Einfach zu verschieden

NichtsGemeinsam

“Wir haben nichts gemeinsam.
Wär’ vielleicht leichter wenn wir gleich wären, doch ist nicht so einfach.
Wir haben nichts gemeinsam, wozu die Heuchelei?

Freunden wir uns damit an, wir werden niemals Freunde sein.”
NMZS & Danger Dan – Nichts gemeinsam

In der Musiksendung “Heimatsound” im Bayrischen Fernsehen gibt die in München lebende Rapperin und Architekturstudentin Ebru Düzgün alias Ebow ein Interview. Darin nennt sie ein wichtiges Merkmal der gegenwärtigen Kultur:

“Multikulti ist an sich ein falscher Begriff, denn der Grundsatz dieser [heutigen] Kultur sind die vielen Kulturen. […] Multikulti kann man gar nicht mehr sagen. Das ist die Kultur jetzt.”

Die Vielfältigkeit ist ein Fakt. Die Ko-Existenz, das tatsächliche Zusammenleben mit Menschen mit verschiedenen Wertvorstellungen und sozialen Praxen ist jedoch nichts, das durch Gesetze geregelt werden kann. Unabhängig davon, von wo jemand kommt, weist unsere Gesellschaftsform Merkmale auf, die einen bestimmten Umgang mit Neuem nahelegen: Die Zitation von Elementen verschiedener Quellen wird gefördert und in einem scheinbar neutralen und säkularen Zusammenhang, der von ökonomischen und medialen Bedingungen mitgeprägt ist, präsentiert:

heimatsound

 

Songs von Ebow einerseits und Hubert von Goisern andererseits finden sich nacheinander auf Volume 1 des Heimatsound-Samplers. Das aus “Heimat” und “Sound” zusammengesetzte Wort gibt bereits einen Hinweis auf die Kombination von Quellen unterschiedlicher Herkunft, aber auch darauf, dass das unkommentierte Nebeneinander-stehen-lassen nicht das Ende der Weisheit sein kann. Eine Aufgabe für die Konsumenten. Was unter dem Motto “So klingt Heimat” zu finden ist, ruft nach einer Auseinandersetzung. Es ist attraktiv, alles zusammenzuhören und als gleichberechtigte Beiträge und Indiz für die Vielfältigkeit der Heimat zu bewerben. Dem werde ich zuerst mit der Behauptung begegnen, dass die Werke der beiden Künstler (m/w) nichts gemeinsam haben. “Nichts gemeinsam” – so lautet auch ein Song der Antilopen Crew, der oben verlinkt ist, der einige Gedanken bei mir provoziert hat. Es folgen dann Überlegungen über die Zugänge zum Thema Heimat und Identität – aus Sicht und Gehör eines Amateurs.

Nichts gemeinsam

Dass man nichts gemeinsam hat ist eine Feststellung die kompromisslos klingt. Tatsächlich ist im Umgang mit Neuem dieses Eingeständnis nach einem kurzem Schock erleichternd, wenn man es als eine Startposition versteht. Indem man mittteilt, dass man gerade keine Basis für eine gemeinsame Perspektive sieht, erschafft man einen Ort, in der ein Gespräch stattfinden kann. Sie füllt die generische Botschaft von der Gleichheit aller Menschen mit Leben.

Der oben zitierte Song von NMSZ und Danger Dan geht aber weiter und bleibt kompromisslos. Er konstruiert die eigene Identität durch Abgrenzung (aber auch in Abhängigkeit) zum anderen. Die einzelnen Strophen schreiben der eigenen (Ich) und der anderen (Du) Position verschiedene Prädikate zu, die jedoch – in Fortführung der Tradition des Battle Raps – darauf hinauslaufen, dass die eigene Position besser ist als die des anderen. Der Clou in dem Song ist, dass die eigene und als überlegen dargestellte Position jene ist, die üblicherweise als schwach und unterlegen angesehen wird. Eine Zusammenfassung:

  • Die ersten beiden Strophen beginnen jeweils mit einer Eigenschaft der Du-Position, um dann mit der Ich-Position einen Reim zu bilden. Der Effekt ist eine Sympathie mit der eigentlich unterlegenen Ich-Position: “Du hast einen Führerschein – Ich hab ein kaputtes Fahrrad. Du gehst eine Stunde joggen – Ich hab immer Muskelkater”
  • Die dritte Stophe beginnt nun mit der Ich-Position. (“Ich lebe mein Leben Rock & Roll, Sex, Drugs – Du feierst dein Erntedankfest mit deinen Eltern.”)
  • Der finale Teil stärkt die Ich-Position noch weiter, indem man von der Nennung von Eigenschaften zu einer expliziten Aufwertung der eigenen Situation übergeht: “Lieber broke und frei als reich und gefesselt – ich brauch keine Kette, ich rauch höchstens Kette.”
  • Auch das Zugeständnis, dass man den Luxus der Du-Position begehrt, endet mit der Feststellung, dass man die erstrebenswertere Lebenseinstellung der Ich-Position nicht stehlen kann, den Luxus der Du-Position schon: “Und ich gebe zu, ich will deine Segel-Yacht, dafür willst du gerne meine Einstellung zum Leben haben. Aber die Lebenseinstellung bleibt bei denen die sie leben. Segelyachten kann man stehlen.”

Dass man sich selbst feiert und die andere Position deklassiert ist ein bekanntes HipHop-Rezept, hier subversiv gewendet. Eine Art Galgenhumor, in dem man Klischees von Reichen/Bürgerlichen und Armen/Avantgardisten verwendet und kontrastiert. Und doch zu einseitig, weil man der anderen Position nichts lässt. Ich komme später darauf zurück.

Heimat

Sehen wir uns Werke der beiden Künstler Hubert von Goisern und Ebow an in Bezug auf Heimat. (Hubert von Goisern wird aus Mangel an Interesse etwas weniger als nötig angesehen.)

Für Hubert von Goisern ist Heimat zunächst Vertrautheit, was sich im Grundton seiner Lieder niederschlägt. Klischees der Volksmusik. “Oh, die gute alte Zeit”. Doch dann findet die Zuhörerin fremde Elemente etwa aus der Pop- und Rock- oder gar SKA-Musik, die die Tradition der Volksmusik modifizieren, ohne das Gehör der Volksmusik-Liebhaber radikal zu beleidigen. Die Variation ist (zumindest für Amateure) minimal. Das Fremde fügt sich ein in die Hörerwartungen. Avantgarde würde ich hier nicht sagen.

Da ist Ebru Düzgün aggressiver, wobei HipHop allgemein provokativer ist. Sie mischt türkische Wörter in ihre deutschsprachigen Lyrics, was das Verständnis erschwert und zur Recherche auffordert. Ein Wort bildet den Titel eines Songs: “Vay” – es drückt (in diesem Fall vorgetäuschte) Überraschung aus. Ihre Songs verfolgen oft den Zweck, Klischees aufzubrechen:

„[E]s ist leichter, Menschen in Schubladen zu stecken, als sich mit ihnen auseinander zu setzen.“ [Ebru Düzgün] ist es wichtig, dass die Leute aus diesem Denken herauskommen. Die Menschen sind einfach zu verschieden, als dass das Prädikat „Türke“ oder „Deutscher“ allein zutreffend wäre, sagt Ebow.

Nichts ist entmutigender als permanent auf Klischees reduziert zu werden, die nicht auf einen selbst zutreffen. Doch das Gefühl, dass man sich “total von dem unterscheidet, was es gibt”, wie Frau Düzgün in einem Interview von ihrer Kunst sagt, ist keine Schlussfolgerung und keine Basis fürs Zusammenleben. Die Einzigartigkeit widerspricht dem Klischee, stimmt. Aber sie schließt es nicht aus. Sie braucht sogar diesen Bezug zum Klischee, um ihre Differenz zu konkretisieren. Was mich bei Hubert von Goisern nervt, vermisse ich bei Ebow: die Wertschätzung des Bestehenden, die (schmerzliche) Erkenntnis, dass man ein Teil davon ist.

nichts_gemeinsam_ebow

Aber das ist genau die Frage der Künstlerin. “Bin ich ein Teil? Und wovon?” Ebow macht aus der Not eine Tugend. Dass sich die Musik so stark unterscheiden will, von dem was es sonst gibt ist die affirmative Wendung der Andeutungen in der Gesellschaft, nicht dazuzugehören. In dem Song “Oriental Dollar” heißt es:

“Bin hier geboren, doch man sagt, ich wär ‘so different‘”

“Hier drüben unerwünscht, dort drüben nicht gern gesehen.
Zu Hause ist wo mein Herz ist. Ich muss ohne Herz überleben.”

Anreichern und Umstoßen

In einem groben Vergleich stellen sich die Werke wie folgt dar:

  • Bei Hubert von Goisern findet man die feste Verwurzelung mit dem Bestehenden, jedoch mit einer Sehnsucht nach dem Fremden. Die Identität eines einsamen Weltenbummlers, die bei Konfrontation mit dem Fremden nicht fragwürdig wird sondern sich anreichert.
  • Bei Ebow: Das Fremde tritt an zwei Stellen in der Erfahrung von Gastarbeiter-Kindern auf:
    • Man wird als fremd wahrgenommen. Das Gefühl des anders-seins wird Teil der Identität.
    • Zweitens ist der Ort, an dem man lebt fremd für einen selbst. Man nimmt Teile aus dem Leben der Familie, Teile aus der Schule und hat Schwierigkeiten bei der Integration dieser Teile. Trotz Versuchen, dazuzugehören, bleiben Differenzen.
    • Drittens besteht die künstlerische Initiative bei Ebow darauf, die Differenzen nicht zu beklagen sondern zu affirmieren und zum Ausgangsort zu machen. Orientalische oder türkisch-sprachige Elemente im deutschsprachigem Gesang bestehen darauf, dass etablierte Klischees nicht greifen. Die Last der etablierten Vorstellungen ist der Überarbeitung bedürftig, um seinen Platz zu finden.

Nun kann man aber nicht selbst vollständig das Maß liefern, mit dem man verstanden werden will. Hier ist man auf die Distanz und die Schätzung anderer angewiesen. Die eigene Identität baut nicht auf dem ursprünglichen Eigenen auf. Das ist eine Fiktion. Jeder Versuch, den Ursprung festzumachen, findet statt einem Wesensbestand eine Vielfalt von Vorstellungen und Urteile. Die Vorstellung, sich total von seinem Umfeld zu unterscheiden, ist kein Wissen, sondern eher eine Ahnung. Man kann sich nicht selbst bestätigen.

Daraus kann ich mein Verständnis von Heimat gewinnen: Das, was einem ermöglicht, etwas Neues auszprobieren. Ein Ort, von dem aus man aufbrechen und aus dem man immer weitere Möglichkeiten erhalten kann. Genauso wie meine Identität ist dieser Ort nicht eindeutig, er ist entzogen, zeigt sich fragmentarisch.

Identität im Positionswechsel

Zum Abschluss komme ich zurück auf den Song “Nichts gemeinsam”. Es gibt ein Remake des Songs, von Sookee feat. Koljah, in der die Positionen des anderen und eigenen ambivalenter geschrieben sind. Außerdem ist die finale Strophe eine Auseinandersetzung mit den Widersprüchen innerhalb der eigenen Position (also ein Versuch, die negativen Aspekte nicht alle dem anderen zuzuschreiben):

  • 1. Strophe geht um Bürgerlicher vs. Künstlerin: “Du heisst Titel, Vor- und Zuname, ich heiß einfach nur Sookee. Du hast nen Ehevertrag, ich hab nicht mal Bock auf Groupies.”
  • 2. Strophe geht um Künstlerin vs. Marginalisierte: “Ich mach einen auf Künstlerin – Du quälst dich am Fließband. Ich schimpfe auf den Staat – Du hast keinen deutschen Pass. Ich jammer auf hohem Niveau – Du weißt wer es nicht einfach hat.”
  • 3. Strophe geht um Künstlerin vs. Künstlerin: “Ich zeige mich besorgt, doch hab Angst vor meiner Courage. Ich feier mich nach außen, doch kann mich selbst oft kaum ertragen. Ich will dazugehören, damit ich weiß, wer “Wir” sind, doch schreib die zweite [AK: nach meiner Zählung dritte] Strophe um zu zeigen dass ich reflektiert bin.”

Die Feststellung, dass wir nichts gemeinsam haben, muss nicht Anlass geben zur maßlosen Selbsterhöhung oder Deklassierung. Sie erlaubt Solidarität aber auch Kritik. Man braucht dafür nicht die Verschmelzung von Unterschieden, wenn man weiß, dass unsere prinzipielle Gemeinsamkeit nicht aus Merkmalen und Vorlieben besteht, sondern im Bezug auf einen nicht weiter explizierten Anfang besteht, durch den wir etwas machen.

Die Homophobie, auf die jeweils am 17.05. hingewiesen wird, ist nämlich eigentlich eine Heterophobie, eine Aversion gegen die Unterschiede, die sich nicht so einfach glätten lassen.