Beyond judgement? Protestkunst Unibrennt

“Bei der Erzählung einer wohlbekannten und somit klassifizierbaren Geschichte kann ein “beiläufiges” Detail die ganze Tragweite der Geschichte verändern.” (Michel de Certeau, Kunst des Handelns, S. 174)

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Dieser Blog-Eintrag handelt von der Arbeit mit Bestehendem. Konkret von einem Artikel eines Kunstmagazins über Kunst im Zeitalter der Digitalisierung, der Unibrennt-Bewegung (Welche beim Festival für digitale Kunst Ars Electronica einen Preis bekam), und dem reichhaltigen Buch “Kunst des Handelns” von Michel de Certeau (eine Mischung aus pointierten Aussagesätzen und komprimiert-verschachtelten spekulativen Überlegungen), in dem es um die inkorporierte Intelligenz der Alltagspraxis geht.

Der Artikel ist auch ein Plädoyer fürs Ausprobieren – und fürs Ins-Spiel-Bringen von Heterogenem.


 

Die August 2014-Ausgabe des Kunstmagazins Monopol legte den Themen-Schwerpunkt auf Kunst im Rahmen der Digitalisierung. Genauer gesagt, geht man nach dem Hauptartikel des Magazins, bilden die Prozesse der Digitalisierung gar keinen Rahmen – für uns. Man findet Datenflüsse, die durch die global und parallel stattfindende Verarbeitung von Daten ständig pulsieren und ihre Gestalt ändern. Man kann sie jederzeit aufrufen. Jeder Aufruf kommt mit einer anderen Gestalt zurück.

“Was können wir überhaupt noch sagen?”, fragt man sich in so einer Situation. Die einfache Version ist: Nichts. Wir brauchen auch nichts sagen. Wir brauchen nur zu sein und uns bewegen. Eine Beurteilung ist müßig, so auch für die Künstler:

“Jede Kunstbewegung ist heute vom Internet absorbiert und verdaut”, sagt Josh Kline. Die Idee, dass ein junger Künstler sich gegen seine Vorgänger auflehne und die Kunstgeschichte fortschreibe, sei obsolet. “Solche Gesten sind wie Photoshop-Filter – click and apply.”

Aufgaben der Philosophie

Das obige Zitat stammt vom Monopol-Essayisten Sebastian Frenzel. Er referenziert zu Beginn einen Artikel der Kunsthistorikerin Chus Martínez: “The Octopus in Love“, die den Organismus Krake als Modell für künstlerische Institutionen nimmt. Teile eines Ganzen die unabhängig voneinander agieren und trotzdem die Integrität nicht zerstören. Sie beruft sich auf den französischen Philosophen Michel Serres, um das Ende der kritischen Philosophie zu markieren und das der erfinderischen Philosophie zu erläutern:

To invent, according to Serres, means to abandon the notion that philosophy has the right to judge. In the process, philosophy regains its ability to create. To invent is to produce that which will foster production, to formulate and express a system of laws, to understand and apply scientific possibilities.

Eine Aufgabe der Philosophie ist Begriffsklärung. Eine andere ist Erfindung – das Erkunden von Wegen und das Aufzeigen von Optionen.

Anbei ein paar Gedanken zu einer Situation, die mich in diesem Zusammenhang beschäftigt: Der Bildungsprotest Unibrennt.

Beurteilen
Während den Unibrennt Protesten 2009 wurde in mindestens zwei Philosophie-Vorlesungen über oder zum Protest diskutiert (Eins, Zwei). Unter anderem wurde der Slogan “Freie Bildung” auseinandergenommen und ihr ideologischer Gehalt ausbuchstabiert. Man kommt dabei leicht in die Rolle der Spielverderberin (wo man – um Sympathie zu bekommen – sich leicht hätte solidarisieren können). War das Beleuchten von Wortgebräuchen hier produktiv? Es hat zumindest eine Reihe von Kommentaren provoziert und Leute zum Denken gebracht. Eine erste Reaktion von mir war, dass es beim Protest nicht so sehr um die Worte geht, sondern um Taten:

Vielleicht sollte man Proteste nicht nur danach bewerten, welche Begrifflichkeiten sie verwenden, sondern auch in Rechnung stellen, was sich durch ihre Handlungen ausdrückt. Nur weil man sich sprachlich nicht adäquat ausdrückt, heißt das nicht, dass die Handlungen unberechtigt sind.

Man könnte hier – nach 5 Jahren – einen Rückblick der Unibrennt-Bewegung geben und herausstellen, dass die Protesthandlungen auch zu Ergebnissen geführt haben. Das herauszustellen ist ziemlich anstrengend, weil man zunächst immer den Misserfolg im Hinterkopf hat, wie aus einer Sendung des Radiomagazins der ÖH Salzburg erkennbar wird. Am Besten hat Christoph Hubatschke in seinem Blog “Die Bresche” einen Rückblick und Ergebnisse zusammengestellt. Er war der einzige Philosophie-Student in meinem Umfeld, der sich intensiv in der Unibrennt-Bewegung engagierte: Er nennt als Ergebnisse u.A. die Belebung der Widerstandskultur (ich vermute, nicht an den Universitäten), eine Stärkung der ÖH durch Rückänderung des ÖH-Wahlgesetzes (ein zweischneidiges Ergebnis einer Bewegung, die das Etablieren von Repräsentantinnen ablehnte), kein Kunst-Bachelor an der Bildenden, und das Projekt “VinziRast mittendrinn” – ein Wohnprojekt mit Studentinnen (m/w) und ehemaligen Obdachlosen (das Haus als Notschlafstelle gab es bereits vor Unibrennt). Christophs Blogserie schliesst mit dem bescheidenen Urteil: “Niemand kann unibrennt in seiner Ganzheit beurteilen, immer entgeht uns „irgend etwas“.”

Christoph versucht beschränkte Urteile und Analysen der Situation und schliesst dann mit einer Behauptung, dass die Bewegung – auch nach 5 Jahren – das Verständnis des Einzelnen transzendiert. Vielleicht kann man gemeinsam die Urteile verfeinern? Hier ein Beitrag: Was in der Blogserie verpasst wurde ist eine Aufarbeitung über die Mediennutzung. Im Text wird noch immer der Ars Electronica Einreichtext affirmativ zitiert und von der professionellen Verwendung von Medien gesprochen. Ich sehe das anders. Dass die Domain unsereuni.at auf schreckliche Weise nun von einer PR-Firma besetzt wurde ist fast eine List der (kapitalistischen) Vernunft. 🙂

Hindeuten

Um einiges entschiedener fällt das Urteil über die Unmöglichkeit eines Urteils im Monopol-Essay aus. Es werden Ideen des “spekulativen Realismus” herangezogen und in Bezug auf Post-Internet-Art (Kunst, die das Internet nicht als Werkzeug sondern als selbstverständliches Feature der Welt hält) gesetzt:

Seit den Anfängen der neuzeitlichen Ästhetik bei Kant und Schiller bildet die ästhetische Erfahrung als `freies Spiel der Erkenntnisvermögen` die Grundlage moderner Subjektivität. Das fluide, “anonyme Material” heutiger Künstler hat aber nicht mehr Präsenz als eine Laborprobe, nicht mehr Sinnlichkeit als ein Werbemotiv. [Anmerkung A.K.: Hier ein paar Beispiele] Kontemplation und Komplexität, ein Moment der Entfremdung von der Welt als Erfahrung von Autonomie und subjektiver Freiheit – schöne, aber etwas überholte Ideen. Der Zeigefinger bleibt unten (dafür sind die Künstler zu sehr ins System verstrickt), aber die Botschaft ist eindeutig: Der Betrachter ist selbst Bewohner des Labors. Die Versuchsanordnungen haben zweifelsfrei erwiesen, dass er nicht in der Lage ist, ästhetische Urteile zu fällen.

Man kann, so der Essay weiter, “die Objekte nicht begreifen, sondern durch ästhetische Praktiken nur auf sie hindeuten”.

Man verliert interessante Problemstellungen (und Protestmöglichkeiten), wenn man auf die Möglichkeit des temporären Distanzierens vom Geschehen von vornherein verzichtet, z.B. die Bildungsthematik. Im allgemeinen sind Versuchsanordnungen, die etwas zweifelsfrei erweisen, mit Vorsicht zu geniessen.

Die Kunst der Theorie 

Kurz angerissen: Eine Problematisierung des Prozesses der Entkoppelung, bzw. vor allem dem der eindeutigen Trennung von dunklem Alltag und erleuchteter Wissenschaft versuchte Michel De Certeau in L’Invention du Quotidien. Vol. 1, Arts de Faire, Paris 1980 (deutsch: Kunst des HandelnsMerve Verlag, Berlin 1988), zu der an anderer Stelle noch mehr zu überlegen sein wird:

“Von dem, was sich undeutlich im dunklen Untergrund des Wissens bewegt, “reflektiert” die Theorie einen Teil im hellen Licht der “wissenschaftlichen” Sprache. Trotz der historischen Wandlungen des Bewusstseins oder der aufeinanderfolgenden Definitionen des Wissens bleibt seit drei Jahrhunderten die Kombination von zwei getrennten Begriffen bestehen: auf der einen Seite steht eine “unkultivierte” und referentielle Kenntnis und auf der anderen ein aufklärender Diskurs, der bei Licht die umgekehrte Repräsentation seiner dunklen Quelle produziert. Dieser Diskurs ist “Theorie”. Er bewahrt dem Wort seine antike und klassische Bedeutung von “sehen/sehend machen” oder von “betrachten” (theorein). Er ist “aufgeklärt” oder “erleuchtet”. Das primitive Wissen wird in dem Masse, wie es zunehmend von den Techniken und Sprachen getrennt wird, die es objektivierten, zu einer Intelligenz des Subjekts, die schlecht oder allenfalls durch neutrale Begriffe (Flair, Takt, Geschmack, ein Urteil, einen Instinkt etc. haben) definiert wird, welche zwischen den Bereichen des Ästhetischen, des Kognitiven oder der Reflexion schwanken, als ob das “Know-How” sich auf ein unfassbares Prinzip des Wissens beschränkte.” (Michel de Certeau, Kunst des Handelns, S. 148)

De Certeaus nachfolgender Vorschlag ist Theorie in Form einer Erzählung zu versuchen, d.h. zugeben, dass auch Theorie praktiziert und fabriziert ist. Eine Form der Erzählung jedoch, die “genau ihrem Gegenstand gerecht wird und die in dieser Hinsicht nicht mehr das Andere des Wissens ist, sondern eine Variante des wissenden Diskurses und eine Autorität in Sachen Theorie. […] Die Erzählung ist nicht der Ausdruck einer Praktik. Sie beschränkt sich nicht darauf, über eine Bewegung zu sprechen. Sie vollzieht die Bewegung. Man versteht eine Bewegung, indem man den Tanz mitmacht.” (Michel de Certeau, Kunst des Handelns, S. 157f)

Kommen wir zu einer oben zitierten Idee zurück, nämlich: in Rechnung stellen, wie sich Handlungen ausdrücken. Das kann lehrreich für Proteste sein. De Certeau versucht eine Theorie der Kunst, die versteht, dass das Fabrizieren einer Theorie selbst eine Kunst ist. Vor allem geht es dabei um den Stil. Aktivitäten im Alltag, etwa das Gehen in der Stadt, werden als eine Rhetorik aufgefasst, die fähig sind, von Oben verordnete Konzepte der Stadtverwendung zu modifizieren. Es gibt Topiken, Muster, die etwas Bestehendes durch kleine Details aus der Balance bringen und überraschend verändern. De Certeau geht es um Vorgehensweisen, “die der Disziplin entkommen, ohne jedoch ihren Einflussbereich zu verlassen[…]” (Michel de Certeau, Kunst des Handelns, S. 187)

Zusammenfassung

Nicht nur in Kunst und Wissenschaft, auch im Politischen gibt es verschiedene Formen der Auseinandersetzung mit Bestehendem. Sie sind in ihrer Kombinationskraft am Nützlichsten, vor allem wenn es darum geht, es beim nächsten Mal besser zu machen.

Hier für die Unibrennt-Proteste:

  • Den Protesten durch ihre Sprachverwendung die Ideologie aufzeigen, der sie unterliegen
  • Die Proteste in der Art und Weise der Protestausübung beurteilen
  • Die Proteste nach ihren Ergebnissen beurteilen
  • Die Protestausübung nachvollziehen, einüben, ggf. in andere Richtungen lenken

Ich schliesse mit einer Geschichte in Christoph Hubatschke’s Blog:

Unibrennt ist immer vielfältig gewesen: bunt, dreckig, heterogen, spannend wie ermüdend, schlagkräftig wie blockiert. Unibrennt hat vieles getan: besetzt, gekocht, diskutiert, gefordert, gekämpft und getanzt. Unibrennt ist immer vieles gewesen, aber sicher ist es nicht einfach gescheitert.
Denn was es braucht ist ein anderes Verständnis von Scheitern, nicht ein Brandmarken und Kategorisieren als Niederlage, sondern vielmehr die Entschlossenheit, sich dem Unangenehmen zu stellen […] Ein Scheitern also, das lehrreich ist, ein Scheitern das neue Perspektiven eröffnet, ein Scheitern also, das auch immer schon Teil eines Neustarts ist, jedoch keines kompletten Neustarts bei Null, sondern eines neuen Versuchs aufbauend auf den Erfahrungen und Ergebnissen des Vorangegangen. Vielleicht geht es also nicht nur ums Durchsetzen, ums Erobern, ums „Gewinnen“, vielleicht geht es immer auch ein bisschen darum die Konfrontation mit dem Unangenehmen als Chance und als Antrieb für einen neuen Versuch zu sehen, ganz wie es Beckett in […] unerreichter Leichtigkeit […] formulierte:

Ever tried. Ever failed. No matter.
Try again. Fail again. Fail better.

 

Die zwei genannten Aufgaben der Philosophie, die Begriffsklärung und das Erkunden von Wegen, können mit dem selben Zitat motiviert werden, das der stetigen Verbesserung, basierend auf der Arbeit mit Bestehendem.

Andreas Kirchner

3 thoughts on “Beyond judgement? Protestkunst Unibrennt

  1. Begriffe klären und/oder erfinden. Ganz unabhängig von den Unibrennt-Überlegungen bin ich auf eine Passage gekommen, die den Kontrast zwischen formaler Orientierung und Praxis so beschreibt:

    ” I would like, speaking personally, to express what this reality of
    “the believing people” means for me. By “the believing people” [pueblo fel]
    I am simply talking about people who are believers, the people
    with whom our priestly mission and our religious witness lead us into
    particular contact. … But now I am talking, quite simply, about believers, the
    people with faith.”

    Für den gegenwärtigen Zweck sind das Personen, die sich für die Protestbewegung engagieren. Im Zitat spricht allerdings Jorge Mario Bergoglio 1974 als Provinzial der Jesuiten in Argentinien. Er sagt über die Unbeirrbarkeit (na ja, Unfehlbarkeit) der Gläubigen:

    “When I was studying theology … I was very struck by one formulation in
    the Christian tradition: the believing people is infallible in credendo — in
    its act of believing. From this I have derived a formula that may not be
    very precise, but which has been very helpful to me: when you want to
    know what Mother Church believes, go to the magisterium; but when
    you want to know how the Church believes, go to the people who believe.
    The magisterium will tell you who Mary is, but it is our believing people
    who will teach you how to love Mary.” 1

    Das klingt wie von einem anderen Stern – but it ain’t so. Der Papst nennt in einem Interview 2013 explizit Michel de Certeau als entscheidenden Einfluss. 2

    1. To know what and/or to know how – und jedes Wissen impliziert Akte des “Glaubens”.

      De Certeau wird in dem Interview mit dem Papst als jemand genannt, der eine Edition der Memoiren von Peter Faber, einem Begleiter von Ignatius von Loyola geschrieben hat.

      Die Lektüre von Michel de Certeau’s “Kunst des Handelns” hat mich gestern zum dreizehnten Kapitel geführt: “Politische Glaubwürdigkeit”. Certeau bezieht sich hier unter anderem auf Quine’s Web of Believe, wenn er vom “Glauben” (also in Anführungszeichen) als Akt spricht, der nicht der Glaubensinhalt ist, sondern die Tendenz von Personen, auf die Affirmation einer Behauptung zu setzen.

      In diesem Sinne vergleicht De Certeau die Kirche und linke Parteien, die auf Utopien hin ausgerichtet sind:
      “[E]s gibt gegenüber der etablierten Ordnung funktionell einen Zusammenhang zwischen den Kirchen, die eine jenseitige Welt verteidigen, und den linken Parteien, die seit dem 19. Jahrhundert, eine andere Zukunft anstreben. [… D]er Entwurf einer anderen Gesellschaft gegenüber der Fatalität oder Normalität der Tatsachen führt zu einer Priorität des (reformerischen, revolutionären, sozialistischen etc.) Diskurses; seine Rechtfertigung durch ethische Werte, durch eine theoretische Wahrheit oder durch einen Märtyrerkatalog soll die Legitimität kompensieren mit deren Hilfe sich jede Macht durch bloße Existenz Glaubwürdigkeit verschaffen kann; die Techniken des “Glauben-machens” spielen gerade dort eine viel entscheidendere Rolle, wo es sich um etwas handelt, was noch nicht existiert; doktrinäre Unversöhnlichkeit und Ausschließlichkeit ist hier also viel stärker als dort, wo die errungene Macht Kompromisse zuläßt und oft sogar fordert.” (S.324)

      De Certeau schreibt hier aber keine Kontinuität oder Identität zwischen Religion und linker Politik fest, da nur der Glaubensakt eine Tatsache in beiden Bereichen ist. Elemente aus der Religion haben sich verselbständigt, sind aber keine Religion mehr.

      Es folgt im selben Kapitel von “Kunst des Handelns” eine Skizzierung der Funktionsweisen des Glauben-Machens durch die mediale Berichterstattung. Anstatt etwas zu glauben, was man nicht sieht, kann man heute glauben, was man sieht, durch die Produktion von Beiträgen, die vorgeben, das zu präsentieren, was geschieht. De Certeau schreibt 1980 zwar von der Informatik-Gesellschaft, von der technizistischen Vernunft, und der Gesellschaft als Text, doch hat noch nicht mit dem Internet gerechnet, und der Möglichkeit, dass die Produktion von Berichten von nahezu jeder Person an ein weltweites Publikum erfolgen kann, sodass scheinbar die Produktionsmittel nicht mehr einer Elite vorbehalten sind. Die “doppelte und seltsame Fähigkeit und Macht, das Sehen in Glauben zu verwandeln, und das Reale mittels Schein zu produzieren” (S.329) kann von jeder Person genutzt werden (Blogging, Tweets, Webspace, Facebook-Postings).

      Und doch trifft “Das Zitat ist also die absolute Waffe des Glauben-machens” auch auf Google (Page-Rank) und Social Web Plattformen zu. “Jeder Bürger geht von dem aus, was er – ohne daran zu glauben – für den Glauben der Anderen hält. Indem das Zitat unglaubwürdig gewordene Lehren ersetzt, erlaubt es den technokratischen Apparaten, sich bei allen im Namen der Anderen glaubwürdig zu machen. Zitieren bedeutet, dem von einer Macht erzeugten Simulakrum Realität zu verleihen, indem man glauben macht, daß die anderen daran glauben, ohne allerdings irgendeinen glaubwürdigen Gegenstand zu liefern.” (S.333)

      In diesem Fall keine Maria, an die man (kunstvoll) glauben kann und die eine Orthodoxie näher bestimmt. Der Glaubensinhalt tritt in den Hintergrund … oder teilt sich zumindest anders auf. Indem die Praxen sich ändern, wird das “Was” verschoben und muss neu gefasst werden.

      Wenn wir uns selbst (im Protest) dokumentieren ist es so wie wenn Miley Cyrus auf der Bühne Selfies ihrer Performance produziert. Die Präsenz wird nicht ausschließlich erzeugt durch die von Körpern besetzte Bühne und durch die Anwesenheit der Zuschauerinnen, sondern durch die Tatsache, dass ein Smartphone die Glaubwürdigkeit für anonyme Zuschauerinnen herstellt. Das Publikum reagiert nicht (so sehr) auf die Performance selbst, sondern auf den Fokus und die Bewegungen der Kamera, die andererseits von der auftretenden Person gesteuert wird.

      Wenn man das Treiben aus einem anderen Blickwinkel sieht als von den sich zitierenden Produktionen, gewinnt man den Eindruck, dass die proklamierte Selbst-Bestimmung eine Selbst-Objektivierung beinhaltet. Einerseits liefert man nicht sich, sondern seine Produktion einem globalen und anonymen Blick aus, der das Risiko einer arbiträren (Miss-)Verwendung birgt. Andererseits ist ein bestimmter Blick (die Annahme der Präferenzen der Fremdwahrnehmung) mit eingebaut, indem man die Mittel der Darstellung selbst in der Hand hat. Das könnte zur Annahme verführen, sich dem Urteil von anderen entziehen zu können, indem man eine Zitierung zwischen sich und den Betrachtern einführt.

      Der Immunisierungsversuch findet sich auch in einem Protestsong von #unibrennt:

      “Komm was da kommen mag – Sei was da seien mag
      von hier wird uns niemand vertreiben
      Kein Vorwurf kann treffen – Kein Urteil uns schaden
      was wir besetzt – hat uns schon gehört”

      Die Besetzung, die immer eine Aneignung von einem fremden Raum ist, wird hier dadurch legitimiert, dass der Raum immer schon uns gehört. Unbeirrbar.

  2. “In diesem Sinne vergleicht De Certeau die Kirche und linke Parteien.”

    Nach dem Zitat geht das in Richtung eines Anspruches, der den status quo mit seinen eingefahrenen Ungerechtigkeiten transzendiert. Ethische Qualität ist verlangt. A. Badiou streicht das in seinem Paulusbuch eigens heraus.

    “… dass das Heil von einem unvermittelten Auftreten ohne Gesetz abhängt …”

    “Und das kämpferische Reale dieser Liebe besteht in der Adresse dessen, was sie konstituiert, an alle.” (Ich muss nachsehen, aber das ist vermutlich eine schlechte Übersetzung von ‘s’adresser’ und hat den Sinn von “sich adressieren an”)

    Badiou macht Paulus zu einem Weltapostel. Er ist kein “Kommunitarist”, der das Heil von einer historisch kontingenten Ethnie abhängig sein läßt. Damit distanziert sich Badiou allerdings auch von “der Partei”, die, wie die Kirche, einen Alleinvertretungsanspruch auf das “Seelenheil” anmeldet.

    Von hier aus ein Rückblick auf “the believing people is infallible in credendo”. Das sind weder die Funktionäre, noch die Vorbildfiguren (Heiligen). Soweit ist der Anti-Institutionalismus anerkannt. Es sind aber auch nicht Badious vom Strahl des Ereignisses getroffene existenzialisierte Subjekte, sprich die Musterexemplare seiner ontologischen Struktur.

    Franziskus zitiert den französischen Romancier Joseph Malègue und bezieht sich an dieser Stelle auf „eine Mittelklasse der Heiligkeit“ 1. Das sind nicht die Utopisten; die Mittelschicht ist keine Protestbewegung. Fortsetzung folgt.

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