Zuletzt erschien ein Podcast in der Philosophischen Audiothek, der einen Vortrag von Ernst Tugendhat von 2002 neu kommentiert:
Den Ausgangspunkt bildet die durch Nietzsche zugespitzte Aussage “Gott ist tot”, und dadurch die Erkenntnis, dass der Bezug auf Übernatürliches nicht (mehr) wesentlich zum Menschen dazugehört und ihn bewegt. Was bleibt ist: Menschen gehen, so der Titel des Podcasts, über sich hinaus. Zwischen einem selber und Gott gibt es ein weites Feld für Überschreitungen, das zwar nicht übernatürlich ist, aber auch nicht völlig vereinnahmt werden kann. Auf dieses Feld zielt die immanente Transzendenz ab, dessen Ausgestaltung im Podcast erörtert wird. Ich verharre in diesem Blogpost erst einmal beim Ausgangspunkt und lasse dann meine Lektüre zu Michel de Certeau, Pierre Manent, und einen Veranstaltungsbesuch über die Generation Y miteinfliessen, um zu sagen: Die immanente Transzendenz enthält keine inhaltliche Vorgabe, wohin die Reise geht. Sie stellt uns vor Herausforderungen, wenn es um die Bildung einer gemeinsame Stimme geht, die für eine Sache fortschreitet. Dieser Mangel kann durch mächtige Interessen (z.B. ökonomisch oder politisch) ausgenutzt werden.
Dass Gott tot ist, wird heute nicht nur von Migranten aus muslimisch geprägten Ländern bestritten. Zeitgenössische Denker wollen auf den Bezug zur Stimme Gottes in der Gesellschaft nicht verzichten und argumentieren sogar, dass man es ohne diesen Bezug schwer haben wird, in Europa einen öffentlichen Raum zu halten, der es Neuankömmlingen ermöglicht, sich einzubringen, auf Erwartungen einzustellen, d.h. das zu tun, was man unter Integration versteht:
“It does not suffice to bring men together to declare or even to guarantee their rights. They need a form of common life. In France, a nation of the Christian mark is the only form that can bring us all together.
… When some of our citizens take up arms against us so brazenly and implacably, this means that not only our state, our government, and our political body but we ourselves have lost the capacity to gather and direct our powers, to give our common life form and force.”
Das schreibt der Franzose Pierre Manent im Artikel “Repurposing Europe“, veröffentlicht im April 2016 im amerikanischen Journal “First Things”, herausgegeben vom Institut für Religion und Öffentliches Leben. Auf der Homepage liest man zum Institut:
“The Institute was founded in 1990 by Richard John Neuhaus and his colleagues to confront the ideology of secularism, which insists that the public square must be “naked,” and that faith has no place in shaping the public conversation or in shaping public policy.”
Dass eine Nation christlicher Prägung die einzige Form ist, um “uns alle zusammenzubringen”, ist gerade im Land der französischen Revolution, in der “Entchristianisierung” und Widerstand gegen den Klerus das Land stark geprägt haben, problematisch. Man könnte zugestehen, dass es wichtig ist, den Begriff des “christlichen Abendlandes” (ähnlich wie Alexander van der Bellen es auf politischer Bühne mit dem Begriff der Heimat versucht hat) nicht den Populisten zu überlassen und insofern sind die Gedanken von Pierre Manent wichtig. Sie ermöglichen Menschen, sich als Christen in einem Land zu engagieren und sich nicht zu schämen, wenn sie an Gott glauben und diesen Glauben bei der Gestaltung des öffentlichen Raumes miteinbringen.
Man kann jedoch nicht bei ihnen (Pierre Manents Gedanken) stehen bleiben, weil die aktuelle Kultur und Praxis in Europa schon längst über sie hinausgegangen ist. Die Kirche bildet keinen zentralen Ort der Gesellschaft (mehr) und ihr Anspruch, den Sinn der Geschichte für alle zu sagen, wird nicht ernst genommen. Hierfür können Gedanken von Michel de Certeau aus den 1980’ern herangezogen werden:
“Die Frage nach dem Sinn der Existenz wird nicht mehr von Institutionen abgedeckt, ebenso wenig ihre Beantwortung durch soziale Gruppen garantiert. Sie veranlasst zu privaten gemeinsamen Ausarbeitungen in den Zwischenräumen der technokratischen Unternehmen und öffentlichen Dienstleistungen.”
“Wir können nicht voraussetzen, dass das “Poème du Christ” ein wirklicher Raum in der Gesellschaft ist oder einen solchen schafft, und wir dürfen einen mythischen Ort nicht mit einem sozialen Platz verwechseln. Die christliche Gemeinschaft gründet sich dagegen auf beider Identität, indem sie glaubt, aus dem Mythos das zu machen, was eine Gruppe definiere. Doch die Erfahrung zeigt: Wenn die Gruppe den Mythos festhalten will, verschwindet sie, wenn sie aber handeln und leben will, eliminiert sie de facto, wenn nicht de iure ihre christliche Definition und oft jeden christlichen Bezug überhaupt. … Das Christentum kann nicht mehr als Platz gelten, von dem aus ein Sprechen möglich ist, sobald es zum Gegenstand einer Anstrengung wird, die von dem Ort ausgehen, an dem wir in der Gesellschaft von heute stehen und der fortan weder religiös noch christlich ist.”
(Michel de Certeau: GlaubensSchwachheit. 2009. W. Kohlhammer. “IV. Auf “ungebahnten Wegen” gehen.” S.222f, Fußnote 8)
Was Michel de Certeau dann gegen Ende des zitierten Buches vorschlägt wurde von Theologen teilweise stark kritisiert (Stichwort: “mystische Auslöschung”, siehe Daniel Bogner: Gebrochene Gegenwart. Mystik und Politik: “Zwischenreflexion: Die zerbrochene Repräsentation”, S.246-248). Und zwar lässt man die christlichen Inhalte als Bestand ruhen und sieht die formale Praxis des Transzendierens als Wesen des Spirituellen. Die christlichen Schriften und Institutionen bleiben zwar erhalten, könne aber nicht den Kern einer christlichen Praxis ausmachen.
So gesehen: Die immanente Transzendenz aus dem Vortrag von Ernst Tugendhat trägt einen spirituellen Rest, nämlich die Vorstellung, dass es gut und dem Menschen eigen ist, in Richtung auf ein objektives/inter-subjektives/exzellentes Ziel fortzuschreiten, und es sich nicht allzu bequem zu machen im status quo, auch wenn es angenehmer wäre. Nun ist angesichts eines ökonomischen oder politsichen Interesses die Frage angebracht, woher der Maßstab des Guten kommt. Der Ausspruch von Steve Jobs “Keep Looking, Don’t Settle” hat in einer Hinsicht spirituellen, zumindest anthropoligischen Hintergrund, andererseits ist die “Generation Praktikum” und “Mingle statt Love” damit hingerissen, sich nicht festzulegen, weil die formale, nicht-metaphysische Version der Transzendenz “Alles was wir gut machen, können wir besser machen” zu abstrakt ist, um mit der Aufgabe zu starten, etwas gut zu machen, was nämlich? Mit dem Mangel an inhaltlichen Vorgaben und der ständigen Verfügbarkeit von Mini-Transzendenz-Angeboten via Smartphone umzugehen und trotzdem eine gemeinsame Stimme (z.B. im Kontrast zum Bestehenden und in der Vorschau auf das Kommende) zu finden, ist eine neue Herausforderung der Generation Y (Zugezogen oder Einheimisch), wie ich beim Besuch einer Podiumsdiskussion feststellte.
Es ist zwar nicht Aufgabe der Philosophie, diese Herausforderung zu lösen, und auch nicht sie zu erleichtern, sehr wohl aber auf sie aufmerksam zu machen. Aufmerksamkeit ist vielleicht das entscheidende Merkmal, mit dem sich die Mini-Transzendenz von der im Podcast verhandelten immanenten Transzendenz unterscheiden lässt. Obwohl man sich in beiden Fällen öffnet auf eine (wie immer vorpräparierte) Realität, wird man ohne Aufmerksamkeit und sich auf etwas einzulassen nicht verstehen, was mit der Tiefendimension der Welt gemeint ist. Augmented Reality und Artifical Assistance bieten uns zwar eine neue Sicht auf die Welt, sind aber nicht dafür zuständig, die Bilder, die wir uns von der Welt machen, zu durchdringen.