Bildung: Dekomposition und Symphoniekonzert

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Andreas Kirchner hat sich auf meine Bemerkungen zur kritischen Analyse als Aufgabe der Philosophie bezogen und ihnen als Alternative die Entwicklung von Spielräumen gegenübergestellt:

Eine Aufgabe der Philosophie ist Begriffsklärung. Eine andere ist Erfindung – das Erkunden von Wegen und das Aufzeigen von Optionen.” [1]

Ich möchte das Verhältnis der beiden Aufgaben anhand von Überlegungen nachzeichnen, die mich im vergangenen Semester beschäftigten, ausgehend nochmals vom Begriff Bildung.

Meine bisherige Kritik lief darauf hinaus, dass es sich um einen Hilfsbegriff für gesellschaftliche Aufsteiger handle, eine “Gewinnstrategie im Kulturkampf“. Die Lektüre von F. Schillers einflussreichen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen bringt eine andere Perspektive. Schiller promulgiert eine Koproduktion zwischen Natur und Kultur. Sie ist zu schön, um wahr zu sein:

So holt er (sc. der Mensch), auf eine künstliche Weise, in seiner Volljährigkeit seine Kindheit nach, bildet sich einen Naturstand in der Idee, der ihm zwar durch keine Erfahrung gegeben, aber durch seine Vernunftbestimmung nothwendig gesetzt ist, leiht sich in diesem idealischen Stand einen Endzweck, den er in seinem wirklichen Naturstand nicht kannte …

Es ist unmöglich, angesichts dieser Schwärmerei nicht mit Nachdruck darauf aufmerksam zu machen, dass in dieser Konstruktion einer vorgeblich neutralen Ausgangssituation ein Idealbild aufgepfropft wird, das eine vorgeblich naturale Weiterentwicklung des “Menschengeschlechtes” induziert. Ich habe es zurückhaltend, aber mit kritischem Beiklang, so paraphrasiert:

Ein Vorentwurf der Natur wird vom Menschen, der seiner Freiheit gewahr wird, als erster Schritt zu einem vernünftigen Endzweck angeeignet. Ein Kreis schließt sich. Der Naturverlauf zielt, über die Schaltstelle “Freiheit”, zur “hellen Einsicht”. [2]

Die prästabilisierte Harmonie zwischen den empirischen Voraussetzungen und den idealisierenden Zweckbestimmungen muss man auseinandernehmen. Gleichzeitig bin ich allerdings, in zwei ganz anderen Feldern, auf Denkfiguren gestoßen, die ungeniert nach diesem Muster vorgehen und denen gegenüber ich – anders als beim Bildungsthema – eine gewisse Sympathie entgegenbringe. Die Bereiche sind ziemlich divergent: eine katholische Bekenntnisschrift (Francois Mauriac) und eine atheistische Meta-Philosophie (Alain Badiou). Mauriac überhöht das Natürliche durch eine vorweg wirksame Entscheidung für die Übernatur:

Schon als ganz junger Mann habe ich mir alle Einwände aufgezählt, zu denen der Glaube an das Übernatürliche einen durchschnittlichen Gebildeten herausfordert … Aber ich gestehe, daß ich an diese Einwände immer mit einer gewissen Voreingenommenheit heranging: mit dem Wunsch, sie zu widerlegen. Meine Wahl war von vorneherein getroffen – weniger die Wahl einer bestimmten Religion, einer bestimmten Kirche, als die Wahl Eines, mit dem ich dank dieser Kirche und dank dieser Religion in Verbindung trete. (Francois Mauriac: Was ich glaube. München 1963. S.12f)

Noch vor Kurzem habe ich die beschriebene Unwilligkeit, sich auf Zweifel wirklich einzulassen, als Ausrede und Diskussionsverweigerung betrachtet. Aber die Ehrlichkeit Mauriacs hat etwas für sich. Man wird nicht “objektiver”, wenn man die Antriebe weglässt, die das eigene Leben mitgestalten. Und ähnlich kleinkariert klingt der Einwand gegen “überspannte” Theoretiker (Nietzsche, Wittgenstein, Lacan), ihre “Siegesgewissheit” wäre Größenwahn. Alain Badiou macht mehr daraus:

La certitude anticipée de la victoire – ce sera mon point de départ – est une dimension subjective absolument récurrente dans l’antiphilosophie, et qui se démarque de la temporalité propre à la subjectivité philosophique dont le discours est toujours à la fois intemporel et adressé au présent. “Un jour ma philosophie vaincra”, déclare Nietzsche dans Ecce homo; et Wittgenstein, dans la préface au Tractatus, affirme : “La vérité des pensées communiquées ici me paraît intangible et définitive”; Lacan enfin : “Ce n’est pas moi qui vaincrai, c’est le discours que je sers” (L’Etourdit). Ces déclarations, à première vue présomptueuses, sont au contraire selon moi les témoins de la foncière probité du sujet qui les énonce. [3]

Die Vorwegnahme des Erfolgs ist danach ein Unterpfand der “elementaren Rechtschaffenheit” der Sprecher. Badiou ist provokant. Heilsgewissheit und Siegesgewissheit klingen chauvinistisch, dagegen ist das Bildungsideal geradezu harmlos. Andererseits sind diese beiden Gewissheiten sympathisch unverschämt, stellenweise attraktiv. Ist es vertretbar, in diese Richtung zu denken? Jedenfalls nur, wenn man die kritische Analyse absolviert, die der Bildungsbegriff erfordert.

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