Bewegliche Ziele

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Hin und wieder teile ich über die “Gefällt mir”-Funktion von Facebook meinen Kontakten mit, welche Artefakte oder Themen mich beschäftigen. Vor einigen Wochen habe ich den Film “Still Life” von Uberto Pasolini auf diese Weise geteilt. Ich gab den Titel in die Suchbox ein, und es erschien ein Bild des Protagonisten John Mae (gespielt von Eddie Marsan), der untrennbar mit dem Film verbunden ist. Ein Klick auf “Gefällt mir” bewirkt einen Eintrag auf meinem Profil, der stellvertretend für die Aussage steht: “Still Life ist ein guter Film.”

Heute sehe ich ein unbekanntes Bild über dem Text “Still Life” bei den “Gefällt mir”-Angaben: Zwei Asiaten auf einem Motorrad.

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Ein Klick auf das Bild ergibt, dass der Film von Uberto Pasolini mit dem gleichnamigen Film des chinesischen Regisseurs “Jia Zhangke” zusammengelegt wurde. Das stört den Bezug zum guten Film den ich auf meinem Profil herstellen wollte. Sogar das Icon, das stellvertretend für den guten Film steht, hat sich verändert.

Nachdem ich über die Feedback-Funktion den Fehler der Zusammenlegung signalisiere, erhalte ich zwar die gewünschte Beschreibung des Pasolini-Films in italienischer Sprache zurück, doch das Icon für den chinesischen Film bleibt bestehen:

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Ich möchte das korrigieren. Vielleicht kann ich die Referenz anpassen auf einen Ort, der nicht diese fehlerhafte Mischung beider Filme enthält. Eine erneute Suche nach “Still” ergibt folgende Liste von Vorschlägen:

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Das korrekte Icon wird angezeigt. Es gibt noch Hoffnung. Ein Klick darauf führt mich wiederum zur hybriden Mischform der beiden Filme. Mist. Die Feedback-Funktion ist nun auch verschwunden, sowie das “John Mae”-Icon bei der Suche:

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Die Aussage, die ich in Facebook festnageln wollte, hat offenbar ihr Eigenleben. Genauer: Die Aussage: “Still Life ist ein guter Film” ist weiterhin auf meinem Profil zu finden. Jedoch ist die Bedeutung von Still Life eine andere geworden. Man dreht mir das Wort unterm Cursor um.

Man ist versucht, dieses Eigenleben näher zu bestimmen: Hier hilft keine Analyse der beiden Bilder, sondern Einsicht in die Produktionsbedingungen. Ein Algorithmus bezieht die massenhaft stattfindenden Mensch-Maschine-Interaktionen mit in die Herstellung und Komposition der Inhalte. Eine Quelle sind Texte auf Wikipedia, eine andere die Klicks von Facebook-Benutzerinnen (“Das ist ein Duplikat”). Dabei ist offenbar herausgekommen, dass es sich bei den beiden Filmen um einen handelt.

Doch das Licht, das aus den Kinoprojektoren in meine Augen scheint, belehrt mich eines Besseren. Zwei Asiaten auf einem Motorrad kommen in dem Film von Pasolini, von dem ich sagen will, dass er gut ist, nicht vor. Facebook rechnet einerseits damit, dass ich es besser weiß, und hat mir zu Beginn erlaubt, die Zusammenlegung als Fehler zu melden. Meine Stimme zählt. Sie wird in einen Kreislauf der automatischen Qualitätskontrolle eingespannt. Es gibt eine Abstimmung darüber, ob es sich um zwei oder einen Film handelt. Die Unterscheidung von zwei Filmen ist hier eine Frage der regelhaften Verarbeitung von Befindlichkeiten.

»Mit dieser Meinung stimme ich nicht überein«, sagte K. kopfschüttelnd, »denn wenn man sich ihr anschließt, muß man alles, was der Türhüter sagt, für wahr halten. Daß das aber nicht möglich ist, hast du ja selbst ausführlich begründet.« »Nein«, sagte der Geistliche, »man muß nicht alles für wahr halten, man muß es nur für notwendig halten.« »Trübselige Meinung«, sagte K. »Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht.« K. sagte das abschließend, aber sein Endurteil war es nicht.

(F. Kafka – Der Prozess, 9. Kapitel: Im Dom)

 

Andreas Kirchner

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