wiki evangelism

Ein gut recherchierter Artikel zur wikipedia.

“Wikipedia setzt neue Paradigmen, zeigt, was man mit dem Internet alles machen kann”, sagt Herbert Hrachovec, Medienphilosoph an der Universität Wien. Auch das deutsche Grimme-Institut honorierte das Wissensprojekt, das seit vier Jahren online ist: Beim Grimme Online Award 2005 bekam das “herausragende Beispiel kollaborativer Nutzung des Internet” gleich zwei Auszeichnungen. Die Webseite gehört zu den meistbesuchten im Netz – wohl auch, weil das Lexikon kostenlos zu verwenden ist.

ppt

Nun zur anderen Seite der PowerPoint Debatte.

Vor einer Woche hatte ich einen Projektabschluss mit Präsentation, Diskussion, Evalutation. Es wäre ganz undenkbar gewesen, nicht mit der entsprechenden Software zu agieren. In etwa, als ob man bei der Erbtante mit Irokesenfrisur auftaucht. Natürlich ist das nicht strafbar und in Einzelfällen sogar witzig und erfolgreich. Aber der allgemeine Mehraufwand steht in keinem Verhältnis zum Effekt.

Das gilt auch für meine beiden Vorträge nächste Woche. Am Tag der neuen Medien Über Wiki-Webs zu sprechen erfordert die passende visuelle Begleitung.

Ich habe mich darauf eingerichtet, die Herausforderung anzunehmen und andere Akzente zu setzen. Erstens mal nicht MS-Powerpoint (und auch nicht Open Office) sondern ein schickes kleines UNIX-Programm (magicpoint), das auch vieles kann, aber anders zu bedienen ist und anders aussieht. Man erzeugt die Folien nicht durch herumklicken, sondern durch die Verfassung einer Textdatei, nach dem Prinzip von LaTex. Wenn man diesen Fummelzwang vermieden hat, kann man sich auch noch was inhaltlich einfallen lassen. Demnächst hier.

Wenn Aristoteles PowerPoint gehabt haette …

Ein weniger buntes Beispiel als der Hamlet,
aber inhaltlich sehr beindruckend, und soweit ich sehe nicht satirisch/ironisch gemeint: Aristoteles De anima III,4 und III,5 (die fürchterlichen Kapitel über den Intellekt, inkl. der ca. 18 Zeilen ueber den intellectus agens auf einer einzigen PowerPoint-Folie dem Publikum endlich mal klar und leichtverdaulich dargeboten: http://info1.nwmissouri.edu/nwcourses/rfield/376ppt/lec15/sld004.htm.

Wenn die “Alten” schon PowperPoint gehabt hätten, wenn Aristoteles selber schon PowerPoint gehabt hätte, und die Sache daher auch schon selber hätte derart klar machen können: muessten wir uns nicht mehr mit Alexander von Aphrodisias, Simplikios, Themistios, Averroes, Durandus, John Baconthorpe, Pelacani, Paulus Venetus, Augustinus Niphus, Pomponazzi, Cesare Cremonini und wie sie alle heissen herumschlagen — und ich hätte nicht gewusst worüber meine MA-Arbeit und Diss. schreiben, und müsste jetzt nicht versuchen fuer SEP was zu “Renaissance aristotelianism” (m.E. ein ens inexistens) zu schreiben, – und hätte wohl einen weniger spannenden Job … .

  1. Nur wer Powerpoint nicht benutzt bleibt unklar.
  2. Nur wer unklar bleibt gibt künftigen Generationen von Philosophiehistorikern was zu kommentieren.
  3. Wenn künftige Generationen nichts mehr zu kommentieren haben, stirbt die Philosphiehistorie aus.
  4. Das Weiterberstehen der Philosophiehistorie ist aus philosophiestorischer Sicht ein per se bonum
  5. Wer gegen dieses per se bonum handelt, handelt aus philosophiehistorischer Sicht falsch.
  6. Für Philosophiehistoriker ist die philosophiehistorische Sicht die relevante.
  7. Philosophiehistoriker müssen gegen PowerPoint sein.
  8. Philosophiehistoriker aller Länder vereinigt Euch: Den Philosophen muss der Gebrauch von PowerPoint verboten werden!

Oder anders: wie das Adagium sagt: niemand hat über die Jahrhunderte mehr Leute in Amt und Brot gebracht als die Herren Homer und Aristoteles. Und dies weil sie so dunkel waren. Wer lang anhaltende Wirkung haben möchte sollte also auf PowerPonit verzichten — oder sich mindestens bemühen möglichst konfuse Folien zu erstellen.

geschicktes Abwägen

Heinrich C. Kuhn hat auf meine gestrigen xDCberlegungen zum “unpraktischen” Grundzug der Philosophie mit dem Hinweis auf Petrarca reagiert. Tatsächlich habe ich die Tradition des kontinentalen mainstreams des letzten Jahrhunderts im Auge gehabt. Die Arbeitsteilung zwischen Technik und Reflexion ist da viel weiter fortgeschritten, als zu Beginn der Neuzeit.

Die nette Point ist natürlich, dass in der Medienphilosophie wieder auf frühere Umstände zurückgegriffen werden kann. In der klassischen Tradition fühle ich mich mehr oder weniger verpflichtet, etwas über den Unterschied von Archiv und Datenbank zu sagen. Das sind wohldefinierte Begriffe und es muss möglich sein, aus ihrer Explikation Orientierung zu gewinnen.

Aber die Umstände sind nicht so. Sie verwischen sich zusehends. Das bringt Unruhe und neue Impulse in die Begriffswelt.

Fehlerquellen

Gestern beim “Computerbasteln” eine bedenkenswerte Situation. Ich versuchte, mit einem Programm, dessen Funktionsweise mir noch unklar ist (transcode), ein Videofile von einem Format ins ein anderes zu bringen (mpeg -> mov). In solchen Situationen freut man sich ja schon, wenn etwas läuft und nimmt das Produkt als Beweis dafür, dass es passt.

Aber natürlich ist das erst zu überprüfen. Also lade ich das mov-File in ein Video-Verarbeitungsprogramm, von dem ich annehme, dass es mit diesem Format umgehen kann (cinelerra). Siehe da: die Videospur ist vorhanden und auch die Tonspur sieht normal aus. Jedoch: kein Ton. Also ist doch etwas schief gegangen (wie so oft zuvor) —

Irrtum, inzwischen hatte ich ein Systemupdate durchgeführt und dadurch war die Lautstärke der Soundkarte auf Null gesetzt worden. Solche Situationen kommen im Handwerksbetrieb ständig vor, in der Philosophie werden sie fast niemals thematisiert. Unsicherheiten, die nicht prinzipiell zu lösen sind, sondern durch geschicktes Abwägen situationsrelevanter Faktoren.

Kommerz und Meinungsfreiheit

Die on-line Berichterstattung über die Erniedrigung irakischer Gefangener durch die US-Armee hat einen makabren Beigeschmack. Wenn man sich die Fotos auf CNN oder der Webseite der Washington Post ansieht, findet man sie von Werbespots umgeben. In traditionellen Printmedien ist die erste Seite zumeist weitgehend werdefrei, aber im Web zählt der Einstieg. Also Urlaubsplanung und Militärpornographie.

Die Sache hat aber ihre Richtigkeit. CBS hat mit der Veröffnetlichung 2 Wochen gewartet, weil der Armeechef angerufen hat. Vermutlich hätte er mit etwas mehr Druck auch erreicht, dass diese Tatsachen ganz unter den Teppich gekehrt werden. Dagegen wirkt das Gesetz des Marktes. Als der “New Yorker” die Story ankündigte, liess sich CBS nicht mehr zurückhalten.

Wir sehen die Folter-Bilder wegen der Werbung, die sich auf diesen Seiten findet. Dass Skandale sich verkaufen lassen, ist in unserem System ein Garant für Informationsfreiheit.

Osterei

Eine nette xDCberraschung zu Ostern betrifft die UG2002-konforme Regelung der Vorschläge zur Dekansbestellung.

Dazu sind die Professoren, nicht der Mittelbau befugt. Zusätzlich aber auch die Gastprofessoren. Das heisst: Personen, die 14 Tage an der Universität lehren, können den Vorschlag, der an das Rektorat geht, mitgestalten. Zur Erstellung der Vorschläge hat sich das Rektorat an den dienstältesten Professor gehalten. Der macht das ohne weitere (veröffentlichte) Verfahrensvorschriften. Das könnte ziemlich schief gehen.

Am Beispiel der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaften im Sandkastenspiel verdeutlicht: es gibt 13 Auserwählte, welche die Dekanin vorschlagen können. Davon sind 5 Gastprofessorinnen. Gesetzt den Fall, die tatsächlich hier angestellten Professorinnen haben eine 5:3 Mehrheit für bestimmte Kandidatinnen. Dann bestimmen die Gastprofessorinnen, die es nicht mehr angeht, die Mehrheiten. Es würde mich wundern, wenn das nicht irgendwo zu Komplikationen führt.

industrieller Unterricht

Erich Neuwirth macht in einem Eintrag seines blogs darauf aufmerksam, dass die Einführung eines “industrial strenght” Lehrsystems (“Plattform”) an der Universität WIen eine Reihe wichtiger Fragen aufwirft. Zum Beispiel diese: was kommt dabei heraus, wenn man die Anschaffung so eines Programms in Analogie zum Inskriptions- oder Mailsystems betreibt?

In solchen Fällen ist klar, dass es sich um Software für die Massen handelt, die hauptsächlich administrative Stabilität und ein Minimum an Wartungsaufwand bieten muss. Das sind Qualitäten, die auch von der e-learning Plattform gefordert werden können. Doch diese xDCbertragung in einigen Punkten bedenklich.

Administration: zwischen Massenvorlesungen und Forschungsseminaren besteht ein riesiger Unterschied. Wie sinnvoll ist es, denselben Rahmen über beide zu spannen? Betreuungsaufwand: “Skripten über das WWW” (E. Neuwirth) kann man billiger verbreiten, als für zehntausende Euros pro Jahr. Andererseits ist ein Mercedes wie WebCT für experimentellen Ansätze überdimensioniert.

Die Steuerungsgruppe, der wir diese Entscheidung verdanken, musste ins kalte Wasser springen und hat einen viel zu grossen Anzug gewählt, in der Erwartung, dass das “Kind” da bald hineinwächst. Meine Einschätzung ist eher, dass — wenn es so weit wäre — der Anzug nicht mehr attraktiv sein wird.

Telefonat

Vergangene Woche, beim Kongreß der Österreichischen Gesellschaft für Philosophie in Salzburg, gab es eine kuriose Premiere.

Ich hatte ein Workshop über “Medienphilosophie” angekündigt und zeigte den Vorspann zu einer ORF2-Sendung, die Ende Jänner gelaufen war. “Ein Gott für alle Menschen” mit Robert Spaemann, Peter Strasser und Ernst Tugendhat. Eine genaue Analyse dieser Einleitung macht deutlich, welche simplen Visualisierungsmechanismen im Fernsehen offenbar als nötig angesehen werden. Götzenbilder, Feuer, Rauch, alles kunstvoll durch eine Computeranimation umrahmt. Mein Kommentar hob einige Gemeinplätze hervor.

Ein Teilnehmer des Workshops war Josef Mitterer aus Klagenfurt. Er zückte sein Mobiltelefon — und rief einen der Sendungsmacher an. Ein neuer Zugang zur Bestätigung von Interpretationen! Und der Versuch fiel noch aus einem anderen Grund eindrucksvoll aus. Als der Kontaktierte nach 10 Minuten zurückrief stellte sich heraus, daß er sich gerade in London auf einem Rundgang durch die Tate Modern befand.