es wird schon werden

 

Maria Kakogianni spricht Alain Badiou auf eine Besonderheit von Dialogen an1. Ihr Gelingen merkt man erst nach einem Zeitabstand – insofern unterscheiden sie sich von spontaner Übereinstimmung.

A. Badiou stimmt zu und bezieht es auf Platons Dialoge. Sie zielen auf universale Gültigkeit und können nicht im Voraus angeben, auf welchen Wegen sie das Ziel erreichen.

Le dialogue est une opération temporelle, et c’est en ce sens que Platon, via Socrate, parle des ‘longs détours’. Car le mouvement de construction d’un point à valeur universelle ne peut savoir d’avance par quels chemins particuliers il faudra passer. 2

Badiou spricht plastisch von den Umwegen, die nötig sind, um von einem “frappanten” Ausgangspunkt (“une frappe événementielle”) zu einem wertvollen Ergebnis zu kommen. Jeder Dialog organisiere sich im Anschluss an ein Ereignis, das die Teilnehmerinnen gemeinsam trifft. Am Anfang steht eine “axiomatische” Evidenz, von der zu einer zweiten, konstruierten Evidenz fortgeschritten wird.

En fait, le dialogue va toujours d’une évidence à une autre,
la première axiomatique, la seconde construite. Toute
universalité est l’union construite d’une soudaineté et
d’une patience.

Hier also ein Merksatz: “Jede Allgemeingültgkeit ist die konstruierte Einheit einer Plötzlichkeit und einer Langmut.” Klingt gut. Zur Inspiration gehört der Fleiß, sonst handelt es sich um eine Eintagsfliege. Aber Badious Bonmot erhebt einen größeren Anspruch. M. Kakogianni verweist auf die spektakulären Folgen, die ein “Ereignis” nach Badiou kennzeichnen, z.B. eine Revolution oder eine große Liebe. In solchen Fällen wäre es interessant zu wissen, was zwischen Erschütterung und langfristiger Perspektive liegt. Wie genau kommen sie zusammen?

Politisch gesprochen denkt man an das Verhältnis vom Ausbruch einer revolutionären Idee und ihrer Verstetigung. Mehrmals in meiner universitären Tätigkeit habe ich die Emphase einer AudiMax-Besetzung und das anschließende Versanden des Anstoßes erlebt. Die Theoretikerinnen der Revolution, gibt M. Kakogianni zu bedenken, haben sich von strategischen Fragen zurückgezogen und widmen sich der Idee des Umbruchs. Wo findet sich ein Mittel, den anfänglichen Impuls zusammen mit den Umwegen festzuhalten?

Badiou bezieht sich in seiner Antwort auf drei unterschiedliche Referenzsysteme:

  • die platonischen Dialoge: persönliche Anstrengungen um verbindliche Einsicht
  • die mathematische Axiomatik: geregelte Konsequenzen aus Sätzen, die ausser Streit gestellt sind
  • den politischen Kampf benachteiligter und entrechteter gesellschaftlichen Gruppen: gesellschaftliche Umgestaltung nach Vorgabe einer zündenden Idee

Die drei Bereiche folgen, das ist auf den ersten Blick zu sehen, inkommensurablen Regeln. Badiou gibt eine Metastruktur an, die für alle Fälle gelten soll. Sie ist bemerkenswert erbaulich. Ich paraphrasiere die Auskunft in schlichten Worten.

  • Nur wenn die Mühe, aus Wahrheiten Konsequenzen zu ziehen, vergessen wird, kann das Resultat gefährlich werden.3
  • Wahrheiten sind nach strikten Regeln zu entwickeln und sind, weil damit etwas Allgemeines entsteht, ein Schlüssel zu jeder wahrhaften Freiheit.4
  • Die Strategie ist schon im Resultat angelegt, die Taktik in der einzelnen Anstrengung vorgeformt.5
  • Im wirklichen Leben ist ein Ergebnis eine aktive Folge aus der Wahrheit, von der ausgegangen wird. Es ist deren Synthese, seien es Wahrheiten der Liebe, der Politik oder aus anderen Bereichen.6

Die Offenbarung validiert die Folgen, die uns die Offenbarung zugänglich machen. Die Aufgeschlossenheit für die Offenbarung schafft die Bedingungen dafür, dass die Offenbarung ankommt. Es wird versichert, dass das kirchliche Lehramt getreulich die Wahrheit der Menschwerdung Gottes aufbewahrt und weiterentwickelt. Badiou ein Pastoralapologet.

 

  1. Alain Badiou, Maria Kakogianni ENTRETIEN PLATONICIEN
  2. Alle Zitate a.a.O., S. 60ff
  3. “La logique du résultat n’est périlleuse que si elle perd de vue le travail des conséquences qui conduit à ce résultat.”
  4. “En fait, le processus d’une vérité est à la fois tout à fait contraignant, nécessairement discipliné,
    et, parce qu’il produit de l’universel, la clef de toute liberté véritable.”
  5. “En ce sens, on peut dire que la stratégie est figurée par le résultat, cependant que la tactique est figurée par le labeur partiel.”
  6. “Dans le réel, un ‘résultat’ n’est jamais que la synthèse d’une séquence active dela vérité concernée, qu’elle soit amoureuse, politique, ou autre.”