Drei Könige im Stimmbruch (3)

 

Ein Beitrag in drei Abschnitten:

 

Rap ist extrovertiert, das macht einen Hauptunterschied zwischen der Ästhetik der Krippenspiele und der pointierten Inszenierung des Neuen aus. So gesehen ist es Geschmackssache, ob jemand auf (oftmals verlegene) Besinnlichkeit oder kecke Aufmüpfigkeit anspricht. Eine Bereicherung des Formeninventars sind die Rapversionen allemal. Es kommt “Schwung in die Sache”. Das führt zurück zum Thema Modernisierung. Wer zahlt drauf beim Schwung? Ein Bedenken gegen die neuen Töne verweist auf die Beschaffenheit religiöser Erfahrung.

Im Sternsingerrap trifft ein Musikstil auf die biblische Überlieferung, man erinnert sich an “Jesus Christ Superstar”. Nur geht es aggressiver zu. Zum Rap gehört die distanzlose Anrede. Ein insistenter Wortschwall traktiert das Publikum. Anders als im openhaften Musical wird die Spannung nicht in melodischen Bögen ausgeformt. Sie hämmert auf die Hörerinnen ein. Das hat, in Anwendung auf das Neue Testament, zwei fragwürdige Folgen. Erstens sind es religiöse Motive, mit denen dem Publikum ein Loch in den Bauch geboxt wird, und zweitens erzielen derartige Überrumpelungen zwar hohe Aufmerksamkeitswerte, aber eine vergleichsweise kurze Halbwertszeit.

Wir kommen daher aus dem Morgenland
Wir kommen geführt von Gottes Hand

“Von Gottes Hand geführt” – wer traut sich das zu singen? Es ist eines, den Spruch im musikalischen Medium erinnernd zu zelebrieren und etwas anderes, ihn per Medienpaket auf den Monitor zu knallen. Zweifellos hat diese Performance ihre eigene Kraft. Sie geht aber auf Kosten von Freiräumen, die in eingespielten Gedächtnisritualen der Kirche geöffnet werden. Die Unverblümtheit der Rapinszenierung, so ist in Diskussionen über ihre nicht selten gewaltverherrlichenden und sexistischen Inhalte hervorgehoben worden, gehört zum Spiel. Die Umkehrung dieses Arguments zeigt eine Schwierigkeit für den Glaubensrap. Wer soll denn auf diese “Sendung aus dem Morgenland” ohne Bedenkzeit einsteigen? Rap produziert Wegwerfworte.

Christlichen Liturgien eignet eine retardierende und eine progrediente Geste. Jesus ist dagewesen und wird uns beistehen. Wer die dazwischenliegende Aktualität überspannt, riskiert Selbst-Herrlichkeit. Der Rap lebt von ihr, die Kirche muss sie integrieren. Ein Fachausdruck für das Phänomen ist “Charisma”, nennen wir es “zündendes Auftreten”. Es gehört zu Popstars und schwingt in der suggestiven Rhythmik des Hip-Hop mit. Im Katholizismus ist Charisma nicht unbekannt, im Augenblick allerdings weniger exhibitionistisch. Eher so, wie der neugewählte Papst Franziskus auf den Balkon am Petersplatz tritt und die Menge mit “Guten Abend” begrüßt.

Die Absicht dieser Einwände ist nicht, das Spiel zu verderben. Sie skizzieren ein Panorama der Sternsingeraktionen und plädieren dafür, die Lautstärke der Gesangbeiträge gegeneinander abzuwägen. Dazu gehört, dass an Stellen der Pegel überschritten wird und dass sich das Fortissimo nicht verselbständigt. Sternsingen bildet, das ist an den Videobeispielen hörbar, ein Stimmennetz unterschiedlicher Tonarten. Der “Sitz im Leben” der Rapifizierung der Dreikönigsgeschichte ist die langjährige Praxis der Gläubigen. Sie entscheiden; für die Zuseher im Internet bleibt die touristische Perspektive.

Der Text für “Listen to the Kings” von Nikodemus Wagner & Philipp Grammel nimmt die Zuseherperspektive in die “message” hinein.

Du findest das peinlich? Mann, ich will was verändern.

Mir macht es Spaß, Du gibst mir Geld, uns tun die Füsse für die gute Sache weh.

Trotz der Temperatur hab ich Spaß da!
Ich sing meine Lieder und du gibst mir Geld
Mit schmerzenden Gliedern retten wir die Welt!

Die Reaktionen auf die Aktion sind alle schon vorgesehen. Überzeugender formuliert es in Sternsingen – Hilfe unter gutem Stern der kleine Bub, der den Umzug seinem Gameboy vorzieht.

 

Aber der Erwähnung der Peinlichkeit trifft einen wichtigen Punkt. Zum Sternsingen gehören zwei: die Gesangsgruppe und die Angesungenen an der Wohnungstür. Beide sind Akteure. Verlegen in der Tür zu stehen ist auch eine Rolle in diesem Spiel. Der Sternsingerrap nimmt der Spendensammlung das flaue Gefühl, aber auch die Luft zum atmen. Das zwiespältige Fazit lautet: dder abschließende Clip verdient mindestens ebensoviel Aufmerksamkeit, wie der Sternsingerrap, auch wenn er ohne ihn nicht ins Blickfeld geraten wäre.

 

Herbert Hrachovec

Herbert Hrachovec

One thought on “Drei Könige im Stimmbruch (3)

  1. Eine spannende Analyse zu Rap und Christentum. Im letzten Teil wurde untersucht ob der zentrale Modus der Abwesenheit im Christentum mit dem direkten Rap vereinbar ist. Zwei Gedanken und ein längeres Zitat dazu.

    1. Zuerst zu Rap:
    Mein Zugang zu genuinem Rap (http://quatsch.philo.at/?p=1472) ist, dass er einen Bruch mit dem gegenwärtigen Alltag in Performance und für das Publikum umsetzt und das Finden einer neuen Position ermöglicht. Es werden dabei sprachliche direkte Pointen gesetzt, die viral werden und andere einladen, darauf einzusteigen. Die Direktheit bewirkt einen Bruch, eine Distanznahme zur Gegenwart (die Distanznahme wird in den problematischen Fällen auf Kosten anderer übertrieben, zugegeben) und geniert damit einen Freiraum der zur Orientierung und Handlung genutzt werden kann.

    Ob der Sternsinger-Rap in diesem Sinne gelungener Rap sind, kann man an manchen Stellen bestreiten, doch das Finden einer Position und das Suchen eines Sinns im Königs-Rollenspiel spielt sicher rein. Trotz Peinlichkeit, Kälte, und dass es oft richtig hart ist, tut man sich das an, weil man etwas verändern/verbessern will.

    2. Zur Kompatibilität mit dem Christentum:
    “Geführt durch Gottes Hand” und “jetzt folgt ein neues Testament auf das alte” ist tatsächlich übermütig und wenig gelungen. Man tut dem Sternsinger-Rap aber meiner Meinung nach Unrecht, wenn man die Direktheit des Raps der Form nach für ungeeignet für christliche Nachfolge-versuche hält. Christentum erlaubt den Klartext und die Konfrontation mit der unmittelbaren sozialen Gruppe zur individuellen Christus-Nachfolge. Zugegeben, das folgende ist ein recht überstrapaziertes Zitat, doch es gehört zum christlichen Kanon und man könnte es leicht im (Battle) Rap unterbringen:

    „ Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen! Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert. Wer das Leben findet, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.“
    – Matthäus 10,34-39

    Die Abgrenzung vom Umfeld irritiert und rettet. Man kommt von einer anderen Welt. So gesehen ist der Sternsinger-Rap fast noch zu wenig direkt. Ggf. zählt der Umstand, dass man die Geschichte der drei Könige im Präsens erzählt, als Distanznahme zur Gegenwart. Und tatsächlich für diejenigen, die Besuch von den Königen bekommen, eine Ausnahmesituation hergestellt. Das kommt im letzten Dokumentations-Video mehr heraus als im Rap-Song. Der Besuch von den Sternsingern ist ein Ana-chronismus, d.h. gegen die Zeit gerichtet. Jemand kommt verkleidet zu Besuch, “von einer anderen Welt”, und kündet von/bittet um eine andere Welt.

    3. Daniel Bogner liest in “Gebrochene Gegenwart” Michel de Certeau, das gut zum Thema passt:
    “Nicht ohne – diese Formel ist für Certeau das zentrale Signum der gläubigen Situation: Ihre Wahrheit drückt sich im Modus der Abwesenheit aus. Der irdische Jesus kann weder ohne seinen göttlichen Vater sein noch ohne seine Jünger, die er in die Nachfolge gerufen hat; heutige christliche Existenz kann sich weder ohne “die anderen” der eigenen Gegenwart noch ohne die der Gegenwart vorausgegangenen “anderen” Glaubensversuche der Vergangenheit verstehen. Stets bestimmt eine Abwesenheit die Situation. Ein Ereignis kann also dann als ‘gründend’ bezeichnet werden, wenn es Räume eröffnet, die eine je eigene Beziehung auf dieses Geschehen aufnehmen können, das damit ja erst zum ‘Anfang’ beziehungsweise ‘Ursprung’ wird.”

    Das durch alle Unterschiedlichkeit hindurch Gemeinsame findet sich nach Certeau … in einem gemeinsamen ‘Stil’ der Bezugnahme zwischen Nachfolgeform und Ursprungsereignis: Die “nachfolgende” Serie aus Orten, Werken und historischen Konstellationen trägt dort die wiedererkennbare Spur des nicht mehr fassbaren Ursprungs, wo sie trotz ihres partikularen Anspruchs auf “Vergegenwärtigung” von dessen “Vorläufigkeit” zeugt und aus sich heraus auf die notwendigen anderen Nachfolgegestalten verweist. Die Zusammengehörigkeit zeigt sich also gerade im Verzicht auf einen Anspruch universaler Repräsentation… Christen haben das Recht, sich bei aller Unterschiedlichkeit ihrer Werke gemeinsam Christen zu nennen, weil sie in ihrem Tun auf das konstitutive Fehlen der anderen – eines anderen Menschen oder des anderen Werkes – und dadurch des einen Anderen – Jesus Christus – zeigen.”

    Certeau:
    “Que le christianisme soit encore susceptible d’ouvrir un novei espace, qu’il rende possible une mutation dans la pratique du discours et dans le rapport du locuteur au langage, au’en somme il ‘permette’ des croyants, voilà en dernier ressort la véritable ‘vérification’, quels qu’en soient le mode et le lieu”

    Dass das Christentum noch fähig ist, einen neuen Raum zu eröffnen, dass es eine Veränderung in der Diskurspraxis wie auch in der Beziehung des Sprechers zur Sprache möglich macht, dass es also Glaubende “zulässt”, das ist letztlich die wirkliche “Verifizierung”, was deren Modus und Ort auch immer sei.”

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