Geschäftsmodell Eitelkeit

Gewöhnlich zeigt mir Google, wenn ich einen erkärungsbedürftigen Terminus nachschlage, auf der ersten Seite zumindest einen Wikipedia Eintrag. Nicht so für “Video Sales Letter”, da taucht die Enzyklopädie erst auf der 4. Seite auf — und dort nur mit “Sales Letter”, ohne Video. Eine schmerzhaft US-amerikanische Propaganda für das Video Sales Letter Formula steht in der Suche ganz oben.

Ich suchte nach einer Erklärung zu diesem Thema, denn ein Kollege hatte im Seminar “Podcasts philosophisch” unter Rückgriff auf Plato eine Satire auf diese Werbeform produziert:
Dihairesis. Deine persönliche Blaupause zur Begriffsbestimmung. Die wichtigste Regel für solche Einschaltungen scheint zu sein, die Konsumentinnen nicht durch Kontrollknöpfe in den Ablauf der Werbung eingreifen zu lassen, die ohne Aufforderung (auto-play) abgespiet wird.

Tags darauf erhielt ich eine Mail von academia.edu.

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Klingt interessant. Obwohl mir sofort einfällt, wie problematisch solche Zahlen sind. Auf welche Quellen greifen sie zurück? Wie eliminieren sie Doubletten, Inhaltverzeichnisse, Inserate, Selbstzitate? Immerhin, die Neugierde ist geweckt.

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Das ist also nicht der Link zu meinen 391 Erwähnungen, sondern eine Vorstellung von academia.edu Premium. Mir schwant schon, was jetzt folgt, ein Geschäftsangebot. “Wollen Sie mehr wissen?” Der nächste Köder am Angelhaken. (Wie passend, dass Ambros Guth Platons Vergleich zwischen den Sophisten und den Angelfischern als Textbasis für seine Parodie der Video Sales Letter genommen hat.)

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Dann kommt es, wie es kommen muss. Der Ablauf führt zum Kaufvertrag. David Gunkel hat das Vorgehen mit den Gebräuchen des Drogenhandels verglichen.

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Es gibt eine Reihe von Gründen für einen Boycott von academia.edu. Aber diese dienstfertige Schmeichelei ist besonders abstoßend. Stimmt schon, es liegt im Trend und das one-person-enterprise, zu dem viele Wissenschaftlerinnen gezwungen worden sind, lebt von “Kontakten”. Es stimmt obendrein, dass nicht nur Neugierde, sondern auch persönliche Eitelkeit im Spiel war, als ich mich durch die gut geplante Sequenz der Weiterleitungen klickte.

Aber am irgendwo hört sich der Spaß auf.