betriebsblind?

Vor einiger Zeit ist ein Gespräch mit Anke Graneß in die Philosophische Audiothek aufgenommen worden. Unter dem Titel “Weltweite wirtschaftliche Gerechtigkeit” ging es um einen Artikel, den Frau Graneß publiziert hatte: “Is the debate on ‘global justice’ a global one? Some considerations in view of modern philosophy in Africa”. Den Titel der Sendung hätte man vielleicht mit einem Fragezeichen versehen können. Allerdings wurde gleich zu Beginn betont, dass die Debatte über globale Gerechtigkeit einseitig im europäischen und US-amerikanischen Raum konzentriert ist. Das reichte nicht, um eine massive Kritik zu verhindern.

Said Salasar schrieb in einem Kommentar unter anderem:

Alles was dann noch gesagt wird, auch all die besprochenen nichtwestlichen Philosophen, gehen, soweit dies den Ausführungen zu entnehmen ist, unisono von einem grundsätzlich westlich, auf Ratio basierenden Menschenbild aus. Anderes wird, wie es scheint, von Philosophen nicht als philosophisch wahrgenommen.

Dass die schreiende, weltzerstörende und entmenschlichende “Ungerechtigkeit” (das Wort, das Konzept GerechtigKEIT stellt bereits eine Vorentscheidung zu unseren Gunsten dar) durch das westliche Menschenbild permanent reproduziert wird, dass – aller verbalen Kritik zum Trotz – dieses Menschenbild Kapitalismusapologetik ist, scheint den Diskutierenden, bei allem Respekt, überhaupt nicht aufzufallen.

Unsere existenzielle Abhängigkeit von der Beraubung der Welt schafft eine Betriebsblindheit, die dann doch immer aufs neue entsetzlich ist. Was sich von den antiken Griechen herleiten Philosophie nennt, ist – nicht nur aber massiv – Apologetik unserer Lebensweise, Liebe zur Weisheit, soviel darf mensch heute sagen, ist es kaum, ZUviel Ego.

Die Absicht des Gespräches war, auf die Zweischneidigkeit der Rede von “weltweiter Gerechtigkeit” hinzuweisen. Der Beitrag in einer angesehenen Fachzeitschrift, geschrieben in Englisch und mit 62 Anmerkungen, wird tatsächlich in gesicherten Verhältnissen diskutiert. Es wird nichts unternommen, um sich für diese Asymmetrie zu entschuldigen. Europäische Hochschullehrerinnen (w/m) leisten diese Arbeit. Ihre Parteistellung ist allerdings komplexer, als es der Vorwurf, sie seien unreflektiert Teil des herrschenden kapitalistischen Systems, zugesteht. Dazu eine Pointe aus der Geistesgeschichte.

Abd al Rahman Al-Jabarti, ein Scheich in Kairo, war zu Beginn des 18. Jahrhunderts im Rahmen der ägyptischen Expedition Napoleons mit der europäischen Aufklärung konfrontiert. Die französische Revolution, so hörte er, beruht auf der Gleichheit aller Menschen. Al-Jabarti antwortet dem Franzosen (“His saying …”) folgendermaßen:

.His saying ‘[all people] are equal in the eyes of God’ the Almighty, this is a lie and stupidity. How can this be when God has made some superior to others as is testified by the dwellers in the Heavens and on the Earth? 1

Es ist die “Blindheit” der Aufklärungstradition, die beim Lesen dieser Passage einen gelinden Schock hervorruft. Dem Gleichheitsideal wird Lüge und Dummheit vorgeworfen. Wobei “wir Europäer” doch so stolz darauf sind, dass jeder einzelne Mensch mit den Mächten, die ihn umgeben, zumindest im Prinzp autonom umgehen kann. Wie der Mann, der auf seinen Stangen dem Kirchturm konkurriert. Von wegen Kirchturm. Hier beginnt die Zweischneidigkeit.

Die “abendländische” Tradition enthält einen bleibenden Widerspruch: Seit allen Menschen (anfangs als “Gotteskindern”) die gleiche Würde zugesprochen wurde, kollidiert dieses Theologumenon mit den Praktiken der räuberischen und destruktiven Expansion2 Das ist ein bedrückendes Problem, aber man muss sich vor Augen halten, was der Scheich, wie jahrhundertelang auch die christlichen Kirchen, dagegen anzubieten hat. Offensichtlich habe Gott die Gesellschaft hierarchisch eingerichtet, sodass manche oben, andere unten zu stehen kommen.

Die imperialistische Expansion verbreitete in ihrem Gefolge auch die Ideen der Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit. Napoleon, der Kondottiere, schlug eine Bresche in das vor-neuzeitliches Glaubenssystem des ägyptischen Islams, nachdem die neuzeitliche Republik den König von Frankreich geköpft hatte. Zerstörung begleitet seinen Weg – und die Verbeitung wissenschaftlicher Methoden zur Kriegsführung, Agrartechnik und Seuchenprävention. In diesem Traditionszusammenhang steht auch die interkulturelle Philosophie. Sie ist nicht unschuldig, aber sie verdient nicht, dass man ihre Leistungen halbiert.

  1. Napoleon in Egypt: Al-Jabarti’s Chronicle of the French Occupation, 1798 (S.31). Den Hinweis verdanke ich Christopher de Bellaigue: The Islamic Enlightenment: The Modern Struggle Between Faith and Reason S.5
  2. Ich stehe nicht an, in diesem Zusammenhang beliebige Schimpfworte zu verwenden.