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Jurisprudence, Law, Managment

My Iranian Junk. or how I came to Iran on 27th...
Image by looking4poetry via Flickr

Ein eigenartiger Faden zieht sich durch meine letzten Beiträge. Vergangene Woche besuchte ich auf einer Erkundungstour den Iran. Wir hatten Gespräche mit mehreren Fakultäten. Das Setting war überall ähnlich: 8-12 Wissenschaftler, kaum eine Frau, begrüßen uns höflich. Wir tauschen Oberflächlichkeiten aus und ansatzweise versuche ich, umstrittene Themen zu berühren. “Sie unterrichten Burschen und Mädchen getrennt. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht? An der Universität Tehran gibt es diese Einschränkung nicht.”

Der rote Faden ist die Rolle der Religion in der Welt der Wissenschaft. Die Organisation des University College Qom ist typisch. Es gibt drei Fakultäten:

  • Theologie und arabische Sprache (die gehört wegen des Korans zur Theologie)
  • Rechtswissenschaft
  • Management

Was auf der Website “Theology” heißt, wird in einem Organigramm als “Jurisprudence” bezeichnet. Es ist die Grundlegung des richtigen Lebens, Scharia im neutralen Sinn. Darauf baut die Rechtslehre auf, die sich mit den faktischen juridischen Regelungen beschäftigt. Und zuletzt die Nutzanwendung: das moralisch unterlegte Management.

Wie wirkt sich die islamische Grundüberzeugung auf die Führung eines großen Ölkonzerns aus? Darauf wurde geantwortet: Jeder Mensch folgt ethischen Prinzipien, auch in alltäglichen Entscheidungssituationen. Die Problemstellung ist aus der christlichen Soziallehre bekannt. Es ist – für Philosophen – schwierig, nicht etwas Sympathie mit dieser Großraumperspektive zu empfinden. Also nickte ich höflich. Doch das befriedigte wieder andere iranische Teilnehmer nicht. Sie fragten nach, ob ich mit dieser Reaktion zufrieden sei. Es ist nicht unschuldig, für eine hohe Durchlässigkeit zwischen Glaubens- und Geschäftssachen einzutreten.

Lebenskünstlerin. Oder: Was mich fasziniert…

Ich lausche und sehe regelmäßig den Podcast eines evangelischen Pfarrers aus Bischofshofen (AT). Der Inhalt seines Beitrags hat mich diesmal besonders erstaunt, sodass ich mich darauf kurz beziehen muss. Fernab (oder auch in Einklang) meiner philosophischen und informatischen Interessen hat mich schon immer interessiert, wie Menschen fernab der – falls es sowas gibt – “herkömmlichen” Lebensweise einen Weg für sich gefunden haben. Vor allem, um von ihnen zu lernen.

Ein Bild von Heidemarie Schwermer
Ein Bild von Heidemarie Schwermer, die seit 12 Jahren ohne Geld lebt, aus freien Stücken.

Als Student wie ich fragt man sich oft: “Ja, wann soll ich anfangen, Geld zu verdienen? Denn von irgendwas außer dem Interesse an seinen Studien muss man ja leben?” Diese Frau zeigt, dass man nicht vom Geld leben muss, sondern dass es auch heute möglich ist, direkt vom Kommunikations-&Handlungszusammenhang, den man zu seinen Mitmenschen aufbaut, seine Erfüllung zu finden.

Im Anhang der Podcast, wo Ausschnitte aus der Sendung, in der die Ausstrahlung und Bescheidenheit dieser Frau zur Geltung kommt, gezeigt werden. Eine viable Alternative zu den Ängsten, die Börsenmakler und Bankvorsitzende nun ausstehen müssen.

Heinrich Böll hatte dazu auch etwas in “Anektote zur Senkung der Arbeitsmoral” (1963) zu sagen.

Seiltanz zwischen Informatik und Philosophie

Ja, ein neues Uni-Jahr hat begonnen. Und wieder einmal überlege ich mir, welche Seile man zwischen den Klüften aufspannen kann, die zwischen Philosophie, Informatik und Alltag/Domain mehr oder weniger vorhanden sind. Es hat sich etwas ergeben, was schon in manchen Semestern zuvor (aber weniger drastisch) passiert ist: Auf erstaunliche Weise überschneiden sich einige der Lehrveranstaltungen thematisch. In diesem Semester passiert das so, dass die Themenbereiche der LV’s zwar heterogen sind, jedoch die einzelnen Schnittstellen eine Kette bilden, die sich sozusagen zu einem Gesamten zusammenfügen. Dieses Semester ist für meine Vorstellungen vor allem deshalb interessant, weil durch die Kompetenzerweiterungsfächer des Informatikstudiums die Reflexion über die Informatik zum Thema gemacht wird, was das Spannen von Seilen zwischen Informatik und Philosophie etwas erleichtert.

Um genauer zu zeigen, was ich damit meine, werde ich einige für das Thema relevante Lehrveranstaltungen aus meinem Semesterplan herausgreifen und ein paar dieser Verkettungen beschreiben. Zur Vereinfachung führe ich folgende Abkürzungen ein:

  • OSP (Open Source Philosophie)
  • SGG (Sozial&Geisteswissenschaftliche Grundlagen)
  • PPS (Projekt: Platos Staat interaktiv)
  • EK (Evolution der Kooperation)
  • TP (Theoretische Philosophie)
  • GA (Geschichte der Philosophie – Antike)
  • IuR (Informatik und Recht)
  • IuG (Informatik und Gesellschaft)
  • OPT (Optimierung und Simulation)
  • GPI (Great Principles of Information Technology)
  • POS (Wider die Auflösung aller Wahrheit – Geschichte und Bedeutung des Post-Strukturalismus für ein zeitgemäßes Denken)
  • XXX (Informatik-Lehrveranstaltungen vergangener Semester, die bestimmte Technologien zum Thema hatten)

Ich habe versucht, bei dem folgenden Komponentendiagramm die Syntax der Symbole weitgehend dem UML-Standard entnommen, soweit es sinnvoll war. Vor allem bei den Interfaces (die Kreise mit den Linien dran, sogenannte Lollypop-Notation). Trotzdem sollte man das Diagramm nicht nach den strengen formalen Regeln, wie sie UML vorschreibt, lesen. Die Zusammenhänge sind außerdem nicht vollständig.

Mind the Gap!
Mind the Gap! (click to enlarge)

Zur Erläuterung: Sehen wir uns zunächst einmal die LVs der Disziplinen isoliert voneinander an.

Philosophie:

  • Innerhalb der Philosophie bildet TP den allgemeinen Rahmen, der helfen kann, spezielle Wege in einen größeren Rahmen einzuorden.
    • Update: Durch eine Verschiebung der Vorlesungszeiten kann ich TP leider nicht absolvieren. Der allgemeine Rahmen sollte aber zumindest durch mein Vorkenntnis gegeben sein)
    • Update2: TP-Streams gibt es auch in der Philosophischen Audiothek, was für mich die optimalste Lösung ist. Das freut mich.
  • GA ist vor allem zur Ergänzung von PPS und OSP wichtig und umgekehrt können Detailerkenntnisse von PPS und OSP zu GA fließen.
  • PPS liefert, da es sich um ein Projekt handelt, das aller Voraussicht von der Kooperation mit anderen LV-Teilnehmern lebt, weitere Erfahrungen mit Kooperation, die in EK zur Falsifizierung der dort behandelten Theorien dienen kann.

Vermittlung (interdisziplinär):

  • Bei den Vermittlungs-Lehrveranstaltungen bilden OSP, IuG und SGG die Basis. Diese drei speisen alle mehr oder weniger von rechtlichen Überlegungen (vor allem was Datenschutz und geistiges Eigentum) betrifft, was in IuR Thema sein soll.
  • Update: PPS sollte in unmittelbarer Nähe zu den Vermittlungs-Lehrveranstaltungen gesehen werden.

Allgemeine Informatik:

  • Die ordnende Komponente, die den Anspruch hat, die Technologien von OPT sowie diverser anderer LVs aus vergangenen Informatik-LVs (XXX) invarianteren Prinzipien zuzuordnen, ist GPI. Als ich heute die Einführungseinheit hörte, hat mich dieser Anspruch positiv überrascht (vgl. weiter unten).

Medizininformatik:

  • Ich habe die einzelnen LVs nicht mehr extra herausgehoben (man könnte hier noch viele spannende Verbindungslinien finden, doch der Überschaubarkeit zuliebe lass ich das mal). Wichtig ist, dass man hier in den Anwendungsbereich (Domäne) der Informatik kommt. Im Prinzip kann man diese Domäne als gesellschaftlichen Bereich fassen, in dem bestimmte Tätigkeiten ausgeführt werden. Ein Pflegeheim zum Beispiel. Wie kann die Informatik in den Alltag eines Pflegeheims eingreifen? Welche Anforderungen hat sie, welche Probleme gibt es bereits beim Einsatz von IT-Technologien in Pflegeheimen? Hier wären rechtliche Fragen sicher auch bedeutsam, doch in Rahmen von IuR wird das voraussichtlich nicht thematisiert.

Seile spannen:

  • Die Philosophie holt sich bei PPS, das ist sicher bemerkenswert, Technologien direkt aus der Informatik, denn das Projekt wird mit einer Art Programmiersprache (auch wenn sie der natürlichen Sprache nahe kommt) realisiert.
  • OSP wird vielleicht duch Reflexionen über die in der Gesellschaft integrierte IT-Technologie etwas erfrischend Neues zum Selbstverständnis der Philosophie zu sagen haben (Stichworte: Kooperation, Demokratie), was vielleicht sogar in Kontrast zur antiken Philosophie steht.
  • Alle Kern-Vermittlungs-LVs reflektieren auf bestimmte Weise über die Prinzipien der Informatik oder die Einbettung der Informatik in alltägliche soziale Tätigkeiten (Pflegeheime, politische Betätigung, Selbstdarstellung,…).

Alles in allem ist, wie ich finde, das Ensemble der Lehrveranstaltungen in diesem Semester zu einem großen Teil gelungen. Es sieht zumindest auf den ersten Blick so aus, als ob das möglich wäre, was ich mir seit Beginn des Studiums wünsche: Einen konkreten Bogen zu spannen zwischen verschiedenen Denkansätzen, vornehmlichen denen der Informatik und der Philosophie. Die vor Ideen strotzende Philosophie wird über Vermittlungsstufen, die sich auf aktuelle gesellschaftliche Strömungen, sowie antiken Vorstellungen beziehen, durch die formalen Prinzipien der Informatik geschleust, um die Ideen von Jahrtausenden für die Probleme des Alltags (im Krankenhaus, im Forschungsbetrieb, im Freizeitbereich, …) zu übersetzen und vielleicht nutzbar zu machen. Dieser eigentlich Umweg von Philosophie zu den alltäglichen Gegebenheiten unseres Lebens über die Informatik dürfte für Alltag, als auch für Philosophie und Informatik fruchtbar sein, neue Perspektiven aber auch Warnungen eröffnen.

Vielleicht täusche ich mich auch, und das Ganze sieht in einem Diagramm viel übersichtlicher aus, als es dann, wenn man sich mit den Themen beschäftigt, tatsächlich ist und man verliert sich in Detailfragen der ein oder anderen Disziplin, ohne dass man fähig wäre, ein Seil zu spannen, dass irgendwie fruchtbar wäre.

GPI: Der Weg aus der Ingenieurswissenschaft

Wie oben angekündigt, noch eine kleine Reflexion über die erste GPI-VO-Einheit:

Es hat sich ergeben, dass in diesem Semester in der Informatik selbst Tendenzen zu erkennen sind, die das Spannen eines Seils zwischen ihr und der Philosophie erleichtern. In GPI wird versucht, längerlebige Prinzipien, die hinter den schnell sich abwechselnden Technologien auftreten, zu identifizieren. Dies ermöglicht es, GPI als ein ideales Interface für die Vermittlungsstufen  zur Philosophie  anzusehen, das die anderen in der Informatik verwendeten Technologien auf ein allgemeineres Niveau hebt. Natürlich heißt das nicht, dass dies schon alles wäre, was zur Informatik zu sagen wäre, gerade wenn es um die Einbettung der Technologien in die sozialen, alltäglichen Tätigkeiten geht, sind Philosophie, Soziologie und Kognitionswissenschaften gefragt, nachzudenken.

Worauf ich mich beziehen wollte war, dass es sich nicht nur so verhält, dass die Philosophie sich der Informatik annimmt, um sie auf den rechten Pfad zu leiten, sondern dass umgekehrt die Informatik ihren Ruf, Ingenieurswissenschaft zu sein, aufgrund der steigenden Komplexität aufzugeben hat, und ihre vielfältigen heterogenen Technologien, die sich schnell ablösen, daraufhin zu untersuchen, ob es beständigere, weitgehend invariante Prinzipien gibt, die zwar nicht ganz so hart wie die der Naturwissenschaften auftreten können, dem Informatiker jedoch stark helfen, sich in einem Wald von Technologien zurechtzufinden.

Und eine weitere interessante Frage stellt sich: Welche Grenzen ergeben sich, wenn man denjenigen oder dasjenige berücksichtigt, der oder das die Technologien benutzt? Welche Folgen hat ein Umgang mit einer Klasse von Technologien (die durch ein oder mehrere Prinzipien konstitutiert wird) für den alltäglichen “User”? Wie verändert sie das Leben des “Users” oder die Aktionsmöglichkeiten des “Bots”?

Ein Seiltanz ist gefährlich und gewagt – man fliegt vielleicht auf die Nase oder bricht sich das Genick. Irgendwann aber ist man vielleicht soweit und stellt sich nicht mehr so unbeholfen an, wenn man auf die andere Seite geht. Dann kann man mit dem Brückenbau beginnen…

Der Chaos Computer Club und der Poststrukturalismus

Ich finde es spannend und beeindruckend, dass der CCC philosophische Podcasts ausstrahlt, in der der pragmatisch und nach Greifbaren orientierte Informatiker konfrontiert wird mit dem historisch-umsichtigen und nicht-greifbaren Philosophen, gerade weil es dadurch zu liebenswürtigen Urteilen oder Verständnisschwierigkeiten kommt. Beide müssen sich dazu überwinden, die Sicht des Anderen zu bedenken, die Prioritäten des Anderen zu bemerken und auf sie einzugehen:

Ein Fragment:

Philosoph: Die Philosophie “hat das Problem, dass ihr Arbeitsmittel braun geworden ist”.
Informatiker:
Braun? Im Sinne, von… Scheiße!?
Philosoph:
Es ist opak.
Informatiker
: Es ist opak!
Philosoph
: …Es sollte aber möglichst glasklar sein.
Informatiker
: Ah, verstehe. Es ist sozusagen getrübt.
Philosoph: Die Vernunft […] fassen wir jetzt mal als Apparat. Diese Vernunft muss
aber auch zu einem Verhältnis zu sich selber zu Urteilen kommen. Eine Reflektion – Repräsentation. Denn wenn sie sich über sich selbst nicht Rechenschaft legen kann, wie soll sie dann vernünftige Urteile über den Rest der Welt ablegen. Das kann sie aber nur mittels der Sprache. Doch eigentich ist sie doch der Sprache übergeordnet, aber die Sprache ist ein Phänomen, für die Vernunft eigentlich dafür gedacht ist, dass sie sie zu beurteilen hat. Und damit kommen wir in einen erstmal nicht lösbaren Widerspruch…

Und ein Anderes:

Informatiker: Verzeih mir meine plumen Versuche, das rüberzubringen […] War das wirklich was konkretes? Philosohpie ist immer so unkonkret. Wie so ein Fisch im Bach, den man versucht zu greifen und der die ganze Zeit hin und herflutscht und sagt: ‘Ne, so einfach ist es nicht, ich muss nochmal kurz nach oben schwimmen.’

Philosoph: Das Problem ist, dass das Instrument gleichzeitig sein Material ist. Du sezierst dich quasi selbst – als lebendes Objekt.

Informatiker: Das ist Software… im Besten Sinne.

Ein schönes, hörenswertes Beispiel für eine fächerübergreifende Diskussion (+ Möglichkeit, darauf Bezug zu nehmen).