Betriebsrat Premiere

Gestern gab es die erste Sitzung des Betriebsrates. Früher war das der “Dienststellenausschuss”, ein Gremium der Bundesverwaltung. Jetzt ist die Universität Wien vom Personal her gesehen der drittgrößte Arbeitsgeber Österreichs und ein Unternehmen, das nach dem Modell einer Firma strukturiert ist. (Der Entwicklungsplan der Fakultät für Lebenswissenschaften enthält auch schon alle Floskeln des Leitbild-Denkens.)

Gert Michael Steiner, der neue Vorsitzende, geht die Sache in einem angenehm unaufgeregten Stil an. Eines der dringlichsten Themen ist die Mitbeteiligung des Betriebsrates an einer Vereinbarung über den Einsatz und die Funktion der Datenverarbeitung im Unternehmen, insbesondere der Umgang mit Personaldaten. Und natürlich wird es einen Kollektivvertrag geben.

Eine Eigenheit von Universitäten zeigt sich dabei deutlich: in der Firma sitzen jene Experten, die anderswo erst angefordert werden müssen. Wir haben die Informatiker (m/w), die normalerweise externe Gutachten schreiben, in den eigenen Reihen (ebenso die Juristen, Ökonomen, und Medienwissenschaftler).

Kittler Über Universitäten

In der US-amerikanischen Zeitschrift “Critical Inquiry” ist gerade der Beitrag Friedrich Kittlers zum Symposium Arts of Transmission erschienen: Universities: Wet, Hard, Soft, and Harder.

Kittler wird immer schwächer. Er geniert sich nicht für diese einleitende Bemerkung:

“I rely on a simplified version of Heidegger’s Seinsgeschichte for my analysis. I can think of no other means than historical inquiry to prepare us for the future.”

Als ob irgendetwas von dem, was Heidegger vorlegt, eine historische Analyse oder auch nur Untersuchung wäre. Als ob die Zukunft daraus entstünde, dass man Verfalls-Fantasien kess mit Turingmaschinen kombiniert und in den Fussnoten, wie gehabt, Pink Floyd und Nietzsche anführt. Garniert mit jenem wissenschaftlichen Imponiergehaben, das eine kurze Bemerkung auf Seite 9 von “Sein und Zeit” zu einer Aussage über Heideggers Beziehung zu Hilbert (den er nicht erwähnt) aufbläst.

xDCber Universitäten? “To make it possible that tomorrow’s universities will still work, may a deeply recursive gratefulness, throughout our daily labor, stay in our minds and hearts.” ogottogott

gaku/plum

Zum Bericht über Wahlen (siehe gestern) gehört auch das Wahlergebnis: die Liste der “Gewerkschaftlichen Aktionsgemeinschaft Kritische Universität” (GAKU) und der “Plattform für Universitäre Mitbestimmung” (PLUM) (ergänzt durch die IG LektorInnen, stud. MitarbeiterInnen, Grüne, FSG und Unabhängige) errang 58% der Stimmen, 15 Mandate und die absolute Mehrheit im Betriebsrat der Universität Wien. Ein epochales Ergebnis, mit dem es an der Uni erstmals eine linke Mehrheit gibt.

Anlass zu einer kleinen Reminiszenz. Ab Mitte der 70-er Jahre, also mit Beginn meiner universitären Karriere, war ich in der GAKU engagiert. Eine kleine Gruppe vorwiegend unabhängiger Dissidenten vom herrschenden konservativen Konformismus. Auch die Hochschulreform 1976 änderte nicht viel an der vorwiegend mitte-rechts Ausrichtung des Universitätspersonals.

Zum Bruch kam es (wenn ich mich recht erinnere) Anfang der 80-er Jahre. Als Mitglieder der Personalkommission sprach ich mich gegen die Weiterbestellung einer Kollegin aus, die ihrer Aufgabe offensichtlich nicht gewachsen war, mit gewerkschaftlicher Unterstützung aber das Angebot einer Fixstelle im wissenschaftlichen Dienst ausschlug, um besser eingestuft zu werden. Der inzwischen verstorbene Michael Weinzierl teilte mir in einem peinlichen Gespräch den Ausschluss aus der Gruppierung mit – meine GAKU-Kollegin an der Fakultät hatte intrigiert.

Seit dieser unschönen Episode beobachtete ich das schrumpfende GAKU-Team mit einer Mischung aus Distanz und Wehmut. Eine Aktivität auf anderem Terrain begann vor einem Jahr: die Organisation einer Mitbestimmungsinitiative nach dem UG 2002. Resultat war die PLUM. Für die Wahlen zum Betriebsrat verbündete sie sich – siehe oben – mit der GAKU. Der Kreis schließt sich.

betriebsrat

mit den Wahlen vom 1. und 2. Dezember ist an der Universität Wien ein Betriebsrat gewählt worden. Einer davon: myself. Das gibt Stoff für die Zukunft.

Warum erst jetzt die Notiz: ich komme gerade aus dem Iran zurück, von einer Vortragsreise, die wie eine Tourismusveranstaltung klingt: Kerman, Teheran, Schiraz, Isphahan. Der wichtigste Eindruck? Ein Land, das in der Weltpolitik weit unter seinem Wert behandelt wird.

Übrigens: das Land Ibn Sinais (Avicenna). Passanten am Flughafen kennen ihn. Ob man das in Wien von Wittgenstein sagen kann?

der geist weht

Gerhard Spann hat in einem Kommentar mehr Symposien wie das vom vergangenen Wochenende angeregt. Nun, es war ein bemerkenswertes Ereignis. Einerseits war deutsche Prominenz nach Wien gekommen. Die Vorträge von Jens Halfwassen und Christoph Rapp boten erste Qualität. Andererseits wurden die Wiener Philosophinnen Überhaupt erst einen Tag vor dem Treffen informiert. Es war von der “my way Privatstiftung” ausgerichtet worden und wandte sich an ein Publikum, das mehrheitlich nicht aus der akademischen Philosophie zu stammen schien.

Die Diskrepanz ist am Kopf des Programmzettels augenscheinlich:

Ein Pfad zur Erleuchtung wird von zwei Geist-xC4pfeln flankiert, die vielleicht auf den kommenden Advent (Bratäpfel) hinweisen.

intellectus agens

Der Zufall will es, dass ich letzte Woche zwei Begegnungen mit dem “intellectus agens” hatte. Die erste in der betreffenden Bemerkung zu PowerPoint von hck, die zweite gestern in einem klassischen Philosophie-Vortrag.

Cristoph Rapp aus Berlin sprach über Geist und Seele bei Aristoteles, mit Ausblick auf Thomas v. Aquin und hatte einige interessante Bemerkungen parat. Es scheint, dass Aristoteles bloss an einer Stelle in seinem gesamten Werk von diesem tätigen Intellekt spricht. Es handelt sich um 15 Zeilen und die Eigenschaften, die er diesem Intellekt zuschreibt, stammen alle aus dem Bereich des Göttlichen.

Nach Rapps Darstellung hat die aristotelische Tradition, und speziell Thomas, versucht, diese göttlich gefärbte intellektuelle Tätigkeit als Eigenschaft des menschlichen Geistes zu fassen. Systematisch hängt daran u.a. die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele. Wenn der intellectus agens sie bestimmt, ist sie immateriell und damit vor dem Tod geschützt.

Keinerlei PowerPoint in diesem Vortrag. War auch nicht nötig, er war spannend ohne diese Unterstützung. Aber es braucht auch eine spezielle Klientel dazu, sich eine Stunde lang eine Spezialvorlesung zu Aristoteles, Averroes und Thomas von Aquin anzuhören (geschweige denn über Siger von Brabant :-))

ppt

Nun zur anderen Seite der PowerPoint Debatte.

Vor einer Woche hatte ich einen Projektabschluss mit Präsentation, Diskussion, Evalutation. Es wäre ganz undenkbar gewesen, nicht mit der entsprechenden Software zu agieren. In etwa, als ob man bei der Erbtante mit Irokesenfrisur auftaucht. Natürlich ist das nicht strafbar und in Einzelfällen sogar witzig und erfolgreich. Aber der allgemeine Mehraufwand steht in keinem Verhältnis zum Effekt.

Das gilt auch für meine beiden Vorträge nächste Woche. Am Tag der neuen Medien Über Wiki-Webs zu sprechen erfordert die passende visuelle Begleitung.

Ich habe mich darauf eingerichtet, die Herausforderung anzunehmen und andere Akzente zu setzen. Erstens mal nicht MS-Powerpoint (und auch nicht Open Office) sondern ein schickes kleines UNIX-Programm (magicpoint), das auch vieles kann, aber anders zu bedienen ist und anders aussieht. Man erzeugt die Folien nicht durch herumklicken, sondern durch die Verfassung einer Textdatei, nach dem Prinzip von LaTex. Wenn man diesen Fummelzwang vermieden hat, kann man sich auch noch was inhaltlich einfallen lassen. Demnächst hier.

Wenn Aristoteles PowerPoint gehabt haette …

Ein weniger buntes Beispiel als der Hamlet,
aber inhaltlich sehr beindruckend, und soweit ich sehe nicht satirisch/ironisch gemeint: Aristoteles De anima III,4 und III,5 (die fürchterlichen Kapitel über den Intellekt, inkl. der ca. 18 Zeilen ueber den intellectus agens auf einer einzigen PowerPoint-Folie dem Publikum endlich mal klar und leichtverdaulich dargeboten: http://info1.nwmissouri.edu/nwcourses/rfield/376ppt/lec15/sld004.htm.

Wenn die “Alten” schon PowperPoint gehabt hätten, wenn Aristoteles selber schon PowerPoint gehabt hätte, und die Sache daher auch schon selber hätte derart klar machen können: muessten wir uns nicht mehr mit Alexander von Aphrodisias, Simplikios, Themistios, Averroes, Durandus, John Baconthorpe, Pelacani, Paulus Venetus, Augustinus Niphus, Pomponazzi, Cesare Cremonini und wie sie alle heissen herumschlagen — und ich hätte nicht gewusst worüber meine MA-Arbeit und Diss. schreiben, und müsste jetzt nicht versuchen fuer SEP was zu “Renaissance aristotelianism” (m.E. ein ens inexistens) zu schreiben, – und hätte wohl einen weniger spannenden Job … .

  1. Nur wer Powerpoint nicht benutzt bleibt unklar.
  2. Nur wer unklar bleibt gibt künftigen Generationen von Philosophiehistorikern was zu kommentieren.
  3. Wenn künftige Generationen nichts mehr zu kommentieren haben, stirbt die Philosphiehistorie aus.
  4. Das Weiterberstehen der Philosophiehistorie ist aus philosophiestorischer Sicht ein per se bonum
  5. Wer gegen dieses per se bonum handelt, handelt aus philosophiehistorischer Sicht falsch.
  6. Für Philosophiehistoriker ist die philosophiehistorische Sicht die relevante.
  7. Philosophiehistoriker müssen gegen PowerPoint sein.
  8. Philosophiehistoriker aller Länder vereinigt Euch: Den Philosophen muss der Gebrauch von PowerPoint verboten werden!

Oder anders: wie das Adagium sagt: niemand hat über die Jahrhunderte mehr Leute in Amt und Brot gebracht als die Herren Homer und Aristoteles. Und dies weil sie so dunkel waren. Wer lang anhaltende Wirkung haben möchte sollte also auf PowerPonit verzichten — oder sich mindestens bemühen möglichst konfuse Folien zu erstellen.

Neu dabei

Herbert Hrachovec hat mich eingeladen, hier mitzuschreiben; und ich habe auf meine bedenklichen, vielleicht gar abschreckenden Eigenschaften hingewiesen:

  • Ich bin in den Augen mancher Leute für die
    es Wahrheit im Singular (und nicht nur
    als Plurale tantum) gibt deutlich eher
    Philosophiehistoriker als Philosophiehistoriker.
  • Meine Kenntnisse in zeitgenössischer
    Philosophie (richtiges 21. Jhd.) sind
    sehr fragmentarisch.
  • Ich setze in meinen Lehrveranstaltungen
    und Vorträgen kein Powerpoint ein.
    [:-)]
  • Ich bevorzuge Basic gegenüber C (weil
    ich eine Abneigung gegen Datenübergabe
    “by reference” statt “by value” habe).
    Nicht weil ich so viel mit “Werten”
    anfangen könnte, und was gegen Belege
    haette, sondern aus Programmiersicherheitsgründen.
    [:-)].
  • Ich bin was Österreichisches Hochschulrecht betrifft ignorant.
  • Ich scheibe manchmal zu lange Saetze mit
    zu vielen Doppelpunkten.
  • Ich verwende eine Orthographie die weder
    die alte noch die neue ist, und hänge am
    Komma vor “und”.
  • Einige der Haare die mir oben auf dem
    Haupt fehlen sind auf meinen Zaehnen
    gelandet.
  • Nicht alles was ich in hiesigen Gremien
    und Verfahren an Erstaunlichem/Befremdlichem/Belächelbarem mitbekomme werde
    ich in’s Blog einbringen koennen (…)
  • Ich bin Pfälzer

Nachdem all das h.h. nicht abgeschreckt hat: bin ich nun dabei: und schreibe mit: und danke h.h. sehr herzlich für die Möglichkeit dies zu tun.


Heinrich C. Kuhn