Herkunft und Zukunft


Keine Zukunft ohne Herkunft?! Das kann man a.) als hilfreiches Einleitungs-Motto für einen Lesungsabends nehmen, in dem die Lesungen über Herkunft handeln. Gleichzeitig wird es b.) für nationalistische Gedanken oder als Rechtfertigung zum Überhöhen “der Ahnen” verwendet:
a.) https://www.alte-schmiede.at/programm/2019-04-09-1900/
b.) https://andreasmoelzer.wordpress.com/…/keine-zukunft-ohne-…/

Raphaela Edelbauer’s Lesung eines Ausschnittes von ihrem Roman “Das flüssige Land” hat die Sache in der Form von Anti-Heimat auf den Punkt gebracht.

Das Problem ist: Wo kommt ‘die Herkunft’ her? Von der Gegenwart. Und die Gegenwart? Die ist durch die Herkunft durchgegangen, um im aktuellen Moment anzukommen.

Wir verfügen über zugestellte Versionen der Herkunft, durch unser Gedächtnis und unsere gegenwärtigen Bedürfnisse hergestellt. Wir putzen sie fein heraus, und über die Lücken reden wir nicht.

Wenn wir es nicht auf den Zustellungen belassen, die Lücken ernst nehmen, dann hat die Herkunft etwas Fremdes, Unbekanntes. Unsere Ursprünge (z.B. unsere Kindheit) bekommen wir erst durch Dritte vermittelt, sie müssen vor und mit anderen erarbeitet werden.

Heimat, fremde Heimat, sozusagen. Wir können nicht über die Herkunft verfügen bzw ein Siegel draufgeben und das dann als das Fundament für die Zukunft nehmen. Die Herkunft ist in Bewegung. Heimt und Anti-Heimat sind Zustellungen. Man wird sie daran messen müssen, inwieweit sie den Widerstand der durch die Vergangenheit (Dokumente, Archivarbeit, Bilder, Bücher, Zeitzeugen, anderen Zustellungen, etc.) geleistet wird, zum Anlass des Aufbrechens nehmen und eine Reaktualisierung getreu den bekannten Tatsachen finden.

Das Aufmerksamwerden auf Lücken, Löcher, Brüche in den Erzählungen ist eine wichtige Voraussetzung für eine Relektüre.

Andreas Kirchner

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