gratia gratum faciens

gratia

 

Im vorhergehenden Beitrag holt sich Andreas zur Orientierung über die Fremden an unseren Grenzen Hilfe von höchster Stelle, beim Gottesverhältnis der arabischen Mystikerin Rabi’a. Es geht über die irdischen Exklusionen hinaus und erfüllt sich in selbstloser Liebe zum ganz Anderen. Grundlos, einfach weil es so ist.

Aber langsam. Es gibt hier eine Vorentscheidung, nämlich: Die Überwindung der Kluft zwischen mir und dem Außenstehenden ist erstrebenswert und bedarf einer Abwendung von dem was mir allzu-nahe ist. Warum? Kann man diese Frage beantworten? Im Sinne von Rabi’a müsste man zurückfragen: Warum liebt man jemanden und nur ihn? Da hilft – zunächst – keine Liste von Gründen. Es passiert.

Diese Auskunft provoziert, das weiß Andreas gut, skeptische Bedenken. Mit einer “reinen Liebe” kann man nicht diskutieren. Darauf könnte man antworten, das sei kein bug, sondern ein feature. Bedenklich ist aber, zweitens, dass ohne Diskussion keine Politik möglich ist und dass daher die Hilfe von oben notgedrungen appellativ wird. Ich steige die Stufenleiter der religiösen Eskalation etwas hinunter und versuche das Thema mit einem scholastischen Motiv aufzunehmen. Thomas von Aquin hat sich mit der Frage beschäftigt, wie die unermessliche Kluft zwischen Mensch und Schöpfer zu überbrücken sei. Das ist Teil seiner Lehre von der göttlichen Gnade 1, nach der dieser Liebesvollzug nur durch göttliches Entgegenkommen möglich ist.

Diese Sprache verleitet zum Schwärmen. Es ist instruktiv, den Sachverhalt in der unnachahmlichen Trockenheit des katholischen Dogmatikers Joseph Bautz’ (aus 1903) auszudrücken:

Die gratia gratum faciens wird mit Rücksicht auf ihre Wirkung in gratia habitualis und gratia actualis eingeteilt. Die erstere erteilt der Substanz der Seele eine dauernde übernatürliche Seinsweise (gratia sanctificans), den Seelenpotenzen aber übernatürliche Fähigkeiten (virtutes infusae) zu übernatürlichem Handeln. 2

Die Grundidee besteht darin, dass Gott einen Vorschuss leistet, damit das Verhältnis zu ihm überhaupt möglich wird. Die Gottesliebe sollte man sich nicht so vorstellen, dass sich die Seele mit einem tollkühnen, selbstvergessenen Akt zu IHM aufschwingt, sondern als das Ergebnis einer Entwicklung, in der von einer Seite Liebe investiert wird, bevor es Gegenliebe geben kann. Das klingt unromantischer, als man es von Mystikerinnen gerne hören würde. Gott ködert uns, um es respektlos zu sagen.

Auf politische Zusammenhänge bezogen ist der verminderte Enthusiasmus nicht unpraktisch. Man steht nicht mehr vor der Aufgabe, im Anderen das ganz Andere wahrzunehmen und als braver Teilnehmer am jüngsten Gericht Christus in jedem Fremden gesehen zu haben. Sondern man kann sich überlegen, wo und inwiefern diese Strategie der Vor-Investition (“seed money”) Erfolg verspricht.

Thomas hat Bedingungen ausgetüftelt, unter denen mit dem ganz Anderen umgegangen werden kann. Wie sind sie auf den Umgang mit dem ganz Anderen anzuwenden?

  1. “Deinde considerandum est de divisione gratiae. Et circa hoc quaeruntur quinque. Primo, utrum convenienter dividatur gratia per gratiam gratis datam et gratiam gratum facientem. Secundo, de divisione gratiae gratum facientis per operantem et cooperantem. Tertio, de divisione eiusdem per gratiam praevenientem et subsequentem. Quarto, de divisione gratiae gratis datae. Quinto, de comparatione gratiae gratum facientis et gratis datae.” Thomas von Aquin, Summa Theologica, 2.Teil. Quaestio 111
  2. http://bit.ly/29xnLIz