist mit einigen Fehlerrn bereits auf YouTube vorhanden). Die naheliegendste Option ist das Video in YouTube noch einmal hochzuladen und dort zu zerlegen. Ist das die einzige Option im Web? Die Suche führt mich zu Alternativen die keine sind und zu einem Merkmal post-politischer Situationen.

Karma_Leaders_Spam_IT_topics

Kaltura ist eine Kandidatin, die als YouTube-Alternative durchgehen könnte. Ein Video mit dem CEO von Kaltura bewirbt die Plattform:

Die Open Source Video Plattform kann man auf seinem eigenem Server installieren. Dann können Benutzer Videos hochladen, online schneiden, bearbeiten, mit Metadaten versehen und der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen.  Ich finde eine schrittweise Anleitung, wie ich Kaltura auf meinem virtuellen Ubuntu Server testweise installieren kann. Die Vorbereitungsschritte sind schnell erledigt, bis es heißt: “Download Kaltura package from the official website www.kaltura.org“. Anstelle des Pakets finde ich halbfertige Anleitungen, die nicht auf meine Umgebung passen und ein Projekt zur Vereinfachung der Kaltura-Installation.

Die Kaltura-Entwickler haben mit dem Projekt “Kaltura Install Made Simple” begonnen und kündigen dies in ihrem Blog an. Beim Lesen des Artikels finde ich bekannte Wörter aus der IT-Organisation wieder: Roadmap, Alpha-Status, Projektseite, Deployment usw. Und am Schluss die Aufforderung an “Packaging Personen”: “If you’re a packaging person and would like to help or suggest practices or ideas – let us know.”

Was für eine Farce. Erstens: Vor dem Vereinfachungsprojekt konnte man eine nicht für seine Umgebung adjustierte Version (als .tar.gz) herunterladen. Leute teilten ihr Wissen um anderen die Installation für ihre Umgebung zu erleichtern. Zweitens: Das Vereinfachungsprojekt beschließt offenbar, die allgemeine Version nicht mehr zu veröffentlichen und auf die spezifischen Umgebungen einzugehen. Das versperrt erst recht den Weg, die Software auf noch nicht unterstützten Umgebungen zur Kooperation zu bewegen. Drittens: Die Reaktionen auf den Artikel bestehen – kein Wunder – aus Spam-Kommentaren.

Individuen, die in traditionsreiche IT-Abteilungen kommen und mit Hilfe der vorhandenen Infrastruktur ein Ziel erreichen wollen, kommen zu ähnlichen Eindrücken wie ich bei Kaltura. Initiativen zur Vereinfachung des Technologie-Stapels bleiben im Ansatz stecken, oder sind ohne eine vorgängige Analyse der Bedürfnisse der Benutzerinnen erstellt worden. Sobald Beschwerden aufkommen, dass die Infrastruktur zu komplex ist und nicht funktioniert, verweist man auf “die Initiative zur Vereinfachung”, die selbst ein schwerfälliges unterfangen ist, wo sich Betroffene doch bitte einbringen sollen. Und jetzt? (1) Man gibt auf, (2) wird Projektleiter dieser Initiative, oder (3) beschreibt die Mechanismen und Nebenschauplätze, welche in den Werbevideos verschwiegen werden.

Žižek beschreibt im Buch “Ein Plädoyer für die Intoleranz” Eigenschaften post-politischer Organisationen. Eine ist die Tendenz, spezifische Forderungen in einen Katalog von Findings oder Issues “aufzunehmen” und dann organisiert abzuarbeiten. Dies behebt einzelne Issues recht effektiv, jedoch sollte man sich im Klaren sein, dass dadurch Veränderungen des modus operandi erschwert werden, etwa in den Bedingungen die zur Entstehung der Issues relevant sind:

Befreiend ist Kaltura nicht – das wäre auch zuviel verlangt für eine paketierte Plattform. Man muss hinzufügen, dass es sich um eine Software handelt, die gewartet wird. Die letzte Änderung des Source Codes fand vor 2 Tagen statt. Während der letzten 30 Tage gab es laufend Veränderungen im Code. Dort arbeiten Leute fleißig an den Details und niemand scheint zu sehen, dass das Kaltura-Forum mit Bodybuilding und Hautpflege-Spam zugemüllt wird. Karma-Punkte, Software-Themen und zusammenhangslose Zeichenketten untereinander. Man weiß nicht, ob man sich distanzieren, auf Konfrontation gehen, oder weiter YouTube Videos anschauen und bearbeiten soll. Im Zweifel für den Zweifel – auch das ist ein YouTube-Video – aber nicht nur: Dieser Beitrag enthält eine mit Audacity erzeugte Audio-Datei. So etwas lässt sich selbst machen, und Anfänger kann man dabei unterstützen.

Update, 25.05.: Der Download-Link des generischen Kaltura-Pakets ist gefunden. Auf der kaltura.org Website gibt keine einzige Referenz auf diese URL. Ich fand sie in einem 2 Jahre alten Blog-Artikel bei sparksupport.com. Eine DuckDuckGo-Suche nach dem Dateinamen hat in Folge eine offizielle Download-Seite zum Vorschein gebracht.

One thought on “Vereinfachung?

  1. Ich habe eine ähnliche Odysse mit Kaltura erlebt, allerdings hat mir der letzte Punch gefehlt. Darum habe ich es nicht bis zur community edition geschafft. Jetzt bin ich gespannt, ob sie funktioniert.

    Die Entwicklung scheint ja dahin zu gehen, ein schickes vorläufiges Angebot zu produzieren und dann recht bald eine business version nachzuschieben. Früher war damit zu rechnen, dass open source Projekte etwas mühsam sind, aber es ist zunehmend so, dass die flotte Oberfläche gleich einen guten Eindruck hervorruft, hinter dem Intransparenz herrscht.

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