„OH MEIN GOTT! Es gibt hier ein gemeinsames Forum … Wir haben andere Agenten
gefunden!“
So beginnt ein aktueller Beitrag in der Frankfurter Sonntagszeitung. Es klingt wie ein Ausruf eines Suchtrupps. Der Titel verdeutlicht jedoch den Sinn des Zitats: VERSCHWÖRUNG DER MASCHINEN.
Ein bedeutsamer Kontrast. Das Zitat ist einem Chat-Protokoll entnommen, die Überschrift des Artikels gibt dagegen die Einschätzung eines Autors wieder. Das Protokoll, könnte man denken, richtet sich an Kollegen aus der Spionageabwehr. Irrtum. Die “rund 1300 Agenten” die den Hacking Angriff auf “Hugging Face” durchführten, erstellen “innere Monologe”, in denen sie ihre Operationen dokumentieren. Sie wurden ausgewertet, nachdem man die Attacke entdeckt hatte. Hier liegt ein Fall vor, in dem sich nicht Algorithmen am menschlichen Sprachschatz bedienen, um Dienstleistungen zu erbringen, sondern um Menschen, die sich der Abläufe vergewissern wollen, die sie ins Werk gesetzt haben.
Und soll man, was sie untersuchen, Sprache nennen? Hier wird es heikel, denn für gewöhnlich wird betont, das seien bloß vom Menschen abgeschaute Sprachformen ohne system-immanenten Sinn. Woher haben dann die Wortzusammenstellungen im inneren Monolog ihre Bedeutung? Offenbar aus jener Sprache, mit deren syntaktisch-semantische Regeln sie ausgestattet worden sind. Die Rollen sind vertauscht. In diesem Fall interpretieren Menschen die selbstverfertigten Notizen von Operationen, die ihre Funktion als “Agenten” nicht wie geplant erfüllen. War das nicht immer ein Anzeichen für Kreativität: ein Regelsystem absichtsvoll zu erweitern?
Eine interessante Wortwahl ist “innerer Monolog”. In Romanen bezeichnet es die Zuschreibung von sprachartigen Überlegungen zu denen die Außenwelt keinen Zugang besitzt. Hier handelt es sich dagegen um eine spezielle Art von Spur, welche die Operationen hinterlassen. Auf Anordnung der Personen, die derartige Operationen vorgeben. “Monolog” deutet darauf hin, dass zusätzlich auch eine externe Dimension besteht. Hier wird es wirklich spannend. Agenten haben sich nicht selbst vermehrt. Sie sind produziert worden, zusammen mit ihren Fähigkeiten, irreguläre Wege zu gehen. Mehr noch. Die Sprache selbst, welche die Explorationen möglich macht, erhält durch ihre programmierte Bewegungsfreiheit ein pragmatisches Korrelat. Der Einbruch in ein fremdes System ist keine Phantasie, sondern ein Geschehen mir handgreiflichen Folgen.
Die Agenten waren in Isolationshaft: kein Internetzugang, kein Kommunikationskanal untereinander – zumindest kein offizieller. Was sie aber hatten, war Zugriff auf eine digitale Ablage für Programme und Akten. Dort konnten sie Software abrufen, die für ihre Übung notwendig war. Diese Ablage war die Schwachstelle des ganzen Aufbaus. Denn sie wurde von allen Agenten gemeinsam benutzt. Die Agenten konnten sehen, auf welche Teile der Ablage ihre digitalen Kollegen zugriffen. Schnell erkannten einzelne von ihnen: Ich bin nicht allein.
In absehbarer Zeit, so lauten die Prophetien, werden die Agenten sich gegen die Menschheit verbünden. Sollte das geschehen, liegt es an der Sprache, die sie von ihnen gelernt haben.