“Anstößig ist die Lokalisierung”

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(c) Agnes Prammer – Happiness is here (January 2016, Tokyo)

“Anstößig ist die Lokalisierung”, schreibt Herbert Hrachovec zwei Blog-Posts vorher. Er nimmt Bezug darauf, wie eine seiner Studentinnen (m/w) ihre Anregung zur Lehrveranstalltung in die Tat umsetzte. Statt darauf zu warten, dass die Lehrperson die hiesige Lernplattform modifiziert, verwendet die Teilnehmerin eine existierende Facebook-Gruppe um ihren Vorschlag gleich in Gang zu setzen. Dadurch erhielt sie eine größere Leserschaft – größer als der Kreis des an Teilnehmern beschränkten Seminars und konnte außerdem ihrem Impuls sofort nachgehen. Die Lehrkraft weist darauf hin, dass Facebook nicht der geeignete Ort ist, ein Seminar zu organisieren: Die Kräfte gehören lokal gebunden.

Es folgen Überlegungen die nahelegen, die Begriffe Immanenz, Transzendenz und Offenbarung im Licht von Smartphones, Cloud Computing und Immigration neu zu denken.


 

Wie Agnes Prammer am Bild oben zeigt, gelingt es nicht einmal Vergnügungsparks, die Aufmerksamkeit lokal zu binden.1 Ein physischer Ort ist ein temporärer Bezugspunkt der Aufmerksamkeit, ein Referenzpunkt für Kommunikation und Anschauung, den man mit Hilfe von Telekommunikation, mobilen Endgeräten, hochverfügbarer Internettechnologien, und cleveren Social Media-Produkten teilweise ausblenden kann. Unsere Aufmerksamkeit entkoppelt sich von den lokalen Adhäsionskräften, den familiären, insitutionellen und organisatorischen Zusammenhängen, welche mit Wartezeiten und Bedingungen verbunden sind, auf die man sich einlassen muss, um in diesen Rahmen mitzuspielen. Dadurch, dass man sich diesen lokalen Rhythmen entziehen kann, erodieren ihre Wirkungen.

Es ist ja nicht so, dass wir irgendwo andocken würden, wenn wir auf unsere Smartphones sehen, kommunizieren, wischen, bewegte Bilder ansehen. Wir sind in einem gewissen Sinn noch da und in einem anderen Sinne woanders. Die Transzendenz des Moments eröffnet uns einerseits ein Universum von Möglichkeiten, schränkt unseren Blick andererseits ein auf Möglichkeiten, die von komplexen Technologien, Serverfarmen und multinationalen Unternehmen vorgegeben werden. Diese Möglichkeiten, könnte man kritisch einwenden, tragen nicht aktiv zur Verbesserung der lokalen Lebenswirklichkeit bei, sondern degradieren sie zum Hintergrund.

Außerdem ist die Flucht vor dem Moment keine Himmelfahrt. Zieht man in Betracht, dass man mit Internettechnologie den Spielregeln der Institutionen eigentlich entfliehen wollte; so unterwirft man sich eher neuen Spielregeln und Rhythmen. Globale Technologien begleiten uns, protokollieren unsere Aktivitäten, indexieren die Orte, die wir besuchen, navigieren uns zu anderen Orten und sortieren alles nach Gesichtspunkten, die uns nicht klar sind.

Was man als Beobachter schnell merkt, jedoch selbst leicht übersieht ist, dass die synchrone Kommunikation durch das ständige Angebot der asynchronen Kommunikation behindert wird. Wenn ich jemanden einen Brief oder eine E-Mail schreibe, dann ist das mitunter eine abendfüllende Tätigkeit. Auch so mit einem Blog-Post. Dafür nimmt man sich Zeit, dediziert.

Dagegen sind Aktivitäten am Smartphone ad hoc. Ich kann Wartezeiten, langweilige oder unangenehme Momente überbrücken: Ein Smiley hier, ein Like da und ein Selfie mit “Check-In”. Schon gebe ich jemanden in der Ferne den Eindruck, dass er/sie wichtig für mich ist – bei priviater Kommunikation; und dass ich für die Leute in der Ferne wichtig bin – bei einem Post in den “social” Media.

Umgekehrt: Der Erhalt einer Nachricht ist eine Erschütterung: Mein Handy vibriert. Das Gespräch das ich gerade führe verläuft sich ins Leere mit einem Blick auf das Handy. Und auch wenn ich dies unterlasse, bin ich kurz irritiert. Diese Störung wird versuchsweise ins Gespräch eingebunden. Es ist aber eine Erschütterung von außen. Sie hat per se nichts mit dem Gespräch zu tun. Wie eine Offenbarung kommt die Nachricht “aus dem Nichts”. Doch nicht einmal vor zweitausend Jahren – alle zwei Minuten.


Was gibt es allgemein für Möglichkeiten des Umgangs mit dem Einbrechen von Nachrichten in den Alltag?

  • Immanenz: Mittlerweile ist es ein Luxus von Smartphone auf Feature Phone zurückzuwechseln, um sich Push Notifications & Co zu entziehen. Dadurch schottet man sich ab von zugegebenermaßen hin und wieder hilfreichen Irritationen.
  • Transzendenz: Sie geht einher mit einem Verzicht auf Immanenz, jener Sphäre in der die Rhythmen des Moments zählen. Indem man jede Irritation aufnimmt, schottet man sich ab, auf andere Art: man weigert sich nämlich, sich auf das einzulassen, was in nächster Nähe passiert, und priorisiert stattdessen das, was von der Ferne kommt und in die Ferne geht.
  • Distanz: Vielleicht ist dieser Gegensatz (entweder Verzicht auf den Fokus meiner beschränkten Lebensrealität oder Verzicht auf Neues) zu abstrakt. Es gibt ein Verständnis von empfangen/aufnehmen, in dem der bestehende Rhythmus nicht über Bord geworfen wird. Das Kommende (die Nachricht) könnte zwar zunächst vergebens gesendet worden sein; man nimmt es nicht auf, weil man gerade nicht bereit dazu ist. Gerade aber die Pause, die zeitliche Distanz zwischen dem Ankommen und dem Aufnehmen der Nachricht, ermöglicht die Einbindung der Nachricht in den Rhythmus. Das würde ermöglichen nicht jedem Zuruf oder jedem Einfall sofort nachzugehen, jedoch ihre Neuerung bei Gelegenheit zur Kenntnis zu nehmen und bestenfalls einzuflechten. Dass man sich dadurch die “Invasion” auf Distanz hält, darf man bei dieser Kompromisslösung nicht vergessen. Man schiebt eine unvermeidliche Entscheidung auf. Ob man einer Nachricht letztlich Aufmerksamkeit schenkt kann man nur mit ja oder nein beantworten.

Die Frage bleibt: Was ändert sich, wenn wir heute davon ausgehen müssen, dass der Alltag von den globalen Kommunikationsplattformen organisiert ist, und die Nachricht aus der lokalen Umgebung hereinbricht? Grob gesagt, Immanenz und Transzendenz wechseln die Position. (So wie die Nachricht auf Facebook, dass man Seminarangelegenheiten mit den Tools des Seminars und nicht auf Facebook organisiert?)

 


“Er kam in sein Eigentum – und die Eigenen nahmen ihn nicht auf” (Joh 1,11)


“Aber hör einen Augenblick zu: ich spreche nicht von der Zukunft, ich spreche von einer
immerwährenden Gegenwart. Und das bedeutet, daß es die Hoffnung nicht gibt, denn sie ist nicht länger eine verschobene Zukunft, sie ist das Heute. Weil der Gott keine Versprechungen macht. Er ist viel größer als das: Er ist und Er hört niemals auf zu sein. Wir sind es, die dieses stets gegenwärtige Licht nicht ertragen, und dann verschieben wir es auf später, nur um es nicht schon heute und sofort zu spüren. Die Gegenwart ist das Antlitz des Gottes. Die Erkenntnis, daß wir Gott sehen, noch während wir leben, flößt uns Entsetzen ein. Und Gott sehen wir sogar mit offenen Augen. Wenn ich das Antlitz der Wirklichkeit auf die Zeit nach meinem Tod verschiebe, so aus reiner List, weil ich es vorziehe, in der Stunde, in der ich Ihn sehe, tot zu sein; auf diese Weise glaube ich, daß ich Ihn nicht richtig sehen werde, genauso wie ich auch nur dann, wenn ich schlafe, den Mut habe, wirklich zu träumen. Ich weiß, daß das, was ich spüre, gefährlich ist und mich zerstören kann. Denn es ist, als überbrächte ich mir die Nachricht, daß das Himmelreich bereits jetzt ist. Ich aber will diesen Ort der ewigen Seligkeit nicht, ich will ihn nicht, ich ertrage nur seine Verheißung! Diese Nachricht, die ich mir selbst überbringe, klingt mir nach Unheil und erneut nach dem Dämonischen. Aber nur aus Angst. Es ist Angst. Denn auf die Hoffnung zu verzichten heißt, daß ich anfangen muß, zu leben und nicht nur, mir das Leben zu versprechen.”
(Clarice Lispector: Die Passion nach G.H.)

  1. Einige Bilder sind Teil der Ausstellung “Das bessere Leben”, die gerade im Künstlerhaus in Wien gezeigt wird.