nochmals Frauenpolitik

Gestern beim Abschlussplenum der 3. Oekonuxkonferenz kam unter anderem ein bekanntes Defizit zur Sprache: unter den zahlreichen Referenten (m/w) waren nur sehr wenige Frauen. Nachdem eine Kollegin das vorgebracht hatte, gab es allerdings eine Überraschende Antwort.

Eine der eingeladenen Vortragenden, eine in den USA arbeitende Chinesin, bemerkte, dass fremde Männer auf der Konferenz sich viel leichter miteinander verständigen konnten. Sie sei von den anwesenden Frauen dagegen nicht angesprochen worden. Statt das allgemeine Defizit zu beklagen, sollten Frauen versuchen, ein eigenes Netzwerk aufzubauen und auf dieser Grundlage aktiv zu werden.

Das schien mir Überzeugend. Jedenfalls produktiver, als an die unweigerlich halbherzige Betroffenheit der anwesenden Männer zu appellieren.

Frauen in Führungspositionen

Die Vizerektorin der Universität, Martha Sebök, sorgt sich über die geringe Anzahl der Frauen, die in den Dekansvorschlägen zu finden waren. Sie ruft in einem Rundbrief dazu auf, nach Möglichkeit weibliche Kandidatinnen für die Fakultätskonferenzen aufzustellen:

Zitat:

Demnächst finden die wichtigen Wahlen zu den Fakultäts- und Zentrumskonferenzen statt. Die Universität Wien verfügt über eine große Zahl hoch qualifizierter Frauen. Ich ersuche Sie daher, bei Ihrer Entscheidungsfindung auf den gesetzlichen Auftrag und die Zielsetzung der Universität Bedacht zu nehmen und zu einem ausgewogenen Geschlechterverhältnis in allen Gremien der Universität beizutragen.

Was für eine Chuzpe. Die Universitätsleitung hat die Termine für die Erstellung der Listen extraknapp bemessen. Ein auch nur annähernd repräsentativer Auswahlprozess konnte auf diese Weise nicht zustande kommen. Aber damit nicht genug. Einen Tag vor dem Einreichschluss für Listen an unserer Fakultät kommt sie mit dem Wunsch nach verstärkter Frauenbeteiligung. (An anderen Fakultäten ist der Termin bereits verstrichen.) Soetwas nennt man Alibiaktion.

Kommerz und Meinungsfreiheit

Die on-line Berichterstattung über die Erniedrigung irakischer Gefangener durch die US-Armee hat einen makabren Beigeschmack. Wenn man sich die Fotos auf CNN oder der Webseite der Washington Post ansieht, findet man sie von Werbespots umgeben. In traditionellen Printmedien ist die erste Seite zumeist weitgehend werdefrei, aber im Web zählt der Einstieg. Also Urlaubsplanung und Militärpornographie.

Die Sache hat aber ihre Richtigkeit. CBS hat mit der Veröffnetlichung 2 Wochen gewartet, weil der Armeechef angerufen hat. Vermutlich hätte er mit etwas mehr Druck auch erreicht, dass diese Tatsachen ganz unter den Teppich gekehrt werden. Dagegen wirkt das Gesetz des Marktes. Als der “New Yorker” die Story ankündigte, liess sich CBS nicht mehr zurückhalten.

Wir sehen die Folter-Bilder wegen der Werbung, die sich auf diesen Seiten findet. Dass Skandale sich verkaufen lassen, ist in unserem System ein Garant für Informationsfreiheit.

auch anderswo

Als Gastwissenschafter in Bergen, Norwegen, entkommt man den hochschulpolitischen Umwälzungen nicht. Gestern im Institut für Wissenschaftsphilosophie im Seminarraum, bevor der Vortrag begann, hörte ich eine Geschichte, die auch in Wien aktuell werden wird. Die Immobilienpreise sind im Moment sehr hoch, das Haus wird von der Universität verkauft werden. Das Institut zieht dann an einen erheblich reduzierten Ort, in der es auch keinen Seminarraum mehr geben wird. So geht es, wenn Universitäten Wirtschaftsunternehmen sind.

Das Projektzentrum, in dem ich arbeite, ist auch ein einschlägiges Beispiel. Es gibt keine festen Anstellungen. Die Leute werden beschäftigt, soweit es Drittmittel gibt. Wenn diese ausgehen, werden sie entlassen. Man kann sich ausmalen, welche Auswirkungen das auf die Forschungsinhalte hat.

schamlos

Karl Ille beschreibt die Sparmaßnahmen im Bereich der Lehraufträge:

“Die leider bereits in der Betriebsvereinbarung akkordierte Herabsetzung der Remunerationsstufe (von Remuneration A auf RemunerationB) des wissenschaftlichen Unterrichts seitens externer Lehrender, dem von der jeweiligen Studienprogrammleitung nicht das Praedikat “besonders innovativ” verliehen wird (dieses Syntagma ist keine polemische Verknuepfung meinerseits, sondern tatsaechlich Textbestandteil der Betriebsvereinbarung) wird – falls dies wirklich so umgesetzt wird – zur Folge haben, dass die hiervon betroffene Kollegenschaft beispielsweise fuer eine zweistuendige Lehrveranstaltung (die nur “innovativ”, aber nicht “besonders innovativ” ist) statt bisher E 2.390,20 nur noch E 1.812,00 erhaelt und damit einen Bruttoverlust von exakt E 578,20 pro LV und Semester erleidet. Die nur mit einer zweistuendigen LV betrauten Kolleginnen und Kollegen verlieren gleichzeitig den Sozialversicherungsschutz, da die monatlichen Bruttobetraege von E 398,30 auf E 259,00 (x 7) reduziert werden und damit unter der Geringfuegigkeitsgrenze des monatlichen Bruttobetrags von E 317,00 liegen. Hier besteht wirklich akuter Handlungsbedarf, wollen wir nicht einfach in Kauf nehmen, dass das Institut einige seiner besten Lehrenden durch eine inakzeptable Neuregelung verliert.”

Als mehrfach für “innovative Lehre” prämierter Hocschullehrer finde ich es besonders verwerflich, das Anliegen, einen experimentellen, elektronisch unterstützten Unterricht zu fördern, auf diese Weise zur Strafaktion werden zu lassen.

die Folgen der bösen Tat

Durch eine Regelung, die dem Institut nicht mitgeteilt wurde, benutzt die Politologie hier einen Hörsaal. Wir berichteten. Die folgende Episode spielte sich eben im Institutssekretariat ab.

Ein ausländischer Student mit Verständigungsschwiergkeiten wollte unbedingt mit einer Hochschullehrerin —Name unverständlich — sprechen. Es handelte sich, wie sich nach einiger Zeit herausstellte, um eine Lehrveranstaltung der Politologie. Wir versuchten, ihm klarzumachen, dass wir die Dame nicht kennen und unzuständig sind. “Aber die Vorlesung findet doch hier statt. Ich will das jetzt von Ihnen wissen”. Unmöglich, ihm klar zu machen, dass es nicht darum ging, ihn abzuwimmeln.

Sinnliche Gewissheit

Gestern vor dem Parkhotel in Hietzing ein bewegender Anblick. Eine Gruppe von Mittelschülerinnen, hergerichtet nach allen Regeln der Bourgeoisie dieses Nobelbezirkes. Offenbar ein Schülerinnenball. Diese Sozialformation verschwindet nicht dadurch, dass man sie für überholt erklärt und/oder nicht beachtet.

Das hat eine gewisse xC4hnlichkeit mit dem Buch, das ich mir heute näher ansah, Brady Bowmans eben erschienene Studie über das Anfangskapitel von Hegels “Phänomenologie des Geistes”. Publiziert sozusagen in Hietzing (im Akademie-Verlag) und solide gearbeitet nach allen Erfordernissen des klassischen deutschen Philosophiebetriebes. Dabei jedoch von einer atemberaubenden Voreingenommenheit für Hegels unverstellte Lehre, gegen die Versuche der letzten Jahrzehnte, diesen Text mit zeitgenössischen Standards zu konfrontieren. Jeans für die Freizeit, am Ball trägt man nach wie vor Abendkleid.

Nach Bowman beginnen Hegels Ausführungen beim Absoluten, wohin sie auch münden. Der bekannte zielstrebige, unentrinnbare Bildungsprozess. Das ist als immanente Interpretation sicherlich richtig. Aber wo soll das hinführen?

Osterei zwei

Die Sonderbarkeit der Regelung, nach der Gastprofessoren (m/w) den Dekansvorschlag mitbestimmen, ist in meinem vorigen Eintrag vielleicht noch nicht deutlich genug geworden.

Vergangenes Jahr hatte ich eine Gastprofessur in Klagenfurt. Ich hielt zwei Freitag-Samstag-Blockveranstaltungen, den Rest Über Tele-Teaching. Weder kenne ich die Situation der Universität, noch die Lage der Fakultäten, dennoch bin ich in einem solchen Fall dazu befugt, dort hochrangige Personalentscheidungen zu beeinflussen. Der Klagenfurter Verantwortliche hat mich in den Entscheidungsprozess einzubeziehen.

In der Liste der Gastprofessoren der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaften scheint ein Herr Maurice Grindberg auf. Er ist nach der einschlägigen Datenbankabfrage an der Universität Wien unbekannt. Aber er kann Dekan werden, so wie Seizo Sekine, ein Kollege aus Tokio, der hier für ein Semster lehrt. Eine solche Regelung kann nicht vernünftig genannt werden. Die wahrscheinliche Erklärung: schlampige Gesetzgebung.

Osterei

Eine nette xDCberraschung zu Ostern betrifft die UG2002-konforme Regelung der Vorschläge zur Dekansbestellung.

Dazu sind die Professoren, nicht der Mittelbau befugt. Zusätzlich aber auch die Gastprofessoren. Das heisst: Personen, die 14 Tage an der Universität lehren, können den Vorschlag, der an das Rektorat geht, mitgestalten. Zur Erstellung der Vorschläge hat sich das Rektorat an den dienstältesten Professor gehalten. Der macht das ohne weitere (veröffentlichte) Verfahrensvorschriften. Das könnte ziemlich schief gehen.

Am Beispiel der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaften im Sandkastenspiel verdeutlicht: es gibt 13 Auserwählte, welche die Dekanin vorschlagen können. Davon sind 5 Gastprofessorinnen. Gesetzt den Fall, die tatsächlich hier angestellten Professorinnen haben eine 5:3 Mehrheit für bestimmte Kandidatinnen. Dann bestimmen die Gastprofessorinnen, die es nicht mehr angeht, die Mehrheiten. Es würde mich wundern, wenn das nicht irgendwo zu Komplikationen führt.

Post-Demokratie

In der gegenwärtigen Nummer des “London Review of Books” schreibt Richard Rorty von seiner Befürchtung, dass der Westen als Reaktion auf die Terroranschläge das demokratische System der letzten 200 Jahre rückgängig machen könnte. Nicht unvorstellbar sei es, dass Historikerinnen in Zukunft darüber schreiben, unter welchen speziellen Umständen eine “goldene Zeit” der Zivilgesellschaft geherrscht habe und wie sie kollabierte.

Ein wenig etwas trifft auf die Partizipation im Universitätsbereich zu. Sie ist Vergangenheit und in Kürze wird es die ersten Untersuchungen geben, wie es zu ihr gekommen ist und warum sie sich vergleichsweise einfach beseitigen liess.