
Am 15. August feierte Indien seine Unabhängigkeit von der britischen Kolonialherrschaft. Auch in Wien wurde die indische Flagge gehisst. Doch Unabhängigkeit ist mehr als eine Zeremonie: Sie verspricht politische Teilhabe, soziale Gerechtigkeit und Bildung.
Indien war zuletzt international in den Schlagzeilen mit Bildungsprotesten in Neu Delhi. Als Teile der indischen Diaspora (Shiksha Brennt) am 25. Juli in Wien ihre Solidarität kundgaben, kam rasch der Einwand: Was kann so ein Protest in Wien bewirken? Sollten Menschen in der Diaspora indische Innenpolitik nicht jenen überlassen, die im Land leben?
Der Einwand beruht auf einem zu engen Demokratieverständnis. Entfernung beendet weder Verbundenheit noch Verantwortung. Solidarität ist gerade dann wichtig, wenn Protestierende vor Ort größere Risiken tragen: Human Rights Watch berichtete über unverhältnismäßige Polizeigewalt; Sonam Wangchuk knüpfte das Ende seines Hungerstreiks an Schutz vor Vergeltungsmaßnahmen für friedlich Protestierende.
Die Kundgebung in Wien konnte auch für die indische Diaspora sichtbar machen, dass Bildung eine öffentliche Aufgabe und Protest bei institutionellem Versagen legitim ist. Wer faire Bildungschancen und Verfassungswerte einfordert, spricht nicht gegen Indien, sondern nimmt Indiens demokratisches Versprechen ernst.
Eine Prüfung wird zum demokratischen Test
Um zu verstehen, warum dieser Protest auch Österreich etwas angeht, muss man zunächst verstehen, was für die betroffenen Studierenden und ihre Familien auf dem Spiel steht.
Auslöser war die Krise um NEET-UG, Indiens landesweite Aufnahmeprüfung für ein Medizinstudium. Mehr als zwei Millionen Menschen legten sie im Mai 2026 ab. Nachdem Fragen vorab kursiert hatten, annullierte die National Testing Agency die Prüfung und ließ sie am 21. Juni wiederholen. Viele Familien hatten jahrelange Vorbereitung mit Krediten oder Landverkäufen finanziert.
The Indian Express dokumentierte mindestens zwölf NEET-Kandidatinnen (m/w), die durch Suizid starben. Alle hätten erneut antreten sollen. Angehörige und Ermittler verbanden mehrere Fälle mit der Annullierung und Prüfungsdruck.
Educate, Agitate, Organize
Das Bildungsproblem geht aber über Leaks hinaus. Ein NITI-Aayog-Bericht verzeichnet von 2014/15 bis 2024/25 einen Netto-Rückgang um rund 94.000 staatliche Schulen, während die Zahl privater Schulen stieg. Erfasst sind auch Zusammenlegungen: Verlängert sich dadurch der Schulweg ohne sicheren Transport, kann dies vor allem für Kinder aus ärmeren Verhältnissen zu Ausschluss führen.
Staatliche Schulen unterrichten fast die Hälfte der Kinder. Für Familien ohne bezahlbare Alternative sind sie unverzichtbar. Bildung soll Barrieren durch Armut, Kaste und Herkunft überwinden. Hängt ihr Zugang von Einkommen und Wohnort ab, verfestigt sich Ungleichheit.
B. R. Ambedkar, Hauptarchitekt der Verfassung, verstand Bildung als demokratische Macht. Sein Slogan „Educate, Agitate, Organize“ beschreibt eine Abfolge: Ungerechtigkeit erkennen, öffentlich machen und Veränderung organisieren. In seiner Schlussrede zum Verfassungsentwurf warnte er, die fortgesetzte Verweigerung sozialer und wirtschaftlicher Gleichheit werde die politische Demokratie aufs Spiel setzen.
Artikel 46 gibt dem Staat auf, die Bildungs- und Wirtschaftsinteressen benachteiligter Bevölkerungsgruppen zu fördern, besonders jene der Scheduled Castes und Scheduled Tribes. Das Recht auf kostenlose und verpflichtende Schulbildung für Sechs- bis Vierzehnjährige wurde erst 2002 als Artikel 21A hinzugefügt. Verfassungsversprechen brauchen politische Umsetzung.
Österreich-Indien
Die Protest-Bewegung in Indien erreichte ein politisches Ergebnis, unter anderem: Bildungsminister Dharmendra Pradhan trat am 25. Juli zurück. Die Organisatoren beendeten den Protest und erklärten, ihre Forderungen seien akzeptiert. Doch der Rücktritt einer Person macht noch keine Reform.
Für Österreich ist das Aufbegehren einer jungen Generation in Indien und der Umgang ihrer Regierung besonders relevant. Beim EU-Indien-Gipfel im Januar 2026 wurden die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen abgeschlossen und eine Sicherheitspartnerschaft unterzeichnet. Die Beziehung soll ausdrücklich auf Demokratie, Menschenrechten, Pluralismus und Rechtsstaatlichkeit beruhen; auch Bildung wurde als zentrales Element genannt.
Im April stattete Bundeskanzler Christian Stocker Indien den ersten Besuch eines österreichischen Bundeskanzlers seit 42 Jahren ab. Die daraus resultierende gemeinsame Erklärung bekräftigt, dass die österreichisch-indische Freundschaft auf gemeinsamen demokratischen Werten, Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit und gegenseitigem Respekt beruht. Diese Worte sollten nicht lediglich als zeremonielle Floskeln dienen, bevor die Verträge in Kraft treten. Freundschaft zwischen Demokratien zeigt sich auch darin, schwierige Themen ehrlich und respektvoll anzusprechen.
Mein Interesse an Indien ist nicht abstrakt. Durch meine interkulturelle Familie, bald fünfzehn Jahre Zusammenarbeit mit Indern (m/w), wiederholte Besuche und vier Monate Aufenthalt in Indien, lernte ich die Vielfalt des Landes ebenso kennen wie die Ungleichheit seiner Chancen. Das gibt mir einen Grund zuzuhören und in Österreich Stimmen zu verstärken, die faire Bildungschancen einfordern.
Greta Thunberg sagte in London, der Kampf der indischen Studierenden für Gerechtigkeit und Demokratie sei “auch unser Kampf”. Indiens erster Premierminister Nehru unterstrich 1947, dass Nationen zu eng verflochten seien, als dass Freiheit, Wohlstand oder Katastrophen teilbar blieben.
Die Unabhängigkeit Indiens impliziert auch Raum für friedlichen Protest und Solidarität. Indiens junge Menschen schaden dem demokratischen Ruf ihres Landes nicht, indem sie protestieren. Sie weigern sich, bildungsbezogene Ausgrenzung, Korruption und vererbte Armut zu akzeptieren. Sie zeigen, dass Indiens Demokratie über Energie, Mut und die Fähigkeit zur Korrektur verfügt. Österreichs Bundespräsident fasst zusammen: “Sich selber im Anderen erkennen”.