Ritter oder Greenhorn

Theorien über die Entstehung des europäischen Adels im Mittelalter haben schon seit Jahrhunderten einen größeren Interessentenkreis als die überschaubar wirkende Zunft der Mediävisten. Nicht zuletzt Marx und Engels liebäugelten mit einer  urgesellschaftlichen Freiheit und Gleichheit, die erst durch das Auftreten des Benefizialwesens fragmentiert wurde. Dem Lehen entspräche hier der erste Abglanz protokapitalistischen Grundbesitzes.

Keine Frage, klare Fronten haben ihren Reiz, und doch kann eine seriöse Forschung wohl kein gutes Haar an solchen allzu einprägsamen Geschichtssynthesen lassen. Besonders attraktiv werden derartige Projektionen an Punkten, die einen materialen – um nicht zu sagen “materialistischen” – Halt bieten. Da kann schon einmal ein Pferd, das seinen Reiter im wahrsten Sinne des Wortes “über” den Köpfen des Fußvolks thronen lässt, zum Medium der Herrschaft werden. Derart fasst zumindest die ältere Gemeinfreienlehre, wie sie auf Justus Möser (1768) zurück geht, den Übergang zwischen frühmittelalterlicher Gleichheit und adeliger Herrschaft. Die Feudalisierung sei direkt mit dem Auftreten der ersten Panzerreiter zu verbinden. Also erst mit der fränkischen Heeresreform, die den berittenen Kämpfer vom bäuerlichen Fußsoldaten differenzierte, sei eine Art Militäradel installiert worden, der den Ausgangspunkt für alle weiteren Adelskonzepte geboten habe.

Abgesehen vom Verlangen nach klarer Datierbarkeit zeigt sich hier eben der Versuch, eine Kohärenz zwischen geistiger Veränderung und materiellen oder medialen Innovationen anzusetzen, die noch der geringsten Anerkennung problematischer Quellenlagen hohnlacht.
Dass man auch aus der Position nüchternster Zurückhaltung durch solche Theorien unterhalten werden kann, ist hoffentlich nur ein Hinweis darauf, dass der Mensch einfach zur Monokausalität neigt und geschlossene Erklärungsmodelle bevorzugt, denen man sich mit Glück doch nur des reinen Amüsements wegen nähert.
Was die Pferde betrifft, so lässt sich dann doch vielleicht mit Karl May sagen: “Maultiere sind genügsamer als Pferde, haben einen viel sicherern Tritt und schwindeln nicht vor Abgründen.” Diese Erkenntnis entspringt zwar einem anderen “Territorium”, zeugt aber zumindest davon, dass Herrschaft – auch im Rückblick – oft bloß das Hirngespinst eines “Greenhorns” ist, das seinen Blick auf stattliche Schimmel beschränkt.

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