Non-computable computations

In der Vorbereitung auf eine Seminararbeit von “Great Principles of Information Technology” bin ich gerade dabei, mich ein bisschen in Debatten über Berechenbarkeitstheorien zu vertiefen. Was mir dabei begegnet ist, dürfte auch philosophisch relevant sein:

Die Grundthese eines Artikels von “Jan van Leuuwen und “Jiri Widermann” (2000) ist, dass sich unsere Vorstellungen von dem Begriff der Berechenbarkeit verschoben haben. Berechenung ist nicht mehr nur ein mechanischer Prozess, den eine Maschine für sich alleine mit fixem Anfang und Ende ausführt, das Ergebnis ausspuckt und dann anhält, sondern unterliegt interaktiven und evolutionären, nicht-berechenbaren Elementen, die aus der Erfahrung, aus unvorhergesehenen Ereignissen kommen und die potentiell unendlich lange weiterlaufen:

The intuition that computing corresponds to formal computability by Turing machines … breaks down when the notion of what is computable is broadened to include interaction. Though Church’s thesis is valid in the narrow sense that Turing machines express the behavior of algorithms, the broader assertion that algorithms precisely capture what can be comptued is invalid.

In einer Zeit des Global Computing ist es fast ein Einzelfall, wenn ein Computer nicht mit anderen vernetzt ist. Das Verhalten des Computers verändert sich unvorhergesehen durch Viren, Software-Updates und Hardware-Updates. Diese Veränderung kann selbst nicht berechnet, sondern nur als evolutionärer Prozess beschrieben werden. Durch automatische Software-Updates und Viren können selbst Systemadministratoren nicht alle Eventualitäten dieser Veränderung überschauen.

Turing hat sein Maschinen-Modell dem Menschen, der isoliert am Fließband arbeitet oder der im Stillen mathematische Beweise führt, abgeschaut. Unsere Erfahrung zeigt, dass gerade durch die Realisierung dieses Maschinen-Modells Interaktion und Kooperation ins Zentrum unseres Interesses rücken und zu einer Erweiterung dieses Modells nötigen. Durch die Vernetzung entsteht neue Komplexität, die mit neuen Maschinenmodellen überschaut werden muss: “Interaktive Turing-Maschinen mit Beratungs-Funktion” ist die Antwort, die neue Art der Berechnung zu formalisieren. Die wesentlichen Unterschiede sind:

  • Berechnung ist verstanden als eine potentiell unendliche Transformation von Zeichenketten nach bestimmten (dynamisch änderbaren) Regeln
  • die Maschine kann mit anderen Maschinen oder mit der Umgebung Zeichenketten (d.h. Zwischenergebnisse der Transformation) austauschen
  • die Maschine kann eventuelle Ereignisse, die Auswirkung auf die Berechnungsmethode haben (SW-Updates,…), durch Abfragen der Beratungs-Funktion zur Veränderung der Berechnungsmethode heranziehen (a posterio-Anpassung des Berechnungsverfahrens)

Ein interessanter Schritt, der am Ende der Arbeit angedeutet wird ist, dass man dieses Berechnungsmodell zurückbeziehen kann auf die Phänomene in der sozialen Welt. Jeder Akteur kann als eine “interaktive Turing-Maschine mit Beratungs-Funktion” verstanden werden. Sie handeln aufgrund eines bestimmten Schemas, jedoch kann sich das Schema aufgrund von Ereignissen und Erfahrugnen ändern, sich sozusagen selbst korrigieren. Die “Beratungs-Funktion” ist das Fenster zwischen der a-priori Welt des “eingebrannten” Regelwerks und der a-posteriori-Welt der unvorhergesehenen Ereignisse und Erfahrungen:

Consider the case of a finite system of intelligent autonomous mobile agents that move around in some environment and exchange messages by whatever formalisable means: spoken language, via mobile phones, via the Internet, by ordinary mail, and so on. Occasionally, new agents appear and start to interact with their environment. Some agents may be killed by accident, some will not work properly, but all will die after some time. For some unpredictable reasons some agents may even behave better than any other previous ones. In general all agents are intelligent, which means that they are able to learn. In the course of their education new agents will successively become skilled, start to cooperate with other agents and perhaps invent new knowledge. The wohle society will develop.

Under suitable assumptions behaviours like this can be seen as ‘computations’ of a dynamic system of interactive Turing machines with advice. The assumptions are that all agents behave as interactive algorithms and that their evolutionary upgrades and moving around in the environment as well as their interaction as well as the times of their birth and death are captured in the respective advice. The similarty with the internet machine is obvious.[…] In the virtual world modeled in a computer a virtual society could develop as envisioned above. One could monitor the respective development and could make non-computable interventions into the underlying process.

Gottes Wege sind unergründlich, genauso wie für die virtuelle Bevölkerung jene Interventionen, die wir machen könnten, wenn wir die soziale Welt im Computer simulierten. Ist der aktuelle Crash der Finanzwelt genauso unergründlich? In gewisser Weise ist er ein Ereignis, der unsere Operationsweisen verändern kann, soviel kann man zugeben.

Ein kleiner technischer Hinweis: Die Beratungs-Funktion (advice-function) ist eine schwächere Form von dem, was Turing “Orakel” genannt hat. Die Turing-Maschine braucht nur eine Anfrage an das Orakel zu stellen und erhält im nächsten Schritt die gewünschte Antwort. Bei der Beratungs-Funktion werden die möglichen Anfragen eingeschränkt, sodass die Turingmaschine trotzdem noch die Notwendigkeit hat, selbst jene Berechnungen durchzuführen, die sie durchführen kann oder um zu verhindern, dass sie “cheatet” indem sie zu komplexe Fragen stellt.

Was auch immer von dem Vorhaben – die soziale Welt zu simulieren – zu halten ist, es ist bezeichnend, dass ein neues Paradigma der Berechenbarkeit diskutiert wird, das den Fokus auf Interaktion und Kooperation legt.

Big Brother Awards

Meine Entdeckung bei der Big Brother Awards Gala war die Ästhetik der “security professionals”. Sie traten in zwei Varianten auf. Erstens standen sie wirklich beim Bühneneingang und wachten darüber, dass niemand unbefugt in die Garderobe eindrang. Und zweitens wurden sie auf der Bühne aufgeboten, mit dem entsprechenden schwarzen Anzug, dem Knopf im Ohr und der autistischen, entrückten Attitüde. Erstmals wurde mir verständlich, was daran attraktiv sein kann. Früher waren das die Löwen rechts und links von der Schlosseinfahrt, oder das Garderegiment, das vorbei defiliert. Kastraten des Geschehens, symbolisierte Bodyguards, die sich von Jenseits in die Verhältnisse einpflanzen.

Der Ablauf selbst ist in einem Tondokument festgehalten.

ab die Post

Gestern abends gab es die Big Brother Awards. Eine Preisverleihung an Personen und Institutionen, die sich besonders um die Verletzung des Datenschutzes “verdient” gemacht haben.

Mein Bezugspunkt war der Nachsendeauftrag der österreichischen Post.
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In diesem Formular wird das Geburtsdatum und der Geburtsort der Antragstellerin abgefragt.

Im Kleingedruckten findet sich ein Passus, in dem man die Weitergabe der Information an Dritte untersagen kann. Der Post ist allerdings nicht aufgefallen (oder unwichtig), dass es keine Mittel gibt, diese Option online anzukreuzen.

Und wirklich scherzhaft ist die Begründung der Post für ihren Informationszugriff. Sie sagt, dass an einer Adresse ja zwei Generationen einer Familie leben können, Josef Gruber Vater und Sohn. Die Post verschweigt uns allerdings, wie sie anhand einer Adresse “Josef Gruber” herausfindet, welcher von beiden gemeint ist.

Remix, Open Access, Liveblog (3)

Interview: Die vielen Seiten der digitalen Bibliothek

Bettina Kann: “Going Digital”. Es gibt kein gesamtösterreichisches Konzept. Viele Insellösungen. Zu wenig Inhalt und fehlende Nachhaltigkeit.

Fallstudie: Google Books, EU-Initiative. Wirken Bibliotheken an ihrer eigenen Auslöschung mit? Internetsuche ist eine Bedrohung. Chance: die Bibliotheksbestände aktiv zu verbreiten. Immer neue Portale, niemand finanziert die Digitalisierung selber.

European Digital Library Project
The European Library

Informationen G. Ivacs

Gabriella Ivacs: wichtig: Primärquellen. Wirklich offene Standards, inklusive soziale Bedeutung. Archive: Self AUditing: PLATTER, DRAMBORA, TRAC, RUBRIC, NESTOR.

Beispiel: Parallel Archive

Remix, Open Access, Liveblog (2)

Research Network 1989

Papers Armbruster

Chris Armbruster: Projekt “Publishing and the Ecology of European Research (PEER)”: A European Model for the Digital Publishing of Scientific Information?. Untersuchung der Benutzung von OA-Daten in einem breiten Feldexperiment.

Idee: Gründung eines OA-Journals in den Sozial- und Humanwissenschaften, für das pro Beitrag 1000.- EUR verlangt werden. Crazy?

Gernot Hausar: open access eine Nebenerscheinung der massiven Neuentwicklungen im filesharing und free software Aktivistinnen. “preemptive self-defence”: Apple hat die Entwicklung für sich umgedreht (on-line musicshop). Wissensvernichtung: Uni Wien 72.000 Studierende, 8 Lehrende; wenn man deren (wissenschaftlich kontrollierte) Arbeiten online stellen würde, hätte man eine riesige Datenbank. Bringschuld: wir zahlen für die Produktion und dann nochmals für die Distribution wissenschaftlicher Inhalte.

Remix, Open Access, Liveblog (1)

Ich unternehme hier mal ein liveblog der Emergenzen 7 an der Universität Wien.

Begonnen hat Peter Plener mit einem overview über die Problematik. Tenor: es bedarf einer konzertierten öffentlichen Strategie. Die gegenwärtige Praxis: Förderung von Forschungsprojekten, Förderung der Publikation der Projekte, Förderung des Verlagsvertriebs (volle Lager) – alles von der öffentlichen Hand.

Falk Reckling (Wissenschaftsfonds). 5 Verlage besitzen 30% aller Zeitschriften. Daten (in einigen Fachbereichen): Non profit publishers produzieren zu einem fünftel des Preises doppelt so hohe Qualität. FWF: Verpflichtung der open access Zugänglichkeit von geförderten Projekten.

Publikationsmöglichkeiten: Preprints, Postprints (Selbstarchivierung), Open Access Zeitschriften, Paid Open Access

Vorteile: Sichtbarkeit der Forschungsergebnisse erhöhen, schnelle Veröffentlichung, Kostenersparnis, Erleichterung des Marktzugangs, Wissensvernetzung, Qualitätssicherung.

Probleme: Bewußtseinsproblem: man kümmert sich nicht um Publikationskosten, Reputationskosten, Ressourcen: Umschichtung der Bibliotheksmittel, Datenmengen, Einrichtung von Überswichtssystemen, business models.

Geplant: pauschale Finanzierung aller bei Elsevier veröffentlichten Artikel aus FWF-Projekten als “paid open access” durch den FWF. Erhöhte Verlagsförderung im Fall des open access.

Politik und Basketball

Es beginnt harmlos, wenn der Küchenchef für ein Speiseöl Werbung macht und wird problematisch, wenn Hermann Maier für Raiffeisen lächelt: die Autorität in einem Bereich soll auf einen anderen abfärben. Der Bekanntheitswert von George Clooney fördert Nespresso.

In einem Wahlkampf suchen sich Politiker prominente Künstler/Sportlerinnen/Wissenschaftler, um sich mit ihren Unterstützungen zu schmücken. Das ist die Logik der Plakate und des Fernsehens. Ein aktueller Videoclip auf Youtube zeigt, dass sich da etwas ändert.

Es ist kein TV-Spot, sondern eine private Aufnahme, die nichts mit einer Werbeagentur zu tun hat. Aber das Thema des “Abfärbens” ist unübersehbar. Basketball hat nichts mit Politik zu tun. Ein Kandidat kann das in seiner Freizeit machen. Es ist aber – wider besseres Wissen – packend, wenn ein Politiker vor Publikum das Risiko eines 3-Punkte-Wurfs (von 6,25 Meter aus) eingeht – und es gelingt.

[youtube j87k1j4CpOw]

Kongresstourismus

Früher hieß es “Hast Du vom Urlaub Bilder mitgebracht?” Mittlerweile ist man überall von Fotoapparaten umgeben, auch wenn man auf Kongresse fährt. Sie werden dann auf den geeigneten Webportalen gesammelt. Jeder Kongress hat dabei seine spezielle Ästhetik, z.B.Cyberspace 2007 in Brno oder CATaC 2008 in Nimes.

Es gibt Aufnahmen von Auditorium, vom Buffet und von den Sehenswürdigkeiten des jeweiligen Ortes. Natürlich auch – in einem anderen Format – die Präsentationsunterlagen. Hier eine besondere Mischform, ein Foto des Hochaltars der Augustinerkirche in Korneuburg im Vortragssaal der juridischen Fakultät Brünn:

Dazu das Foto als selbst:

Und dazu der Artikel, der sich dieser Bilder bediente.

Hyperkult 17

Vergangene Woche:

Hyperkult 17 an der Universität Lüneburg

Davon habe ich diese Beobachtung aus der Diskussion um Datenbanken mitgebracht: Es gibt einen wichtigen Unterschied beim “Suchen”. Wenn man in einer Datenbank sucht, also z.B. nach Bildern verschiedener Säulen oder bestimmten Verhaltensmustern in Filmausschnitten, sucht man in vorgefüllten Kategorien. Im Unterschied dazu ist die Klassifikation, die zu einer Datenerfassung führt, ein Risikounternehmen. Das erste Unternehmen stützt sich auf die Urteilstätigkeit des zweiten. In einer Datenbank steckt ein Konsens, den man durchsuchen kann, während, wenn man in den Daten “sucht”, der Konsens gleichzeitig entsteht (und eventuell verlorengeht).