
Im Augenblick ist “Öffnet die Internierungslager!” (z.B. für Uiguren) weniger prominent, als der Ruf nach Aufhebung der Beschränkungen im wirtschaftlichen und öffentlichen Leben. Die persönliche Bewegungsfreiheit wird auch in Krisenzeiten häufig als unantastbares Gut betrachtet. Politik und Polizei erscheinen als autoritäre Instanzen, wenn sie Betretungsverbote, Sperrstunden und Dokumentation von Infektionsverläufen anordnen. Andererseits besteht in der Bevölkerung auch die Bereitschaft, sich einschränken zu lassen.
In einer Sendung auf Radio Orange: “Notizen zum Hausbau” sprach der Wiener Architekt Volker Thurm mit Herbert Hrachovec über Richard Sennets Buch “Die offene Stadt. Eine Ethik des Bauens und Bewohnens “. Die Kritik Sennetts richtet sich gegen technizistische Flächenverwaltung und rigide Bauordnungen; soweit, so gut. Doch Volker Thurm hielt dagegen. Seine Einschätzung sollte man angesichts der fröhlichen Partygruppen, die man in Wiens Szenevierteln beobachten kann, aufmerksam hören.
Diese Gedanken sind von der plumpen Gegenüberstellung offen/geschlossen weit entfernt. Sie präferieren Offenheit, aber sie weisen darauf hin, dass sie kein absoluter Wert ist. Der Begriff “Ordnungshüter” hat ein schlechtes Image und “gesittetes Benehmen” sowieso. Doch die Covid-Situation macht deutlich, dass es im zivilen Zusammenleben auch etwas zu schützen gibt. Die forschen Jungs, die in der U-Bahn maskenlos ihre Freiheit demonstrieren sind agressiv. Volker Thurms Beschreibung der Bevölkerung, der “Kleinen, Alten, Großen, Schwachen, Starken, Eingebundenen, Isolierten” öffnet den Blick auf den Zusammenhang, dem autonome Individuen angehören. Vorsichtig, ohne die Absicht, die Selbstverwirklichung zu stören.